Koma
„Sie kehrt zurück“, sagte die Stimme. Regina schlug die Augen auf, die verklebt waren. „Sie sind von einer langen Reise wiedergekommen“, sagte die Stimme der Krankenschwester. Regina sah ihren rechten Arm hinunter, der über und über blau war. In der Armbeuge war ein Butterfly befestigt. Sie bewegte die Zehen. Kaum eine Regung war spürbar. Sie winkelte ihr linkes Bein an, versuchte, ihr linkes Bein anzuwinkeln. Es blieb schlaff und starr.
Der Arzt nickte der Schwester zu. „Soll ich Ihnen einen Spiegel bringen?“, fragte sie Regina. Regina schüttelte den Kopf, sachte; ruckartige Bewegungen waren nicht möglich. „Wir hatten nicht mehr damit gerechnet, dass Sie wieder aufwachen würden“, wandte sich der Arzt an sie. „Es sind vierzehn Jahre vergangen seit dem Unfall.“ Regina kramte in ihren Erinnerungen. Das Letzte, woran sie sich erinnern konnte, war der sich überschlagende Wagen, an dessen Steuer sie gesessen war. Sie war nicht angegurtet gewesen. Auf dem Beifahrersitz war ihr Sohn. „Was ist mit meinem Sohn?“, fragte sie den Arzt. „Er ist wohlauf“, sagte der Arzt, „er ist jetzt ein junger Mann.“ „Ruhen Sie sich noch etwas aus“, mischte sich die Schwester ins Gespräch, „damit Sie zu Kräften kommen.“ Regina hatte den zweiten Teil des Satzes nur noch undeutlich vernommen. Sie hörte nicht mehr, wie der Arzt zur Schwester sagte: „Sie ist wieder unter den Lebenden.“ Sie war wieder eingeschlafen.
Bilder stiegen auf in ihrem Kopf. Sie hatte wieder gelernt, zu träumen. Man schob ihr Bett in ein anderes Zimmer. Die Herz-Lungen-Maschine würde nicht mehr benötigt werden. Der Schlauch, der in ihre Nase führte, mittels dessen sie künstlich ernährt worden war, wurde entfernt. Das Elektrokardiogramm zeigte stabile Herztöne.
Als sie aufwachte, blickte sie in die Augen einer diesmal anderen Krankenschwester. „Kann ich bitte ein Glas Wasser haben?“, fragte sie. Nachdem sie es auf einen Zug geleert hatte, sie fasste es mit beiden Händen, die dabei zitterten, und es kostete sie gewaltige Mühe, den Kopf hochzuhalten, hatte sie den Mut zu sagen: „Würden Sie mir bitte einen Spiegel bringen?“
Sie sah ein kreidebleiches, eingefallenes Gesicht, das von tiefen Falten durchzogen war. Nichts war geblieben von seiner ehemaligen Schönheit. Es war das Gesicht einer alten Frau, umrahmt von schneeweißen Haaren, die früher dunkelbraun gewesen waren. Als sie den Mund öffnete, bemerkte sie, dass etliche Zähne fehlten, die verbliebenen waren gelb. Ihre braunen Augen waren stumpf, wässrig. „Erschrecken Sie nicht!“, besänftigte sie die Schwester, „Sie sind soeben wiedergeboren worden und beginnen nun Ihr zweites Leben. Ich werde den Psychologen holen“, fuhr sie fort. Sie verschwand, ließ Regina mit ihrem Schmerz alleine.
Ein rundlicher Mann mit Halbglatze erschien, der den Eindruck machte, als sei, sympathisch zu wirken, Teil seiner Arbeit. „Ich heiße Heimo Burckhardt“, stellte er sich vor, „es freut mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Frau Sonnenwind.“ Herrn, den akademischen Grad hatte er verschwiegen, Burckhardts nächste Äußerung wäre vermutlich: „Fragen Sie mich, was Sie wissen wollen“ gewesen, doch sie kam ihm zuvor: „Wo ist mein Mann?“ Spannung trat in sein ausdrucksloses Gesicht. „Ihr Mann ist nicht mehr Ihr Mann. Er hat sich scheiden lassen.“ Regina ließ die Schultern tief in die Matratze sinken. Sie wollte gar nicht fragen: „Warum?“, doch Herr Burckhardt erklärte es ihr: „Sie sind zu lange weggewesen. Ihr Mann hat jahrelang auf Sie gewartet. Nach sechs Jahren lernte er eine andere Frau kennen und reichte die Scheidung ein, die rechtswirksam ist. Er hat neu angefangen. Und Sie werden das auch tun, vorerst auf sich alleine gestellt.“ Da erst wurde ihr bewusst, dass niemand außer Pflegepersonal in ihrem Zimmer war, keine Vase mit frischen Schnittblumen neben ihr. Man schien sie nicht erwartet zu haben. Man schien sie vergessen zu haben.
Plötzlich klang eine Melodie aus Herrn Burckhardts Hosentasche. Er nestelte das Handy hervor, das quaderförmig, war, mehr als zehn Zentimeter lang, vielleicht sieben Zentimeter breit und ziemlich flach, mit einem großen Display, offensichtlich eine Weiterentwicklung. Er drückte auf einen seiner Knöpfe, wobei die Melodie verstummte, und hielt es an sein Ohr. „Hier Doktor Burckhardt“, sagte er. Seine vertrauenserweckende Stimme bekam einen ernsten Klang. „Ich komme sofort“, schloss er das Gespräch. „Entschuldigen Sie mich bitte für einige Zeit.“ Er reichte Regina die Hand, die sie nicht ergreifen konnte, und verließ schnellen Schrittes den Raum. Gleichzeitig kam die Krankenschwester herein. Wenigstens war Regina jetzt nicht alleine.
Weshalb bist du von mir gegangen?, dachte sie und wusste die Antwort schon, als die Schwester sie ansprach. „Sie fühlen sich nicht gut, was? Verständlicherweise. Wie kann ich Ihnen helfen, bis Doktor Burckhardt sich wieder mit Ihnen befassen wird?“ „Ich fühle mich leer, so leer“, antwortete Regina. „Warum ist mein Sohn nicht bei mir?“, fragte sie. „Er studiert Betriebswirtschaftslehre in Wien und bereitet sich auf wichtige Prüfungen vor, soviel wir wissen. Er wird Sie bald besuchen“, entgegnete die Schwester.
Da trat Doktor Burckhardt erneut ins Zimmer. „Ist sie stark genug, die Wahrheit zu verkraften?“, flüsterte er zur Schwester. „Ich hoffe. Ich denke schon“, erwiderte sie. „Frau Sonnenwind, ich habe Ihnen etwas mitzuteilen: Es stimmt nicht. Ihr Sohn hat den Unfall nicht überlebt. Sein Genick wurde gebrochen“, sagte er mit einem Gesicht aus Stein. Regina spürte, dass sie keine Tränen mehr hatte. „Ich will nur noch schlafen. Bitte gehen Sie“, sagte sie und drehte sich zur Seite, wollte sich zur Seite drehen, doch es blieb beim Versuch.
Sie träumte ihr Leben, das ein verlorenes war. Sie träumte von Jakob, den sie als Baby im Arm hielt und dem sie die Brust gab. Sie wünschte sich, bei ihm zu sein. Aber sie wusste, selbst im Traum, dass die harte Wirklichkeit sie wieder hatte, es ihr Schicksal gewesen war, zu überleben, obwohl ihre Lebensgeister sie längst verlassen hatten. Sie, Regina, die nicht mehr Schritt halten konnte, da sie verlernt hatte, zu gehen.
Johannes Tosin
(Text und Foto)
www.verdichtet.at | Kategorie: ärgstens | Inventarnummer: 26029
