{"id":10924,"date":"2020-03-08T13:54:38","date_gmt":"2020-03-08T13:54:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10924"},"modified":"2020-03-08T13:59:55","modified_gmt":"2020-03-08T13:59:55","slug":"xx-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10924","title":{"rendered":"Kanonenfutter"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10924&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10924&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Bin auf der Durchreise. Kehre beim Deichwirt ein. Bestelle das \u201eAll-you-can-eat\u201c- Angebot: Gulaschsuppe bis zum Abwinken.<\/p>\n<p>L\u00f6ffele meine Suppe. Herzhaft, w\u00fcrzig. S\u00e4mig. Fleisch etwas z\u00e4h.<\/p>\n<p>Das Lokal d\u00e4mmrig, im Hintergrund dudelt ein Radio. Am Stammtisch in der Ecke ein Rentnertrio: einer dick wie Calmund, einer mit Glatze wie Kemmerich, einer Strickjackentr\u00e4ger. Alle drei mit Suppentellern vor sich. Der Dicke schiebt eine Scheibe Brot quer in den Mund, Glatze f\u00fcllt konzentriert Suppe vom Teller in seinen Rachen. Und Strickjacke h\u00e4lt einen Vortrag:<\/p>\n<p>\u201eDas Fleisch h\u00e4tte sorgf\u00e4ltiger ausgew\u00e4hlt werden m\u00fcssen, findet ihr nicht? Ein ganzes Rind, sagt Jupp, hat er billig bekommen, vor vier Tagen. Davon gibt es jetzt die Suppe.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWenn das mal nicht einen unnat\u00fcrlichen Tod gestorben ist\u201c, der Kommentar dazu von Glatze.<\/p>\n<p>Der Dicke schweigt und isst.<\/p>\n<p>Strickjacke weiter: \u201eSogar eine Gulaschkanone hat er extra daf\u00fcr gemietet. Darin kann man ja gar nicht schmackhaft kochen. Viel zu gro\u00df. Kochkunst hat etwas mit Sensibilit\u00e4t zu tun, mit Feingef\u00fchl. Mit wohldosierten Prisen, nicht mit schaufelweisen Zutaten. Mit zarter Hand, die sanft das Filet zerteilt, statt mit grobem Zerhacken von altem, z\u00e4hem Fleisch.\u201c Er ger\u00e4t ins Tr\u00e4umen.<\/p>\n<p>\u201eDaf\u00fcr haust du aber ordentlich rein, Kalle\u201c, sagt Glatze, ohne von seinem Teller aufzusehen.<\/p>\n<p>\u201eNa ja, f\u00fcr den Preis kann man wohl nicht mehr erwarten\u201c, Strickjacke fuchtelt mit seinem L\u00f6ffel wie ein Lehrer mit dem Rohrstock. \u201eAuch nach vier Tagen Kochen wird aus billigem Fleisch kein Drei-Sterne-Gulasch, aus Jupps Lokal kein Michelin-Restaurant. Sehr bedauernswert, das. Dem Alten, Jupps Onkel Kurt, dem w\u00e4re das gar nicht recht. Der ist sehr streng und anspruchsvoll mit seiner K\u00fcche.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDeswegen l\u00e4sst Jupp den ja auch nicht mehr rein\u201c, nuschelt der Dicke mit vollem Mund, \u201eda fliegen jedes Mal die Fetzen, wenn Kurt in seine K\u00fcche eindringt\u201c, sagt er. Aus seinem Mund fliegen Brocken.<\/p>\n<p>\u201eTrotzdem\u201c, doziert Strickjacke weiter, \u201ewird der Jupp das hier mal erben. Leider. Da kann Kurt nichts dagegen unternehmen, er hat sonst keine Verwandtschaft.\u201c<\/p>\n<p>\u201eHalte mich da raus.\u201c Glatze beugt sich tiefer \u00fcber seinen Teller. Im Radio l\u00e4uft Meat Loaf.<\/p>\n<p>Strickjacke setzt seine Ansprache fort: \u201eWie auch immer, von billigen Zutaten kann man nichts anderes erwarten, daraus wird nun mal kein Gourmet-Menu. Da hilft auch kein starkes W\u00fcrzen.\u201c<\/p>\n<p>Wei\u00df gar nicht, was er hat. Finde die Suppe durchaus genie\u00dfbar. Werde mir einen Nachschlag bestellen.<\/p>\n<p>\u201eMeine Damen und Herren, wir unterbrechen unser Radioprogramm f\u00fcr eine Vermisstenmeldung der Polizei. Gesucht wird der 84-j\u00e4hrige Kurt S\u00e4mig. Der Vermisste ist 1,72 m gro\u00df und von hagerer Statur. Zum Zeitpunkt seines Verschwindens trug er einen grauen Anzug und schwarze Schuhe. Auffallend an Kurt S\u00e4mig sind seine langen grauen Haare. Der Vermisste wurde zuletzt vor f\u00fcnf Tagen in der N\u00e4he seines Restaurants in T\u00fcckensiel gesehen.<br \/>\nZweckdienliche Hinweise zum Verbleib von Kurt S\u00e4mig nimmt jede Polizeidienststelle entgegen.\u201c<\/p>\n<p>Kratze den letzten Tropfen aus meiner Suppentasse. F\u00fchre den L\u00f6ffel zum Mund.<\/p>\n<p>Wei\u00df, dass ich nie wieder Gulaschsuppe bestellen werde: An meinem L\u00f6ffel h\u00e4ngt ein langes graues Haar.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Renate M\u00fcller<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.renas-wortwelt.de\" target=\"_blank\">www.renas-wortwelt.de<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 20030<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bin auf der Durchreise. Kehre beim Deichwirt ein. Bestelle das \u201eAll-you-can-eat\u201c- Angebot: Gulaschsuppe bis zum Abwinken. L\u00f6ffele meine Suppe. Herzhaft, w\u00fcrzig. S\u00e4mig. Fleisch etwas z\u00e4h. Das Lokal d\u00e4mmrig, im Hintergrund dudelt ein Radio. Am Stammtisch in der Ecke ein Rentnertrio: einer dick wie Calmund, einer mit Glatze wie Kemmerich, einer Strickjackentr\u00e4ger. 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