{"id":975,"date":"2014-02-09T11:42:48","date_gmt":"2014-02-09T11:42:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=975"},"modified":"2014-03-25T12:28:24","modified_gmt":"2014-03-25T12:28:24","slug":"das-fleisch-unsrer-kinder-zart","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=975","title":{"rendered":"Das Fleisch unsrer Kinder zart"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts975&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts975&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Da ward ein Fremder am Tore verlangend nach Einlass, mit ihm sein Eslein, dem auf dem R\u00fccken nach vorne er beugte sich. Ein Weiter, es blieb ihm verwehrt. Des Fremden Faust, sie ward steif und gefror\u2019n dann geschickt gen Himmel, mit der Kraft der, die seine letzte war. Wie k\u00f6nne er, ein M\u00e4nnlein, ein schwaches kleines, kein Einlass bekommen zu so einer derart Stadt? Mit den Zinnen der M\u00e4uer, dick mit Gold sie beschlagen, einer welchen, derer ihr Wachposten, so es schien, nicht zu erkennen im Stande ward, welch Elend da vor ihm st\u00fcnde. Von wie weit her er gekommen schon, erkenne er sie denn nicht, die W\u00e4rme, um die er zu betteln sich nicht mehr zu schade ward? An der Kutte durchn\u00e4sst, in den Rissen der Frostbrand, an den \u00c4rmeln, den magren, am Anblick, schier j\u00e4mmerlich ganz? Erkenne er denn das nicht?, fragte der Fremde, bem\u00fcht im guten Glauben, die Antwort doch, sie sch\u00fcttelte durch ihn mit Graus:<br \/>\n\u201eNein, mein Herr. Das erkenne ich nicht, mein Herr.\u201c<br \/>\nDer Wachposten gab Antwort, gleich h\u00f6flich wie ernst ebenso, und tat die gute Lanze drei Mal am Boden dann aufstampfen.<br \/>\nWorauf sich eine Gestalt erhob.<br \/>\nIm Lichte der Fackeln, tiefer drin in der Stadtmauer Rachen,\u00a0 beinah im Vorhof bald schon. Dorten, dort schl\u00fcrfte ihr Schatten gar garstig das Bier mit den Lippen vom Barte sich noch, und eilte nach vorne hin.<\/p>\n<p>Der Fremde.<br \/>\nEntgegen ihm rief, entgegen ihm rief im Verzweifeln:<br \/>\n\u201eSind sie jener Einer, der sich zeigt hier f\u00fcr dies hier verantwortlich? F\u00fcr diese Schmach, die hier frisch mir wird angetan?\u201c<br \/>\n\u201eStets zu Diensten, euer von und zu Gnaden! Stets zu Diensten.\u201c<br \/>\nDer Kommandant.<br \/>\nHeran er kam, und er trat hin vor des Esleins N\u00fcstern trocken, mitnichten gewillt, den Hof zu machen dem Fremden. Mit den Armen verschr\u00e4nkt gleich vorm ledernen Harnisch, dem Bauche dick, breit stand er da zu Verbergen seines Korporals Z\u00e4hne, die aus dem Mund ihm schon kamen spitz.<br \/>\n\u201eIhr Anliegen, euer Durchlaucht?\u201c<br \/>\n\u201eMein Anliegen?! Seid ihr bei Trost so wenig wie die Mannschaft, die ihr euer nennt? Brot und Wasser und ein Platze zum Schlafen, das Einz\u2019ge wonach es mir sehnen kann, nicht? Wie allem auf Gottes Erden?\u201c<br \/>\n\u201eAuf des Herzogs Befehl: mitnichten!\u201c, ein Schreiben eins, mit Grobheit sehr, der Kommandant zog aus dem Beutel um die Schulter.<br \/>\nDas Papier ward br\u00e4unlich.<br \/>\nDas Siegel ward wie Blut.<br \/>\nIm Wachse gebrochen, zwei Drachen gefangen, der Kommandant hielt vors Gesicht sie dem Fremden nun hin, auf das nicht zu \u00fcbersehen mehr ward, die Schwere seiner Worte.<br \/>\n\u201eWas drau\u00dfen sei, das bleibe dorten!\u201c<\/p>\n<p>Der Kommandant.<br \/>\nStramm senkten sich die Brauen seiner Augen rot.<br \/>\n\u201eNur wisset ihr denn selbst noch nicht?! Die Ungetiere! Sie lauern dort, dort jenseits unsrer Mauer! Auf uns, und auf das Fleisch unserer Kinder zart!\u201c<br \/>\nDer Fremde.<br \/>\nEr hob sein eisig Hand zum Kiefer hoch und ergriff es, den Witze suchend in dem, was er grade geh\u00f6rt. Seine Stirn, dem Zeugnis seiner Ohren nicht ganz trauen sie wollte, sein Kinn, es tat bewegen dann sich:<br \/>\n\u201eBei allem Ernst, der euch sei zugestanden: ein Ungetier? Ein Dunkelheit Gespinst? Das darf nicht hindern doch niemand am Atmen. Am Stillen von dem Hunger, der nur Hefe und Weizen hat im Sinn.\u201c<br \/>\n\u201eSehr wohl, der Herr! Auf des Herzogs Befehl, sehr wohl!\u201c<br \/>\n\u201eWas drau\u00dfen sei, das bleibe dorten! Also vergessen schon?\u201c, der Korporal, er johlte, \u201eHinfort mit euch, ihr, der ihr doch nur eines wollt!\u201c<\/p>\n<p>Die Fersen tiefer in die Seiten gedr\u00fcckt seinem Eslein sa\u00df der Fremde nun, schlecht sich f\u00fcgend. Die Z\u00fcgel fest, im Griffe schwach, ein Huf ward asbald an der Luft oben. Ein Schnauben kurz folgte, aus des Esleins Hals es sich kratzte wie Regen z\u00e4h. Regen z\u00e4h, einer welcher, der auf dem Kommandanten sein Wangen dann nieder flog, hei\u00df und fiebrig.<br \/>\n\u201eHalt, werter Herr, werter Herr, Einhalt! Was gedenken wir vorzuhaben? Die Ungetiere! Ihr selbst k\u00f6nntet eines sein!\u201c<br \/>\n\u201eEin Ungetier? Eines ich? Sagt, seht ihr nicht das Leid an mir, das nur als Mensch uns plagt?\u201c<br \/>\n\u201eDer Herr, warum denn, der Herr? Was haben der Herr zu verbergen denn, da\u00df sein Menschsein so betonen er m\u00fcsse hier?\u201c<br \/>\nDer Korporal.<br \/>\nEr fragte hervor das von hinter dem Kommandanten sein m\u00e4chtig R\u00fccken, des Korporals Knie, wie am Haupt so viel Haare, was der Fremde nicht sah jedoch noch.<br \/>\n\u201eVerbergen? Ich? Wer tut sich verstecken denn da? Hinter dem Kommandanten seinem? Hinter den Ziegeln aus Stein? W\u00e4r\u2019 ich denn ein Ungetier, sagt, w\u00e4r\u2019 ich nicht schon eines? H\u00e4tt\u2019 um Erlaubnis ich je gefragt, ob mein Leben ich retten darf?\u201c<br \/>\nDer Fremde.<br \/>\nDas zu bedenken er gab, und an den Z\u00fcgeln er zog, soda\u00df sich streckte der Nacken des Esleins gar gr\u00e4sslich.<br \/>\nEs tat iahen dann.<br \/>\nHeiser erb\u00e4rmlich.<\/p>\n<p>Kommandant jedoch, und Korporal, bewegten sich kein St\u00fcckchen nicht trotzdem, die Finger lang und l\u00e4nger. Vom Korporal, die Augen schr\u00e4g sie sich stellten, in tiefer und tiefer H\u00f6hlen. Die Lanze sie, um Erbarmen sie knirschte, vor der Klaue der, die sich schloss um ihr\u2019n Hals aus Holz.<br \/>\n\u201eZu verbergen nichts, der Herr? Nichts? Warum ist sein Kleidung dann gar so gar ausgeleiert? So weit schon die Kutte, da\u00df verh\u00fcllen den Schweif sie schon muss, heraus aus des Ungetiers Stei\u00dfbein?\u201c<br \/>\nDer Korporal.<br \/>\nDie Nase, sie wuchs ihm zum Maule.<br \/>\n\u201eDie Kutte weit? Oh nein, ihr versteht nicht! Viel zu mager nur drunter ist der Leib schon geworden mir. Der, der, so es euch sei gedankt, sich formt zum Gerippe noch g\u00e4nzlich.\u201c<br \/>\nDer Fremde.<br \/>\nDie Z\u00fcgel er peitschte, mit Pech in den Venen, des Esleins Brust sich schob dem Kommandanten zu seiner hin ganz nah.<br \/>\n\u201eLetzte Warnung! Die letzte, der Herr! Was drau\u00dfen sei, das bleibe dorten, so auch ihr! Mit euer aller M\u00e4rchen, mit allem eurem Leugnen von dem Ungetier, das steckt doch in euch drin.\u201c<\/p>\n<p>Der Fremde.<br \/>\nBeim Blinzeln schnell, verlor die Augen beinah er an die Lider, \u201eNun gut, nun zum hundertsten Male! Aufs Neue: Seht mich an! Kann\u2019s sein, wovor es f\u00fcrchtet euch, die Not ist, die mich ziert? Hier? Da\u00df etwas m\u00f6glich ist der Art? Und drunter ich bin so wie ihr?\u201c<br \/>\nAn seiner Zunge rau sich weitend, der Korporal fast verschluckte sich.<br \/>\n\u201eDen Mund, er so voll hier nicht nehme, bei Gott, der Herr!\u201c, bald scheppern es tat, retour von den W\u00e4nden. Die Lanze, die gute, entzwei sie gebrochen ward, hindurch ihr getrieben des Korporals Krallen, nur Sch\u00e4rfe \u00fcber, wo keine Hand mehr ward.<br \/>\nDer Mond.<br \/>\nHinein ins Tor er kroch.<br \/>\n\u201eWas drau\u00dfen sei, das bleibe dorten!\u201c<\/p>\n<p>Der Kommandant.<br \/>\nSich \u00e4u\u00dferlich dann auch verlor sich ganz.<br \/>\nDie Haut, zu w\u00f6lben sie begann des Kommandanten Ellen, lodernd, in vieler Wellen Gang. Asbald. In B\u00fcschel trockner Gischt ans silbrig Licht der Pelz dann platzte ihm, bis all das, was einst menschlich, bedeckt nun ward mit Gier.<br \/>\nGefletscht, die Z\u00e4hne, sie zeigten sich.<br \/>\nDie Tropfen klar, vom Stahle wei\u00df.<br \/>\nBei\u00dfen tat daweil nur der Wind.<br \/>\nDer Korporal.<br \/>\n\u201eWas drau\u00dfen sei, das bleibe dorten! Dann unsers selbst ist das Fleisch unsrer Kinder zart!\u201c<br \/>\nDer Kommandant.<br \/>\nEr leckte \u00fcber die Lippen sich l\u00fcstlich.<br \/>\n\u201eNur unsres, der Herr, nur unsres!\u201c<br \/>\nDer Fremde dann.<br \/>\nEr kam dann zum Sprechen nicht mehr.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Markus Peyerl<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.markuspeyerl.at\" target=\"_blank\">www.markuspeyerl.at<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 14023<em><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da ward ein Fremder am Tore verlangend nach Einlass, mit ihm sein Eslein, dem auf dem R\u00fccken nach vorne er beugte sich. Ein Weiter, es blieb ihm verwehrt. Des Fremden Faust, sie ward steif und gefror\u2019n dann geschickt gen Himmel, mit der Kraft der, die seine letzte war. 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