{"id":9954,"date":"2019-07-23T11:45:02","date_gmt":"2019-07-23T11:45:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9954"},"modified":"2019-07-28T06:20:24","modified_gmt":"2019-07-28T06:20:24","slug":"geschichte-einer-annaeherung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9954","title":{"rendered":"Geschichte einer Ann\u00e4herung"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9954&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9954&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Eine Liebesgeschichte sollte es werden. Ja, so war es geplant. Und dass alles etwas aus dem Ruder gelaufen ist, tja, daf\u00fcr kann ich bestimmt nichts. Also das soll jetzt keine Rechtfertigung werden oder so, dass das gleich von Beginn an klar ist. Ich bin nicht der gro\u00dfe Erz\u00e4hler, eher ein Mann weniger Worte. Aber das muss jetzt sein, das muss aufgeschrieben werden, vor allem f\u00fcr mich selbst, weil ich immer noch nicht glauben kann, was alles geschehen ist, und warum das ausgerechnet mir so passieren musste.<\/p>\n<p>Vielleicht hab ich zu Beginn unserer Beziehung ein bisschen zu viel von meiner Ex erz\u00e4hlt, das kann durchaus sein. Dass sie meine erste gro\u00dfe Liebe war. Und wie gut sie mir gefallen hat. Was sie immer gesagt hat, wie sie mich zum Lachen und auch zum Nachdenken brachte. Ich hab vermutlich geschw\u00e4rmt von ihr, weil ich noch nicht ganz dr\u00fcber hinweg war, dass sie gegangen ist, einfach davon. Und mich sitzen gelassen hatte, wie man so unsch\u00f6n sagt.<\/p>\n<p>Ich kann mir auch vorstellen, dass das f\u00fcr die \u201eNeue\u201c, also jene, mit der sich danach etwas anbahnte, nicht so angenehm war, diese Vergleiche, das Schw\u00e4rmen von vergangenen Zeiten. Aber trotzdem. Das alles h\u00e4tte nicht sein m\u00fcssen. Und ich hatte mit Mona viel vor, echt. Ich konnte mir eine gemeinsame Zukunft vorstellen. Und sie auch, das sagte sie mir immer wieder. So weit schienen wir uns also einig zu sein. Aber was wei\u00df ein Mann schon? Ich hab versucht zu ergr\u00fcnden, was\u00a0 in ihr vorging, doch sie war und blieb mir ein R\u00e4tsel.<\/p>\n<p>Die richtigen Merkw\u00fcrdigkeiten begannen damit, dass Mona eines Tages (wir wohnten noch nicht zusammen und sahen uns alle paar Abende nach der Arbeit und gelegentlich f\u00fcr Spontanunternehmungen am Wochenende) mit einem neuen Tattoo auf ihrem rechten Schulterblatt erschien. Es war ein eher g\u00e4ngiges Motiv: ein Schmetterling mit ein paar Schmuckgirlanden oder Zweigen drumherum. Solche h\u00fcbschen bunten Tierchen waren damals auf den K\u00f6rpern vieler junger Frauen gelandet; auch meine Ex hatte eine \u00e4hnliche T\u00e4towierung gehabt. Ich war wohl genau deshalb etwas irritiert, lie\u00df mir aber nichts anmerken, denn woher sollte Mona davon wissen; und so heftig, wie sie inzwischen auf meine Geschichten \u00fcber meine ehemalige Freundin reagierte, sagte ich lieber nichts \u00fcber die mir nicht ganz unbekannte Zierde. Ich war mir auch sicher, dass ich ihr nie von dem Schmetterling erz\u00e4hlt hatte, und zwar aus einem einfachen Grund: Er hatte mir nie wirklich gefallen; er war ein bisschen kitschig f\u00fcr meine Begriffe und die Farben eher pastellig und nicht besonders naturgetreu gehalten. Darum hatte er auch in meinen Erz\u00e4hlungen keinen Platz gefunden.<\/p>\n<p>Zum zweiten Mal also war ich nun mit einem solchen K\u00f6rperschmuck konfrontiert, der mir wie sein Vorg\u00e4nger nicht besonders gut getroffen erschien, und murmelte etwas eher nicht so begeistert Zustimmendes auf die Frage, ob er mir denn gefalle.<br \/>\nUm keine Missverst\u00e4ndnisse zu erzeugen: Damit kann ich leben. Mir muss nicht alles gefallen. Es reicht, wenn es ihr gef\u00e4llt und ich es nicht allzu h\u00e4sslich finde, sodass ich mich nicht zu sehr verbiegen muss bei der Antwort. Nun, der Fall war also erledigt, meinte ich damals.<\/p>\n<p>Der Schmetterling wurde allerdings mehr Thema, als mir lieb war. Am Anfang war er noch mit einer Art Folie abgedeckt gewesen, die am \u00e4u\u00dferen Rand mit Heftpflaster fixiert war, denn die T\u00e4towierung war ja frisch gestochen und die Stelle sollte sich nicht entz\u00fcnden. Sp\u00e4ter trug Mona noch zwei, drei Wochen lose Shirts dar\u00fcber, denn die Haut sollte nicht gleich Sonnenbrand abbekommen. Und bei den Gelegenheiten, an denen ihre Haut unbedeckt war, wusste ich anderes zu fokussieren als ein noch so buntes Insekt. Belanglos, das war das Ding f\u00fcr mich.<\/p>\n<p>Anscheinend war bei ihr das Gegenteil der Fall: Immer wieder kam er zur Sprache, ihr gefl\u00fcgelter Freund, irgendwie wirkte sie geradezu fixiert auf das Thema. So tat ich ihr den Gefallen und sah mir das Tattoo einmal genauer an, um es anschlie\u00dfend (ja, das h\u00e4tte ich auf mich genommen, um wieder meine Ruhe zu haben \u2026) ausf\u00fchrlich zu loben. Damit erhoffte ich, das Thema zu beenden.<\/p>\n<p>Ich merke gerade, dass ich dabei sehr lange verweile, diese Episode zu erz\u00e4hlen, aber irgendwie war dieser Moment der Anfang von etwas Gr\u00f6\u00dferem, Eigenartigerem, das ich bis heute nicht ganz verstanden habe. Jedenfalls, der genaue, nachtr\u00e4gliche Blick zeigte: Der Schmetterling war nicht das gleiche Motiv wie bei meiner Exfreundin, sondern es war dasselbe. Das identisch selbe, um genau zu sein. Und da blieben mir meine geplanten Komplimente im Halse stecken. Ich \u00fcberlegte: derselbe T\u00e4towierer, der zuf\u00e4llig diese eine Vorlage zweimal f\u00fcrs Stechen genommen hatte? Konnte das sein? Immerhin lagen Jahre dazwischen. Oder ich irrte mich, und Romanas Schmetterling hatte doch etwas anders ausgesehen? Es war lange her, dass ich diesen gesehen hatte, und ich war kaum jemals n\u00e4her daran interessiert gewesen. Romana hatte ihn damals schon am Leib getragen, als wir uns kennengelernt hatten, keines ihrer herausragendsten Merkmale jedenfalls.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich brachte ich doch ein paar zusammenh\u00e4ngende Worte heraus, und Mona, schlau, wie sie war, merkte genau mein Z\u00f6gern. Gl\u00fccklicherweise konnte ich das Thema wechseln, und der Abend verlief dann doch noch ganz angenehm.<br \/>\nMir lie\u00df da aber etwas keine Ruhe: Am darauffolgenden Tag checkte ich das Facebook-Profil meiner Ex. Es war ewig her, dass ich das getan hatte (ich war seit dem Beziehungsende abgemeldet), und es gelang nur \u00fcber einen Umweg: Mein Arbeitskollege war seit vielen Jahren mit ihr befreundet, und als ich ihn bat, mal kurz seinen Account benutzen zu d\u00fcrfen, deutete ich an, ich w\u00e4re hinter einer anderen Frau in seinem Umfeld her und wollte ihren Beziehungsstatus checken, und er nannte mich einen \u201etollen Hecht\u201c. Er argw\u00f6hnte also nichts und nahm seine Pause, und ich sah mir in Ruhe beziehungsweise ein paar Minuten lang das Facebook-Profil von Romana an. Auf einem der Urlaubs-Bikini-Fotos wurde ich f\u00fcndig: Wenn auch aus leicht seitlicher Perspektive zu sehen, gab es keinen Zweifel: Romanas T\u00e4towierung glich der von Mona wie ein Ei dem anderen.<br \/>\nDie Freundesliste von Romana f\u00f6rderte noch Erstaunlicheres zutage: Sie war mit Mona befreundet. Was im Falle von Romana nicht viel hie\u00df: Besa\u00df sie doch einige hundert \u201eFriends\u201c, von denen sie den allergr\u00f6\u00dften Teil nicht pers\u00f6nlich kannte, oft waren es Bekannte von Bekannten, denen die Frau einfach gefiel und die ihr Leben interessant fanden. Romana hatte auch fr\u00fcher schon beinahe alle Freundschaftsanfragen von Frauen und die der meisten M\u00e4nner best\u00e4tigt. Mich haute diese Verbindung aber beinahe noch mehr aus den Socken als die Schmetterlingsentdeckung.<\/p>\n<p>Mona damit zu konfrontieren, lie\u00df ich lieber sein. Dann meinte sie wom\u00f6glich, ich w\u00fcrde ihr nachspionieren, und eine Richtigstellung konnte auch nicht gelingen: Denn dass ich eigentlich nach Romana gesucht hatte, machte die Sache nicht besser.<\/p>\n<p>Ich wurde argw\u00f6hnischer, beobachtete Mona genauer. Und pl\u00f6tzlich fiel mir auf, dass sie sich \u00e4hnlich wie Romana kleidete. Darauf w\u00e4re ich ansonsten niemals gekommen, aber der Profil-Check mit der Sichtung der vielen Fotos hatte meine Aufmerksamkeit anscheinend gesch\u00e4rft. Und damit nicht genug: Die B\u00fccher, die Mona las, waren alle in Romanas Liste; die Filme, die sie schaute, waren Favoriten von Romana. Die Musik, die Mona h\u00f6rte, hatte Romana in ihrem Profil bei den Lieblingsbands angegeben, \u2026 Es gab nichts, was Mona nicht von ihrer Vorg\u00e4ngerin kopiert h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Fast h\u00e4tte sie es zu einem perfekten Abschluss gebracht, doch ich kam ihr zuvor.<br \/>\nIch sah Mona an und sah Romana in ihr \u2013 entdeckte pl\u00f6tzlich die gro\u00dfe \u00c4hnlichkeit, die gleiche Haarfarbe, die Art, sich zu schminken, den abgestimmten Schmuck, die Kleidung, Schuhe \u2026 Nur eines sah ich nicht: ihre Pers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>Dass es Mona \u201enur beinahe perfekt\u201c gelungen w\u00e4re, Romana nachzufolgen, stimmt eigentlich doch nicht, f\u00e4llt mir jetzt gerade, wo ich es niedergeschrieben habe, auf. Mona hat schlussendlich doch geschafft, was sie immer wollte: meine Exfreundin zu sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 19089<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine Liebesgeschichte sollte es werden. Ja, so war es geplant. Und dass alles etwas aus dem Ruder gelaufen ist, tja, daf\u00fcr kann ich bestimmt nichts. Also das soll jetzt keine Rechtfertigung werden oder so, dass das gleich von Beginn an klar ist. Ich bin nicht der gro\u00dfe Erz\u00e4hler, eher ein Mann weniger Worte. 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