{"id":9621,"date":"2019-04-02T05:52:49","date_gmt":"2019-04-02T05:52:49","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9621"},"modified":"2019-04-07T07:40:01","modified_gmt":"2019-04-07T07:40:01","slug":"xx-14","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9621","title":{"rendered":"Schneeschmelze"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9621&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9621&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Rosa lief mit der \u00d6llampe in der Hand durch die finstere Nacht, ein eisiger Wind peitschte ihr die Schneeflocken hart ins Gesicht und es fiel ihr schwer, durch die hohen Schneeverwehungen vorw\u00e4rtszukommen.<br \/>\n\u201eSchnell, M\u00e4del, lauf zur Hebamme und bring sie her! S\u2018Nannerl bekommt ihr Kind!\u201c Mit diesen Worten hatte sie die alte B\u00e4uerin mitten in der Nacht geweckt.<\/p>\n<p>Die einzigen, kn\u00f6chelhohen Paar Schuhe von Rosa waren abgetragen und l\u00f6chrig, das dicke Leinenkleid hing nass und kalt an ihren schmalen Beinen, der Lodenmantel war fadenscheinig und w\u00e4rmte nur wenig. Seit f\u00fcnf Jahren war sie jetzt beim Seppenbauern als Dienstmagd angestellt, und in dieser Zeit, seit ihrem zw\u00f6lften Lebensjahr, war sie nicht mehr richtig gewachsen. Sie sah auch nicht aus wie siebzehn, sie war klein, schmal und unterern\u00e4hrt. Rosa hatte jeden Tag Hunger, aber das interessierte niemanden.<br \/>\n\u201eSei froh, dass du ein Dach \u00fcber dem Kopf hast und eine warme Suppe, bei deiner Gro\u00dfmutter w\u00e4rst du l\u00e4ngst verhungert!\u201c, hatte sie die Altb\u00e4uerin mal geschimpft.<\/p>\n<p>Endlich angekommen bei der Hebamme machten sich die zwei Frauen schnell auf den R\u00fcckweg zum Bauernhof, Rosa war keine Pause geg\u00f6nnt. Gerade noch rechtzeitig zur Niederkunft kamen sie an. F\u00fcr Rosa brach eine anstrengende Zeit an, sie musste die kommenden Wochen den S\u00e4ugling h\u00fcten, damit sich die Jungb\u00e4uerin von der Geburt erholen konnte.<\/p>\n<p>Um sp\u00e4testens 21 Uhr fiel Rosa jeden Abend m\u00fcde, abgek\u00e4mpft und hungrig ins Bett, neben ihr schlief der S\u00e4ugling in einem geflochtenen Korb. Sobald das Kind zu schreien anfing, brachte Rosa es zu Nannerl zum Stillen. Sie musste warten, bis es fertig getrunken hatte und nahm es wieder mit in ihre kleine Kammer. Es war eisig kalt, Rosa packte den S\u00e4ugling ganz warm ein und achtete darauf, dass das Kind nicht fror. Um vier Uhr fr\u00fch stand Rosa auf, heizte den Ofen in der K\u00fcche und der Stube und versorgte dann die Tiere am Hof. Der Wind pfiff um die Stallungen, Rosa zitterte am ganzen Leib. An den K\u00fchen und K\u00e4lbern konnte sie sich wenigstens ein klein wenig w\u00e4rmen, w\u00e4hrend sie den Stall ausmistete.<br \/>\nNach der Stallarbeit gab es f\u00fcr alle ein k\u00fcmmerliches Fr\u00fchst\u00fcck \u2013 lauwarme Milchsuppe mit etwas Brot. Die Dienstboten bekamen das alte, harte Brot von der Vorwoche, nur der Herrschaft war das frisch gebackene vorbehalten.<\/p>\n<p>Nach diesen anstrengenden Wochen wurde Rosa krank. Sie hatte hohes Fieber, Kopf- und Gliederschmerzen und sie hustete sich die Seele aus dem Leib. Der alte Knecht, Matthias, bemerkte Rosas gl\u00fchende Wangen beim Fr\u00fchst\u00fcck und sprach die Altb\u00e4uerin an:<br \/>\n\u201eDie Rosa geh\u00f6rt ins Bett und ein Arzt muss her. Seht euch das M\u00e4del doch an? Die stirbt euch noch weg.\u201c<br \/>\n\u201eDas w\u00e4re ja noch sch\u00f6ner! Wer soll denn f\u00fcr die Arztkosten aufkommen? Die hat doch nichts Erspartes! Und bis Maria Lichtmess bleibt sie hier am Hof als Dienstmagd!\u201c, keifte die Alte.<br \/>\nDer Seppenbauer funkelte Rosa streng an und spuckte abwertend auf die Holzdielen.<br \/>\n\u201eNa, wo hast dich denn herumgetrieben, weil du pl\u00f6tzlich so krank bist?\u201c, meinte er.<br \/>\n\u201eKann ich bitte hei\u00dfen Tee haben und eine kr\u00e4ftige Suppe, Bauer? Dann werde ich sicher schnell wieder gesund\u201c, flehte Rosa die Bauersleute an.<br \/>\n\u201eNichts da. Geh an die Arbeit. Wo kommen wir denn da hin, wenn pl\u00f6tzlich jeder eine Sonderbehandlung m\u00f6chte?\u201c Die B\u00e4uerin ging wieder zur\u00fcck in die K\u00fcche an den Herd.<\/p>\n<p>Matthias sch\u00fcttelte den Kopf und nahm Rosa an der Hand.<br \/>\n\u201eKomm, Rosa. Ich helfe dir.\u201c Am Vormittag musste Rosa immer die schweren Wasserk\u00fcbel vom Brunnen in den Stall tragen und das Vieh tr\u00e4nken. Au\u00dferdem war noch das Getreide mit einem Dreschflegel zu schlagen, damit die Pferde am Hof Korn hatten.<br \/>\nMit zittrigen Beinen und aus voller Brust hustend verrichtete sie ihre Arbeiten. Der Knecht half ihr, soweit es m\u00f6glich war, denn er hatte selber noch einiges an Aufgaben zu erledigen.<br \/>\nRosa konnte an diesem Abend nicht einschlafen. Sie wollte am liebsten weglaufen, aber sie wusste nicht, wohin. Bis Anfang Februar war sie verpflichtet am Hof. Erst dann bekam sie ihren Lohn vom letzten Jahr ausbezahlt. Wenn es die Bauersleute gut mit den Dienstboten meinten, gab es zus\u00e4tzlich vielleicht noch Schuhe oder neue Kleidung. Sie hielt das bei den Seppenbauern aber f\u00fcr sehr unwahrscheinlich.<\/p>\n<p>Die Bettw\u00e4sche in der Kammer waren mit einer d\u00fcnnen Eisschicht bedeckt. In den R\u00e4umen der Dienstboten herrschte im Winter immer eisige K\u00e4lte. Rosa hielt es nicht mehr aus, sie schleppte sich in den Stall, legte sich neben die K\u00e4lbchen ins Stroh und deckte sich mit alten Leinens\u00e4cken zu. Bald fiel sie in einen tiefen Schlaf.<br \/>\nGanze vier Tage blieb sie so im Stall liegen, trank manchmal einen Schluck Milch aus dem Euter der K\u00fche und legte sich wieder hin. Niemand k\u00fcmmerte sich um sie, aber zum Gl\u00fcck wurde sie auch nicht mehr aufgefordert, ihrer Arbeit nachzugehen.<\/p>\n<p>Am f\u00fcnften Tag ging sie verschmutzt, stinkend und abgemagert \u00fcber den Hof zum Bauernhaus. Ein Pferdegespann fuhr gerade durch das Einfahrtstor und auf dem Kutschbock sa\u00df der Alois aus dem benachbarten Ort. Rosa kannte ihn schon l\u00e4nger, er holte sich immer Holz vom Seppenbauern. Er hatte sich vor einiger Zeit mit seiner Frau ein kleines Haus am Dorfrand gebaut, er war Hufschmied und verdiente sich damit mehr recht als schlecht den Unterhalt. Die meisten Bauern zahlten in Naturalien, er hatte wenigstens zu essen. Vor einigen Jahren war die Frau von Alois gestorben, an der Schwindsucht, wie es hie\u00df.<br \/>\n\u201eRosa! Bist du das?\u201c, rief er entsetzt. \u201eIn aller Herrgottsnamen, wie siehst du denn aus?\u201c<br \/>\n\u201eIch war krank, Alois. Jetzt geht es mir aber wieder besser.\u201c Rosa war besch\u00e4mt und schl\u00fcpfte schnell durch die T\u00fcr ins Haus.<\/p>\n<p>Sie nahm einen Holzk\u00fcbel, um Wasser zu holen. Der Brunnen lag au\u00dferhalb des Hofes, in der N\u00e4he des Einfahrtstores. Aus dem Hofinneren h\u00f6rte sie pl\u00f6tzlich laute Stimmen.<br \/>\n\u201eBist du denn von allen guten Geistern verlassen? Die Rosa sieht ja schrecklich aus! L\u00e4sst du sie verhungern?\u201c, h\u00f6rte sie die Stimme von Alois.<br \/>\n\u201eDas sind nicht deine Angelegenheiten! Die Rosa soll froh sein, dass sie bei uns ist. Ihre Gro\u00dfmutter kann sich nicht noch um ein weiteres Balg k\u00fcmmern.\u201c<br \/>\n\u201eAm liebsten w\u00fcrde ich sie einpacken und mitnehmen. So kann das nicht weitergehen, Sepp! Soll ich dem Arzt sagen, er muss mal vorbeischauen? Dann wirst du aber dein blaues Wunder erleben!\u201c<br \/>\n\u201eDas Angeld ist bezahlt, die Rosa bleibt bis Lichtmess hier! Dann kannst du sie von mir aus holen, das unn\u00fctze Weibsbild.\u201c<\/p>\n<p>Rosa lief schnell in das Haus zur\u00fcck, ehe sie jemand sah. Ihr Herz pochte! Konnte das wahr sein? W\u00fcrde sie wirklich endlich wegk\u00f6nnen von diesem Hof? Bis zweiten Februar waren es nur noch einige Tage, die hielt sie sicher noch aus.<br \/>\nAbends h\u00f6rte sie dann die Bauersleute \u00fcber Alois reden, sie lachten und machten Witze. Sie wollten es nicht glauben, dass der Mann so dumm sein konnte.<br \/>\nP\u00fcnktlich an Lichtmess begann die Schneeschmelze und an diesem Tag fuhr Alois auf den Hof.<br \/>\nDie Altb\u00e4uerin wartete an der Eingangst\u00fcr und stemmte ihre Arme in die breite Taille.<br \/>\n\u201eNa, Alois? Meinst du es wirklich ernst? Bist um die Rosa gekommen?\u201c, fragte sie ihn mit scheinheiliger Stimme.<br \/>\n\u201eDas ist richtig. Wo ist sie? Ich nehme sie gleich mit.\u201c<br \/>\n\u201eIch verstehe gar nicht, was du dir an dem M\u00e4del siehst, h\u00e4sslich, wie sie ist. Und zur Arbeit taugt sie auch nicht\u201c, fauchte die Alte weiter.<\/p>\n<p>Rosa hatte ihr bestes Kleid angezogen, ihren kleinen Lederkoffer in der Hand und schlich sich an der B\u00e4uerin vorbei.<br \/>\n\u201eRosa, hast du auch deinen Lohn vom letzten Jahr bekommen, wie es dir zusteht?\u201c, fragte Alois leise.<br \/>\n\u201eJa. Es ist zwar nicht viel, aber immerhin kann ich heute den Hof verlassen.\u201c Rosa l\u00e4chelte.<br \/>\nGeschickt kletterte sie auf den Kutschbock und beide fuhren sie vom Hof des Seppenbauern. Ein Jahr sp\u00e4ter heirateten sie. Alois war zw\u00f6lf Jahre \u00e4lter als Rosa und die Ehe blieb kinderlos.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8211;<\/p>\n<p>Der Schnee schmilzt unter meinen Stiefeln, das Februarlicht dringt sanft durch die knorrigen \u00c4ste der Pappeln am Friedhofsweg. Ich z\u00fcnde eine Kerze an, wie alle Jahre an Maria Lichtmess. Auf dem Grabstein steht in geschwungener Schrift:<br \/>\nMaria Gruber 1901 \u2013 1926<br \/>\nAlois Gruber 1899 \u2013 1977<br \/>\nRosa Gruber 1911 \u2013 2000<\/p>\n<p>Tante Rosa hat meinem Mann und mir damals das kleine Haus vererbt. In ihrer Schlafkammer habe ich in einer alten Holzkommode die Tageb\u00fccher gefunden. Sie hat erst sp\u00e4ter ihre Erlebnisse in d\u00fcnne Hefte geschrieben. Die Kriegsjahre haben sie einigerma\u00dfen gut \u00fcberstanden, die Pferde wurden gebraucht und mussten ja beschlagen werden, Alois hatte immer Arbeit. Rosa war an der Seite ihres Mannes gl\u00fccklich gewesen. Sie war ihm eine gute Ehefrau.<br \/>\nDie Enkeltochter zupft an meinem Mantel: \u201eOma, wer ist denn hier begraben?\u201c<br \/>\n\u201eHier liegt meine Tante Rosa, liebe Laura. Eine wundervolle Frau, die von Onkel Alois aus der Eisesk\u00e4lte gerettet wurde.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><a href=\"http:\/\/schreiblust-verlag.de\/mitmach-projekt\/schreibaufgabe-februar-2019\/schneeschmelze\" target=\"_blank\">Erstver\u00f6ffentlichung beim Online-Schreiblust-Verlag<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 19065<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rosa lief mit der \u00d6llampe in der Hand durch die finstere Nacht, ein eisiger Wind peitschte ihr die Schneeflocken hart ins Gesicht und es fiel ihr schwer, durch die hohen Schneeverwehungen vorw\u00e4rtszukommen. \u201eSchnell, M\u00e4del, lauf zur Hebamme und bring sie her! 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