{"id":11713,"date":"2020-07-28T08:59:34","date_gmt":"2020-07-28T08:59:34","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11713"},"modified":"2020-08-01T07:27:40","modified_gmt":"2020-08-01T07:27:40","slug":"der-eierschlauch-auf-der-autobahn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11713","title":{"rendered":"Der Eierschlauch auf der Autobahn"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11713&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11713&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es begab sich auf der Heimfahrt von einer einw\u00f6chigen Sommerfrische, die zu diesem Zeitpunkt bereits, anstatt der vom Navigationsger\u00e4t veranschlagten vier, sechseinhalb Stunden gedauert hatte. Dieser Zeitverlust hatte sich ergeben durch kurze Rauch- und WC-Pausen, einige Baustellen und nicht zuletzt einen fast zweist\u00fcndigen Stau.<br \/>\n\u201eIn einer Stunde sind wir zu Hause\u201c,\u00a0 konnte ich den Kindern endlich freudig verk\u00fcnden und brauste auf der leeren dreispurigen Autobahn ganz rechts dahin, den Tempomat wie immer knapp unter der Toleranzgrenze der Radarfallen eingestellt, bis ich auf einen fetten wei\u00dfen Mercedes mit deutschem Kennzeichen traf, der gem\u00e4chlich auf der mittleren Spur dahinzuckelte.<br \/>\nVorschriftsm\u00e4\u00dfig wechselte ich auf die linke Spur, \u00fcberholte den Deutschen und setzte mich ob des etwas dichter gewordenen Verkehres vor ihn.<\/p>\n<p>Es war wohl eine zu gro\u00dfe Schmach, als stolzer Deutscher im Mercedes von einem <em>\u00d6si<\/em> im Peugeot \u00fcberholt zu werden, jedenfalls gab er sofort Gas, um wieder den Platz vor mir einzunehmen und anschlie\u00dfend das Tempo zu reduzieren, sodass ich abbremsen musste.<br \/>\nVer\u00e4rgert wechselte ich erneut die Spur, um wieder nach vorne zu kommen. Auf solche Autobahn-Spielchen hatte ich \u00fcberhaupt keine Lust. Diesmal gab er Gas, w\u00e4hrend ich \u00fcberholte, sodass ich die Toleranzgrenze der Radarfallen empfindlich \u00fcberschreiten musste, um vor ihn zu kommen.<br \/>\nKaum war das Man\u00f6ver geschafft und ich wieder in F\u00fchrung, setzte er sich mit Vollgas vor mich,\u00a0 drosselte erneut das Tempo und ich musste aufs Neue hinter dem Piefke nachschleichen.<\/p>\n<p>Die ganze Fahrt \u00fcber war ich gut gelaunt gewesen und erst der lange Stau hatte mein Urlaubsl\u00e4cheln etwas kleiner werden lassen. Doch nun platzte es aus mir heraus: \u201eSchau dir das an: zuerst \u00fcberholen, dann bremsen. So ein deppertes <em>Oarschloch<\/em>!\u201c<br \/>\nDie Reaktion der Kinder folgte prompt.<br \/>\n\u201eHaha!\u201c, kr\u00e4hte es von der R\u00fcckbank.<br \/>\n\u201eDie Mama hat Arschloch gesagt!\u201c<br \/>\nDie gesamte Autofahrt hatte ich bis dahin mit Bravour gemeistert und es sogar inmitten des langen Staus geschafft, die Kinder so zu besch\u00e4ftigen, dass sie friedlich geblieben waren, indem ich, nachdem der letzte Vorrat an S\u00fc\u00dfigkeiten verf\u00fcttert und weder R\u00e4tsel- noch Malb\u00fccher den Nachwuchs mehr bei Laune halten konnten, ein neues Stau-Spiel erfunden hatte, bei dem der Fahrer ein Buch vorliest. Sobald sich die Kolonne bewegt, br\u00fcllen die Kinder laut \u201eFAHREN!\u201c, woraufhin die gesch\u00e4tzten drei Meter bis zum Vordermann aufgeschlossen werden.<\/p>\n<p>Ich war so gut gewesen.<br \/>\nUnd jetzt passierte mir dieser p\u00e4dagogische Super-GAU.<br \/>\n\u201eNein, ich habe nicht \u201aArschloch\u2018 gesagt\u201c, ruderte ich deshalb schnell zur\u00fcck. \u201eDas hast du falsch verstanden.\u201c<br \/>\n\u201eWas hast du denn gesagt, Mama?\u201c<br \/>\nW\u00e4hrend die Kinder die Ohren spitzten, \u00fcberlegte ich angestrengt, was ich denn gesagt haben k\u00f6nnte. Armleuchter? Nein, das glaubten sie mir nie. Vielleicht etwas mit \u201eLoch\u201c? Gab es denn anst\u00e4ndige Worte, die mit \u201eLoch\u201c endeten? Loch \u2026 Schloch \u2026 Schlauch?<br \/>\n\u201eIch habe gesagt, so ein Schlauch.\u201c<br \/>\n\u201eWas f\u00fcr ein Schlauch?\u201c<br \/>\n\u201eNa ein, \u00e4h \u2026 Schlauch halt.\u201c<br \/>\n\u201eAlso ein Eierschlauch.\u201c<br \/>\n\u201eGenau, mein Kind\u201c, l\u00e4chelte ich und setzte ein letztes Mal zum \u00dcberholen an.<br \/>\nW\u00e4hrend ich an dem Mercedes vorbeifuhr, bedachte ich den Fahrer, einen Mann unbestimmten Alters mit Brille und Glatze, mit einem w\u00fctenden Blick, den dieser schuldbewusst erwiderte. Es war also sogar eine dreifache Schande f\u00fcr ihn gewesen, als m\u00e4nnlicher deutscher Mercedesfahrer von einem weiblichen \u00f6sterreichischen Peugeotfahrer geschnupft zu werden. Wahrscheinlich h\u00e4tte ich ihn ebensogut mit einem Messer entmannen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nachdem ich zur Sicherheit gleich noch ein paar Autos \u00fcberholt hatte, begann ich \u00fcber den eben mit den Kindern gef\u00fchrten Dialog zu philosophieren.<br \/>\nBei n\u00e4herer umgangssprachlicher Betrachtung war es n\u00e4mlich ganz logisch: Eier (<em>Oar<\/em>) + Schlauch (<em>Schloch<\/em>) = Eierschlauch (<em>Oarschloch<\/em>).<br \/>\nDer Mercedes hatte mich \u00fcbrigens nicht mehr einholen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Lydia Kellner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 20106<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es begab sich auf der Heimfahrt von einer einw\u00f6chigen Sommerfrische, die zu diesem Zeitpunkt bereits, anstatt der vom Navigationsger\u00e4t veranschlagten vier, sechseinhalb Stunden gedauert hatte. 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