{"id":11004,"date":"2020-03-23T11:37:27","date_gmt":"2020-03-23T11:37:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11004"},"modified":"2020-04-28T11:59:02","modified_gmt":"2020-04-28T11:59:02","slug":"xxx-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=11004","title":{"rendered":"Rosaphob"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11004&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts11004&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><blockquote><p><span style=\"color: #800000;\"><em>Hinweis der Redaktion:<br \/>\nDieser Text thematisiert Gewalt und enth\u00e4lt Verst\u00f6rendes,<br \/>\nunabdingbar aus der Sicht des betroffenen Protagonisten.<\/em><\/span><\/p><\/blockquote>\n<p>Ich war sieben, als es begann.<\/p>\n<p>\u201aHe, Alois!\u2018, sagte Mutter zu mir.<\/p>\n<p>Ich lag auf dem Boden in der Stube, mitten in den Staubfuseln, die schon an Altersschw\u00e4che zu sterben drohten. Ob die \u00e4lter waren als ich?<\/p>\n<p>\u201aKomm schon her, wenn ich es dir sage!\u2018<\/p>\n<p>Das Superman-Comicheftchen legte ich beiseite und folgte dem wie immer forschen Befehl meiner Mutter.<\/p>\n<p>\u201aVater ist wieder besoffen und zu nichts mehr im Stande. Spiel ein wenig mit mir. Du darfst nebenbei ein bisschen fernsehen.\u2018<\/p>\n<p>Dabei lag sie auf der zerschlissenen Couch, hatte ihre Beine angewinkelt und weit auseinandergespreizt. Ihre Oberschenkel erinnerten mich an das Werbem\u00e4nnchen einer franz\u00f6sischen Reifenmarke. Kein H\u00f6schen. Nur ein hautenges T-Shirt, das ihre dicken Titten viel zu stark zur Geltung brachte und ein viel zu kurzer Rock, den sie viel zu weit nach oben schob.<\/p>\n<p>\u201aFass mich an, genau hier!\u2018<\/p>\n<p>Ich starrte in ihr gl\u00e4nzendes Rosa, dann in ihr rundes Gesicht, mit den rosa bemalten Lippen und den vor Vorfreude leuchtenden rosa Backen.<\/p>\n<p>\u201aIch mag das.\u2018<\/p>\n<p>\u201aAber, ich \u2026\u2018<\/p>\n<p>\u201aLos Alois, mach schon, deine Hand, steck sie rein!\u2018<\/p>\n<p>Widerspruchslos und schmatzend verschwand meine kindliche Hand in ihrer \u00fcberdimensionalen Vagina, w\u00e4hrend Vater in der K\u00fcche am Tisch seinen Rausch auspennte. Mutter st\u00f6hnte. Im Fernsehen lief der rosarote Panther und versuchte, mich von meiner Handarbeit abzulenken.<\/p>\n<p>\u201aTiefer rein!\u2018<\/p>\n<p><em>Paulchen, Paulchen mach doch weiter.<\/em><\/p>\n<p>\u201aWieder raus!\u2018<\/p>\n<p><em>Heut ist nicht alle Tage.<\/em><\/p>\n<p>\u201aSchneller!\u2018<\/p>\n<p><em>Ich komm wieder, keine Frage.<\/em><\/p>\n<p>Paulchen Panther kam wieder. Jeden Freitagnachmittag. Und ich versenkte meine kleine Faust in Mutters haariger, rosa Muschi. Jeden verfickten Freitagnachmittag. Seit dieser Zeit bin ich hochgradig rosaphob. Erdbeerjoghurt a\u00df ich nur mehr auf strikten Befehl meines Vaters.<\/p>\n<p>\u201aJedes Kind mag Erdbeeren. Also iss das Schei\u00dfjoghurt, Alois!\u2018<\/p>\n<p>Ich kotzte es postwendend auf die Resopalplatte unseres K\u00fcchentisches. Vater dr\u00fcckte mein Gesicht in das Erbrochene, damit ich mir merkte, dass sich das nicht geh\u00f6rte und ich erfahren durfte, wie gut Erdbeerjoghurt eigentlich schmeckte. Eine Kombination aus Schwei\u00dfausbr\u00fcchen, Herzrasen und trockenem Mund \u00fcberfiel mich jedes Mal, wenn ich in der Schule nur in die N\u00e4he der vielen in rosa get\u00fcnchten M\u00e4dchen kam.<\/p>\n<p>\u201aAlois, was glotzt du so, du Trottel?\u2018<\/p>\n<p>Die G\u00f6ren glaubten, mein eindringliches Stieren w\u00e4re ein plumper Ann\u00e4herungsversuch. Dabei waren es panische Abwehrversuche, Fluchtinstinkt. Auch die Lehrerin stand irgendwie auf Rosa. Lippen. Fingern\u00e4gel. Alles in verdammtem Pink.<\/p>\n<p>\u201aStotter nicht so rum, Alois, ich hab dich was gefragt!\u2018<\/p>\n<p>Keine Ahnung, was sie wissen wollte. Ich war au\u00dferstande, mich auch nur auf irgendwas zu konzentrieren, au\u00dfer die mir gef\u00e4hrlich n\u00e4herkommenden rosa Fingern\u00e4gel. Mir war, als witterte ich sogar Frau Lehrerins rosafarbenes Geschlechtsorgan durch ihren kn\u00f6chellangen Baumwollrock hindurch. F\u00fcrs unerlaubte pl\u00f6tzliche Verlassen des Klassenzimmers musste ich Nachsitzen. F\u00fcrs Nachsitzen belohnte mich Mutter mit einer zus\u00e4tzlichen Massage ihres Genitalbereiches. Dieses Mal leider ohne den rosa Panther zur Ablenkung, weil es war ja erst Donnerstag.<\/p>\n<p>Obwohl Paulchen Panther die abscheulichste Farbe in seinem Namen trug, war er mein bester Freund. Ohne ihn h\u00e4tte ich sicher nicht \u00fcberlebt. Damals hatten wir noch keinen Farbfernseher. Der Panther stolperte in freundlich-neutralem Mausgrau von einem Fettn\u00e4pfchen ins n\u00e4chste. Paulchen war spitze. Paulchen war lustig. Paulchen lenkte mich ab, wenn meine Faust mal wieder in Mutters M\u00f6se steckte.<\/p>\n<p>Beim Klassenausflug in den M\u00fcnchner Zoo wurde mir meine Rosaphobie erneut zum Verh\u00e4ngnis. Dabei wollte ich lediglich den armen eingesperrten Affen helfen. Sie mussten sich den ganzen Tag lang unz\u00e4hlige Flamingos ansehen, die in n\u00e4chster N\u00e4he auf ihren Solettistelzen herumstolzierten. Wenn unter den vielen Affen nur einer war, der nur halb so rosaphob war wie ich, dann konnte er diesen Anblick sicherlich nicht ertragen. Also versuchte ich, die Flamingos mit aus der Distanz geworfenen, faustgro\u00dfen Steinen zu verjagen. Als einer umfiel, kam ein Zooheini, br\u00fcllte mich an und donnerte mir eine, dass ich \u2013 wie der Flamingo \u2013 flach dalag und mich im Off befand. Sterne umkreisten mich. Gottseidank nur gr\u00fcne und blaue.<\/p>\n<p>Das war das erste Mal, dass Vater mir auf die Schulter klopfte und sich dabei vor Lachen beinahe anpisste. Hatte ich doch tats\u00e4chlich dem schwulen Flamingo aus zehn Metern Entfernung den Garaus gemacht. Vielleicht wurde ja doch noch was aus mir?<\/p>\n<p>Als ich zehn war, begann ich Paulchen Panther zu hassen. Das war an dem Tag, als wir unseren ersten Farbfernseher bekamen. Ich stellte fest, dass Mutters Fotzenrosa dem von Paulchen erschreckend \u00e4hnlich war. Noch bevor Mutter mich auffordern konnte, ihr meine Hand da unten reinzustecken, sa\u00df ich am Klo, kotzte und heulte, weil Paulchen, mein einziger Verb\u00fcndeter, sich pl\u00f6tzlich mit Mutter gegen mich verschworen hatte. Mein Kotzen und Heulen ersparte mir jedoch nicht die anschlie\u00dfende obligatorische Handarbeit.<\/p>\n<p>Dass ich mich selbst mit f\u00fcnfzehn noch keinem M\u00e4dchen n\u00e4her als n\u00f6tig n\u00e4herte, begr\u00fcndeten Vater und Mutter mit meiner Lahmarschigkeit, meiner Unf\u00e4higkeit Freunde zu finden, meinem ungepflegten \u00c4u\u00dferen und meiner Fettleibigkeit im Allgemeinen. Meine Sch\u00fcchternheit, meine Schweigsamkeit, mein \u00fcbertriebener Drang zur Selbstbefriedigung, meine nicht vorhandenen Eier und meine grunds\u00e4tzliche pubert\u00e4re Dummheit kamen \u2013 aus ihrer Sicht \u2013 erschwerend hinzu.<\/p>\n<p>Dass ich schlicht und ergreifend Panik hatte, irgendwann mit einer rosa Vulva in Kontakt zu geraten, wenn ich mich mit M\u00e4dchen abgab, konnten sie nicht ahnen. Wem h\u00e4tte ich denn sagen sollen, was Mutter und ihre Libido jeden Freitagnachmittag von mir verlangten, wenn der rosarote Panther im Fernsehen lief? Wem, au\u00dfer meinem Vater?<\/p>\n<p>Noch nie habe ich so ein irres, schallendes Gel\u00e4chter von ihm geh\u00f6rt. Nicht einmal \u00fcber den toten schwulen Flamingo und auch nicht \u00fcber seine eigenen schlechten Witze hat er sich je so am\u00fcsiert. Sein fetter, gedrungener K\u00f6rper bebte vor Lachen und schien mir kurz vor einer Explosion. Wie der kugelrunde Typ bei Monty Python\u2019s \u201aDer Sinn des Lebens\u2018. Leider hatte ich kein Minzbl\u00e4ttchen bei der Hand. Kurz vor dem Platzen hielt er inne, schaute mich mit gro\u00dfen offenen Augen an und sorgte daf\u00fcr, dass sich sein Handabdruck nachhaltig in meinem Gesicht verewigte und mir gleichzeitig sechzig Prozent meines H\u00f6rverm\u00f6gens abhandenkamen.<\/p>\n<p>Als ich mich wieder hochrappelte und gerade vor ihm stand, stellte ich fest, dass Vater lediglich fetter war als ich. Ich war f\u00fcnfzehn, stabil gebaut und vollgepumpt mit aufgestautem Hass. Er war also nicht gr\u00f6\u00dfer, daf\u00fcr war er langsamer als ich. Erheblich sogar. Denn bis er sich sammeln konnte, seine von meiner rechten Faust zertr\u00fcmmerte Nase realisierte samt dem Blut, das in B\u00e4chen \u00fcber seinen Schnauzer und sein Doppelkinn rann, war ich l\u00e4ngst aus dem Haus get\u00fcrmt. Mitgenommen hatte ich das Bewusstsein, nie wieder von Vater geschlagen oder von Mutter missbraucht zu werden.<\/p>\n<p>Zwischenzeitlich ist Vater tot. Schon seit Jahren. Hat sich totgesoffen, totgeraucht und totgefressen. Da musste gar keiner nachhelfen. Was genau letztendlich in seinem Totenschein stand, wei\u00df ich gar nicht. Und Mutter, kein Gramm leichter als mein toter Vater, verendete vor wenigen Stunden auf ihrer Couch, zuf\u00e4llig bei meinem ersten Besuch seit \u00fcber zehn Jahren.<\/p>\n<p>Offiziell verreckte sie an Herzversagen, wie mir der Arzt gerade mitgeteilt hat. Mit dieser Diagnose kann ich gut leben. Der Amtsarzt bemerkte die ziemlich frischen Kratzer, die mir Mutter mit ihren noch immer pink lackierten Fingern\u00e4geln verpasst hatte, als sie gegen das rosa Pl\u00fcschkissen in ihrem Gesicht k\u00e4mpfte.<\/p>\n<p><em>Machst ja manchmal schlimme Sachen.<\/em><\/p>\n<p>Am Ende meinte der Amtsarzt teilnahmslos \u201aWarst lange weg, Alois. Beileid\u2018.<\/p>\n<p><em>\u00dcber die wir trotzdem lachen.<\/em><\/p>\n<p>Mir war, als schaute er mich etwas l\u00e4nger an als n\u00f6tig, fragte sich vermutlich, ob ich \u2026? Dann presste er seine Lippen zusammen, sagte leise \u201aPf\u00fcat Gott\u2018 und ging. Als dann alle weg waren, der Amtsarzt, der Pfarrer, die Leute vom Beerdigungsinstitut und meine fette tote Mutter endlich in einem passenden XXL-Kunststoffsarg aus der Wohnung gekarrt worden war, ging ich aufs Klo und erleichterte mich. Ich spritzte mir eiskaltes Wasser ins Gesicht und erfreute mich an meinem freundlich-befriedigten Grinsen im Spiegel.<\/p>\n<p>In diesem Moment fasste ich den Entschluss, mich selbst zu therapieren. Ich musste mich lediglich einer \u00dcberdosis Rosa aussetzen. Vielleicht f\u00fcr ein paar Stunden, ein paar Tage oder l\u00e4nger. Egal. Ich war felsenfest davon \u00fcberzeugt, dass ich es schaffen konnte, schlie\u00dflich hatte ich heute schon f\u00fcr Minuten ein rosa Kissen in der Hand und mich kratzende rosa Fingern\u00e4gel im Gesicht. Und ich habe \u00fcberlebt. Ich!<\/p>\n<p>Ich malte mir aus, wie ich bei Aldi Erdbeerjoghurt kaufte und Donuts mit rosa Zuckerguss. Das wollte ich dann alles im Zoo bei den Flamingos genie\u00dfen, bevor ich mir im M\u00fcnchner Rotlichtviertel f\u00fcr eine Stunde eine dunkelh\u00e4utige Nutte kaufen wollte, bei der das vaginale Rosa noch st\u00e4rker zum Ausdruck kommen m\u00fcsste, als ich es mir in meinen schlimmsten Albtr\u00e4umen vorgestellt hatte. Vielleicht gelang es mir sogar, ihre M\u00f6se zu ber\u00fchren? Vielleicht konnte ich sogar an ihr schnuppern, lecken? Mein Gott, alles war m\u00f6glich. Euphorie \u00fcberkam mich. Freudenschwei\u00dfperlen sammelten sich auf meiner Stirn. Ich brauchte jetzt ein wenig Rosa. Jetzt! Sofort! Vorab, um mich einzustimmen, mich warm zu machen, so wie Fu\u00dfballer es vor jedem Spiel tun. Mutters rosa Pillen, die ich im verschmierten Spiegelschrank fand, schienen perfekt. Ohne jeglichen W\u00fcrgereflex warf ich die erste ein.<\/p>\n<p><em>Wer hat an der Uhr gedreht?<\/em><\/p>\n<p>Die zweite machte schon fast Spa\u00df und bei der vierzehnten oder f\u00fcnfzehnten f\u00fchlte ich mich wie ein geiler, schwuler, rosa Flamingo.<\/p>\n<p><em>Ist es wirklich schon so sp\u00e4t?<\/em><\/p>\n<p>Dann schaltete ich den Fernseher ein und zappte solange, bis Paulchen Panther \u00fcber den Bildschirm spazierte.<\/p>\n<p><em>Mit dem Paul ist Schluss f\u00fcr heut&#8216;!<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Helmut Loinger<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Erstver\u00f6ffentlichung in der Literaturzeitschrift &#8222;<a href=\"http:\/\/www.asphaltspuren.de\/spw.html\" target=\"_blank\">Spurwechsel<\/a>&#8222;, Nr. 4, 2017<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 20038<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hinweis der Redaktion: Dieser Text thematisiert Gewalt und enth\u00e4lt Verst\u00f6rendes, unabdingbar aus der Sicht des betroffenen Protagonisten. 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