{"id":13030,"date":"2021-08-05T15:46:19","date_gmt":"2021-08-05T15:46:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13030"},"modified":"2021-08-07T13:32:54","modified_gmt":"2021-08-07T13:32:54","slug":"in-tiefster-ergriffenheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=13030","title":{"rendered":"In tiefster Ergriffenheit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13030&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts13030&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p style=\"text-align: left; padding-left: 30px;\"><em><span style=\"color: #800000;\">Hinweis der Redaktion:<\/span><\/em><br \/>\n<em><span style=\"color: #800000;\"> Dieser Text kann verst\u00f6rend wirken, er thematisiert Krieg, Leid und Tod.<\/span><\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Granaten, Martin, Deckung, runter \u2026<\/p>\n<p>Ich bin Willi Schuster, Sch\u00fctze im 1. Westf\u00e4lischen Feldartillerie-Regiment Nr. 7. Ich bin Willi Schuster, Sch\u00fctze im 1. Westf\u00e4lischen Feldartillerie-Regiment Nr. 7. Ich bin \u2026<\/p>\n<p>Ich kann nichts sehen.<\/p>\n<p>Martin, bist du da? Ich h\u00f6re Schreie, bist du das? Ich will dich rufen, Martin, aber ich kann nicht, ich kann nicht sprechen, ich sehe nichts, nur Schmerz ist in meinem Gesicht. In meinem Mund, in meiner Nase, \u00fcberall ist Blut. Ich kann es schmecken. Martin, ich h\u00f6re dich, ich h\u00f6re dich rufen. Martin, ich bin hier, halte durch, gleich kommt jemand, gleich wird man uns helfen, Martin. Deine Schreie, Martin, sie werden sie h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Mir ist so kalt, ich kann mich nicht bewegen, ich sp\u00fcre meine Arme nicht, meine Beine nicht, alles ist so kalt.<\/p>\n<p>Mutter, ich habe dein Tuch bei mir, Mutter, das wollene Tuch, das du mir zum Abschied gegeben hast. Du hast gesagt, darin h\u00e4ttest du mich nach meiner Geburt eingewickelt. Es soll mir Gl\u00fcck bringen, hast du gesagt. Ich habe es hier, Mutter, das Tuch, unter meiner Jacke, aber es w\u00e4rmt mich nicht. Mutter, mir ist so kalt.<\/p>\n<p>Johanna, meine Beine, ich sp\u00fcre sie nicht, ich glaube, meine Beine sind weg. Ich will meine Beine nicht verlieren. Ich brauche meine Beine. Wie soll ich arbeiten, wie soll ich mauern ohne Beine? Johanna, Liebste, kannst du dir vorstellen, wie viele H\u00e4user wir zerst\u00f6rt haben in diesen K\u00e4mpfen? Viel mehr H\u00e4user habe ich zerst\u00f6rt, als ich in den ganzen Jahren gebaut habe. Und all die Menschen, die in den zerst\u00f6rten H\u00e4usern lebten, wo sind die hin?<\/p>\n<p>Wei\u00dft du, wie sehr ich dich vermisse, Geliebte? Du bist so sch\u00f6n, du bist das sch\u00f6nste Haus f\u00fcr mich. Deine Haut ist der feinste Verputz, dein K\u00f6rper gerade und fest, von perfekter Statik. Deine Augen sind weit ge\u00f6ffnete Fenster, dein Mund die verhei\u00dfungsvollste T\u00fcr.<\/p>\n<p>So lange habe ich keinen Brief mehr von dir bekommen, Johanna, ich w\u00fcsste so gern, ob unser sehnlicher Wunsch sich erf\u00fcllt. Bekommen wir ein Kind, Liebste? Seit wir das letzte Mal zusammen waren, Johanna, sind so viele Wochen vergangen, wenn du ein Kind erwartest, w\u00fcrdest du es jetzt wissen.<\/p>\n<p>Martin, ich h\u00f6re dich nicht mehr, Martin, schrei, damit sie uns finden! Es wird schon dunkel oder ist das das Blut in meinen Augen? Martin, Kamerad, bitte, gib einen Laut von dir.<\/p>\n<p>Es ist so dunkel, ich kann mich nicht bewegen. Martin, lebst du noch? Martin, Kamerad. Ich kann nichts sehen, nicht sprechen, nichts sp\u00fcren, nur das Feuer in meinem Gesicht und in meinem K\u00f6rper. So gerne w\u00fcrde ich schlafen, aber das Brennen in mir ist zu hei\u00df. Gl\u00fchend wie fl\u00fcssiges Eisen.<\/p>\n<p>Ich will nicht sterben, hier im Graben. Im Dreck. Bitte, Martin, so schrei doch so laut du kannst, damit sie uns finden. Schrei f\u00fcr mich mit, Martin. Die N\u00e4sse dringt in meine Jacke, sie sickert in meine Unterw\u00e4sche, mir ist kalt, ich f\u00fchle nur K\u00e4lte und diesen Schmerz. Der Gestank nach Blut ist in meiner Nase wie einbetoniert. Ich kann mein Wasser nicht halten, Mama, wie ein kleiner Bub mach ich in die Hose, Mama.<\/p>\n<p>Kamerad Karl-Heinz aus K\u00f6ln, Karl-Heinz Denkert, der hat all seine Schuhe verschenkt, bevor er in die Schlacht zog, als der Befehl kam. Alle seine Schuhe, \u00fcberzeugt, er w\u00fcrde seine Beine verlieren im Kampf. Er war so sicher, dass er schwer verwundet w\u00fcrde, Johanna, all seine Schuhe hat er an uns verteilt. Er lie\u00df es sich nicht ausreden, so sicher war er. Als er zur\u00fcckkam, Johanna, hatte er seine Beine noch. Aber sein Leben hatte er verloren.<\/p>\n<p>Ich will meine Beine nicht verlieren. Ich sp\u00fcre sie nicht mehr, auch meine Arme nicht.<\/p>\n<p>Johanna, ich will bei dir sein, dich wieder im Arm halten, ich will nicht hier sterben. Ich will wieder auf den Bau, das Ger\u00fcst hinaufklettern, H\u00e4user bauen, nicht zerst\u00f6ren. Ich will unser Kind aufwachsen sehen, mit meinem Sohn um die Wette rennen, nur so zum Spa\u00df, nicht davonlaufen vor Granaten und Maschinengewehrsalven. Ich will deine Stimme h\u00f6ren, Johanna, dein Lachen, nicht dein Weinen vor mir sehen, deine Tr\u00e4nen bei unserem Abschied.<\/p>\n<p>Mutter, ich habe dir versprochen, ich komme wieder, Mutter, ich hab versprochen, ich passe auf mich auf, aber Mutter, da habe ich noch nicht gewusst, dass hier die H\u00f6lle ist. Mutter, so muss die H\u00f6lle sein, dieses Schlachten, diese Schreie, dieser Donner und dieser Rauch, diese Schmerzen. Mutter, das ist die wahre H\u00f6lle, nicht das, was sie dir in der Kirche erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Hier ist nur Tod. Tote Menschen, tote Pferde, totes Land. Johanna, ich wei\u00df nicht mehr, wie eine Amsel singt, ich habe vergessen, wie eine Rose riecht, ich kann mich nicht einmal mehr daran erinnern, wie eine Rose aussieht. Hier gibt es keine V\u00f6gel mehr, keine Blumen.<\/p>\n<p>Der Heinrich, als es den traf, sein Blut spritzte \u00fcber uns alle. Nie werde ich diese Bilder vergessen, ich seh es, ich kann nichts anderes sehen als diesen Anblick, Heinrich, den es zerrei\u00dft, von der Granate getroffen direkt vor meinen Augen. Mutter, die H\u00f6lle kann nicht schlimmer sein als das hier. Wir sausen in den Tunnel, der kein Licht am Ende hat.<\/p>\n<p>Der Tod arbeitet hier am Flie\u00dfband: Der dicke Petersen, der kleine Finkenwald, grad 18 war er, Hansen, der so gerne Flieger geworden w\u00e4re, Mikula, der so gut kochen konnte, Geislinger, der gro\u00dfe, d\u00fcnne, dem keine Hosen passten, Maschewski, der Bergarbeiter aus Bochum, der sein Gesicht nie mehr sauber kriegte, Fritz Hahner und Friedrich Molzbach, die beiden Unzertrennlichen, die auch der Tod nicht auseinanderbrachte \u2013 alle tot. Mutter, alle sind sie tot. Auch Karl Pietrulla, mein Schulfreund, erinnerst du dich an ihn, Mutter, er liebte deine Butterbrote, mitten in die Stirn haben sie ihn getroffen.<\/p>\n<p>Schlacht, das kommt von schlachten, Menschen abschlachten, das ist es, was sie tun in diesem Krieg, Menschen schlachten.<\/p>\n<p>Ich hab den Kommandeur gesehen, wie er Briefe geschrieben hat, Hunderte Briefe waren das, die er schicken musste an die Angeh\u00f6rigen, M\u00fctter und V\u00e4ter, Frauen und Kinder all der Gefallenen. Mutter, ich will nicht, dass du so einen Brief bekommst, ich hab dir versprochen, dass du keinen solchen Brief bekommen wirst. Mutter, ich will mein Versprechen halten, ich will nicht sterben, Mutter.<\/p>\n<p>Halt durch, Martin, unser Leutnant, der wird uns suchen lassen, ganz sicher. Er ist ein guter Mensch, keiner, der seine M\u00e4nner im Stich l\u00e4sst. Er wird uns retten wie die Katze, das kleine, graue Tier mit der wei\u00dfen Pfote, das pl\u00f6tzlich in unserem Unterstand auftauchte. Es suchte sich unseren Leutnant aus als Zuflucht. Wir alle, dreckig und m\u00fcde, waren ger\u00fchrt, erinnerst du dich, Martin? Aber der Leutnant, der hatte Tr\u00e4nen in den Augen, ich hab sie gesehen. Und dann hat er einen Kameraden, den Hans Winterberg aus D\u00fcsseldorf, den hat er ausgew\u00e4hlt, ihm das K\u00e4tzchen in die Arme gedr\u00fcckt und ihn nach hinten, hinter die Front geschickt. Vielleicht ahnte er den Gasangriff, der dann kam. Johanna, er hat einen Mann von der Front abgezogen, um eine Katze zu retten. So ein Leutnant, der sowas macht, der l\u00e4sst doch seine M\u00e4nner nicht hier im Dreck liegen. Martin, ich bin sicher, sie kommen gleich. Bestimmt werden sie gleich aufh\u00f6ren zu schie\u00dfen, dann k\u00f6nnen die Sanit\u00e4ter kommen, Martin. Bald wird es auch hell, dann finden sie uns. Sie schie\u00dfen schon seit so vielen Stunden, irgendwann m\u00fcssen sie doch damit aufh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Ich habe noch immer den Knopf von deiner Bluse, Johanna, wei\u00dft du noch? Ich trag ihn immer bei mir. Ich denk an das Gr\u00fcbchen, das du hast in deiner Kniekehle, Johanna, Geliebte, ich m\u00f6chte so gerne meinen Mund auf dieses Gr\u00fcbchen dr\u00fccken.<\/p>\n<p>Da, Regen auf meinem Gesicht, er w\u00e4scht das Blut aus meinen Augen, ich kann dich sehen, Johanna, mein geliebtes \u2026<\/p>\n<p>Johanna, l\u00e4chle. Johanna, nicht weinen. Johanna, verzeih mir \u2026<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Damvillers, 15. Juni 1916\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Verehrte Frau Schuster,<\/em><\/p>\n<p><em>ich habe die traurige Pflicht, Ihnen mitzuteilen, dass Ihr Ehemann, Wilhelm Schuster, am 8. Juni vor Verdun f\u00fcr Kaiser und Vaterland den Heldentod starb. Er musste nicht leiden und glitt ohne Schmerzen in den Tod. Sie d\u00fcrfen \u00fcberzeugt sein von seiner hohen Tapferkeit und seiner treuen Pflichterf\u00fcllung.<br \/>\nDa aufgrund heftiger K\u00e4mpfe eine \u00dcberf\u00fchrung nicht m\u00f6glich ist, wurde er hier an Ort und Stelle bestattet.<\/em><\/p>\n<p><em>Seien Sie unserer allerherzlichsten Teilnahme versichert.<\/em><br \/>\n<em> In tiefster Ergriffenheit,<\/em><br \/>\n<em> Nachtigal, Regimentskommandeur<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Renate M\u00fcller<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.renas-wortwelt.de\" target=\"_blank\">www.renas-wortwelt.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 21098<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinweis der Redaktion: Dieser Text kann verst\u00f6rend wirken, er thematisiert Krieg, Leid und Tod. &nbsp; Granaten, Martin, Deckung, runter \u2026 Ich bin Willi Schuster, Sch\u00fctze im 1. 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