{"id":12574,"date":"2021-03-22T13:29:39","date_gmt":"2021-03-22T13:29:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12574"},"modified":"2021-03-27T13:33:00","modified_gmt":"2021-03-27T13:33:00","slug":"der-zettel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=12574","title":{"rendered":"Der Zettel"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12574&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts12574&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Jakob musste zur Bibliothek an der Uni. Er brauchte das Werk \u201eL\u2019ordre du discours\u201c von Foucault, um ein Einf\u00fchrungsseminar zur Semiotik f\u00fcr die Studierenden des ersten Jahres vorzubereiten.<br \/>\nJakob liebte seine Stelle als Assistent der Professorin Dubois und tr\u00e4umte immer wieder von dem Tag, an dem er als Professor seine erste Lektion halten w\u00fcrde. Die Universit\u00e4t war seine Welt, er konnte sich keine andere vorstellen. Er lebte in einer Einzimmerwohnung neben der Bibliothek, wo er praktisch nur schlief. Er verbrachte sonst den ganzen Tag an der Uni: Er fr\u00fchst\u00fcckte immer um 07:30 mit Madame Dubois in der Cafeteria, a\u00df mit Thomas und Britta, die ebenfalls als Assistenten arbeiteten, in der Mensa zu Mittag und Abends nahm er eine Kleinigkeit allein an der Studentenbar in der Eingangshalle zu sich.<br \/>\nDort begegnete er dem einen oder anderen Studierenden, die sich gerne mit ihm unterhielten. Er war sehr beliebt mit seiner zur\u00fcckhaltenden und humorvollen Art, und seine Seminare waren immer spannend, da ihm die Liebe f\u00fcr die Wissenschaft anzusehen war.<br \/>\nJakob war selbstsicher, ohne \u00fcberheblich zu sein, sein Humor bewahrte ihn vor jeglicher Hochm\u00fctigkeit.<\/p>\n<p>Es war ein verregneter Tag, die Regentropfen klopften an die gro\u00dfen Fenster der Leses\u00e4le, wie unz\u00e4hlige winzige Finger, die die Schwelle zu einer neuen Welt \u00f6ffnen wollten. Jakob bewegte sich wie ein Kater zwischen den Regalen, er schmiegte sich an die Werke, roch die Bl\u00e4tter und konnte fast aufgrund der Art des Papiers das Alter des Buches erraten.<br \/>\n\u201eL\u2019ordre du discours\u201c war noch weit weg, Jakob irrte zwischen den Romanen umher und pl\u00f6tzlich wurde er von einer eleganten Frau gelockt. Die Haut war hell und leuchtete, in ihrem Gesicht gl\u00fchten dunkle und asymmetrische Augen, w\u00e4hrend die Ohrringe einen geschmeidigen Hals betonten.<br \/>\nJakob streichelte das Gesicht, das auf dem Buchdeckel des Werkes \u201eDie Glut\u201c von S\u00e1ndor M\u00e1rai die Leser lockte. Es war eine neue Ausgabe, das Papier des Buchdeckels war glatt wie Seide. Jakob \u00f6ffnete langsam und vorsichtig das Buch, er wollte es nicht zu weit aufklappen. Er steckte die Nase in die Mitte und roch einen zeitlosen Duft. Die Seiten waren Fl\u00fcgel eines Kolibris, er ber\u00fchrte sie entz\u00fcckt.<\/p>\n<p>Ein leises, fast unh\u00f6rbares Ger\u00e4usch von Papier, das auf den Boden f\u00e4llt. Jakob schaute nach unten uns sah einen roten Zettel. Er sah wie ein Blutstropfen auf einer Leinwand aus. Ein Tropfen, der immer gr\u00f6\u00dfer und fl\u00fcssiger werden konnte. Jakob war von seinen Assoziationen \u00fcberrascht und sp\u00fcrte gleichzeitig Anziehung und Furcht vor diesem Zettel. Er barg vorsichtig das rote St\u00fcck Papier. Er hatte das Gef\u00fchl, eine Blume mit einer Wespe in den H\u00e4nden zu halten.<br \/>\nJakob \u00f6ffnete es und las: \u201eUnd w\u00e4ren wir keine Freunde gewesen, w\u00e4re ich nicht anderntags in deine Wohnung gegangen, in die du mich nie eingeladen hattest, wo du das Geheimnis wahrtest, das B\u00f6se, unverst\u00e4ndliche Geheimnis, das unsere Freundschaft vergiftete.\u201c<\/p>\n<p>Jakob h\u00f6rte fast die tiefe und vorwurfsvolle m\u00e4nnliche Stimme, die diese Worte aussprach. Er sah sich pl\u00f6tzlich in einem gro\u00dfen mit Kerzen beleuchteten Saal, auf einem Sessel vor einem Kamin, in dem ein unruhiges Feuer brannte.<br \/>\nGanz unten auf dem Zettel war eine Adresse aufgeschrieben: Sackgasse 5, 8008 Z\u00fcrich.<br \/>\nJakob schmunzelte und mochte den Geistesblitz sehr. Dann wurde er pl\u00f6tzlich neugierig und wollte nachforschen, ob eine Sackgasse in Z\u00fcrich tats\u00e4chlich existierte.<br \/>\nEr nahm sein Smartphone aus der Tasche und ging online: Ja, eine Sackgasse mit Hausnummern war tats\u00e4chlich auf der Karte angegeben!<br \/>\nEr wollte unbedingt hin, ein unerwarteter Drang katapultierte ihn zuerst aus der Bibliothek und dann aus dem Uni-Geb\u00e4ude. Er stand mitten im Regen und hatte den Regenschirm im Schlie\u00dffach der Bibliothek vergessen, aber er hatte deutlich das Gef\u00fchl, dass er keine Sekunde verschwenden durfte, und stieg flugs in die erste Tram, die vorbeifuhr.<\/p>\n<p>Die Sackgasse war eine Querstra\u00dfe der Seestra\u00dfe, ein Zufluss. An dem verregneten Tag f\u00fchlte sich Jakob wie ein Papierschiffchen auf einem dunklen und tiefen Wasserspiegel.<br \/>\nSackgasse 1, Sackgasse 2, Sackgasse 3, Sackgasse 4, und wo war denn die Hausnummer 5? Er schaute sich um, sah die Sackgasse 6, 7, 8 und so fort, aber die Nummer 5 schien im Wasser versunken zu sein. Die Kapuze seiner Jacke war inzwischen durchn\u00e4sst und seine Geduld fing an zu wackeln. Er musste aber durchhalten, er durfte nicht mehr zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich eine Stimme: \u201eWas sucht der junge Herr?\u201c Jakob sah ein runzeliges Gesicht vor sich, das graumelierte Haar leuchtete fast unter dem roten Regenschirm.<br \/>\n\u201eWo ist denn die Hausnummer 5?\u201c, fragte Jakob.<br \/>\n\u201eBei mir zuhause\u201c, schmunzelten die schrumpeligen Lippen.<br \/>\n\u201eAch so!\u201c, sagte Jakob sprachlos, ohne zu wissen, wie er das Gespr\u00e4ch fortsetzen konnte, und vor allem wusste er jetzt nicht mehr, ob ihn die Sackgasse 5 noch interessierte.<br \/>\n\u201eHaben Sie meine Adresse von Herrn Lehmann bekommen?\u201c, fragte die Stimme.<br \/>\n\u201eNein, nein, es ist eine lange Geschichte. Ich wusste nicht, dass es in Z\u00fcrich eine Sackgasse gibt, und ich habe mit einem Freund gewettet, die Nummer 5 zu finden, einfach so\u201c, antwortete Jakob verlegen.<br \/>\n\u201eEinfach so, interessant\u201c, kommentierten die schrumpeligen Lippen.<\/p>\n<p>Jakob zitterte jetzt, er war durchn\u00e4sst und ihm war kalt. Au\u00dferdem fand er diese Begegnung beunruhigend und f\u00fchlte sich gefesselt, als ob er jetzt nicht mehr zur\u00fcck d\u00fcrfte.<br \/>\n\u201eKommen Sie doch zu mir auf einer Tasse Tee, Ihnen ist kalt und Sie haben keinen Regenschirm. Bleiben wir nicht l\u00e4nger da.\u201c<br \/>\n\u201eIch muss zur\u00fcck zur Uni, ich muss mich f\u00fcr einen Vortrag vorbereiten.\u201c Jakob versuchte seinen Weg zur\u00fcckzufinden, als er einen festen Griff am Oberarm sp\u00fcrte.<br \/>\n\u201eSie kommen jetzt zu mir, ich habe Sie eingeladen, das mache ich nicht mit allen fremden Leuten, das soll eine Ehre f\u00fcr Sie sein!\u201c Die Stimme war leiser geworden, aber sehr bedrohlich. Zwei kleine dunkle Augen fesselten Jakobs Blick, nun hatte er keine Kraft mehr sich zu wehren.<\/p>\n<p>Die Sackgasse Nummer 5 war hinter einem Wohngeb\u00e4ude versteckt, es sah wie ein heruntergekommenes H\u00e4uschen aus, aber die inneren R\u00e4ume waren sehr gepflegt.<br \/>\nJakob wurde aufgefordert, am Couchtisch im Wohnzimmer zu sitzen. An den W\u00e4nden waren ausschlie\u00dflich Portr\u00e4ts aufgeh\u00e4ngt, sie waren in verschiedenen Gr\u00f6\u00dfen und in verschiedenen Stilen gemalt oder einfach nur schwarzwei\u00df gezeichnet worden.<br \/>\n\u201eSind es Freunde von Ihnen, die Bilder an den W\u00e4nden?\u201c, fragte Jakob.<br \/>\n\u201eTja, sie waren Freunde von mir\u201c, seufzte die Stimme.<\/p>\n<p>Jakob wurde bange und sp\u00fcrte die W\u00e4nde des Zimmers dicht an seine Haut dr\u00e4ngen. Er suchte eine T\u00fcr, aber im Wohnzimmer gab es keine Fenster und die einzige T\u00fcr f\u00fchrte in die K\u00fcche, wo das graumelierte Haar zu sehen war. Es leuchtete wie ein Gespenst in der Dunkelheit.<br \/>\n\u201eIhr Tee, junger Mann\u201c, die Stimme war jetzt warm und beruhigend.<br \/>\nDas Getr\u00e4nk hatte einen seltsamen Geruch und Jakob trank es nicht.<br \/>\n\u201eSchmeckt es Ihnen nicht? Es ist Pfefferminztee!\u201c, sagte der Mann, als ob er \u00fcberrascht w\u00e4re.<br \/>\n\u201eEs riecht nicht nach Pfefferminze, es riecht nach Chemie. Was haben Sie mit dem Tee gemischt?\u201c Jakob hatte jetzt keine Angst mehr, er sp\u00fcrte Wut in seinen Adern brodeln und es war ein Gef\u00fchl, an das er nicht gewohnt war.<br \/>\n\u201eSie d\u00fcrfen nicht aus diesem Haus gehen, ohne den Tee getrunken zu haben\u201c, die Stimme war jetzt scharf und zischend, die Hand griff nach einem Messer.<br \/>\nJakob stand auf und sagte: \u201eIch habe keine Angst vor Ihnen und will auch nicht Teil ihrer Gem\u00e4ldegalerie werden. Lassen Sie mich bitte gehen.\u201c<\/p>\n<p>Das runzelige Gesicht war nun einen Millimeter vom Jakobs Gesicht entfernt und die Klinge dr\u00fcckte an seinem Hals. Jakob sp\u00fcrte eine unbekannte Kraft in sich und trat entschieden gegen das Bein vor ihm. Die Stimme wurde ein Schrei, das Geheul eines verletzten Wolfes, w\u00e4hrend Jakob weiter und weiter nach dem Mann trat, bis die Kraft seinen K\u00f6rper verlie\u00df.<br \/>\nDas runzelige Gesicht lag am Boden, mit weit aufgerissenen Augen, der Mund leicht offen und das graumelierte Haar auf den Fliesen ausgebreitet.<br \/>\nEs war ein sonderbares Portr\u00e4t der G\u00f6ttin Medusa, ein Bild, das Jakob immer wieder begleitete.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Annamaria Bortoletto<br \/>\n<a href=\"https:\/\/laltraidea.wordpress.com\" target=\"_blank\">https:\/\/laltraidea.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 21053<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jakob musste zur Bibliothek an der Uni. 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