{"id":11361,"date":"2020-05-09T07:47:15","date_gmt":"2020-05-09T07:47:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11361"},"modified":"2020-05-09T08:05:01","modified_gmt":"2020-05-09T08:05:01","slug":"touche-oder-wie-ein-blechschaden-zum-stillen-triumph-wurde","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11361","title":{"rendered":"Touch\u00e9 \u2013 oder: Wie ein Blechschaden zum stillen Triumph wurde"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11361&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11361&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Um den Hergang dieser herrlichen Geschichte zu verstehen, muss man zwei Dinge wissen:<br \/>\nErstens, mein Vater, mittlerweile in Pension, war sein Leben lang Mechaniker. Zuerst als Lehrling, dann als Geselle und schlie\u00dflich als Meister. An Autos und Traktoren schraubte er sich durch sein Berufsleben, stets besch\u00e4ftigt im sch\u00f6nen Raiffeisen-Lagerhaus in einer idyllischen Kleinstadt im Weinviertel. Er war also in Sachen Autos und Fahrstil die unbestrittene Autorit\u00e4t in der Familie und erkl\u00e4rte mir nur zu oft, was ich im Umgang mit dem fahrbaren Untersatz zu \u00e4ndern h\u00e4tte und warum.<br \/>\nZweitens, die Einfahrt meines Hauses hat eine sanfte S-Kr\u00fcmmung, zur Stra\u00dfe hin begrenzt durch eine Betonmauer auf beiden Seiten, hinter der rechts ein kleines Auto Platz hat. Um daher korrekt ein- und bequem wieder ausparken zu k\u00f6nnen, muss man die S-Kurve im R\u00fcckw\u00e4rtsgang meistern, also: von der Hauptstra\u00dfe links kommend ein Schwung zur anderen Stra\u00dfenseite links, beim Zur\u00fcckfahren in die Einfahrt zielen, dann rechts einschlagen und schlie\u00dflich links. Alles mit Gef\u00fchl und im richtigen Winkel, sonst kracht man n\u00e4mlich entweder gegen die Hauswand oder zerkratzt den Autolack an den Str\u00e4uchern, welche die Einfahrt auf der anderen Seite s\u00e4umen.<\/p>\n<p>An diesem Tag hatte ich Besuch von meinen lieben Eltern. W\u00e4hrend mein Vater mit meinem alten Elektrorasenm\u00e4her den riesigen Garten m\u00e4hte, h\u00fctete meine Mutter die Kinder, und ich konnte einige Besorgungen machen.<br \/>\nEndlich war alles getan, und ich setzte vor der Einfahrt zum Einkehrschwung an. Doch was war das? Mein Vater hatte sein Auto hinter der Betonmauer geparkt, Kilometer an Kabeln lagen auf dem Asphalt der Einfahrt, und die zugeh\u00f6rige Trommel stand dort ganz hinten.<br \/>\nDie schon l\u00e4ngst gewohnten Bewegungen ausf\u00fchrend, starrte ich im R\u00fcckspiegel auf die Kabel. W\u00fcrden sie sich um die Reifen wickeln? Nein? Sicher nicht?<\/p>\n<p>Als ich das Tor passiert hatte, begannen die Abstandssensoren zu piepsen. Und wenn ich nun gegen die Kabeltrommel ganz hinten fuhr? Das Auto vielleicht sogar dort aufsa\u00df und mein Vater dann kopfsch\u00fcttelnd zu mir sagte: \u201eMensch, hearst \u2026 \u201c Wie w\u00fcrden wir das Auto da wieder runterbekommen?<br \/>\nDie Sensoren piepsten lauter. Aber die Rolle war doch noch so weit weg? Wieso sah ich dann im R\u00fcckspiegel meinen Vater h\u00e4nderingend angelaufen kommen?<br \/>\nKrach. Wieso Krach, da war doch nichts im R\u00fcckspiegel?<br \/>\nNein, aber im Seitenspiegel h\u00e4tte ich das von ihm hei\u00df geliebte kleine Coup\u00e9 meines Vaters gesehen, in welches ich gerade eine riesige Delle in die Verkleidung \u00fcber dem Hinterreifen gerammt hatte, w\u00e4hrend mein wuchtiger Kombi v\u00f6llig unbesch\u00e4digt geblieben war.<\/p>\n<p>Es folgte ein ziemlich wort- und gestenreicher Vortrag meines sonst eher stillen Herrn Vaters, unterbrochen durch zischende Fluchlaute, einigen \u201eMensch hearst \u2026\u201c seinerseits und verlegen gestotterten Erkl\u00e4rungen bez\u00fcglich der Kabeltrommel meinerseits, der schlie\u00dflich in v\u00e4terlichem Kopfsch\u00fctteln und betretenem Schweigen von mir endete. Mein Angebot, ihm den Schaden zu bezahlen, schlug er nat\u00fcrlich aus.<br \/>\nDie n\u00e4chsten zwei Wochen verbrachte ich sozusagen in der B\u00fc\u00dferstellung, bis ein unerwarteter Vorfall den Spie\u00df umdrehen sollte.<\/p>\n<p>Wieder waren meine Eltern auf Besuch, und diesmal borgte sich mein Vater mein gro\u00dfes Auto aus, um eine Ladung Strauchschnitt zur M\u00fclldeponie zu bringen, bis zum Mittagessen w\u00e4re er wieder zur\u00fcck.<br \/>\nDas Essen war gerade fertig und Mutter und ich machten uns gerade ans Tischdecken, als mein Vater hereinkam, kopfsch\u00fcttelnd, blass und mit reuigem Blick. \u201eDass an \u00a0so was passier\u2019n kann &#8230;\u201c<br \/>\nOh Gott. Welch Schock. Aber was war \u00fcberhaupt passiert?<br \/>\n\u201eI bin mit dein\u2019 Auto auf da Betonmauer ang\u2019foan &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Es folgten v\u00e4terliche Erkl\u00e4rungsversuche, wahrscheinlich h\u00e4tten die Sensoren nicht angeschlagen und deshalb sei es passiert \u2013 vielleicht waren sie ja kaputt? \u2013, gefolgt von Beschwichtigungen und Beruhigungen meinerseits. \u201eDes kann ja mal passieren. Siechst eh\u201c, erkl\u00e4rte ich achselzuckend, redlich bem\u00fcht, mir die Schadenfreude nicht anmerken zu lassen. Man w\u00fcrde jetzt erst einmal was essen und dann weitersehen.<br \/>\nBei der anschlie\u00dfenden Besichtigung stellte sich heraus: Sensor kaputt, R\u00fccklicht kaputt, Sto\u00dfstange eingedr\u00fcckt. Kann man wieder richten. Ich schob die fertige Waschmaschine vor, um endlich im Keller einen stillen Freudentanz auff\u00fchren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich k\u00fcmmerte sich mein Vater auch um die Reparatur meines Autos, fiel dies ja schlie\u00dflich direkt in seinen Kompetenzbereich. Man kann ja auch nicht von einem erst 34-j\u00e4hrigen T\u00f6chterlein verlangen, zu einer Werkstatt zu fahren, um von einem wildfremden Mechaniker den Schaden begutachten zu lassen und dann auch noch einen Termin zu vereinbaren.<\/p>\n<p>Und so fuhr ich bis zum Reparaturtermin weiter mit meinem Auto, im R\u00fcckw\u00e4rtsgang noch immer der schrille Alarm der Sensoren, die ich manchmal zwecks Belustigung einschaltete.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich bekam ich auch, w\u00e4hrend mein Kombi in der Werkstatt weilte, das spritzige Coup\u00e9 meines Vaters. Er konnte mich doch nicht so im Regen stehen lassen \u2013 ganz allein, einsam, hilflos, ohne Auto!<br \/>\nPapa ist halt einfach der Beste!<br \/>\nSeitdem musste ich \u00fcber mich auch nie wieder Vortr\u00e4ge \u00fcber das richtige Autofahren ergehen lassen.<\/p>\n<p>Fazit:<br \/>\nReparatur 1. Auto (in der Fachwerkst\u00e4tte): ca. 1.200 Euro.<br \/>\nReparatur 2. Auto (ebenso in der Fachwerkst\u00e4tte): auch ca. 1.200 Euro.<br \/>\nDie v\u00e4terliche Einsicht, dass selbst dem gro\u00dfen Meister ein Fehler unterlaufen kann: unbezahlbar.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Lydia Kellner<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 20083<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um den Hergang dieser herrlichen Geschichte zu verstehen, muss man zwei Dinge wissen: Erstens, mein Vater, mittlerweile in Pension, war sein Leben lang Mechaniker. 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