{"id":9602,"date":"2019-03-27T08:29:01","date_gmt":"2019-03-27T08:29:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9602"},"modified":"2019-03-31T15:08:05","modified_gmt":"2019-03-31T15:08:05","slug":"voelkerball-oder-100-jahre-frauenwahlrecht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9602","title":{"rendered":"V\u00f6lkerball oder 100 Jahre Frauenwahlrecht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9602&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9602&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Ein St\u00e4ndchen mir selbst zum 71. Geburtstag<\/em><br \/>\n<em>begonnen am 17.2., beendet am 23.2.19, 12 h 30<\/em><\/p>\n<p>Vor langer Zeit, vor einer Ewigkeit von sechzig Jahren, lebte in einem Provinzst\u00e4dtchen ein M\u00e4dchen, mit dem ich Vor- und Nachnamen gemeinsam habe. Aufgrund der st\u00e4ndigen Machinationen der Zeit und der unergr\u00fcndlichen Kombinationen des Erbgutes \u00e4hnle ich ihm nicht mehr. Doch wenn man ihr eine Photographie dieser schm\u00e4chtigen, blondhaarigen, romantisch dreinblickenden Fremden zeigte, w\u00fcrde ihr die grausame Entstellung dieser jugendlichen Z\u00fcge bewusst werden, die in diesem Gesicht Gestalt angenommen hat. Aber niemand hielt ihr ein Bild vor, und sie selbst vermied es, eines anzuschauen und sich mit dem zu konfrontieren, was sich unausweichlich zu dem dauerhaften Ich entwickelt hatte. Und zwar nicht aus Furcht oder Trauer, sondern einfach weil das Geheimnis des Vergehens der Zeit zu verwirrend geworden ist. Verging sie vor sechzig Jahren zu langsam, verfliegt sie mit den Jahren immer schneller.<\/p>\n<p>Niemand wei\u00df, wohin sie fliegt, verschwindet, sich aus dem Staub macht, bis nichts mehr \u00fcbrig sein wird als Staub. Die Photographie w\u00fcrde sich ohnedies der f\u00fcr immer hoffnungsreichen, verlorenen Mischung aus m\u00f6glicher Unschuld, wunderbarer Traumkraft und dumm-gl\u00fcckseliger Unerfahrenheit widersetzen. Was sich dagegen nicht l\u00f6schen, niemals, nie wegstecken oder f\u00e4lschen l\u00e4sst, ist das innere Bild, zu dem manche auch Erinnerung sagen. Noch st\u00e4rker als diese ist das in den K\u00f6rper eingeschriebene Gef\u00fchl, in die Seele eingebrannt wie ein Brandmal auf der Pferdehinterbacke.<\/p>\n<p>Dann, nach all diesen Jahren der Missachtung, sitzt die alte Frau am anderen Ende der Welt in der Bibliothek einer Universit\u00e4t und schreibt ihre Erinnerungen auf, f\u00fchlt den alten Bildern mit ihren Gef\u00fchlen nach. Diesmal hat sie junge Verb\u00fcndete. Sie sind aus einer anderen Weltenecke in dieses sonnige Land am Palmenpazifik gekommen und haben grauenhafte Zeitl\u00e4ufte hinter sich. Sie erkl\u00e4ren ihr, dass sie kein Recht habe, ihre Vergangenheit zu zensieren. Gerade weil sie aus dem Reich der Zensur und der F\u00e4lschungen stammen. Sie m\u00fcsse das aufschreiben und die Welt damit konfrontieren. Sogar in ihre Muttersprache wollen sie die Geschichten \u00fcbersetzen. Geld genug, sie arbeiten im Silicon Valley. Sie sei zwar nicht in der Lage, den Verlust der unwiederbringlichen Zeit r\u00fcckg\u00e4ngig zu machen, aber durch ihre \u00c4u\u00dferungen hindurch h\u00f6rte sie eine unverkennbare Stimme, die einst in einer lang vergangenen Gegenwart, scheinbar aus dem Nichts heraus gekommen war. Die Erz\u00e4hlung begann mit den Worten: \u201eMeine Turnlehrerin hie\u00df Henriette und war eine l\u00e4cherliche Frau.\u201c<\/p>\n<p>Meine Turnlehrerin hie\u00df Henriette und war eine l\u00e4cherliche Frau. Mit ihren etwa 30 Jahren war sie f\u00fcr uns Zehnj\u00e4hrige uralt. Unser gr\u00f6\u00dftes Problem bestand aber darin, dass sie unbeschreiblich h\u00e4sslich war und dazu noch ein Kr\u00fcppel. Sie hatte f\u00fcr ihren kleinw\u00fcchsigen K\u00f6rper einen viel zu gro\u00dfen Kopf und einen Buckel auf dem R\u00fccken wie eine Schildkr\u00f6te. Schwer kurzsichtig, Stielaugen hinter einer dicken Brille. Noch schlimmer war ihr Name. Es sch\u00fcttelte uns vor Lachen und Abscheu, wenn wir nur an ihn dachten. Henriette. Hen-riette! Alle zehn- und elfj\u00e4hrigen M\u00e4dchen sind von Natur aus sch\u00f6n, ob sie es wissen oder nicht. H\u00e4sslichkeit und Abweichungen empfinden sie als eine Beleidigung, als eine Negierung ihrer Jugend und eine ungerechtfertigte Vorwegnahme ihrer m\u00f6glichen Zukunft, von der sie nichts ahnen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df auch, wie unendlich grausam und ungerecht junge Menschen sein k\u00f6nnen, wahrscheinlich aus Rache f\u00fcr all die Dem\u00fctigungen w\u00e4hrend des Kleinseins und das unendliche Warten auf das Erwachsenwerden. Aus dem zu kurzen, dicken, daf\u00fcr aber faltigen Hals der Henriette drang eine Lispelstimme, die sich in ein pfeifendes Piepsen verwandelte, wenn sie sich besonders bem\u00fchte, Befehle zu geben. Es klang so, als wollte eine Zwergmaus br\u00fcllen. Der faltige, stummelige Hals schwoll an wie bei einem Ochsenfrosch, und auf den Wangen zeichneten sich rote Flecken ab.<br \/>\nSp\u00e4ter sah ich einmal ein Bild des brasilianischen Giftfrosches und dachte, er sollte Henriette hei\u00dfen. M\u00e4dels, aufstellen! Zu zweit in einer Reihe! Achtung, Abmarsch! Von ihrem Alter her k\u00f6nnte sie das beim BdM (Bund deutscher M\u00e4dchen) gelernt haben. Au\u00dferdem sagt man bei uns \u201eM\u00e4dchen\u201c, nicht wie im Dritten Reich \u201eM\u00e4dels\u201c. Wir wurden dreizehn Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg ziemlich verw\u00f6hnt von seinen Relikten.<\/p>\n<p>Zum Beispiel, unser Englisch-Lehrer, Herr Professor Wollmann, den liebten wir alle. Er hatte nur einen Arm, der leere Anzugs\u00e4rmel steckte immer akkurat in der Tasche. Das linke Auge war aus Glas, gr\u00f6\u00dfer und unbeweglich. Oft musste er den Unterricht unterbrechen, um \u00fcber dem Waschbecken eine Pille einzunehmen, und sein Gesicht mit Wasser bespritzen. Oder er st\u00fcrzte aus der Klasse und lief dann den Gang auf und ab. Stalingrad. Phantomschmerzen im linken, erfrorenen, amputierten, nicht mehr vorhandenen Arm. Vor allem in den Fingern sollen die Schmerzen unertr\u00e4glich sein. Sie kamen immer besonders heftig beim Wetterwechsel. Mit Professor Wollmann nahmen abstrakte Worte wie Weltkrieg und Stalingrad eine konkrete Gestalt und Bedeutung an. Er war das Ideal eines Lehrers, wobei ich mich nicht mehr erinnern kann, wie er das anstellte, dass ich \u00fcber Verehrung f\u00fcr ihn das Fach lieben lernte, ich lernte f\u00fcr ihn und wollte alles so gut k\u00f6nnen wie er.<br \/>\nSo stiftete er mich an zu meiner Leidenschaft f\u00fcr alles Anglo-Amerikanische, was aber auch mit dem aufkommenden Zeitgeschmack zusammenfiel. Wir lernten von ihm feinstes British English, das oft an mir bewundert wurde. Vor allem in meinem ersten Jahr in New York genoss ich es, wenn ich f\u00fcr eine Engl\u00e4nderin gehalten wurde. Das war wie ein uralter Stammbaum und eine Adelung, quasi Mayflower.<\/p>\n<p>In Zeichnen und Sch\u00f6nschreiben \u2013 das Fach gab es damals noch \u2013 hatten wir in der 1. Klasse den Prof. Stieglitz. Er war wirklich alt und wird mit seinem Aussehen eher ein Relikt aus dem Ersten Weltkrieg gewesen sein. Klein und hutzelig, eine Missgeburt, ein Zwerg mit Buckel, einem Zwicker und \u00fcbergro\u00dfen Schuhen. Die buschigen Borstenbrauen \u00fcber den Augen lie\u00dfen ihn dem Vogel seines Namens gleichen. Er war ein Sch\u00fcttler, aber ein Zeichengenie, ein Meister, ein Maestro. Nur wenn er zeichnete, hielten seine Gliedma\u00dfen ruhig. Er soll sogar den jungen Schiele noch gekannt haben, sein Lehrer gewesen sein. Im Zeichensaal sa\u00df er vorne auf einem niedrigen Kinderst\u00fchlchen mit drei Treppenstufen, angetan mit einem wei\u00dfen Malermantel, vor einer riesigen Staffelei. Er konnte wahnsinnig schnell zeichnen. Sein Bleistift fegte \u00fcber das Papier wie ein Flederwisch. Er warf in Windeseile Konterfeis von bekannten Pers\u00f6nlichkeiten, Kollegen und uns allen, einzeln und in Gruppen, auf das Papier.<\/p>\n<p>Ich habe aber bei ihm nichts gelernt. Aus einem bestimmten m\u00e4rchenhaften Grund. Aber er musste uns auch in Sch\u00f6nschreiben unterrichten. Und dazu geh\u00f6rte damals noch die Kurrentschrift. Mit Redisfeder und Tusche. Sogar G\u00e4nsefedern lie\u00df er uns schnitzen und Tinte selbst zubereiten. Ruhe, Disziplin, Eindeutigkeit \u2013 das war nichts f\u00fcr mich. Ich wollte kein Kopierm\u00f6nch werden. Ich war eine fl\u00fcchtige Schmiererin und liebte es, wenn alle Buchstaben und Zeichen raus- und durcheinanderflogen.<br \/>\nIch fand, die sollten nicht so in Reih und Glied in milit\u00e4rischer Formation stehen, sondern frei sein. Prof. Stieglitz korrigierte und ermahnte mich, unerm\u00fcdlich. Der komische Kauz war nicht bedrohlich, und trotzdem f\u00fcrchtete ich ihn mehr als alle anderen Erwachsenen. Denn er sah dem \u201eBucklicht M\u00e4nnlein\u201c in unserem Familien-Liederbuch \u201eFrau Musica\u201c zum Verwechseln \u00e4hnlich. Er war es. Ich kannte vierzehn Strophen mit den entsprechenden Abbildungen. Am Ende des Textes stand: Weitere Varianten in allen europ\u00e4ischen Sprachen und Mythen.<\/p>\n<p>Henriette holte uns von der Klasse ab und geleitete die kleine Armee quer durch das Schulgeb\u00e4ude zum Turnsaal. Sie schien Kolonnenm\u00e4rsche und zackigen Schritt zu genie\u00dfen. Ich habe keine Ahnung, warum wir uns nicht selbst dort versammeln durften. Sie dr\u00f6hnte mit ihrer M\u00e4usestimme: M\u00e4dels, Riege bilden, von der Gr\u00f6\u00dften bis zur Kleinsten. Gerade stehen! Kinn vor, Brust heraus! Henriette hatte nie Turnkleidung an, sondern blieb in ihrem strengen, m\u00e4usegrauen Kost\u00fcm. Nur die Pumps wechselte sie zu Turnpatschen aus schwarzem Klott. So schritt sie die M\u00e4dchenriege ab wie ein General, und am Ende kam das Kommando: Locker stehen! Die Erl\u00f6sung. Das war der Moment, den ich am meisten f\u00fcrchtete, jeden Montag und Donnerstag am Nachmittag nach dem Unterricht.<\/p>\n<p>Die Gitti W. war von Anfang an die Gr\u00f6\u00dfte und blieb es bis zur Matura. Dann kamen die Bohnenstange Marietta H. und die sch\u00f6ne Susi R., beide Ingenieurst\u00f6chter aus der Zuckerfabrik, die blasse Edeltraud K. aus Sieghartskirchen, die Sportkanone Anni S. und die Ungarin Zuza G. aus dem Fl\u00fcchtlingsheim Judenau. Dort lebten auch die Schwestern Marianne und Vera V., obwohl Heimkinder, waren sie ziemlich gro\u00df gewachsen, was mir damals ein Widerspruch zu sein schien. An die anderen dazwischen bis zu mir kann ich mich kaum mehr erinnern.<br \/>\nDie zwei Waltrauden K. und M. d\u00fcrften im ersten Drittel der Riege gestanden sein. Bei der Traude K. war ich nie zu Hause, ich wusste nur, dass ihre Eltern das beliebte Gasthaus zum Schwarzen Adler am Hauptplatz f\u00fchrten. Bei der Waltraud M. war ich oft zu Besuch, heimlich, weil sie in der verrufenen Kaserne wohnte, einem Arme-Leute-Quartier, wo sonst nur die kinderreichen Zigeunerfamilien der Paganis und Burlezkis und andere heimatlose Gesellen hausten. Die M.s waren ein Drei-Frauen-Haushalt: eine alte, dicke, gehbehinderte Gro\u00dfmutter, eine junge, strahlende Mutter und ihre wundersch\u00f6ne Tochter Waltraud, meine geheime Freundin.<\/p>\n<p>Sie war in meinen Augen noch sch\u00f6ner als Schneewittchen, das Leib gewordene M\u00e4rchen vom Schneewittchen, mit gutem Ausgang. Mir schien dies damals die ideale Familienkonstruktion und beneidete meine Freundin unendlich f\u00fcr ihre Vater- und Bruderlosigkeit. Mir schien, sie lebten die absolute Freiheit. Es gab unter ihnen nie Streit, immer nur offen ausgesprochene und gezeigte Liebe und F\u00fcrsorge. Schon die Gro\u00dfmutter hatte ihre Tochter unehelich bekommen.<br \/>\nWas muss sie zu ihrer Zeit durchgemacht haben, bis sie ihre Tochter studieren lassen konnte? Waltrauds Mutter war Gymnasiallehrerin f\u00fcr Turnen und Englisch, erhielt aber an unserer Schule nie eine Anstellung; sie musste in die Anonymit\u00e4t der Hauptstadt pendeln. Waltraud war eine gute Sch\u00fclerin, ging aber nach der 4. Klasse von der Schule ab und verschwand vollst\u00e4ndig aus unserem Leben.<\/p>\n<p>Viel sp\u00e4ter habe ich das Ger\u00fccht geh\u00f6rt, dass sie mit f\u00fcnfzehn ein Kind bekommen hat und mit dessen Vater in Italien lebt. Bei der Evi S., in ihrem gro\u00dfen Haus am Jahn-Park, war ich oft und gern. Ich erinnere mich an einen riesigen Kirschbaum, in dessen Krone wir von der Terrasse im zweiten Stock herumkletterten. Ich glaube mich zu erinnern und sch\u00e4me mich daf\u00fcr, dass ich die brave Evi benutzt habe, um die heimlichen Besuche in der Kaserne zu tarnen. Die Uschi P. und die Sissy M. m\u00fcssen auch in der Gruppe der Gr\u00f6\u00dferen gewesen sein. Sissy war erst vor kurzem aus Wien zugezogen. Ich war nie bei ihr zu Hause, sie lebte mit einem aufregenden Pilotenvater und einer extravaganten Mutter auf dem Langenlebarner Fliegerhorst, doppelt exotisch und aufregend.<\/p>\n<p>Nur am \u201eTag der Fahne\u201c, dem 26. Oktober, bespielten wir das ausgestellte Kriegsger\u00e4t und bekamen in tiefen Blechsch\u00fcsseln dampfende Suppe aus der Gulaschkanone. Wir st\u00fcrzten uns auf sie, als m\u00fcssten wir zu Hause hungern. Diese Heeressuppe geh\u00f6rt zu den absoluten K\u00f6stlichkeiten meiner Jugend, die ich merkw\u00fcrdigerweise der Sissy und ihrem Vater zu verdanken glaubte. Ich war immer die Vorletzte, sogar die recht klein gewachsenen \u00c4rztet\u00f6chter Helga M. aus Sieghartskirchen und die Christl S. aus Kirchberg am Wagram standen in der Riege vor mir, nach mir kam nur noch die Maria H. Was die Maria und ich gemeinsam hatten, war, dass wir nicht nur die Kleinsten waren, sondern auch die Schm\u00e4chtigsten.<\/p>\n<p>Maria hatte das Aussehen eines verhungernden Albinom\u00e4uschens mit Schnittlauchhaaren von der Farbe vertrockneten Strohs. Die kugelrunden Blauaugen und das N\u00e4schen schienen immer zu zittern, und man erwartete Schnurbarthaare an den Wangen. Ich war zwar klein und mager, hatte aber ein volles Gesicht mit Apfelbacken und Sommersprossen, rotblonde Locken, und an Armen und Beinen zeigten sich zumindest ansatzweise Muskeln. Das Gro\u00dfwerden erlebte ich im wahrsten Sinn des Wortes als langen Leidensweg, und in der R\u00fcckschau muss ich eingestehen, dass vieles an mir nie ganz gro\u00df oder erwachsen geworden ist. Da war sie wieder, die Lust, aus der Reihe zu tanzen.<br \/>\nWarum kam nie jemand auf die Idee, das Ganze einmal umzudrehen, die Kleinsten vorne, an der Spitze, und die Gr\u00f6\u00dften hinten, am Schwanz. Eine aufsteigende Riege, warum denn eigentlich nicht? Macht man ja bei den Zahlen auch. Oder gar kein Ordnungsprinzip, einfach nur eine Reihe bilden ohne irgendeine Hierarchie? Die Rebellin, die Anarchistin steckte in mir, angeboren, da kann ich nichts daf\u00fcr, muss mit meinem Geburtsrang als Nummer 5 von 7 zu tun haben.<\/p>\n<p>Henriette bestimmte zwei M\u00e4dchen, die W\u00e4hlerinnen. Sie traten vor und riefen die Namen aus, dann wurden die roten und blauen Rundb\u00e4nder an die Mannschaften verteilt. Die W\u00e4hlerin war die begehrteste Position; die Mannschaft ausw\u00e4hlen zu d\u00fcrfen, war nicht nur spielentscheidend, sondern auch langfristig wichtig f\u00fcr das Standing in der Klassengesellschaft. Wer wen zu sich in die Mannschaft w\u00e4hlte, das war wichtiger als das Spielergebnis. Ob 21 zu 22 oder 17 zu 14, war meist schnell vergessen, schon zur\u00fcck in der Garderobe sprach niemand mehr dar\u00fcber. Aber wer als Letzte oder gar nicht gew\u00e4hlt wurde, diese Schmach klebte an einem f\u00fcr das ganze Schuljahr, f\u00fcr die gesamte Schulzeit. In meinem Fall vielleicht f\u00fcr das ganze Leben.<br \/>\nAm letzten oder vorletzten Platz in der Riege zu stehen, wie sich das anf\u00fchlt, wei\u00df mein K\u00f6rper noch immer, nur die fast unsichtbare Maria hinter mir und dann nichts mehr, die Leere. Maria z\u00e4hlte eigentlich nicht oder so wenig, dass ich mich immer als die Letzte f\u00fchlte. Sie kam aus Baumgarten bei Freundorf im Tullnerfeld, lebte angeblich mit einer Putzfrau als Mutter in einer Keusche, ohne Vater. Ich glaube, dass nie jemand bei ihr zu Hause war. Ich kann mich nicht erinnern, dass Maria und ich wegen unseres gemeinsamen K\u00f6rperschicksals Komplizinnen im Ungl\u00fcck gewesen w\u00e4ren. Ich kann mich an kein einziges Wort mit ihr oder Gef\u00fchl f\u00fcr sie erinnern, da ist nichts, gar nichts.<\/p>\n<p>Die schonungslose Anzeige der Beliebtheitswerte, bei der Auswahl \u00f6ffentlich ausgesprochen und dargestellt, hing oft nicht von der Sportlichkeit ab, von der Treffsicherheit beim Abschie\u00dfen, wie viele \u201eTote\u201c man der Mannschaft auch eingebracht haben mochte. Wir spielten schlie\u00dflich V\u00f6lkerball. Dreizehn Jahre nach dem letzten Krieg, erfunden aber im Ersten Weltkrieg. In der Auswahl zum V\u00f6lkerball zeigte sich jedes Mal der soziale Rang, ein Schicksal, wie es kein unerbittlicheres gibt. Die Grete R. aus Zeiselmauer, zum Beispiel, war pummelig, stand immer irgendwo unbeweglich herum, jeder anderen Spielerin im Weg und schoss nie jemanden ab. Sie brachte keinen einzigen Toten ein, daf\u00fcr war sie seltsamerweise kaum jemals Opfer. Sie bewegte sich so ungelenk, dass sie an ein sattes Walross erinnerte.<\/p>\n<p>Beim Fest zum 50. Maturajubil\u00e4um erz\u00e4hlten wir einander, wie sehr wir unter den Turnstunden gelitten h\u00e4tten. Grete musste eine von ihrer Mutter gen\u00e4hte Turnhose aus schwarzem Klott tragen, ein elefant\u00f6ses Unget\u00fcm. Das Umziehen war eine Qual f\u00fcr sie. Wie sehr sie meinen einteiligen, elastischen Turnanzug bewundert habe. Sie konnte ja nicht wissen, wie ich unter diesem Kleidungsst\u00fcck gelitten habe. Ich war nach meinen zwei \u00e4lteren Schwestern schon seine dritte Tr\u00e4gerin. Er war ausgeleiert wie ein alter Gartenschlauch, vor allem weil die n\u00e4chst\u00e4ltere Schwester Liesel schon einige Jahre davor ausgepr\u00e4gte Formen hatte. Dazu zeigte er meinen K\u00f6rper in all seiner Magerkeit, mit all seinen M\u00e4ngeln und Defiziten. Ein Krischpindel hie\u00df das damals, Zniachtl war ein anderes uncharmantes Wort f\u00fcr so eine Figur.<\/p>\n<p>Ich dagegen beneidete die Grete f\u00fcr ihre Sch\u00f6nheit: So muss Schneewittchen ausgesehen haben; ein Gesicht wie Milch und Honig, Haare wie die Kaiserin Sisi, zu einem armdicken Zopf geflochten. Meine daunend\u00fcnnen Haare h\u00e4tten bei ihr nicht einmal zu den Stirnfransen gereicht. Die Grete wurde immer als eine der Ersten gew\u00e4hlt. Sie war beliebt. Ich hatte damals noch keine Ahnung von Sozialmechanik. Frau Professor Henriette M. erschien uns Zehnj\u00e4hrigen zwar als uralt, h\u00e4sslich und l\u00e4cherlich, aber sie war sicherlich nicht bl\u00f6d. Sie registrierte alles, was sich zwischen uns abspielte und gab nie etwas an ihre Kollegen weiter. Das rechneten wir ihr hoch an.<\/p>\n<p>Auch gegen\u00fcber unseren Eltern hielt sie uns den R\u00fccken frei. Au\u00dferdem unterrichtete sie uns noch in Deutsch, war unsere Klassenvorst\u00e4ndin und kannte ihre Sch\u00fclerinnen besser als die Eltern ihre Kinder. Wir Sch\u00fclerinnen wussten damals nichts voneinander, in welchen N\u00f6ten sich jede von uns befand. Dass Gitti an ihrer Gr\u00f6\u00dfe litt, Gretl R. an ihrer Klotthose, die Anni S. an der Konkurrenz zu ihren \u00e4lteren Schwestern, den ber\u00fchmten Sportkanonen, die Christl an der angeblichen Genialit\u00e4t ihrer Br\u00fcder.<br \/>\nAber so schlecht wie mir konnte es niemandem gehen, eine unl\u00f6sbare und unentrinnbare Lage. Gr\u00f6\u00dfer, st\u00e4rker, sch\u00f6ner oder kl\u00fcger konnte man vielleicht mit der Zeit werden, da gab es Hoffnung, aber den sozialen Rang konnte man nicht verbessern oder absichern. Denn mein Vater war Professor an dieser Schule. Und es gab fast niemanden, der ihn nicht zum Lehrer hatte. Er unterrichtete Deutsch und Latein, f\u00fcr Griechisch und Philosophie war er der einzige Lehrer. Dazu war er Schuladministrator und betrieb die Schulbibliothek.<\/p>\n<p>Vom ersten Tag an der Schule wurde mir klar gemacht, dass ich keine Sch\u00fclerin war wie die anderen, sondern ein \u201eLehrerkind\u201c. Ob ich beim V\u00f6lkerball ausgew\u00e4hlt wurde oder nicht, nie konnte ich eindeutig feststellen, was der Grund daf\u00fcr war. Meine Sportlichkeit, weil ich trotz meiner Schm\u00e4chtigkeit sehr schnell laufen und hoch springen konnte? Ich war eine gute F\u00e4ngerin und eine gef\u00fcrchtete Abschie\u00dferin, machte viele \u201eTote\u201c und war klein und wendig genug, um oft genug zu \u00fcberleben. Wenn ich bei der Auswahl sitzen blieb, stieg bei mir der Verdacht auf, dass man mir nicht vollkommen vertraute, weil ich ein Lehrerkind war. Oder wurde ich gew\u00e4hlt, weil ich ein Lehrerkind war? Nie konnte ich meinen Rang innerhalb der Klasse genau vermessen und fixieren.<\/p>\n<p>An diese Qual erinnere ich mich so genau wie an den gestrigen Tag. Das Herumschwimmen innerhalb der sozialen Strukturen f\u00fchrte nat\u00fcrlich zu allen m\u00f6glichen und unm\u00f6glichen Reaktionen meinerseits. Charakterliche Verrenkungen, absurde Verhaltensweisen; eine feste Rolle und einen festen Platz zu finden, das gelang mir die gesamte Schulzeit nicht. Ich tappte und taumelte darin herum wie eine Ratte in einer Versuchsanlage. Am besten kam meine Rolle als Klassenkasperl an, als schlimme Sch\u00fclerin, die gute Noten produzierte. Sicher brachte ich viel Spa\u00df in den Unterricht und hatte eine gewisse Blitzableiterfunktion. Aber eben nur Funktion.<\/p>\n<p>Machten sich die anderen auch so viele Gedanken wie ich? Ich wei\u00df es bis heute nicht, nur Vermutungen. Aber dieses Gef\u00fchl, dass ich nie ganz sicher sein konnte, warum mich jemand in seine Mannschaft aufrief, irgendetwas Freundliches zu mir sagte oder zu sich nach Hause einlud, das ist bis heute pr\u00e4sent. Eigentlich war nicht Maria das st\u00e4ndig um sich schnuppernde M\u00e4uschen, sondern ich. Genau daraus ergaben sich neue Zweifel, ob ich als Lehrerkind besser wegkam als andere.<br \/>\nIch glaube mich zu erinnern, dass ich wirklich einigerma\u00dfen witzig war, selbstironisch und frech. In der famili\u00e4ren Kampfarena mit sechs Geschwistern habe ich mehr Erfahrungen sammeln k\u00f6nnen als andere Kinder. Aber das katholisch-biblische Familienleben war derart streng hierarchisch geordnet und von moralischen Leitlinien regiert, dass ich keine Sozialtaktik erlernen konnte. Etwa wurde das Durchschauen von b\u00f6sen Absichten bei anderen durchkreuzt vom Dogma, man m\u00fcsse immer das Gute im Menschen annehmen. Egoismus war eine Tods\u00fcnde, und so konnte ich nie Strategien wie Ironie, Satire oder Zynismus erlernen.<\/p>\n<p>Als einzigen Ausweg sah ich die Flucht aus der H\u00f6lle. Ab der 4. Klasse bettelte ich bei meinen Eltern um einen Schulwechsel. Bitte darf ich nach Krems oder Klosterneuburg gehen! Das gibt\u2018s nicht bei uns, das Aus-der-Reihe-Tanzen. Es gibt keine Extrawurst. Da blieben sie hart. Nat\u00fcrlich konnte ich auch nicht erkl\u00e4ren, warum ich die Schule wechseln wollte. Sogar ein Internat h\u00e4tte ich in Kauf genommen, aber das h\u00e4tte extra Geld gekostet, das nicht vorhanden war. Eine andere Fluchtform fand ich in extremen Tr\u00e4umereien \u00fcber Reisen in ferne L\u00e4nder oder zumindest Lekt\u00fcren dar\u00fcber. Das Schreiben, die Leselust und das Reisen, das sind wahrscheinlich die besten und bleibendsten Relikte meiner verkorksten Jugend.<\/p>\n<p>In unserer altersgem\u00e4\u00dfen \u00dcberheblichkeit verstanden wir damals nicht, dass Henriette zus\u00e4tzlich zu ihrer Intelligenz auf Grund ihres Aussehens eine feine Psychologie entwickelt hatte. Zu ihrem und unserem Gl\u00fcck war sie trotz ihres harten Schicksals nicht in die B\u00f6sartigkeit abgedriftet, sondern hatte ein sensibles Instrumentarium ausgebildet. Es blieb uns ebenfalls verborgen, dass sie als 30-J\u00e4hrige uns 10-J\u00e4hrigen viel n\u00e4her stand als unsere Eltern. Sehr viel sp\u00e4ter erfuhr ich, dass Frau Prof. Henriette verheiratet war und zwei Kinder hatte. Eigentlich muss sie ein gl\u00fccklicher Mensch gewesen sein, mit der Karriere, die sie trotz aller Widrigkeiten gemacht hatte. Sie hatte studiert, einen Job, verdiente ihr eigenes Geld, war unabh\u00e4ngig. Die Welt stand ihr offen. Ihr Militarismus war wahrscheinlich antrainiert, als eine sch\u00fctzende Maske.<\/p>\n<p>Ihre wahren menschlichen und intellektuellen Qualit\u00e4ten stellten sich erst Jahre sp\u00e4ter heraus, im Deutsch-Unterricht. Sie war unsere Deutschlehrerin bis zur Matura, mit einer Unterbrechung, als wir ab der 5. Klasse mit den Buben zusammengelegt wurden. Aber ich brauchte noch Jahre, bis zu meinem Germanistik-Studium, das zu erkennen. Da erst d\u00e4mmerte mir, dass ich meinen Kolleginnen an der Uni viel voraus hatte. Henriette hatte uns schon fr\u00fch mit Ingeborg Bachmann, Paul Celan, Franz Kafka, Heinrich Heine, Hans Magnus Enzensberger, Georg Heym, Stefan Zweig, Arthur Schnitzler bekannt gemacht.<br \/>\nWie sie es zustande brachte, uns sogar Grillparzer, Stifter und Schiller g\u2018schmackig zu machen, wei\u00df ich nicht mehr. \u201eDer arme Spielmann\u201c und \u201eBrigitta\u201c haben mich zu Tr\u00e4nen ger\u00fchrt. Es hat sich wie durch ein Wunder in einem Deutschheft der 8. Klasse ein Referat \u00fcber \u201eDon Carlos\u201c erhalten, in dem ich mich eindeutig als in den Helden verliebt geoutet habe. Es muss an ihr gelegen sein, dass ich nicht unter schallendem Gel\u00e4chter von der B\u00fchne vertrieben wurde, zumindest hat mein l\u00e4cherlicher Auftritt kein erinnerbares Trauma hinterlassen.<\/p>\n<p>Als ich es vor kurzem wieder nachlas, stellte ich fest, dass ich am 28.11.1965 ein respektables St\u00fcck Literaturinterpretation abgeliefert hatte. Dass in ihrem Unterricht Sappho im Mittelpunkt stand und nicht Ovid und dass Antigone meine Lieblingsheldin wurde und nicht Odysseus, auch das war Henriettes Werk. Nat\u00fcrlich wei\u00df ich nicht, ob das meiner altersgem\u00e4\u00dfen oder ihrer Entwicklung von der BdM-Turnlehrerin zur Humanistin geschuldet ist. Sie weckte nicht nur unser Interesse f\u00fcr das Theater, sondern auch an der modernen Lyrik.<br \/>\nAn einen Aufsatz \u00fcber Brechts Gedicht \u201eDie Wolke\u201c kann ich mich genau erinnern. Er wurde von Henriette in h\u00f6chsten T\u00f6nen gelobt, und ich las ihn mit Genuss der Klasse vor. Henriette muss es gewesen sein, die an mir erkannte, dass ich schreiben konnte und Ans\u00e4tze eines rhetorischen Talents hatte, dazu eine starke Neigung zur B\u00fchne. So f\u00f6rderte sie mich bei den Redewettbewerben, bei denen ich regelm\u00e4\u00dfig einen vorderen Platz gewann. Nicht mehr V\u00f6lkerball, sondern Schreiben und Vortragen, das waren nun die Disziplinen, in denen ich mich in der Riege vorne stehen sehen wollte. Henriette sei Dank!<\/p>\n<p>Was blieb von der Henriette? Sicher war sie nicht die Einzige, die mir mit ihrem Literaturunterricht den Schl\u00fcssel zur Leselust und zur Welt der B\u00fccher in die Hand gab: dass sie die Neugier, die Phantasie, die Inspiration und die menschliche Erfahrungswelt aufsperren und dass Lesen Genuss pur ist, schlauer und zufriedener macht. Sie vermittelte mir eine Einsicht, die mir in meinem ganzen Leben viel Nutzen und Vergn\u00fcgen brachte: dass man sich immer ein eigenes Bild machen soll. Sicher geh\u00f6rte sie auch zu jenen Lehrern, die Lust auf den Lehrberuf machten.<br \/>\nUnd davon hatten wir zum Gl\u00fcck nicht wenige. Von den 19, die maturiert haben, wurden neun Lehrer.<\/p>\n<p>San Francisco, Berkeley, 23.2.2019<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 19064<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein St\u00e4ndchen mir selbst zum 71. Geburtstag begonnen am 17.2., beendet am 23.2.19, 12 h 30 Vor langer Zeit, vor einer Ewigkeit von sechzig Jahren, lebte in einem Provinzst\u00e4dtchen ein M\u00e4dchen, mit dem ich Vor- und Nachnamen gemeinsam habe. 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