Robin Hood in Gumpoldskirchen

Neulich fand ich im Internet ein Meme: Ein grüngekleideter Typ mit Schnauzbärtchen und ein weiterer, etwas dickerer Kerl unterhalten sich zwischen Büschen hockend. Der Dicke: „Hast du mein Deo gestohlen?“
Antwort: „Ich stehle von den Reichen und verteile es unter den Armen.“
An wen muss man denken, selbst wenn es hier kein Foto von Erol Flynn in froschgrünem Wams und Strumpfhosen gibt?
Genau.
An einen Gesetzlosen, der vor achthundert Jahren dafür gekämpft haben soll, dass Richard Löwenherz (der nebenbei England nicht sonderlich mochte und sein Herz in Frankreich begraben ließ) seinem Bruder Johann Ohne Land England wieder abjagen konnte (das der sich während des brüderlichen Kreuzzuges angeeignet hatte).

Um Enttäuschungen zu vermeiden, vorab ein Dementi: Robin Hood war nie in Gumpoldskirchen.
Die Marktgemeinde am Rande des Wienerwaldes im Bezirk Mödling ist dabei wirklich ein hübscher Ort. Ursprünglich wollte ich gar nicht hierher, sondern ins 16 Kilometer entfernte Kaltenleutgeben, wo Mark Twain gekurt und wovon er in seiner Autobiografie berichtet hatte. Nix ist es damit geworden, ähnliche Aerosole wie der von mir heiß geliebte Schriftsteller zu inhalieren.
Stattdessen stieß ich dort, wo sogar der Reblaus eine Skulptur gewidmet ist, auf eine Räubersgeschicht’ aus der Zeit der K.-u.-k.-Monarchie nach 1848.

Wenn man die Hauptstraße mit ihren niedrigen, in die Tiefe ragenden, hübsch bunt getünchten Bauten bergauf entlanggeht, landet man hinter dem Kirchenplatz an der Pforte eines Schlosses. Mit meiner Freundin, die mir ein fürwahr nobles Kulturwochenende zu meinem Sechziger geschenkt hatte, floh ich vor der mittäglichen Hitze eines Julisamstags in das Gebäude, das Friedrich II. dem Deutschen Orden geschenkt hatte und heute als Seminarhotel geführt wird. Auf dem Weg zur Kapelle begegneten wir einem freundlichen Herrn mit schütterem Haupthaar in gediegenem Hemd und Edeljeans, der uns bat, hinter uns die Türen zu schließen, wenn wir das Haus erkundeten.
Dieses war liebevoll mit hübschen Blickfängen eingerichtet, wie etwa wunderschönen Kachelöfen, würdevollen Sekretären (Möbelstücken, keine Schreibtischhengste) und Nippes. Auf einem im Vergleich prosaisch wirkenden Beistelltischchen begegnete ich dem Herrn nochmals zweidimensional auf einem Hochzeitsfoto mit der Aufschrift: Ihr Gastgeber, Fürst Ladislaus-B.-S., was vielleicht nicht jeden Leser dieser Zeilen hinterm Ofen hervorlocken mag, mich aber umso mehr bewegte, zunächst allerdings ohne zu wissen, warum. Eigentlich hab ich es gar nicht so mit Adel.

Am Abend recherchierte ich dennoch ein wenig Feudalgeschichte. Das Stammschloss der noblen Familie lag in der Ortschaft K. in Ungarn, einen Katzensprung von der österreichischen Grenze entfernt. Dieses Faktum ließ bis tief in die Nacht hinein in meinem Kopf ein Glöckchen erklingen, sodass ich kaum noch Schlaf fand. Eine alte Familienerzählung begann aus den Untiefen meines Gedächtnisses langsam ins Bewusstsein zu wabern.
Dass ich diese unglaublichen Begebenheiten sogar noch nach gut 180 Jahren zu berichten weiß, verdanke ich übrigens meiner Urgroßmutter, die sich mit etwa 75 Jahren entschloss, eine Autobiografie zu verfassen, die es allerdings nur auf sechs, von einer ihrer Töchter getippte Seiten brachte. Aber die sind fürwahr gehaltvoll, wie ich mich dank einer in meinem Besitz befindlichen Fotokopie überzeugen konnte.
Darin steht unter anderem, dass meine Vorfahren (in Bayern damals wenig beliebte Protestanten) wahrscheinlich kurz vor 1800 direkt in das kleine etwas verschlafene Örtchen K. zogen, wo sie ein Gasthaus pachteten, das den Namen Krone heute noch trägt.

Einer in der Reihe meiner Ahnen und der Pächter war ein im kaiserlichen Wien ausgebildeter Tierarzt. Sein Sohnemann und mein Ur-Urgroßvater Karl Schwartz hegte im Halbstarkenalter eine Vorliebe für Waffen, mit denen er auch hantierte. Unglücklicherweise erlegte er bei Schießübungen auf einen Kirschbaum anstatt der anvisierten Spatzen die Lieblingskatze seines Vaters. Der vertrat äußerlich stoisch (innerlich wohl mit blutendem Herz) die Meinung, wenn einer schon so gerne mit Waffen herumblödle, solle er das gefälligst beim Militär tun.
Es traf sich, dass anwerbende Soldaten ihre Stiefelplattler in den dortigen Wirtshäusern vollführten, denn Habsburg brauchte Kämpfer für den Sardinisch-piemontesischen Krieg. Tatsächlich zählte anno dazumal die Aufführung von Verbunkós – zu Deutsch Anwerbetänze – zu den erfolgreichsten militärischen Werbeschmähs. Und so kämpfte Karl in der Folge neun Jahre vergeblich (wie man heute weiß) in der und um die Lombardei, indem er dort Brücken baute.

Als er mit verdammt wenig Sold doch glücklicherweise unversehrt heimkam, musste er leider feststellen, dass seine Brüder den väterlichen Besitz unter sich aufgeteilt hatten.
Doch Ladislaus B.-S. ’ Alt-Onkel, also der jenes Herrn, dem ich in Gumpoldskirchen begegnet war, griff meinem Altvorderen unter die Arme und gab ihm das Kaffeehaus Zur Krone.
Mit einer Bleibe sowie einer sinnvollen, weit weniger mörderischen Arbeit denn zuvor versehen, konnte Karl Schwartz sich auf Freiersfüße begeben und die ehrbare Maria Habetler als Braut heimführen. Damit erhöhte sich übrigens statistisch auch die Wahrscheinlichkeit meiner Existenz.
Mein Vorfahre erhielt, als er dreifacher Familienvater geworden, eine nicht ungefährliche Chance, sich bei den hochwohlgeborenen B.-S. zu revanchieren. Gesetzlose, die Betyáren genannt und mit Robin Hood und dessen Gesellen verglichen wurden, trieben damals in Ungarn ihr Unwesen.

Zwischen Betyáren und Räubern oder gar Strauchdieben gab es sowohl in der Benennung als auch in der Beurteilung einen Unterschied. Betyáren sollen sich nur so viel angeeignet haben, wie sie unbedingt zum Lebensunterhalt brauchten, und auch dies nur von den Wohlhabenden, in erster Linie von denen, „die das arme Volk aussaugten“. Kein Wunder also, dass die Betyáren von den Volksschichten, denen sie entstammten, besonders unterstützt wurden: von Hirten, Gutsknechten und armen Bauern, welche ihnen Zuflucht boten.
Die Banden formierten sich in einer Stärke zwischen drei und sechzig Mann und waren vor allem im letzten Viertel des neunzehnten Jahrhunderts auch ziemlich habsburgfeindlich gesinnt.
Der berühmteste Gesetzlose war der fesche Rózsa Sándor (1813 –1878). Wer ihn googelt, wird mit dem Anblick eines Mannsbilds mit einem Schnurrbart wie zwei schnalzende Peitschenriemen in wahrlich pittoresker Csikóstracht belohnt. Er hatte Ostungarn unsicher gemacht, dort, wo eineinhalb Generationen später mein Opa aufwuchs. (Derjenige meiner Vorfahren, der die Enkelin des wehrhaften Kaffeehauspatrons heiratete und mit ihr 1956 nach Österreich floh.)

Nachdem man den K.-u.-k.-Robin Hood gefangengenommen hatte (in der Puszta, wo der Himmel so tief hängt, dass man die Sterne husten hört, kann man sich auf Dauer kaum gut verstecken), saß er in der Festung Kufstein ein. Historischen Quellen zufolge bastelte er aus Rosshaaren Ringe als Andenken und verzierte kleine Schachteln mit Strohhalmgemälden, die unter anderem die „RESIDENS SALZBURG“ darstellten und die er seinen Moritaten-Groupies, pardon, ehrbaren Besucherinnen mit besonders romantischer Ader, überreichte.

Gesetzlosen-Banden trieben auch in Westungarn ihr Unwesen.
Meine Urgroßmutter erinnerte sich, etwa zehn Jahre alt gewesen zu sein, als lauter Wortwechsel sie und ihre Geschwister in ihrem Elternhaus in K. spät in der Nacht aus dem Schlaf riss. Wohnung und Kaffeehaus befanden sich in demselben Gebäude, das Kinderzimmer war von der Gaststube nur durch eine Glaswand und einen schweren Vorhang getrennt.
Die Aufgeweckten schoben den Vorhang etwas beiseite und sahen quasi von ihren Bettchen aus ihren Vater mit seiner Flinte in der Hand einen Betyáren zur Rede stellen, der knapp nach der Sperrstunde sich’s im Kaffeehaus bequem machen wollte. Glücklicherweise hatte der seine Flinte draußen bei der Eingangstüre angelehnt, bevor er das Krone betrat.
Was er denn nächtens in seinem Etablissement zu suchen habe, drang der unerschrockene Cafetier in seinen nicht eben vertrauenserweckenden Gast.

Der Ganove muss ein wenig einfältig gewesen sein oder aber mit Wohlwollen gerechnet haben, verriet er doch ziemlich umfassend seine verbrecherischen Vorhaben. Er wolle hier auf zehn Spießgesellen warten. Mit seinen Kumpanen habe er vor, so lange auszuharren, bis alle im gegenüberliegenden Schloss, das von der noblen B.-S.-Familie bewohnt wurde, schlafen gegangen seien. Dann würden sie einsteigen und paar Sachen mitgehen lassen.
Der späte, zwielichtige Gast war niemand Geringerer als der 1921 in den Bakonywäldern nördlich des Plattensees erfrorene, als letzter Betyáre bezeichnete Oroszlán Páli (Löwen-Pauli), von dem sogar heute noch ein Altersfoto im Internet herumgeistert. Darauf sieht er übrigens gar nicht schrecklich aus, sondern eher wie ein lieber, alter weißbärtiger Greis, den man durchaus gerne umarmen würde.
Er habe sogar ein Gymnasium besucht und sowohl auf Deutsch als auch auf Ungarisch makellos schreiben können, sei aber mit einen gewalttätigen Vater geschlagen gewesen. Mit fünf Freunden habe er, nachdem er von zu Hause ausreißen konnte, eine Straßenbande gegründet und sei mehrmals von der Polizei erwischt und verhaftet worden. Man sagte ihm Gutherzigkeit und Großzügigkeit gegenüber Armen und Kindern nach. Nur Reiche seien beraubt und niemals Menschen getötet worden, erzählen die um ihn gesponnenen Legenden.
Räuber-Romantik hin oder her, Karl Schwartz brüllte ihn an, er solle sich zum Teufel scheren und schleuderte dem Fersengeld-Gebenden noch dessen Waffe nach. Ohne Zeit zu verlieren, pfefferte er ein paar ordentliche Salven in die nächtliche Luft, sodass das gesamte Dorf zusammenlief und so jeder Plan, den Raub später nachzuholen, gründlich vereitelt wurde. Dem ungeschriebenen Kodex der „Solidarität des einfachen Volkes“ folgend verriet der wehrhafte Kaffeehauspächter keinen einzigen der elf Banditen, aber ihr Süppchen hatte er ihnen dennoch gründlich versalzen. So konnte er seinem Mäzen mit vergleichbarer Münze die Wohltat vergelten, die der ihm erwiesen hatte, als er verarmt aus dem Krieg heimgekehrt war.

Ich konnte mir’s nicht verkneifen, das auch dem hochwohlgeborenen Urur-(wieauchimmer)-Großneffen per Mail mitzuteilen, worauf er mir auf traditionell monarchistische Art dankte. Es habe ihn sehr gefreut.
Ein bisschen wünschte ich mir dann doch Robin Hood nach Gumpoldskirchen. Frei nach dem Motto: Lieber Langbogen als Stock-im-Allerwertesten.

Antonia H.

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