„Brot ist nie hart“
Mit Dank für die Erzählung an meine Gattin Irmgard
„Brot ist nie hart“, sagte der Vater immer, wenn sich seine Kinder beschwerten, dass das Brot ungenießbar sei. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren karge Zeiten. Essen wurde nicht weggeworfen, auch hartes Brot wurde stets vertilgt.
Die Kinder kannten die Geschichte, von der dieser Satz rührte. Eines seiner Enkelkinder schrieb sie dann auf.
Sie geht folgendermaßen:
Im Zweiten Weltkrieg war der Vater aufgrund seines Glaubens als Zeuge Jehovas in einem Konzentrationslager interniert. Er bekam eine schwere Lungenentzündung. Sein Aufseher ließ nicht zu, dass ein Arzt seinen Zustand begutachtete. „Du wirst sowieso sterben“, sagte er zu ihm. Jedoch wärmten ihn seine Mitgefangenen. Abwechselnd legten sie sich zu ihm, so lange, bis sein Fieber nachließ, mehrere Wochen lang. Das war seine einzige Behandlung. Sie rettete ihn vor dem sonst sicheren Tod.
Jahrzehnte später traf der Vater, nun auch ein Großvater, in Graz zufälligerweise auf seinen ehemaligen Aufseher, der nun, so wie er, ein alter Mann war. Der Vater erkannte ihn innerhalb weniger Sekunden.
Sein ganzer Schrecken war ihm abhandengekommen, er war schwach geworden, doch in des Vaters Augen gänzlich nicht bemitleidenswert. Wahrscheinlich erkannte auch der ehemalige Aufseher den Vater, doch er ließ sich nichts anmerken.
Der Vater trat vor ihn, sah ihn gerade an. Er sagte ihm, wer er war, sonst nicht viel, aber dieser eine Satz war dabei. „Und doch habe ich überlebt!“
Das ist wahre Härte.
Johannes Tosin
(Text und Foto)
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