{"id":9547,"date":"2019-03-05T09:15:52","date_gmt":"2019-03-05T09:15:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9547"},"modified":"2019-03-17T16:35:52","modified_gmt":"2019-03-17T16:35:52","slug":"guten-appetit-ihr-ratten-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9547","title":{"rendered":"Guten Appetit, ihr Ratten &#8211; Teil II"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9547&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9547&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>\u201eWo ist die Liebe?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ich stand im kalten Treppenhaus und wartete, bis Linda die T\u00fcr aufmachte. Dann, als es endlich passierte, schlug ich ihr w\u00e4hrend unseres Gespr\u00e4chs vor, zusammenzusein, aber sie schlug es aus.<br \/>\nDu lebst nicht!<br \/>\nSie war kalt wie ein Fisch, anscheinend war ich pervers, weil ich sie liebte.<br \/>\nIhr Gesicht war ganz blass, und ich fragte sie, was mit ihr los war.<br \/>\n\u201eIch habe meine Tage\u201c, sagte sie ohne jegliche Scheu.<br \/>\nSie sah mich nicht wie einen Mann an. Ihre Augen wie zwei Eisberge, und noch mehr K\u00e4lte in deren Tiefe. Mit Verachtung lachte ich \u00fcber mich, weil ich so verzweifelt war, zu ihr zu kommen.<br \/>\nIch wollte von ihrem Balkon springen oder sie runterschmei\u00dfen. Vielleicht w\u00fcrde sie auch mit mir springen wollen? Aber da sie mit mir nicht leben wollte, w\u00fcrde sie auf keinen Fall mit mir sterben wollen.<br \/>\nDiese Welt ist zu kalt, dass Liebe wachsen und bl\u00fchen kann.<\/p>\n<p>Einmal ging ich alleine zum Mittagsbuffet im Chinesischen Restaurant. Bevor ich meine Wohnung verlie\u00df, bildete ich mir ein, dass ich riesige Willenskr\u00e4fte hatte, gr\u00f6\u00dfer als das Haus, und als ich das Restaurant betrat, glaubte ich, dass ich seine W\u00e4nde mit meiner pers\u00f6nlichen Energie zerst\u00f6ren k\u00f6nnte, aber pl\u00f6tzlich bemerkte ich, dass fast an allen Tischen sch\u00f6ne M\u00e4dchen sa\u00dfen, die vermutlich zu einer Modelagentur geh\u00f6rten. Nur in einer Ecke sah ich einen \u00e4lteren Mann mit einer Zeitung. Weder war er an den M\u00e4dchen noch sie an ihm interessiert. Sie folgten mir mit ihren Blicken, und ich sp\u00fcrte, wie meine Kr\u00e4fte wie ein m\u00fcder Pimmel zusammenschrumpften. Kaum konnte ich einen Tisch in der anderen Ecke erreichen. Ich sah den Mann an, der mir mit seinem warmen L\u00e4cheln verst\u00e4ndnisvoll zunickte. Er hatte schon die \u00c4ngste der Jugend durchlaufen.<\/p>\n<p>Ich sa\u00df in der Ecke, wie eine gefangene Ratte, und wurde von der Existenz der M\u00e4dchen immer mehr unterdr\u00fcckt. Dann musste ich unbedingt auf die Toilette. Ich machte Schritte, hatte aber den Eindruck, dass ich an der selben Stelle stehen blieb, wie in einem Albtraum. So schlabbrig waren meine Beine.<br \/>\nMit kaltem Wasser wusch ich mir mein Gesicht und schaute mir mein bleiches Spiegelbild an. Der Typ im Spiegel tat mir leid, er war schwach, bedauernswert, ekelerregend.<br \/>\nIch versuchte, mir wieder einzubilden, dass ich stark und allm\u00e4chtig w\u00e4re. Tats\u00e4chlich versp\u00fcrte ich die Energiewelle wieder, allerdings war sie mit dem Tsunami, mit dem ich meine Wohnung verlassen und alles auf meinem Weg verw\u00fcstet hatte, nicht zu vergleichen.<\/p>\n<p>Ich nahm einen Teller und machte ihn mit verschiedenen Gerichten voll, aber als ich zu meinem Tisch kam, hatte ich ein Klo\u00dfgef\u00fchl in meinem Hals. Der Mann mit der Zeitung schaute mich besorgt an. Ich warf mich auf den Stuhl und versuchte mich zu zwingen, etwas zu essen, aber es wollte nicht runter. Ich f\u00fchlte mich wie eine Kuh, die immer wieder das Essen zerkaute.<br \/>\nIch schaute die M\u00e4dchen absichtlich nicht an, trotzdem sp\u00fcrte ich ab und zu ihre Blicke.<br \/>\nAuf einmal wurde mir ganz \u00fcbel, und mit aller Kraft rannte ich aus dem Geb\u00e4ude, verfolgt von der chinesischen Kellnerin, die mit lustigem Akzent schrie.<br \/>\n\u201eBezahlen, bezahlen!\u201c<br \/>\nUnd das Schlimmste daran war das kollektive Lachen, das ich beim Fl\u00fcchten h\u00f6rte.<\/p>\n<p>Ich habe das alles deswegen erz\u00e4hlt, weil ich das selbe Ritual vollbrachte, bevor ich heute rauskam, und mich jetzt wieder wie ein NICHTS f\u00fchlte.<br \/>\nFr\u00fcher mochte ich keine belebten Orte, aber bei einigen Menschen ging es mir komfortabel. Heutzutage fiel es mir schon schwer, mich mit einem zu unterhalten. Wenn es so weitergeht, werde ich mich selbst beim Alleinesein als einer zu viel betrachten.<br \/>\nIch verlie\u00df die Frau f\u00fcr immer und schweifte auf den Stra\u00dfen rum, dabei versuchte ich mich an etwas zu erinnern, was mir keine Ruhe lie\u00df.<br \/>\nIch fand keine Liebe in den Menschen, deswegen suchte ich sie in Gegenst\u00e4nden, indem ich sie ber\u00fchrte. Verkehrsschilder und Laternen waren eisig, B\u00e4ume dagegen viel freundlicher.<\/p>\n<p>Mein Vater dachte immer ans Geld. Er kaufte die Wohnung auf Kredit und jeden Monat sagte er, wieviel noch abzubezahlen w\u00e4re. Er verteilte sein ganzes Leben auf Raten. Immer diese gesichtslosen, schrecklichen Ziffern.<br \/>\nVermutlich hatten er und meine Mutter absolut trockenen Sex. Mein Vater hatte vielleicht den Eindruck, dass er mit einem Schleifpapier kopulierte, und meine Mutter dachte wahrscheinlich, dass es gleich sei, ob sie mit ihm oder mit einer Luftpumpe schlief. Beide sind gleich tot, und ich wohne jetzt alleine in der Wohnung, in der sie so ungl\u00fccklich waren.<br \/>\nDie Seelen im Gefrierfach.<\/p>\n<p>Ich kannte einen Mann, der Frauen nie ins Gesicht schaute, stattdessen hatte er nur ihre Beine, Pos und Br\u00fcste im Kopf, deswegen war er immer alleine, weil das Gesicht der Mensch ist, aber er bevorzugte das Fleisch, das nicht lieben kann.<br \/>\nEine Frau fragte mich:<br \/>\n\u201eWillst du mein Sklave werden?\u201c<br \/>\nIch lutschte die Br\u00fcste einer Frau zu lange, und sie fragte mich:<br \/>\n\u201eH\u00e4ltst du mich etwa f\u00fcr deine Mutter?\u201c<br \/>\nSex \u2013 ein gescheiterter Versuch, in verlorene Sorglosigkeit zur\u00fcckzukehren.<\/p>\n<p>Ich hatte ein sehr niedliches M\u00e4del und ich sagte zu ihr.<br \/>\n\u201eIch liebe es, wenn du mich mit deinen Lippen anl\u00e4chelst.\u201c<br \/>\n\u201eMit welchen?\u201c<br \/>\n\u201eAllen!\u201c<br \/>\nAm Ende ging sie trotzdem, wie alle. Ich wei\u00df nicht warum, sie vermutlich auch nicht. Da ist eine Kraft in der Luft, die uns auseinanderbringt. Molek\u00fcle der Zeit. Liebkosung des Todes zerst\u00f6rt alles in dieser Welt.<\/p>\n<p>Mein Verhalten erschien den Leuten auf der Stra\u00dfe merkw\u00fcrdig, und jetzt laufe ich weg von dem gro\u00dfen Polizisten. Ich laufe nicht, weil ich schuldig bin, sondern weil ich es m\u00f6chte. Ich laufe fort von Menschen, die einander nicht zuh\u00f6ren und nicht sehen, von Menschen, die nicht wissen, was sie aus ihrem Leben machen wollen. Ich laufe fort von mir, der Angst hat, sich zu bewegen, um etwas zu \u00e4ndern, der Angst hat, laut zu atmen, um damit nicht jemanden zu st\u00f6ren, von mir, der von seiner Vergangenheit gequ\u00e4lt, von der Gegenwart verwirrt und von der Zukunft erschreckt wird, von mir, der von den sinnlosen Tr\u00e4umen verfolgt wird oder der nicht genug Verstand besitzt, die verborgene Botschaft darin zu verstehen. Ich laufe fort von Fehlern, aus denen ich keine Lehre rausholen konnte, wobei ich mich weiterhin t\u00e4usche, dass ich sie nie wieder begehen werde. Ich laufe weg von dem Nachbarn, der mich anl\u00e4chelt, aber dem ich in Wirklichkeit egal bin, weg von der Dunkelheit, in der ich mich fr\u00fcher so gerne aufhielt.<br \/>\nIch laufe schnell, und mir entgegenwehender Wind befreit mich st\u00fcckweise von meiner alten Haut, die wie Herbstbl\u00e4tter langsam und in Kreisen auf den kalten Asphalt abf\u00e4llt, und ich f\u00fchle mich wie Gott, der in allen Dingen und gleichzeitig frei ist.<\/p>\n<p>Diese Stra\u00dfe, dieser Polizist, diese Ger\u00e4usche, dieser Duft aus der B\u00e4ckerei, das alles bin ich, und auch mehr. In Wirklichkeit geh\u00f6re ich woandershin, ich bin nur auf der Durchreise hier, ein Gast f\u00fcr eine Weile, f\u00fcr einige Jahre, die wie Sekunden vergehen. Ich bin gekommen, um mir diese Absurdit\u00e4t anzusehen, um mich \u00fcber diesen Schwachsinn, der sich in den Mantel der Wahrheit gekleidet hat, zu Tode zu lachen.<br \/>\nIch strecke meine Arme zur Seite und laufe so. Von der Seite muss ich l\u00e4cherlich aussehen. Ich sehe mich mit den Augen der Katze, die auf der Fensterbank sitzt und mich mit ihrem allessehenden Blick erstaunt anschaut. Ich sehe mich mit den Augen der alten Frau, die auf der Gartenbank sitzt und die Tauben mit dem trockenen Brot f\u00fcttert, das sie vorhin selbst mit dem Tee zu essen versucht hatte, wobei fast ihre Zahnprothese zerbrochen w\u00e4re. Ich sehe mich mit den Augen des Polizisten, und ich muss von hinten noch lustiger aussehen, als ob ich kein Gesicht h\u00e4tte. Zuletzt sehe ich mich mit den Augen der Kr\u00e4he, die mich bemitleidet, weil sie wei\u00df, dass ich nie fliegen werde \u2013 nie?<\/p>\n<p>Alles ist ganz schnell geschehen. Entweder habe ich die Bremsen geh\u00f6rt oder ich habe mir danach eingebildet, sie geh\u00f6rt zu haben. Die Tatsache ist, dass ich von einem Auto angefahren wurde, und jetzt liege ich auf der Erde ganz alleine. Ich sp\u00fcre \u00fcberhaupt nichts, und ich denke, dass es ein schlechtes Zeichen ist. Ich betrachte die Welt aus der Sicht eines Wurmes. Vor Kurzem war ich wie der Sch\u00f6pfer, aber jetzt hat sich meine echte Essenz enth\u00fcllt.<br \/>\nIch erinnere mich, wie einer meiner Lehrer mir von einem \u00fcberfahrenen und von Menschen umzingelten Hund erz\u00e4hlte, den er gesehen hatte. Es gibt keine gr\u00f6\u00dfere Einsamkeit, dachte mein Lehrer, zu sterben, w\u00e4hrend um dich herum M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger wie Fliegen kreisen, denen es gleichg\u00fcltig ist, was mit dir passiert. Sie sind woanders, in ihrer boshaftigen Freude, ihr Tag ist gelungen, weil sie jemanden sterben sehen konnten, und sie kehren gl\u00fccklich nach Hause zur\u00fcck mit dem Gedanken, dass sie immer noch atmen. Es ist egal, dass sie nichts daraus machen, Hauptsache, sie atmen und verpesten die Luft.<br \/>\nHoffentlich werde ich nicht so umzingelt. Ich ziehe vor, alleine zu bleiben, f\u00fcr mich in Ruhe.<br \/>\nDie Autofahrerin ist eine sehr h\u00fcbsche, junge Frau.<br \/>\nSie ist so wundersch\u00f6n und g\u00fctig, sie w\u00fcrde mich bestimmt lieben. Sie ist wie eine vergessene Melodie, Duft aus der Kindheit, Erinnerung an einen warmen Traum.<br \/>\nIch entferne mich von ihr, als ob ich in eine unendliche Tiefe fallen w\u00fcrde, aber mit der Hoffnung, dass ich sie im n\u00e4chsten Leben treffen und erkennen werde.<\/p>\n<p>Ich war mit der Vorlesung fertig, aber mein Kollege schwieg.<br \/>\n\u201eNa, was sagst du, hat sie dir gefallen?\u201c<br \/>\n\u201eEs gibt keine Achse, alles ist irgendwie oberfl\u00e4chlich und fl\u00fcchtig erz\u00e4hlt. Allerdings denke ich, dass es etwas Gro\u00dfartiges werden kann. Du kannst \u00fcber dieses Thema ein ganzes Buch schreiben. Es ist doch das ewige Problem der Menschheit. Die K\u00e4lte der Einsamkeit. Daf\u00fcr musst du aber der Sache auf den Grund gehen, und das erfordert sowohl eine gewisse Lebenserfahrung als auch das Feingef\u00fchl zum Detail.\u201c<br \/>\nIch h\u00f6rte ihm zu und wollte den Aschenbecher nach ihm schmei\u00dfen.<br \/>\n\u201eWas verstehst du schon davon? Bist du etwa ein Literaturkritiker?\u201c<br \/>\n\u201eWarum bist du so sauer, du musst doch f\u00fcr konstruktive Kritik offen sein, nur so wirst du besser.\u201c<br \/>\nIch wollte nichts mehr h\u00f6ren, ich wollte weinen, und ich sa\u00df da und guckte mir die bunten Bl\u00e4tter der B\u00e4ume an und wusste \u00fcberhaupt nicht, warum sie sich im Herbst so f\u00e4rbten. Trotzdem genoss ich ihre Sch\u00f6nheit, die mich beruhigte.<\/p>\n<p>\u201eUnd warum springst du so hin und her von Perfekt zu Pr\u00e4teritum?\u201c<br \/>\nJetzt war er schon ein Grammatiklehrer, aber ich w\u00fcrdigte ihn keiner Antwort.<br \/>\nNach einer Weile erz\u00e4hlte er mir von einem Jungen, der in England lebte und sein ganzes Leben lang die Menschen um sich herum vergiftete. Zuerst waren es seine Eltern und dann, als er \u201erehabilitiert\u201c und wieder auf freiem Fu\u00df war, seine Kollegen.<br \/>\nIch versuchte mir vorzustellen, wie viel Hass in ihm von Anfang an stecken musste oder woher dieser kam. Woher kommen unsere Gef\u00fchle \u00fcberhaupt, und was sind sie? Sind sie echt? Geh\u00f6ren sie uns, oder werden sie uns einfach von jemandem ohne unsere Erlaubnis angeh\u00e4ngt?<br \/>\nMein lieber Kollege merkte mir die Nachdenklichkeit an.<br \/>\n\u201eAn was denkst du?\u201c<br \/>\n\u201eAn nichts, an ein unendliches, \u00fcberall vorhandenes und alles umfassendes Nichts!\u201c<\/p>\n<p>Die sinnlosen Tage liefen an mir vorbei wie Bilder in einem Schnellzug-Fenster, bis ich eines Abends todm\u00fcde nach Hause kam und von meiner weinenden Mutter erfuhr, dass mein bester Freund, Sohn ihrer besten Freundin aus der Heimat, wegen eines M\u00e4dchens erstochen worden war.<br \/>\nWir besuchten die Familie jedes Jahr, sie uns ein paarmal. Bei unseren Reisen blieb mein Vater immer zuhause. Er verlie\u00df Deutschland nicht so gern, er hatte eine gewisse Nervosit\u00e4t.<br \/>\nMein bester Freund war ein Sportler, und er hatte immer gute Laune. Er war wirklich ein toller Kerl. Die Ferne war \u00fcberhaupt kein Hindernis f\u00fcr unsere Freundschaft.<br \/>\nIch stellte mir vor, wie ich seinen M\u00f6rder, der jetzt auf der Flucht war, fand und umbrachte. Ich war sehr zornig, und mein Zorn wuchs wegen meiner Machtlosigkeit.<br \/>\nMein Hirn wiederholte st\u00e4ndig: ES GIBT IHN NICHT MEHR!<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag musste ich wieder arbeiten, aber ich wollte nicht, dass jemand mir meine Traurigkeit, die so pers\u00f6nlich wie Genitalien sind, anmerkte, deswegen war es doppelt schwer f\u00fcr mich. Ich bin kein Exhibitionist. Ich versuchte, nicht an meinen armen Kumpel zu denken, ich schob ihn in die Peripherie meiner Gedanken und f\u00fchlte mich deswegen wie ein Verr\u00e4ter.<br \/>\nIch putzte schon die Sp\u00fclmaschine, als mein Kollege mir zwei Teller brachte, auf denen vor Kurzem Rumpsteaks gelegen hatten, und mir \u00fcberzeugend erkl\u00e4rte, warum ich sie \u00fcber Nacht nicht so lassen durfte. Also musste ich die bereits zum Gl\u00e4nzen gebrachte Maschine wieder benutzen und erneut putzen, aber bevor ich sie anmachte, sagte mein lieber Kollege:<br \/>\n\u201eIch hab dich verarscht, lass sie ruhig.\u201c<br \/>\nIch habe meine Prinzipien und wusch trotzdem ab.<br \/>\nAllerdings bei der zweiten Putzerei, w\u00e4hrend ich zur H\u00e4lfte in der ge\u00f6ffneten Maschine war, war ich so sauer, dass ich mir meinen Kopf gegen eine Kante stie\u00df und er blutete. Wie immer lie\u00df ich mein Problem unbemerkt bleiben und ging leise.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Schlafens konnte ich meinem Kumpel nicht mehr weglaufen. Ich war in seiner Welt.<br \/>\nIch versuchte ihn verzweifelt anzurufen, aber es gab keinen Summton, und als ich den H\u00f6rer auflegte und schon die Hoffnung auf die Verbindung v\u00f6llig verloren hatte, fing das Telefon an zu leuchten. Ich nahm den H\u00f6rer ab und h\u00f6rte ihn gl\u00fccklich lachen, wie er es immer tat, und da wurde ich auch \u00fcbergl\u00fccklich, weil ich seine Stimme so vermisst hatte. Es war ein Wunder, ihn wieder h\u00f6ren zu k\u00f6nnen, und daf\u00fcr war ich sehr dankbar, ich wei\u00df nicht wem, einfach dankbar. Nachdem er sich satt gelacht hatte, fragte er mich mitf\u00fchlend:<br \/>\n\u201eWolltest du mich anrufen?\u201c<br \/>\n\u201eJa, und wie.\u201c<br \/>\n\u201eIch wei\u00df, aber ich habe jetzt eine andere Nummer.\u201c Dann schwieg er.<br \/>\n\u201eWie lautet sie?\u201c Aber die Verbindung war zu Ende.<\/p>\n<p>Ich wachte mit gro\u00dfen Schmerzen in der Brust auf, weil ich wusste, dass es nur ein Traum gewesen war und ich mit ihm nie wieder sprechen w\u00fcrde. Mit seinem Tod war auch ein Teil von mir gestorben, ein Teil, der in seinen Erinnerungen an mich existierte, ein Teil von mir, den nur er kannte.<br \/>\nWarum sind wir dem Tode geweiht? Warum?<br \/>\nZu allem \u00dcberfluss stritten sich meine Eltern wieder \u2013 Gott sei Dank, dass ich gleich schuften durfte, weg von denen, einfach weg.<br \/>\nMein Kopf war total blockiert, ich arbeitete maschinell, wie ein Roboter, ich verlor mich, ich war nirgends und nie.<\/p>\n<p>Der Arbeitstag war vollendet, und bevor ich ging, f\u00fcgte ich ziemlich viel Rattengift in die Suppeneimer, die f\u00fcr die morgige gro\u00dfe Veranstaltung vorbereitet wurden.<br \/>\nIch ging raus und stieg auf mein Fahrrad auf, um durch die frostige deutsche Nacht zu gleiten, dabei fand ich es sehr schade, dass die Bretzings meine Kreation nicht kosten durften.<\/p>\n<p>2017<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Giorgi Ghambashidze<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0<span style=\"color: #333333;\">Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5450\">Perfidee<\/a><\/span> | Inventarnummer: 19062<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u201eWo ist die Liebe?\u201c Ich stand im kalten Treppenhaus und wartete, bis Linda die T\u00fcr aufmachte. 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