{"id":9630,"date":"2019-04-05T06:49:42","date_gmt":"2019-04-05T06:49:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9630"},"modified":"2019-04-22T15:40:15","modified_gmt":"2019-04-22T15:40:15","slug":"xx-15","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9630","title":{"rendered":"Post aus der Vergangenheit"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9630&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9630&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Nach einer Idee von meinem Sohn Michael<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Mein verehrter Herr Klarm\u00fcller,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Klagenfurt, 1. September 1956<\/em><\/p>\n<p><em>Sie kennen mich <\/em><em>nicht, aber ich kenne Sie. Sie hei\u00dfen Robert Klarm\u00fcller, sind siebenundvierzig Jahre alt, verheiratet mit Ramona, die f\u00fcnfundvierzig Jahre z\u00e4hlt. Sie haben drei gemeinsame Kinder, Wilhelm, sechzehn Jahre alt, Marlies, f\u00fcnfzehn Jahre alt und <\/em><em>Horst, neun Jahre alt. Sie arbeiten als Softwaretechniker bei der Firma Datinform. Zudem haben Sie seit neun Monaten eine Geliebte, die Jasmin hei\u00dft, Sie nennen sie Jello. Sie ist zweiunddrei\u00dfig und nat\u00fcrlich h\u00fcbsch, blond und blau\u00e4ugig.<br \/>\n\u00dcber mich gibt es wenig zu sagen, au\u00dfer dem, dass ich Hans Rosen hei\u00dfe und in der Tritscherstra\u00dfe 11 wohne. Sie k\u00f6nnen schon an dem Umstand sehen, dass ich Sie kenne, da ich \u00fcber Ihre Situation Bescheid wei\u00df.<br \/>\nBetrachten Sie mich als Ihren pers\u00f6nlichen Engel. Der Grund, dass ich Ihnen schreibe, ist, dass ich Ihnen dringend nahelege, die Beziehung zu Jasmin schnellstm\u00f6glich zu beenden. Sonst wird Ihre Ehefrau Sie verlassen, Herr Klarm\u00fcller. Sie werden sehen, es wird so sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit besten Gr\u00fc\u00dfen<br \/>\nHans Rosen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Der erste Gedanke, der Robert Klarm\u00fcller kam, als er den Brief gelesen hatte, war: Zum Gl\u00fcck habe ich heute die Post geholt, und nicht Ramona. Der zweite war: Was soll das? Diesen Brief muss ein Scherzbold verfasst haben. Und er muss achtundf\u00fcnfzig Jahre unterwegs gewesen sein, denn heute ist der 2. September, aber des Jahres 2014. Ha-ha, lustig! Nein, nicht lustig. Das verwendete Papier ist allerdings kein handels\u00fcbliches Kopierpapier, sondern altmodisches oder exquisites Schreibpapier. Aber die Person muss genau \u00fcber meine Lebensumst\u00e4nde Bescheid wissen. Vielleicht der Roloff aus der Firma, der zwei Schreibtische weiter sitzt. Ich kann ihn nicht leiden, und da so etwas auf Gegenseitigkeit beruht, kann er mich genauso wenig leiden. Ihm w\u00fcrde ich Boshaftigkeit als Grund f\u00fcr den Brief unterstellen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Arbeitstag, morgens, passte Robert Klarm\u00fcller seinen Kollegen Sebastian Roloff beim Kaffeeautomaten ab. Er wusste, dass er stets, wenn immer m\u00f6glich, um 10:30 Uhr dort eine kleine Pause einlegte. \u201eSag mal, Kollege Roloff, schreibst du noch Briefe?\u201c, fragte Robert ihn unverwandt. \u201eWie, meinst du, aus dem Drucker ausgedruckt oder handschriftlich?\u201c, entgegnete Sebastian Roloff. \u201eEher private Briefe\u201c, sagte Robert. \u201eMeinen letzten Brief muss ich vor mehr als zehn Jahren geschrieben haben\u201c, gab Sebastian Roloff zur\u00fcck, \u201ean meine damalige Freundin. Es hat aber nichts gebracht, sie war schon fort.\u201c Diese Aussage klang zu hundert Prozent ehrlich, befand Robert, und der Kollege hatte ihm einen privaten Einblick gew\u00e4hrt. Ach was, dachte Robert sofort, das ist doch ein alter Verk\u00e4ufertrick! Nur war Kollege Roloff kein Verk\u00e4ufer. Und genauso wenig war er Hans Rosen, der Autor jenes Briefes.<\/p>\n<p>Als Robert mit seinem Auto nachhause fuhr und nachdem er sich \u00fcber die Freisprecheinrichtung mit Jello unterhalten hatte und vereinbart wurde, sich \u00fcbermorgen, am Freitagnachmittag zu sehen, \u00fcberlegte Robert: Um wie viel anders verl\u00e4uft jetzt mein Leben durch diesen Brief? Um sich die Antwort: \u201enull Zentimeter\u201c zu geben.<\/p>\n<p>Aber am Samstagnachmittag \u00e4nderte sich etwas, Ramona sagte nur einen Satz: \u201eRobbie, ich wei\u00df Bescheid.\u201c<\/p>\n<p>Am Montag nach der Arbeit fischte Robert einen neuen, altert\u00fcmlich beschrifteten, an ihn adressierten Brief aus dem Postkasten, der folgenderma\u00dfen lautete:<\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><em>Mein verehrter Herr Klarm\u00fcller,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Klagenfurt, 5. September 1956<\/em><\/p>\n<p><em>ich f\u00fcrchte, ich bin zu sp\u00e4t. Ich wollte Ihnen am Freitag ein Telegramm senden, da erfuhr ich, dass es in Ihrer Zeit keine Telegramme mehr gibt, daf\u00fcr Mobiltelefone, mit denen man sogenannte SMSes, Texte, an andere Mobiltelefone senden kann, und neuerdings sogar WhatsUp-Messages, oder so \u00e4hnlich, als letzte technologische Ausbaustufe. Ich wollte Sie davor warnen, sich am Freitagnachmittag mit Ihrer Freundin Jasmin zu treffen. Wahrscheinlich w\u00e4re es aber soundso egal gewesen, ob Sie es getan h\u00e4tten oder nicht, denn Ihre Gattin ist ja schon l\u00e4nger \u00fcber diese Konstellation informiert.<\/em><\/p>\n<p><em>F\u00fcr den Fall, dass Sie immer noch denken, ich schriebe aus dem Blauen heraus, werde ich Ihnen ein Ereignis schildern, das am Donnerstag um 13:17 Uhr stattfinden wird: Alice, eine der Sekret\u00e4rinnen, wird Ihnen er\u00f6ffnen: \u201eRobert, der Schumpeter ist abgesprungen. Du musst sein intelligentes Lagerwirtschaftsprogramm einstellen. Unser Herr Schmalfuss wird dir ein neues Projekt zuteilen. So lange, bitte, erf\u00fclle Verwaltungsaufgaben. So, das war es dann. Wir hoffen alle auf ein gutes Ende, Robert.\u201c<br \/>\nIhr Leben wird vom Ungl\u00fcck bestimmt werden. Sie wissen das, Herr Klarm\u00fcller. Was soll ich Ihnen raten? Helfe ich Ihnen aus einem Ungl\u00fcck heraus, trifft Sie ein anderes. Ich wei\u00df leider nicht, wie ich Ihnen nun beistehen k\u00f6nnte, doch werde ich Sie begleiten. Sie werden wieder Post von mir erhalten.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit herzlichen Gr\u00fc\u00dfen<br \/>\nHans Rosen<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Ja, es stimmte. Robert Klarm\u00fcller sp\u00fcrte die schiefe Ebene. Sie zog ihn nach unten. Wie weit?, fragte er sich. Er wusste keine Antwort. Was will dieser Herr Rosen von mir, falls es ihn denn gibt? Schrieb er nicht in seinem ersten Brief, gerade eine Woche her, er wolle mein Engel sein? Er hat wohl schwarzes Gefieder stattdessen, der Rabe Rosen.<\/p>\n<div id=\"attachment_9635\" style=\"width: 460px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Kunststoffrabe-und-sein-Schatten.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9635\" class=\"size-full wp-image-9635\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Kunststoffrabe-und-sein-Schatten.jpg\" alt=\"Kunststoffrabe und sein Schatten\" width=\"450\" height=\"600\" srcset=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Kunststoffrabe-und-sein-Schatten.jpg 450w, http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2019\/04\/Kunststoffrabe-und-sein-Schatten-225x300.jpg 225w\" sizes=\"auto, (max-width: 450px) 100vw, 450px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9635\" class=\"wp-caption-text\">Kunststoffrabe und sein Schatten<\/p><\/div>\n<p>Er scheint ein Ungl\u00fccksbote zu sein. Dennoch, erst einmal warten und sehen, was am Donnerstag passieren wird.<\/p>\n<p>Ramona war wegen der Sache mit Jello gar nicht betroffen. Als ob sie darauf gewartet h\u00e4tte. Ihr ist es anscheinend recht, dass die Lovestory zwischen ihm und Jello weitergeht. Sie hofft wohl auf eine gute Scheidung mit hohen Alimentationszahlungen von ihm, nicht nur f\u00fcr die drei Kinder, sondern auch f\u00fcr sich. Das kann leicht sechzig Prozent seines Einkommens kosten, theoretisch, von seinem bisherigen Einkommen, was dahingehend die Zukunft bringt, wird sich erst zeigen.<\/p>\n<p>Ich werde es Alice nicht leicht machen, dachte Robert am Donnerstag kurz nach 13 Uhr. Ich bleibe einfach sitzen, in diesem Caf\u00e9 nahe der Firma. Er bestellte einen Latte macchiato. Er sah zur T\u00fcr. Um 13:16 Uhr \u00f6ffnete Alice sie und trat ein. Sie setzte sich an Roberts Tischchen, um 13:17 Uhr begann sie zu er\u00f6ffnen: \u201eRobert, der Schumpeter ist abgesprungen. Du musst sein intelligentes \u2026\u201c<\/p>\n<p>Das ist ganz, ganz schlecht, wusste Robert.<\/p>\n<p>Den weiteren Arbeitstag verbrachte Robert damit, seine Ablage abzuarbeiten, einen Teil davon, damit er auch in den kommenden Tagen zu tun haben w\u00fcrde. \u201eWarum hat mich Herr Schmalfuss nicht selbst \u00fcber diesen Vorfall unterrichtet?\u201c, fragte sich Robert. \u201eUnd wann erhalte ich mein neues Projekt, als Alleinverantwortlicher wie sonst oder nur als Mitarbeiter?\u201c<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich kam ihm ein Gedanke: Was ist, wenn dieser Herr Rosen nicht der Verk\u00fcnder w\u00e4re, sondern die Ereignisse eintr\u00e4ten, <em>weil<\/em> er sie vorhersagte? War das nicht eine realistische M\u00f6glichkeit in der Unm\u00f6glichkeit, in der Robert sich befand?<\/p>\n<p>Ich muss ihn ausfindig machen, sollte es ihn wirklich geben, \u00fcberlegte Robert weiter, mittlerweile glaube er an seine Existenz, seine jetzige. Falls er meine Zukunft erzeugt, muss ich ihn dazu bringen, die Kette an fallenden Dominosteinen zu unterbrechen. Versuchen werde ich es.<\/p>\n<p>Und zwar jetzt, sofort. Robert fuhr ein paar Minuten nach 17 Uhr von der Firma weg, das Navi wies ihm den Weg. Nach knapp zwanzig Minuten war er am Ziel, der Tritscherstra\u00dfe 11, einem wei\u00dfen, etwas heruntergekommenen Wohnblock aus den 1980er-Jahren vor und neben gleichartigen. Drei dieser H\u00e4user standen durchgehend nebeneinander, Stiege 1, Stiege 2 und Stiege 3. Robert suchte den Hausbesorger. Bei Stiege 2 stand er auf einem Klingelschild, mitsamt \u201eGro\u00df\u201c, seinem Namen. Robert l\u00e4utete. Nach kurzer Zeit meldete sich ein heiserer Mann. \u201eK\u00f6nnen Sie mir vielleicht helfen, Herr Gro\u00df? Ich suche Herrn Hans Rosen.\u201c \u201eIst gut\u201c, sagte Herr Gro\u00df durch die Gegensprechanlage, nehmen Sie den Lift in den 3. Stock. Ich bin dort in der ersten Wohnung links.\u201c In der Wohnung hielt sich eine gro\u00dfe Familie auf, viele Kinder jeden Alters, sah Robert durch die halboffene T\u00fcr. Herr Gro\u00df war freundlich, bat Robert aber nicht in seine Wohnung. \u201eHier standen fr\u00fcher Einfamilienh\u00e4user\u201c, erz\u00e4hlte er. \u201eDiese Wohnh\u00e4user wurden 1983 erbaut. Der Name Hans Rosen ist mir kein Begriff. Ich empfehle Ihnen, sich in dem kleinen Haus auf der anderen Stra\u00dfenseite bei Herrn Hering nach Herrn Rosen zu erkundigen. Seit ich Hausbesorger bin, seit 1991, lebt er dort. M\u00f6glicherweise kann er Ihnen helfen.\u201c<\/p>\n<p>Dieser Herr Hering bat Robert, in das Haus einzutreten, in dem er seit dem Tod seiner Frau vor sieben Jahren alleine lebte. Er bereitete auch Kaffee zu. Ja, er k\u00f6nne sich an Johann Rosen erinnern, der habe dr\u00fcben auf der anderen Stra\u00dfenseite ganz alleine gelebt. Herr Hering war Jahrgang 1940, Herr Rosen m\u00fcsste 1912 auf die Welt gekommen sein. Er ging sehr nett mit den Kindern in der Gegend um, sagte Herr Hering, auch mit ihm, und ohne jede Art von sexueller Bel\u00e4stigung, wie Herr Hering wusste, auf keinen Fall bei ihm, aber auch nie kam ein M\u00e4dchen verst\u00f6rt aus Herrn Rosens Haus. \u201eK\u00f6nnen Sie sich an etwas besonderes bei Herrn Rosen erinnern?\u201c, fragte Robert. \u201eJa\u201c, sagte Herr Hering, \u201eer schrieb und erhielt viele Briefe.\u201c Im Jahr 1980 verschlechterte sich Herrn Rosens Gesundheitszustand, im Jahr darauf zog er in ein Altersheim, das in der Gemeinde Neutau lag, welches es heute nicht mehr gibt. Alle H\u00e4user auf der anderen Stra\u00dfenseite wurden wahrscheinlich teuer vom Bautr\u00e4ger angekauft, jedenfalls wurden alle planiert und die neuen gro\u00dfen Wohnh\u00e4user hochgezogen. Herr Hering besuchte Herrn Rosen gelegentlich, eher selten, in seinem Heim. Im Jahr 1985 starb er dann. \u201eVielen Dank, Herr Hering, Sie haben mir sehr geholfen\u201c, bedankte sich Robert. \u201eHabe ich das wirklich?\u201c, fragte Herr Hering.<\/p>\n<p>Hat er, dachte Robert. Als Erstes aber googelte er diesen Hans Rosen, fand aber nicht den richtigen und erst recht keine Telefonnummer. So besorgte er sich einen Grundbuchauszug, in dem stand, dass Hans Rosen am 7. November 1981 seine Liegenschaft in der Tritscherstra\u00dfe 11 an die Firma \u201eHeimathafen\u201c, verkauft hatte, f\u00fcr die Hermann Salzwedel verantwortlich zeichnete. Durch das Standesamt von Neutau erfuhr Robert, dass Hans Rosen am 14. Februar 1985 gestorben war.<\/p>\n<p>Also gab es keine M\u00f6glichkeit, diesen Herrn Rosen zu kontaktieren. Oder vielleicht doch, was w\u00e4re, wenn er ihm einfach einen Brief schriebe? Ein Brief an einen Toten, aber schrieb nicht auch dieser Tote ihm, weshalb eigentlich in neuer deutscher Rechtschreibung? Weil er wusste, dass sie im Jahr 2014 verwendet werden wird, war die logische Erkl\u00e4rung. Falls alles nicht nur ein Streich war, in den Alice eingeweiht war. Dennoch, Robert hatte nichts zu verlieren, sondern konnte nur gewinnen.<\/p>\n<p>Mittlerweile war es Montag nach der Arbeit. Robert hatte bislang kein neues Projekt \u00fcbertragen bekommen, und die Ablage war aufger\u00e4umt. Ramona wollte die Trennung und verlangte, dass er auszog. Aber Jello mochte ihn nicht bei sich aufnehmen. Es waren schwarzes Wasser und dunkle Luft f\u00fcr Robert Klarm\u00fcller.<\/p>\n<p>Er setzte sich mit ein paar Bl\u00e4ttern A4-Papier ins Caf\u00e9 \u201eZum fr\u00f6hlichen Augustin\u201c, in dem er es nett fand und sich \u00f6fters aufhielt. Er begann mit einem Werbegeschenkskugelschreiber seiner Firma zu schreiben:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lieber Herr Rosen!\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Klagenfurt, 15.09.2014<\/em><\/p>\n<p><em>Ich schreibe Ihnen, weil ich keine andere M\u00f6glichkeit sehe, mit Ihnen in Kontakt zu treten. Oder k\u00f6nnten wir uns treffen, w\u00e4re das m\u00f6glich? <\/em><\/p>\n<p>Sylvia, die blonde wohlgeformte Kellnerin brachte Robert seinen bestellten Verl\u00e4ngerten. \u201eSchreibst du einen Liebesbrief, Rob?\u201c, fragte sie. \u201eEinen Brief schon\u201c, antwortete Robert, aber ohne Liebe.\u201c \u201eLiebe ist doch das Wichtigste im Leben. Ohne sie ist doch alles traurig, meinst du nicht, Rob?\u201c, fragte Sylvia weiter. \u201eJa schon, du hast ja Recht, Sylvia\u201c, sagte Robert. Er fuhr fort zu schreiben:<\/p>\n<p><em>Wissen Sie, Herr Rosen seitdem Sie in mein Leben getreten sind, was ja erst ein paar Tage her ist, hat es sich dramatisch verschlechtert. Ich frage nun, falls Sie mir etwas Gutes prophezeiten, tr\u00e4te das dann ein? Ich hoffe auf eine Antwort von Ihnen.<\/em><\/p>\n<p><em>Mit besten Gr\u00fc\u00dfen<br \/>\nRobert Klarm\u00fcller<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Er gab den Brief am Dienstag w\u00e4hrend seiner Mittagspause bei der Hauptpost auf, die durchgehend offen hatte. Am Vormittag hatte ihn Herr Schmalfuss in sein B\u00fcro bestellt und ihm aufgetragen, er solle den Herren Schneider und Niederpichler bei ihren Projekten zur Hand gehen. Robert fasste das als positive Nachricht auf. Zwar waren beide j\u00fcnger und k\u00fcrzer in der Firma als er, aber wenigstens w\u00e4re er besch\u00e4ftigt.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite, die nun eine Front geworden ist, hatte Ramona den Kindern mitgeteilt, dass Papi und sie sich trennen w\u00fcrden, und er bis zum Monatsende ausziehen werde. Freilich k\u00f6nnte er sie immer besuchen kommen. Die Kinder nahmen das nat\u00fcrlich sehr schlecht auf. Als negatives Sahneh\u00e4ubchen sagte Jello, sie \u201ebrauche eine Auszeit\u201c.<\/p>\n<p>W\u00e4re Roberts Privatleben ein Raum, l\u00e4gen da \u00fcberall Scherben, und es w\u00e4re geradezu unm\u00f6glich, in keine zu treten. Bei seiner Arbeit hatte er noch eine Gnadenfrist.<\/p>\n<p>Dienstag nachmittags, am Mittwoch und Donnerstag versuchte Robert, m\u00f6glichst gesch\u00e4ftig in seiner Firma zu erscheinen, was sehr schwer f\u00fcr ihn war, denn der Schneider und der Niederpichler behandelte ihn wie einen Assistenten, als der er jetzt ja auch fungierte. Aber es gab keinen Ausweg, Robert musste mitmachen.<\/p>\n<p>Als er am Donnerstag in seinem Noch-Zuhause eintraf, lag ein Brief f\u00fcr ihn auf dem K\u00fcchentisch. Robert las ihn auf der Wohnzimmercouch:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Mein lieber Herr Klarm\u00fcller,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Klagenfurt, 17. September 1956<\/em><\/p>\n<p><em>ich habe mich \u00fcber Ihren Brief gefreut. Ich dachte schon, dass Sie mir irgendwann schreiben w\u00fcrden. Und jetzt so bald! <\/em><em>Leider aber k\u00f6nnen wir uns nicht leibhaftig treffen, da ich ja tot bin. Wenn Sie jetzt fragen, weshalb ich denn schreiben kann, muss ich antworten: Ich wei\u00df es nicht. Es geschieht automatisch. Ich kann Ihnen auch nichts Gutes vorhersagen, wenn das nicht eintreffen wird. Ich kann Ihnen und jedem anderen nur das mitteilen, was tats\u00e4chlich eintreten wird. Sie sind nicht mein einziger Adressat, mein lieber Herr Klarm\u00fcller. Manchen kann ich Wohltaten und Gl\u00fccksf\u00e4lle prognostizieren, blo\u00df, wissen Sie, im gegenteiligen Fall, wenn es um eine Person schlecht bestellt ist, wie bei Ihnen, besteht mehr Handlungsbedarf. Daher wandte ich mich mit meinem ersten Brief an Sie und riet Ihnen dringend, Ihr Verh\u00e4ltnis mit Jasmin sofort zu beenden. Das taten Sie nicht.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie fragen sich bestimmt, wer oder was ich bin. Ich bin der Briefeschreiber aus der Vergangenheit. Ich kann G\u00f6tterbote sein oder ein Engel, allerdings bin ich oft einer der Unterwelt. Ich bin nicht der B\u00f6se, der B\u00f6ses tut, genauso wenig wie ich der Gute bin, der Gutes verteilt. Bereits in meinem zweiten Brief schrieb ich, dass ich Ihnen nicht mehr helfen k\u00f6nne, ebenso wenig aber vermag ich, Sie ins Ungl\u00fcck zu st\u00fcrzen. Das Einzige, was ich tun kann, ist, Ihnen zu schreiben.<\/em><\/p>\n<p><em>Diesmal gebe ich Ihnen keinen Einblick in die Zukunft. Das soll Ihnen das Gef\u00fchl vermitteln, sie selbst\u00e4ndig gestalten zu k\u00f6nnen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich empfehle mich, bis zum n\u00e4chsten Mal<\/em><\/p>\n<p><em>Hans Rosen<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Diesmal keine Prophezeiung, damit fing Roberts Denkfaden an, und da bisher alle schlecht waren, ist das gut. Dieser Herr Rosen ist auch nicht perfekt, spann er den Faden weiter, schlie\u00dflich wusste er zu Beginn nicht, dass\u00a0 heutzutage keine Telegramme mehr \u00fcblich sind. Und \u00fcberhaupt werde ich ihn f\u00fcr mich ab jetzt nur noch als \u201eden Mann, der sich Hans Rosen nennt\u201c, bezeichnen. Da es doch am wahrscheinlichsten ist, dass es in der Tritscherstra\u00dfe 11 jemanden gibt, der einen Postkasten lautend auf Hans Rosen hat. Meines Wissens nach, Roberts Denkfaden war bald fertig gesponnen, ist das von au\u00dfen an den Postk\u00e4sten nicht ersichtlich, es gen\u00fcgt, wenn der Brieftr\u00e4ger wei\u00df, dass ein bestimmter Postkasten so bezeichnet ist.<\/p>\n<p>Jetzt geht es wieder selbstbestimmt weiter, \u00fcberlegte Robert. Er wollte diesen Gedanken nicht zerlegen, um ihn nicht zu schw\u00e4chen, daher brach er ab.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag, Freitag, dem 19. September 2014, sa\u00df er nach der Arbeit in seinem Noch-Zuhause einfach herum. Er las Magazine, um sich zu besch\u00e4ftigen, und trank einige Biere. Die Kinder stellten ihm Fragen, die er beantwortete, so gut er konnte. Ramona sagte kaum etwas zu ihm, verfolgte ihn aber mit den Augen. Abends dann richtete sie sich her. \u201eWas machst du, Ramona?\u201c, fragte er. \u201eIch treffe mich mit meinen Freundinnen\u201c, sagte sie. \u201eAha\u201c, sagte Robert.<\/p>\n<p>Als sie fort war, schrieb er Jello eine WhatsApp-Nachricht. Es kam keine Antwort. Er rief sie an. Sie hob nicht ab, auch beim zweiten Mal nicht.<\/p>\n<p>Ich werde mich zusammennehmen. Ich werde das Maximum aus jeder Sache herausholen, mit diesem Gedanken betrat Robert am Montag seine Firma, wo er dann eine Kleinigkeit f\u00fcr den Schneider und etwas Nebens\u00e4chliches f\u00fcr den Niederpichler erledigte.<\/p>\n<p>In weiterer Folge aber wurden diese Arbeiten immer unwichtiger und weniger. Robert wandte sich an seinen Vorgesetzten mit der Frage: \u201eSoll ich auf Akquise gehen, Herr Schmalfuss?\u201c, worauf er antwortete: \u201eNein, Sie haben das ja bislang nie getan, Herr Klarm\u00fcller.\u201c Robert verbiss sich die Frage: \u201eUnd was soll ich dann tun?\u201c<\/p>\n<p>In den n\u00e4chsten Tagen wurden die Kollegen Robert gegen\u00fcber immer wortkarger. Manche brummten zur Begr\u00fc\u00dfung nur noch, andere oder dieselben standen da und sahen ihn an, ohne etwas zu sagen, manche grinsten bl\u00f6dsinnig. Und kann fingen die Witze an. Die D\u00e4mlichsten in Roberts Arbeitsbereich waren die Ersten, die sie erz\u00e4hlten.<\/p>\n<p>Robert rechnete jeden Tag damit, dass ihm gek\u00fcndigt w\u00fcrde. Vorerst geschah das aber nicht, weil die Verantwortlichen in der Firma wollten, dass Robert von sich aus k\u00fcndigte und er damit seine Abfertigung verlieren w\u00fcrde. Er sollte weichgeklopft werden.<\/p>\n<p>Am Samstag, dem 27. September, zog Robert mit dem N\u00f6tigsten in ein billiges Hotel. Er bezahlte zwanzig Euro pro Tag auf Monatsbasis. \u201eGeht es vielleicht ein bisschen billiger?\u201c, fragte er die Wirtin. \u201eBei mir nicht\u201c, sagte sie.<\/p>\n<p>Meine Situation k\u00f6nnte noch schlimmer sein, rief Robert sich in Erinnerung. Ich k\u00f6nnte Schulden bei einem Wucherer gemacht haben, sie nicht bedient haben k\u00f6nnen, und die Racketeers h\u00e4tten mir deshalb f\u00fcr den Anfang den linken Daumen abgehackt. Oder ich k\u00f6nnte sterbenskrank sein.<\/p>\n<p>Ramonas Freund hie\u00df Lothar. Offiziell gab es ihn nicht, doch die Kinder hatten Robert von ihm erz\u00e4hlt. Es kann gut sein, dass dieses Verh\u00e4ltnis schon vor dem zwischen mir und Jello bestanden hatte, mutma\u00dfte Robert.<\/p>\n<p>Er legte einige Bl\u00e4tter A4-Papier auf das Pult in seinem Hotelzimmer und schrieb:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Lieber Herr Rosen!\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Klagenfurt, 16.10.2014<\/em><\/p>\n<p><em>Ich kann Ihnen nichts Positives, was mit mir im Zusammenhang steht, berichten. Und es wird noch schlechter werden, das ist klar ersichtlich. Alle Zeichen stehen auf Sturm. Ich habe nicht die geringste Idee, wie ich meinen Niedergang stoppen k\u00f6nnte.<\/em><\/p>\n<p><em>Damit kommt der Grund dieses Schreibens von mir an Sie ins Spiel. Ich frage Sie ganz direkt, Herr Rosen: K\u00f6nnen Sie mir noch eine Chance einr\u00e4umen?<\/em><\/p>\n<p><em>In Hoffnung lichtblickhafter Antwort<\/em><\/p>\n<p><em>Robert Klarm\u00fcller<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Am 22. Oktober \u00fcberreichte die Wirtin den Brief mit folgendem Inhalt:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Mein lieber Herr Klarm\u00fcller,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Klagenfurt, 20. Oktober 1956<\/em><\/p>\n<p><em>es steht schlecht um Sie. Ich habe das mehr als nur bef\u00fcrchtet, ich habe es gewusst. Ich helfe Ihnen gerne, wenn ich nur w\u00fcsste, wie. Ich muss es schon zugeben: Ich h\u00e4tte mich fr\u00fcher um Sie k\u00fcmmern sollen. Leider habe ich das verabs\u00e4umt. Man ist ja meistens zu sp\u00e4t, ist es nicht so?<\/em><\/p>\n<p><em>Sie bitten mich um eine Chance? Nun, eigentlich war der Absatz in meinem letzten Brief an Sie, in dem ich schrieb, dass ich Ihnen diesmal keinen Einblick in Ihre Zukunft geben w\u00fcrde, diese Chance.<\/em><\/p>\n<p><em>Doch es w\u00e4re kleingeistig von mir, w\u00fcrde ich Sie nun ganz auf sich alleine gestellt lassen. Ich kann Ihnen mitteilen, dass es in Ihrem Lebensweg eine Gabelung geben wird. Sie k\u00f6nnen frei w\u00e4hlen, ob Sie dort nach links oder rechts gehen.<\/em><\/p>\n<p><em>Diese Gabelung besteht darin, dass Sie sich zu Fu\u00df auf einer Stra\u00dfe befinden und sich Ihnen ein Auto in schneller Fahrt n\u00e4hert. Erfasst das Auto Sie, werden Sie sterben. Weichen Sie dem Auto aus, werden Sie zuk\u00fcnftig als Stadtstreicher leben.<\/em><\/p>\n<p><em>Es liegt an Ihnen, ob Sie diesem Auto ausweichen wollen oder nicht, es ist leicht m\u00f6glich. Im Falle, dass Sie als Stadtstreicher Ihr zuk\u00fcnftiges Leben verbringen wollen, werde ich Ihnen nicht sagen, wie lange dies sein wird, nur dass es ein elendiges sein wird, kann ich Ihnen sagen.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich teile Ihnen auch nicht den Zeitpunkt dieses Ereignisses mit. Sie werden wissen, wenn es so weit ist.<\/em><\/p>\n<p><em>Dies ist das Ende unserer Kommunikation, mein lieber Herr Klarm\u00fcller.<\/em><\/p>\n<p><em>Ich w\u00fcnsche Ihnen alles Gute<\/em><\/p>\n<p><em>Hans Rosen<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>Das war es dann also mit \u201edem Mann, der sich Hans Rosen nennt\u201c, dachte Robert, als er den Brief gelesen hatte.<\/p>\n<p>In der Firma wurde es immer schlimmer, wie es \u00fcblich ist f\u00fcr jemanden, der auf dem Abstellgleis steht. Er wurde h\u00e4ufiger und direkter verbal angegriffen. Stellte er eine Frage, blieb der Angesprochene \u00fcblicherweise stumm. Robert wurde gemieden, als w\u00e4re er radioaktiv. Relativ neutral blieb noch der Roloff, aber einer allein war zu wenig, und Freund war er auch keiner.<\/p>\n<p>Ramona lie\u00df nicht mehr von sich wissen, als dass sie bereits bei einer Scheidungsanw\u00e4ltin gewesen war. Marlies erz\u00e4hlte ihm, dass ihre Mama oft und lange mit jemandem telefoniere und dabei agiere wie sie selbst, ein Teenagerm\u00e4dchen eben. Marlies nannte keinen Namen, aber bestimmt war es dieser Lothar. Und Jello hatte inzwischen eine neue Telefonnummer.<\/p>\n<p>Robert war der Fallschirmspringer, der seinen Fallschirm vergessen hatte. Der Boden wartete auf ihn.<\/p>\n<p>All diese Ungl\u00fccke fra\u00dfen L\u00f6cher in seinen Leib wie Ratten. Er konnte oft nicht schlafen, trank Dosenbier zur Beruhigung. Manchmal wurde er gegen zwei bis drei am Morgen munter, \u00f6ffnete die erste Dose, die zweite, die dritte und so weiter. Dann putzte er die Z\u00e4hne, rasierte sich und duschte, kleidete sich an und fuhr mit dem Auto in die Firma zum n\u00e4chsten Kampf.<\/p>\n<p>Derweil hatte er seinen F\u00fchrerschein noch. Es kann eben immer noch schlechter werden, dachte er.<\/p>\n<p>Der 31. Oktober 2014 war ein Freitag. Robert war alleine in der Stadt unterwegs, zog von Lokal zu Lokal. Er hoffte, eine Frau kennenzulernen, sich wenigstens mit einer unterhalten zu k\u00f6nnen. Es war halb elf in der Nacht.<\/p>\n<p>Er ging an einer Kreuzung bei Gr\u00fcn \u00fcber die Stra\u00dfe. Pl\u00f6tzlich schoss ein Auto auf ihn zu. Es war von der rechten Querstra\u00dfe auf diese eingebogen, ebenfalls bei Gr\u00fcn. Seine Geschwindigkeit war viel zu hoch, die Musikanlage wummerte. Robert war dunkel angezogen.<\/p>\n<p>Dies ist das Ereignis, dass mir Herr Rosen ank\u00fcndigte, war Robert sofort klar. Lasse ich mich anfahren, ist alles vor\u00fcber, habe ich die ganze M\u00fchsal \u00fcberstanden. Ein Heldentod ist es zwar nicht gerade, aber jeder Tod ist besser als dieses Leben.<\/p>\n<p>\u201eIch mache es!\u201c, sagte sich Robert. Er blieb stehen. \u201eNein, doch nicht!\u201c Robert sprintete los. Das Auto fuhr ein paar Zentimeter hinter seinem R\u00fccken vorbei.<\/p>\n<p>\u201eUnd jetzt?\u201c, fragte sich Robert. \u201eWas ist jetzt mit Stadtstreicher?\u201c<\/p>\n<p>Er wusste aber in dem Moment nicht \u2013 er musste ja morgen die Miete f\u00fcr den Oktober, sechshundertzwanzig Euro, zahlen \u2013, dass Ramona ihr gemeinsames Konto leerger\u00e4umt hatte, auf dem sich Ende September ungef\u00e4hr vierzehntausendsechshundert Euro befunden hatten. Bei seinem Gehaltskonto hatte er noch einen \u00dcberziehungsrahmen von dreihundertachtzig Euro.<\/p>\n<p>\u00dcberdies w\u00fcrde am Montag der Personalleiter, Herr Klingelmeier, Robert in sein B\u00fcro bestellen, wo auch Herr Watzlaff, der Besitzer und Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer der Firma, warten w\u00fcrde. Der Personalleiter w\u00fcrde Robert die fristlose K\u00fcndigung vorlegen, was bedeutete, dass die Abfertigung f\u00fcr Robert hinf\u00e4llig war, die ein halbes Jahresgehalt fast brutto f\u00fcr netto ausmachen w\u00fcrde, im Fall, dass die fristlose K\u00fcndigung zu Recht best\u00fcnde. Der Grund daf\u00fcr war, dass Robert Daten mittels USB-Sticks aus dem Netzwerk der Firma kopiert und an Konkurrenzunternehmen verkauft hatte. Angeblich, nat\u00fcrlich stimmte dieser Vorwurf nicht, aber es g\u00e4be Zeugen, erkl\u00e4rte ihm der Personalleiter. Selbstverst\u00e4ndlich haben wir Ihr Oktobergehalt einbehalten, fuhr der Personalleiter fort. \u201eWir behalten uns vor, sie zu verklagen\u201c, sagte der Besitzer, \u201eund jetzt raus!\u201c \u201eIm Schweinsgalopp\u201c, setzte der Personalleiter fort, woraufhin beide lachten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Foto)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0Kategorie:\u00a0<a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\"><span style=\"color: #0066cc;\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/span><\/a> | Inventarnummer: 19067<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach einer Idee von meinem Sohn Michael &nbsp; Mein verehrter Herr Klarm\u00fcller,\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Klagenfurt, 1. September 1956 Sie kennen mich nicht, aber ich kenne Sie. Sie hei\u00dfen Robert Klarm\u00fcller, sind siebenundvierzig Jahre alt, verheiratet mit Ramona, die f\u00fcnfundvierzig Jahre z\u00e4hlt. 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