{"id":10418,"date":"2019-10-25T16:11:57","date_gmt":"2019-10-25T16:11:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10418"},"modified":"2019-10-28T16:26:15","modified_gmt":"2019-10-28T16:26:15","slug":"haus-am-meer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.verdichtet.at\/?p=10418","title":{"rendered":"Haus am Meer"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10418&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"https:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts10418&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Eine sanfte Brise l\u00e4sst die Gardinen an der Verandat\u00fcr flattern, Antonia genie\u00dft die kleine Abk\u00fchlung nach dem hei\u00dfen Sommertag. Sie legt das Buch zur Seite und tritt auf die Terrasse. Nur das Rauschen des Meeres ist zu h\u00f6ren, dann senkt sich die Nacht \u00fcber die kleine kroatische Insel.<\/p>\n<p>Im benachbarten Geb\u00e4ude sieht sie Licht im Obergescho\u00df, leise Musik ist zu h\u00f6ren.<br \/>\nSeit zwei Tagen ist sie hier.<br \/>\n\u201eMache Urlaub am Meer, das wird dir gut tun! Und lass um Himmels Willen Smartphone und Tablet daheim, du bist \u00fcberarbeitet und kommst sonst noch auf bl\u00f6de Gedanken\u201c, meinte ihr Cranio-Therapeut bei ihrer letzten Sitzung. Er reichte ihr ein Prospekt, auf dem drei kleine H\u00e4user direkt am Meer zu sehen waren. Sie sind in einem Halbkreis angeordnet und liegen ca. zehn Minuten Fahrzeit von einer kleinen Ortschaft entfernt. Antonia war sofort begeistert, sie liebt das Meer.<\/p>\n<p>Gestern ist im Nachbarhaus jemand eingezogen, das dritte Haus steht leer. Antonia konnte nur kurz einen Blick auf die Frau werfen. Lange, mahagonifarbene Haare, die in leichten Wellen den ganzen R\u00fccken bedecken, ein wei\u00dfes, wehendes Sommerkleid um den schlanken, hochgewachsenen K\u00f6rper und Flip-Flops an den zarten F\u00fc\u00dfen. Sie sch\u00e4tzt die Frau auf drei\u00dfig Jahre.<\/p>\n<p>Ein lautes Klappern l\u00e4sst Antonia hochschrecken. Die Frau im Nachbarhaus hat die Fensterfl\u00fcgel ge\u00f6ffnet und dabei eine Blumenvase umgesto\u00dfen. Kurz ist sie zu sehen, sie st\u00fctzt sich mit einer Hand auf das Fensterbrett, mit der anderen h\u00e4lt sie eine Seite des Gesichtes bedeckt. Sie sch\u00fcttelt sachte den Kopf. Die Musik dringt an Antonias Ohr. Sie erkennt \u201eDie Moldau\u201c von Friedrich Smetana. Antonia geht zum Gartenzaun:<br \/>\n\u201eHallo? Ist alles in Ordnung?\u201c Die Frau erschrickt und starrt Antonia an, dann dreht sie sich um und verschwindet im Raum.<br \/>\n\u201eWer nicht will, der hat schon\u201c, denkt Antonia kopfsch\u00fcttelnd.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen geht sie eine ausgedehnte Runde schwimmen. Das macht sie gerne vor dem Fr\u00fchst\u00fcck. Im Nachbargeb\u00e4ude ist es noch ruhig. Die Sonne glitzert im spiegelglatten Meer, es scheint wieder ein hei\u00dfer Tag zu werden. Um die Mittagszeit, Antonia liest gerade in einem Buch, steht dann pl\u00f6tzlich die Frau im Garten und schaut auf das Meer hinaus. Mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand umwickelt sie Str\u00e4hnen ihrer langen Haare, ihre Bewegungen sind monoton und der Blick ist starr aufs Wasser gerichtet. Leise summt sie ein Lied. Antonia macht sich durch ein R\u00fccken des Gartensessels bemerkbar. Die Frau dreht sich um und l\u00e4chelt:<br \/>\n\u201eEin sch\u00f6ner Tag, oder?\u201c, ihre Stimme ist leise und zittrig.<br \/>\n\u201eGuten Tag, ich hei\u00dfe Antonia. Ja, es ist wundersch\u00f6n hier auf der Insel.\u201c<br \/>\n\u201eMein Name ist Elisa.\u201c Sie n\u00e4hert sich dem Gartenzaun, h\u00e4lt den Kopf nun seitlich und begutachtet Antonias Verandatisch.<br \/>\n\u201eAcht Stufen.\u201c<br \/>\n\u201eWie bitte?\u201c, fragt Antonia verwundert.<br \/>\n\u201eAcht Stufen, vom Garten bis zum Meer. Endlich und unendlich. Eine magische Zahl.\u201c<\/p>\n<p>Antonia sieht nun die wundersch\u00f6nen, smaragdgr\u00fcnen Augen ihrer Nachbarin und den ebenm\u00e4\u00dfigen Teint. Sie wirkt zart und zerbrechlich. Ohne ein weiteres Wort verschwindet Elisa im Haus und dreht die Musik wieder an. \u201eDie Moldau\u201c, die mit einer Querfl\u00f6te leise pl\u00e4tschernd beginnt und dann Fahrt aufnimmt. Antonia sch\u00fcttelt den Kopf, geht ins k\u00fchle Haus, schlie\u00dft Fenster und T\u00fcren und genie\u00dft die Ruhe.<\/p>\n<p>\u201eJetzt reicht es aber!\u201c Sie kann es nicht fassen. Die Musik im Nachbarhaus will und will nicht enden, mit zunehmender Tagesl\u00e4nge steigt auch die Lautst\u00e4rke des ewig gleichen Orchesterwerkes. Kurz vor Sonnenuntergang ist der L\u00e4rm unertr\u00e4glich und Antonia geht in den Garten, will mit Elisa sprechen. Das Fenster des Schlafzimmers ist ge\u00f6ffnet und die Frau steht vor dem Spiegel, in einer Hand h\u00e4lt sie eine gro\u00dfe Schere, in der anderen ihre Haare.<\/p>\n<p>Antonia \u00f6ffnet die Gartent\u00fcr und betritt das Grundst\u00fcck.<br \/>\n\u201eElisa! Hallo? Bitte k\u00f6nntest du die Musik leiser machen?\u201c<br \/>\nElisa reagiert nicht, langsam und mit konstanten Bewegungen schneidet sie Str\u00e4hne f\u00fcr Str\u00e4hne ihrer Haare ab. Tr\u00e4nen laufen \u00fcber ihre Wangen, ihre Augen sind weit ge\u00f6ffnet und starren in den Spiegel, sie schneidet weiter ihre Haare, bis nur noch eine wirre, ungepflegte Kurzhaarfrisur \u00fcbrig bleibt.<br \/>\nAntonia dr\u00fcckt die T\u00fcrklinke nach unten, die T\u00fcr ist verschlossen. Sie klopft und ruft, doch Elisa h\u00f6rt sie nicht.<br \/>\n\u201eHimmel noch eins!\u201c W\u00fctend stapft Antonia wieder in ihr Haus.<\/p>\n<p>Ein gellender Schrei l\u00e4sst sie aus dem Schlaf hochschrecken. Sie lauscht. Hat sie getr\u00e4umt? Sie h\u00f6rt nur das Meeresrauschen, pl\u00f6tzlich ein weiterer lang anhaltender, schriller Schrei, der die Nacht durchbricht. Sie tritt ans Fenster und sp\u00e4ht ins Dunkel, kann nur einen hellen Farbklecks am Strand erkennen. Im Nachbarhaus ist es finster und der Schrei kam definitiv aus der Richtung des Meeres. Stille. Nur das leise Pl\u00e4tschern der Wellen am Felsen. Antonia wirft einen Blick auf die Uhr, es ist 03:30, sie beschlie\u00dft, nochmal ins Bett zu gehen.<\/p>\n<p>Das Badetuch umgeh\u00e4ngt, in Badeanzug und Strandschuhen schlendert Antonia fr\u00fchmorgens m\u00fcde \u00fcber die Stufen zum Strand. Sie erstarrt. Vor ihr liegt ein wei\u00dfes Kleid auf den Felsen, daneben Flip-Flops und Unterw\u00e4sche. Es sind Elisas Sachen, das erkennt sie sofort. Antonia sucht das Meer ab, es ist niemand zu sehen, kein Schwimmer, kein Boot, nichts. Sie l\u00e4uft die Treppe wieder hoch, sucht Garten und Umgebung des Hauses ab.<\/p>\n<p>\u201eElisa?\u201c, ruft sie durch das noch immer offen stehende Schlafzimmerfenster. Langsam dr\u00fcckt sie die T\u00fcrklinke hinunter, es ist offen, sie sp\u00e4ht in den Wohnraum. \u201eElisa?\u201c, fragt sie nochmals. Sie sieht die Unordnung auf dem Sofa und dem Couchtisch. Leere, umgekippte Gin-Flaschen, benutzte Gl\u00e4ser, Kleider, Schuhe, alles wild durcheinander auf Boden und M\u00f6beln. Antonia \u00fcberlegt kurz, ob sie eintreten soll, entscheidet dann aber, dass sie zur Polizei f\u00e4hrt.<\/p>\n<p>\u201ePolicajac Branko Paravi\u0107\u201c, steht auf dem Schild an der T\u00fcr. Der H\u00e4ndedruck des Kommissars ist kr\u00e4ftig, seine dunklen Augen sind aufmerksam auf Antonias Gesicht gerichtet.<br \/>\n\u201eWas kann ich f\u00fcr Sie tun?\u201c, fragt er in ausgezeichnetem Deutsch.<br \/>\n\u201eMein Name ist Antonia Steger. Ich habe ein Haus in der s\u00fcdlichen Bucht gemietet. Mit meiner Nachbarin muss etwas passiert sein, ihre Kleider liegen am Strand und sie antwortet nicht, wenn ich nach ihr rufe.\u201c Antonia spricht mit zittriger Stimme.<br \/>\n\u201eAh, in DER Bucht. Hei\u00dft ihre Nachbarin zuf\u00e4llig Elisa?\u201c, fragt er.<br \/>\n\u201eJa, genau. Also ich kenne sie nicht so gut, sie ist erst seit zwei Tagen hier, aber irgendwas stimmt da nicht.\u201c<br \/>\n\u201eIch werde mir das am besten vor Ort ansehen. Aber sie m\u00fcssen wissen, dass uns diese Frau schon bekannt ist. Es gab wegen ihr so manche Anfragen, Beschwerden. Wissen Sie, wie die Bucht noch genannt wird?\u201c<br \/>\n\u201eNein, das wei\u00df ich nicht?\u201c<br \/>\n\u201eDie Bucht der Verr\u00fcckten.\u201c<\/p>\n<p>Antonia richtet ihren Blick aus dem Fenster. Die bunten H\u00e4user in der engen Gasse stehen dicht aneinandergereiht. Geklapper von Geschirr ist aus den K\u00fcchen zu h\u00f6ren und ein verlockender Geruch nach mediterranem Essen dringt an ihre Nase.<br \/>\n\u201eWir fahren jetzt gemeinsam zum Haus, in Ordnung?\u201c Der Kommissar nimmt den Autoschl\u00fcssel vom Schreibtisch und h\u00e4lt Antonia die T\u00fcr auf.<\/p>\n<p>Branko Paravi\u0107 hockt neben der Kleidung am Felsstrand. Antonia bemerkt den breiten, kr\u00e4ftigen R\u00fccken des Mannes und die grau melierten, dichten Haare. Er macht einen sportlichen Eindruck, ein Mann in den besten Jahren, der sich fit h\u00e4lt.<br \/>\n\u201eIst Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?\u201c<br \/>\n\u201eNun, ich wollte Elisa abends zur Rede stellen, weil sie die Musik so laut aufgedreht hatte &#8230;\u201c<br \/>\n\u201eDie Moldau? Von Smetana?\u201c, fragt Paravi\u0107 und richtet sich wieder auf.<br \/>\n\u201eJa, genau. Dann habe ich beobachtet, dass sie sich die Haare ganz kurz geschnitten hat. Die sch\u00f6nen Haare \u2026\u201c<br \/>\n\u201eF\u00fcr mich h\u00f6rt sich das eher nach Suizid an, wenn ich ehrlich bin\u201c, entgegnet der Kommissar.<br \/>\n\u201eAber warum dann die Schreie in der Nacht?\u201c, fragt Antonia.<br \/>\n\u201eWelche Schreie? Davon haben Sie nichts gesagt.\u201c<br \/>\n\u201eIch bin um drei Uhr nachts wach geworden. Zweimal h\u00f6rte ich eine Frauenstimme vom Meer her\u00fcber, die Stimme klang sehr \u00e4ngstlich und beunruhigend!\u201c<br \/>\n\u201eSind Sie ganz sicher? Nicht getr\u00e4umt?\u201c<br \/>\n\u201eAber ja!\u201c<\/p>\n<p>Der Kommissar legt Antonia die Hand auf die Schulter und f\u00fchrt sie \u00fcber die Treppe in den Garten.<br \/>\n\u201eSie m\u00fcssen wissen, diese Urlaubsh\u00e4user hier geh\u00f6rten dem Mann von Elisa. Er ist leider vorigen Sommer mit dem Motorboot verungl\u00fcckt. Seine Leiche wurde nie gefunden, das Boot ist am Festland gestrandet. Er ist sp\u00e4t abends alleine rausgefahren, nach einem Streit mit seiner Frau.\u201c Branko Paravi\u0107 betrachtet die H\u00e4userfassaden, massiert sich den Nacken und f\u00e4hrt fort:<br \/>\n\u201eDarum kam ich auf den Gedanken, dass sich Elisa vielleicht das Leben genommen hat. Sie kam nicht dar\u00fcber hinweg. Also, ich fahre jetzt mal ins Kommissariat und komme sp\u00e4ter nochmal vorbei. Geht es Ihnen gut?\u201c<br \/>\n\u201eJa, ja, alles in Ordnung.\u201c<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter holt Antonia ihre Badesachen, sie will noch eine Runde schwimmen nach diesem aufregenden Tag. Die angenehme W\u00e4rme des Wassers umh\u00fcllt sie, sie schwimmt hinaus, holt tief Luft, taucht unter und zieht kr\u00e4ftig ein paar Meter unter Wasser. Als sie auftaucht, sp\u00fcrt sie eine seltsame kalte Str\u00f6mung an den Beinen, ein eigenartiger Wirbel umsp\u00fclt sie und zieht sie hinunter. Mit ge\u00f6ffneten Augen erkennt sie zahlreiche kleine Fische, die dem Strudel zu entrinnen versuchen. Sie kann wieder an die Oberfl\u00e4che gelangen, schnappt nach Luft, nimmt die pl\u00f6tzliche Tr\u00fcbung des Meeres um sie herum wahr. Ganz verzweifelt paddelt sie mit den Armen, um ans Ufer zu gelangen. Erst jetzt bemerkt sie, dass sie sehr weit vom Land entfernt ist. Wieder wird sie von einer unsichtbaren Gewalt in die Tiefe gerissen, tosendes Rauschen in ihrem Kopf, sie strampelt, paddelt mit aller Kraft, kommt wieder an die Oberfl\u00e4che. Antonia sieht das Auto des Kommissars in die Einfahrt fahren, wieder scheint sie etwas an den Beinen zu fassen. Eine Hand, sie umklammert fest ihren rechten Kn\u00f6chel, zieht an ihrem Fu\u00df, sie taucht wieder unter, strampelt, kurz l\u00e4sst die Hand ihr Bein los, um, nachdem sie f\u00fcr Sekunden auftauchen und schreien kann, sie wieder in die Tiefe zu ziehen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"http:\/\/schreiblust-verlag.de\/mitmach-projekt\/schreibaufgabe-august-2019\/haus-am-meer\" target=\"_blank\">Erstver\u00f6ffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a> | Inventarnummer: 19137<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine sanfte Brise l\u00e4sst die Gardinen an der Verandat\u00fcr flattern, Antonia genie\u00dft die kleine Abk\u00fchlung nach dem hei\u00dfen Sommertag. 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