{"id":9826,"date":"2019-06-07T15:20:08","date_gmt":"2019-06-07T15:20:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9826"},"modified":"2019-11-17T10:01:51","modified_gmt":"2019-11-17T10:01:51","slug":"an-den-raendern-des-universums","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9826","title":{"rendered":"An den R\u00e4ndern des Universums"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9826&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9826&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Ein Leseerlebnis mit Karl Lubomirskis Gedichtband \u201eUnbewohnbares Rot\u201c<\/em><br \/>\n<em>(L\u00f6cker Verlag, Wien, 2019, ISBN 978-3-85409-961-1)<\/em><\/p>\n<p>Es gibt viele Wege, die einen zur Lekt\u00fcre eines Buches f\u00fchren k\u00f6nnen. Alle haben etwas R\u00e4tselhaftes an sich, das wir uns nicht immer erkl\u00e4ren k\u00f6nnen. Was zieht uns vom ersten Moment an? Was erregt die Aufmerksamkeit, die Neugierde? Einer dieser Wege f\u00fchrt \u00fcber den Titel.<\/p>\n<p>Karl Lubomirski w\u00e4hlt f\u00fcr seinen neuen Gedichtband den Titel <em>\u201eUnbewohnbares Rot\u201c<\/em>.<br \/>\nDas machte mich sofort neugierig, auch wenn das unbewohnbare Rot nicht sofort eing\u00e4ngig war. Aber Rot ist immerhin die normative Signalfarbe. Eine unbewohnbare Farbe ist aufs erste Lesen oder H\u00f6ren ein unhandlicher Wortklotz. Ich habe eine Abneigung gegen die bar-Worte, noch dazu mit der negativen Vorsilbe un-! Uncharmant wie unleistbares Wohnen. weil sie immer eine Notl\u00f6sung sind, eine Ungenauigkeit, um die sich jemand nicht gen\u00fcgend bem\u00fcht zu haben scheint. Ich habe die Gewohnheit, immer alles sofort umzudrehen und auf den Kopf zu stellen. Bewohnbares Rot. Wei\u00df, schwarz \u2013 w\u00e4re das eine bessere Variante? Und \u00fcberhaupt, was soll das, ein Wohnen in einer Farbe? Unbewohnbar \u2013 bewohnbar, das geht noch, aber was ist das Gegenteil von Rot?<\/p>\n<p>Warum meint er, uns mit einem solchen sperrigen Wortkonglomerat wie un-be-wohn-bar anziehen zu k\u00f6nnen?<br \/>\nAber das alles sind widerl\u00e4ufige Gedanken vor dem Lesen. Ungef\u00e4hr so wichtig wie das Um- und Umdrehen des Buches oder das Bl\u00e4ttern darin.<\/p>\n<p>Du kannst fragen so viel du willst, Karl Lubomirski wird es dir nicht sagen. Wie ein <em>\u201eKnocking on Heavens Door\u201c<\/em> und Aufstampfen mit den F\u00fc\u00dfen. So wie dort kannst du dir die Stirn blutig schlagen. Kein Klappentext, kein Vor- oder Nachwort gibt dir einen Anhalt. Das ist sicher seine Absicht und nicht den mageren Finanzen von Poesieverlegern geschuldet. Er will uns wohin f\u00fchren. Nur, wohin? Also muss ich mich einlassen. Lesen und immer wieder lesen im unbewohnbaren Rot. Ich kann jetzt schon sagen: Es macht gl\u00fccklich und gl\u00fccklicher bei jedem Wiederlesen. Der Inhalt \u00fcbertrifft das Geheimnis des Titels, der \u00fcbrigens in keinem Gedicht vorkommt. Eine Spurenlegung mit F\u00e4hrtensuche?<br \/>\nEr unterteilt auf 92 Seiten die Gedichte in vier Kapitel. Nein, zu viel gesagt, er bringt uns mit \u00dcberschriften auf den Weg, verlockt uns und lockt. Ja, aber wohin? An die R\u00e4nder des Universums und in die eigene Mitte.<\/p>\n<p>Der in seinem Leben durch viele Weltgegenden gereiste Karl Lubomirski ist als Lyriker ein Seelenwanderer durch die Geschichte des Humanismus und ein Verteidiger der Kunst gegen die W\u00fcsten des Kommentars. Mit seinem Dichterfreund und Universalgelehrten GeorgeSteiner l\u00e4sst sich sagen: <em>\u201eDas Gedicht kommt vor der Auslegung. Das Gedicht ist, der Kommentar bedeutet.\u201c<\/em><br \/>\nFast eine Binsenwahrheit, aber es so klar auszusprechen und es subjektiv zu benutzen, ist f\u00fcr mich die einzige Art, mich K.L. zu n\u00e4hern. Die vier Kapitel hei\u00dfen:<\/p>\n<p><em>Suche<br \/>\nDie Pforte<br \/>\nDuldungen<br \/>\nWem<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Ich werde jetzt ein Wort zur\u00fccknehmen: <em>Inhalt<\/em>.<\/p>\n<p>Ich will nur noch dem Gewicht eines Gedichts nachsinnen, gleichg\u00fcltig, ob es drei Worte hat oder \u00fcber eine Seite geht. Nie kommt er mit Pauken und Trompeten daher, sondern eher mit einem Saitenklang einer Harfe oder dem Hauch einer Schilfrohrfl\u00f6te. Aber wenn sich der Leser der Wucht seiner feinen Worte hingibt, verst\u00e4rken sie sich zu Symphonien, die \u00fcber Berge und W\u00fcsten dahinbrausen, wenn man sich auf sie einl\u00e4sst, sie in sich einl\u00e4sst. Vor mir taucht das Bild einer Biene auf, die auf einer Blume nach Nektar sucht. Wie schwer wiegt das Gewicht einer Biene, wenn sie im Kelch verschwindet? Nur die Schwingung des St\u00e4ngels wird es dir verraten. Und doch wissen wir, dass es ohne die Arbeit der Bienen keine Natur und keine Menschen g\u00e4be. Eine \u00fcbergro\u00dfe Verantwortung. Der fast vergessene tschechische Dichter Ivan Blatn\u00fd \u00a0hat einmal ein Gebet-Gedicht f\u00fcr die Erl\u00f6sung der Bienen geschrieben. Br\u00fcder im Geiste \u2013 das Gewicht der Bienen und die W\u00e4rme zwischen den Schneegl\u00f6ckchen.<br \/>\nEs ist kein Wunder, dass Lubomirski bei vielen unterschiedlichen Menschen Glocken zum Klingen bringt. Seine Gedichte sind bisher in 29 Sprachen \u00fcbersetzt.<em><br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>SCH\u00c4RFERE KONTUREN<br \/>\nEs war ein Leben auf Probe<br \/>\nWeltkrieg, Notl\u00f6sung<br \/>\nAuschwitz<br \/>\nviel Ferne, Fremde, Schmerz<br \/>\nVersagen, Beschr\u00e4nkung<br \/>\nHoffen<br \/>\nden Sinn von allem<br \/>\nzu verstehen<br \/>\nder den Ozean erschuf<br \/>\nhat auch dich erschaffen<br \/>\nvielleicht<br \/>\nist es zwischen zwei Schneegl\u00f6ckchen<br \/>\nw\u00e4rmer<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>UND DOCH<br \/>\nist Gott<br \/>\nworaus auch Liebe ist<br \/>\nnur gr\u00f6\u00dfer<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>DAVID<br \/>\nDavid sch\u00fctzte nur ein Kiesel<br \/>\ndieser Kiesel aber<br \/>\nwar Gott<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>IN DEN BERGEN des Gl\u00fccks<br \/>\nentspringen die Quellen des Leids<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>JESUS<br \/>\nSch\u00f6n ist<br \/>\ndich unter uns zu wissen<br \/>\nunerkannt<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>VIELLEICHT IST die Allmacht Gottes<br \/>\nzu sein<br \/>\nund<br \/>\nnicht zu sein<br \/>\nwann<br \/>\nund wem<br \/>\nER will<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>CHRISTUS vielleicht<br \/>\nwieder vom Kreuz nehmen<br \/>\nseine Wunden waschen<br \/>\nn\u00e4hen, salben<br \/>\nihn ankleiden<br \/>\num Vergebung bitten<br \/>\nsich zu ihm unter den Baum setzen<br \/>\nzuh\u00f6ren<br \/>\nund fragen<br \/>\nwo er so lang gewesen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>MACH DEINEN FRIEDEN mit der Welt<br \/>\numarm den Baum<br \/>\neh er Kreuz wird<br \/>\nleg dich nicht weg<br \/>\ndas tun die anderen<br \/>\ndie nie mehr nach dir suchen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Nicht blo\u00df in Geschichte und Politik, sondern im Alltagsleben werden Probleme ja nicht gel\u00f6st, sondern ignoriert, bis andere, noch gr\u00f6\u00dfere Probleme sie von der Tagesordnung verdr\u00e4ngen. So gesehen sind Lubomirskis Gedichte poetische Metaphern f\u00fcr das Vergehen der Zeit, die alle menschlichen Bem\u00fchungen unterl\u00e4uft.<\/p>\n<p>Die obigen Gedichte des Kapitels <em>\u201eDuldungen\u201c<\/em> spenden Trost, ob sie nun Gott, Jesus, Christus oder David ansprechen. Der Dichter stellt ihnen menschliche Fragen, er appelliert an Christus, den Mensch gewordenen Gottessohn, als Mensch, macht sie nicht gr\u00f6\u00dfer als sich selbst und hat vielleicht deswegen Fragen, die jeder stellen kann und bekommt Antworten mit menschlichem Angesicht. Ich, als nicht gl\u00e4ubiger Mensch, kann sie annehmen und in mich aufnehmen, Tag f\u00fcr Tag das Bild mit mir herumtragen, dass Jesus immer unter uns ist, wenn auch unerkannt. Also m\u00fcsste man immer so handeln, als w\u00e4re er unter uns und in den anderen gegenw\u00e4rtig. Das ist die eigentliche Sensation, die permanente Revolution des Christentums, wenn man den Jesus des Lubomirski beim Wort nimmt.<br \/>\n<em>\u201eEdle Einfalt und stille Gr\u00f6\u00dfe\u201c:<\/em> Winckelmanns ber\u00fchmte Formel f\u00e4llt mir zu Lubomirski ein, dessen Gedichte unspektakul\u00e4r daherkommen und sich gerade deshalb mit Widerhaken im Bewusstsein der Leser festsetzen.<\/p>\n<p>Unter der \u00dcberschrift <em>DIE PFORTE<\/em> kommen die 21 Gedichte daher wie ein weiser und wissender Reisebegleiter durch die ganze Welt. Aber keiner wie von einer Agentur f\u00fcr Spa\u00df und Abenteuer, Kreuzfahrtsversprechungen von V\u00f6llerei und falscher Freiheit.<br \/>\nKreta, Apennin, Griechenland, \u00c4gais, Zypern, Bosporus, Ligurien, Buchara, Karthago, Kilimandscharo. Er f\u00fchrt \u00fcberall hin. In die Geschichte und Politik, in die Tageslagen und in die Natur. Aber immer zu den Menschen zur\u00fcck und zu dir selbst. Er hat diese Meere und Bergketten selbst oft durchfurcht. Und wir bekommen daraus Diamanten und Rubine geschenkt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>DU<br \/>\nDu warst im Ozean der Menschen<br \/>\nmein Seepferdchen<br \/>\ndann Meer<br \/>\nund sein Refrain<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>Einen Tag vorher<br \/>\nhabe ich gehofft<br \/>\neine Stunde vorher<br \/>\neine Minute vorher<br \/>\nhabe ich gehofft<br \/>\nund seither hoffe ich<br \/>\ndass alles nicht wahr sei \u2026<br \/>\ndie Weltarche, das Sintflut-Leben<br \/>\nund kein Ararat<br \/>\noder doch<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>ALLES WAR MIR KRETA<br \/>\nalles Labyrinth<br \/>\naus deiner Augenhelle<br \/>\nf\u00fchrte kein K\u00f6nigskind<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Texte, die reichen, um einem demn\u00e4chst Achtzigj\u00e4hrigen, einem philosophisch, geschichtlich und \u00e4sthetisch Denkendem zu folgen. Wohin? An die R\u00e4nder der Universums, durch es hindurch zum Leser zur\u00fcck. Dabei spielt das biologische Alter keine Rolle. Vielleicht sollte es unerw\u00e4hnt bleiben. Aber mir pers\u00f6nlich ist es wichtig, immer wieder die alterslose Frische und Jugend der Gedichte zu genie\u00dfen. Es kommt eben auf etwas anderes an: die F\u00e4higkeit der st\u00e4ndigen Neuerschaffung und die Unverg\u00e4nglichkeit der Kunst. Wer Lubomirski in sein Leben einl\u00e4sst, wird nicht mehr so leicht verzweifeln und versinken in all den angesagten Katastrophenbildern. Ein Ankerplatz der Hoffnung.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich ist er einer der modernsten lebenden Dichter. Modern, was hei\u00dft das schon \u2013 ein Dichter, den unsere Zeit gerade braucht. Mit einem Sp\u00fcrsinn, der sich so frei bewegt durch die abendl\u00e4ndische Schriftkultur wie kaum ein anderer.<\/p>\n<p>Lubomirski ist Spross einer uralten F\u00fcrstenfamilie, als Polen-Litauen eine mitteleurop\u00e4ische Gro\u00dfmacht war und deren Mitglieder seither immer eine Rolle in Politik und Kultur spielten.<br \/>\nAber man kann nicht die Geschichte Ost- und Mitteleuropas studieren, ohne \u00fcber den Namen Lubomirski zu stolpern, ohne (er will es sicher nicht \u2013 und ich auch nicht) die genealogische Karte auszuspielen. Das w\u00e4re viel zu kurz gefasst und w\u00fcrde seinen pers\u00f6nlichen Verdiensten und Errungenschaften nicht gerecht. Aber dem nachzusinnen, das wird doch erlaubt sein.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt auch sein Verm\u00f6gen, weit entfernte Lebens- und Wissensbereiche zusammenzudenken. Und das oft in einer K\u00fcrze und Pr\u00e4gnanz, so wie in einem Wassertropfen das ganze Meer enthalten ist, in einem Kristall das ganze Erdinnere.<\/p>\n<p>Nicht einmal das Cover gibt ein eindeutiges Rot wieder. Rosa, Pink, Dunkellila, dazwischen Wei\u00df in scharfen Dreiecken und Trapezen. Ihre Spitzen stechen ins Auge, wo sie zusammentreffen. Kein Rot einer Rose oder eines Klatschmohns, so wie wir die Farbe kennen. Oder in einer Staatsfahne. Vielleicht denkt noch jemand an die gesch\u00fcrzten Lippen einer Marilyn Monroe.<\/p>\n<p>Wenn ich nichts, gar nichts, von Karl Lubomirski geh\u00f6rt und nichts von ihm gelesen h\u00e4tte und nur dieses eine Gedicht bekommen h\u00e4tte, w\u00fcrde ich ihn noch mehr lieben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>WEINE NICHT<br \/>\nsuch die Glockeng\u00e4rten auf<br \/>\nin deiner Stadt<br \/>\neh sie verstummen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ich lebe und schreibe gerade im Wiener Bezirk Wieden nahe an der Paulanerkirche. Ihre barocken Glocken klingen zu mir her\u00fcber, im Viereck der Karlskirche, St. Elisabeth und der Heiligen Thekla. Allein f\u00fcr ein Wort wie <em>GLOCKENG\u00c4RTEN<\/em> m\u00fcssen wir den Dichter lieben und ihn dankbar herzen. Was schwingt da alles mit an Kl\u00e4ngen und Bildern! Eine Wolke, ein Regenbogen, ein Kosmos. Ich sehe alte Stadtansichten von Wien und stelle mir Panoramen des Karl Lubomirski von Innsbruck und Mailand vor. Wer immer das liest, h\u00f6rt je sein eigenes Moskau, Prag, K\u00f6ln oder Krakau. Die <em>\u201eSchwalben von Krakau\u201c<\/em>, ein Gedicht aus einem fr\u00fcheren Gedichtband, sind lange, liebgewordene Begleiter geworden. H\u00f6chste Poesie und Zeitgeschichte in einem Tropfen von Poesie. Jeder kann die Schwalben h\u00f6ren und erahnen, wenn die M\u00e4dchen die letzten Himbeeren sammeln, kurz vor der Katastrophe.<br \/>\nDanach wird es keine M\u00e4dchen und ihre Liebsten mehr geben, keine Schwalben und keine Himbeeren.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>DIE SCHWALBEN<br \/>\nDie Schwalben fliegen in<br \/>\nKrakau nicht h\u00f6her<br \/>\naber die M\u00e4dchen<br \/>\npfl\u00fccken ihren Liebsten<br \/>\nnoch Himbeeren<\/em><\/p>\n<p>Aus <em>\u201ePropyl\u00e4en der Nacht\u201c<\/em>, Gedichte 1960 \u2013 2000, Edition Atelier<br \/>\nWie viele Geschichtsb\u00fccher muss ein Mensch lesen, um diese Tragik zu verstehen?<\/p>\n<p>Ich vermute, dass er auch immer Babylon mitdenkt. Hatte Babel Glockent\u00fcrme? Wahrscheinlich nicht, die Historiker schreiben nichts davon, aber der Dichter h\u00e4tte sie trotzdem geh\u00f6rt. Vom Tod zur Vernichtung bis zur Auferstehung. Daher darf ich sagen, er tr\u00f6stet, beschenkt und bereichert.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>TOSKANISCHE VESPER<br \/>\nBlausamtene Tagesfl\u00fcgel<br \/>\nS\u00e4belstimmen der Schwalben<br \/>\nZypressen, M\u00f6nche<br \/>\nwilde Eber<br \/>\nletzte heilige \u00c4pfel am Baum<br \/>\nm\u00fcde Hornissen<br \/>\nwache Fasane<br \/>\nMusikgelage in heiligen Gr\u00e4bern<br \/>\nbeim Fl\u00f6tenspiel etruskischer G\u00e4ste tief in den H\u00fcgeln<br \/>\nwo alte Vulkane<br \/>\nmit Erdbebenh\u00e4nden<br \/>\num D\u00f6rfer w\u00fcrfeln<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>VOR DER JADEPFORTE KNIEN<br \/>\nhinter der die Menschenwege aufrecht stehen<br \/>\nwie Tafeln im Archiv der Schritte<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Aber dann ist gleich wieder alles anders.<br \/>\nVon der Trauer in die Hoffnung gest\u00fcrzt, und immer wieder umgekehrt.<br \/>\nFrisch und unterhaltend. Erkenntnisse, keine festen, aber wie die Geheimnisse der Steine von Rosetta. Wir wollen davon nur noch mehr. Ein Wort mehr von Lubomirski k\u00f6nnte uns erl\u00f6sen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>GIB ACHT<br \/>\ndas Amulett an deinem Hals<br \/>\nlockt auch Barrakudas<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wie in jedem Lyrikband l\u00e4sst uns Lubomirski an seinen Selbstreflexionen teilnehmen, an seinem Blick auf die Rolle des K\u00fcnstlers. Immer kritisch und doch selbstbehauptend.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>K\u00dcNSTLER<br \/>\nSind anders<br \/>\nhaben die Welt nicht im Griff<br \/>\nsie sind harmlos, arm<br \/>\nhoch \u00fcber schattigem Riff<br \/>\nvon wo man Ewigkeit sieht<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>P.S: Diesen Text, mein pers\u00f6nliches Nachsinnen \u00fcber sein Buch, kommentierte Karl Lubomirski mit einem Gedicht:<\/p>\n<p><em>DICHTER<br \/>\nUnscheinbar<br \/>\nwie Nachtigallen<br \/>\nsingen sie<br \/>\nim Dickicht der Gedanken<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wien, am 28.4.19<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Ver\u00f6ffentlicht i<\/em><em>n:<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.erika-mitterer.org\/dokumente\/ZK_2019-2\/seyr_lubomirski_universum_2019-2.pdf\" target=\"_blank\">Der literarische Zaunk\u00f6nig &#8211; die Zeitschrift der Erika Mitterer Gesellschaft,<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.erika-mitterer.org\/dokumente\/ZK_2019-2\/seyr_lubomirski_universum_2019-2.pdf\" target=\"_blank\"> Ausgabe 2\/2019<\/a><\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 19082<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Leseerlebnis mit Karl Lubomirskis Gedichtband \u201eUnbewohnbares Rot\u201c (L\u00f6cker Verlag, Wien, 2019, ISBN 978-3-85409-961-1) Es gibt viele Wege, die einen zur Lekt\u00fcre eines Buches f\u00fchren k\u00f6nnen. 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