{"id":9541,"date":"2019-03-05T09:01:18","date_gmt":"2019-03-05T09:01:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9541"},"modified":"2019-03-10T17:50:02","modified_gmt":"2019-03-10T17:50:02","slug":"guten-appetit-ihr-ratten-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9541","title":{"rendered":"Guten Appetit, ihr Ratten &#8211; Teil I"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9541&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9541&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Heute stritten sich meine Eltern wieder. Mein Vater stand, wie immer, mit dem Sabber im Mund, und beschimpfte meine Mutter, die sich, wie immer, nervend beweinte. Dabei war das ein Theaterst\u00fcck, das ich mir leider \u00f6fter ansehen durfte. Sie stritten sich nie, wenn ich nicht zu Hause war. Sie brauchten einen Zuschauer, und diese \u00e4tzende Rolle hatte ich bekommen, ohne dass mich jemand gefragt h\u00e4tte. Ich musste blo\u00df schweigend dasitzen, oder -stehen, oder -liegen, kurz gesagt, einfach da sein, um alles mitzukriegen. Die beiden wollten mir eine Botschaft \u00fcbermitteln, dass sie n\u00e4mlich ungl\u00fccklich waren, und ich wusste nach wie vor nicht, was ich damit anfangen sollte. Es war nicht meine Schuld, ich hatte in meinem Leben genug Fehler gemacht, aber dass ich in diese Familie geboren wurde, war keiner davon. Ich meine doch, aber nicht meiner. Dar\u00fcber wurde ich vorher auch nicht informiert, zack in den dunklen Sack, und da war ich.<\/p>\n<p>Es gab immer das selbe Muster, wie ihr Streit anfing. Zuerst provozierte meine Mutter meinen Vater \u2013 komisch, wenn ich sie so nenne, weil ich \u00fcberhaupt keine seelische Verbindung zu ihnen versp\u00fcre. Die sind nur zwei Menschen, die mich mit ihren Problemen st\u00e4ndig bel\u00e4stigen, und ich kann nicht weglaufen. Ich brauche mein Bett, um zu schlafen, so sentimental bin ich nun mal.<br \/>\nAlso meine Mutter wollte das Mittagessen kochen, und nahm zwei Packungen Putenfleisch aus dem K\u00fchlschrank. Und als sie die aufmachte, wurde die Luft im Raum verpestet. Es roch schrecklich, ich dachte schon, dass ich mich \u00fcbergeben m\u00fcsste, so intensiv roch es nach dem Gammel. Selbst mein Vater, der sein h\u00e4sslisches Gesicht im Badezimmer rasierte, witterte es sofort und kam mit dem Rasierschaum im Gesicht zu uns.<br \/>\n\u201eWer ist da gestorben?\u201c<br \/>\nEure Tr\u00e4ume, wollte ich ihm antworten, schwieg aber lieber.<br \/>\n\u201eIst das unser Mittagessen?\u201c, fragte er.<br \/>\nMeine Mutter nickte ganz bl\u00f6d, nach ihrer pers\u00f6nlichen Art. Anders konnte sie nicht, das war die Form ihrer Existenz.<br \/>\n\u201eSchmei\u00df es sofort weg!\u201c<br \/>\n\u201eWarum?\u201c, fragte meine Mutter.<br \/>\n\u201eWarum?!\u201c, wiederholte mein Vater erstaunt.<\/p>\n<p>Ich wollte lachen, aber blieb ruhig, ich konnte mich kontrollieren, und zwar sehr gut \u2013 ich blieb zumindest \u00e4u\u00dferlich k\u00fchl.<br \/>\n\u201eWeil es wie ein Kadaver riecht, darum!\u201c<br \/>\nDas ist es auch, h\u00e4tte ich am liebsten gesagt.<br \/>\n\u201eIch denke, dass es noch essbar ist.\u201c Sagte meine \u201eMami\u201c und probierte ein St\u00fcck rohes, gammeliges Fleisch.<br \/>\nMein Vater war schockiert. Jedenfalls spielte er den Schockierten, obwohl es mir unglaubw\u00fcrdig schien, dass man sein ganzes Leben von ein und demselben Ding schockiert werden kann, aber er war schon in seiner Rolle, also es ging bereits los.<br \/>\n\u201eDu Idiotin, schaust mich wie eine Ziege an, h\u00f6rst du nicht, was ich sage? Schmei\u00df das weg, habe ich gesagt. Verstehst du denn nach so vielen Jahren immer noch kein Deutsch?\u201c Sie war eine Ausl\u00e4nderin.<br \/>\n\u201eDoch.\u201c<br \/>\n\u201eWarum hast du das dann getan?\u201c<br \/>\n\u201eWeil es schade w\u00e4re.\u201c<br \/>\n\u201eEs ist kein Essen mehr du Idiotin, du Kaukasische Ziege, dein Platz ist an einer Klippe, nicht hier in meiner europ\u00e4ischen K\u00fcche, du, duuu, ich wei\u00df nicht, was du bist, aber ich w\u00fcnsche dir, dass du dich vergiftest und verreckst.\u201c<\/p>\n<p>Da fing meine Mutter an zu weinen, und ich ging zum Fenster, um rauszuschauen, aber da war nichts, nur eine leere, kalte Stra\u00dfe. Von diesen negativen Schwingungen wurde mir \u00fcbel. Ich hatte einen ziemlich empfindlichen Magen. Das war schon immer so, aber ich wollte nicht, dass jemand es mir anmerkte. Ich schw\u00f6rte, dass ich mich r\u00e4chen w\u00fcrde.<br \/>\nMein Vater beschimpfte sie noch gute zehn Minuten, und ich sp\u00fcrte schwarze Galle, die von der Decke und den W\u00e4nden runtertropfte. Alles war so verschmutzt und eklig. Wie konnte das Gl\u00fcck in einer Wohnung wie dieser \u00fcberleben?<br \/>\nIch wollte woanders sein, mit anderen Menschen, egal mit wem, aber nicht mit denen da, die mein Leben zerst\u00f6rten. Das d\u00fcrften sie eigentlich nicht, keiner darf das, besonders die Eltern nicht. Ich wollte von ihren Sado-Maso-Spielchen nichts mehr wissen, sie sollten mich einfach in Ruhe lassen.<\/p>\n<p>Wenn ich eine Freundin h\u00e4tte, w\u00fcrde ich zu ihr ziehen, aber ich hatte keine. Nach der Zankerei meiner Eltern war ich so gestresst, dass ich oft masturbierte, um mich ein wenig zu entspannen, aber es half mir nur kurz, danach f\u00fchlte ich mich noch schlimmer. Diesmal tat ich es nicht, ich blieb Gewinner des Tages, und so fing mein zweiw\u00f6chiger Urlaub an.<br \/>\nIch hatte vor Kurzem eine Besch\u00e4ftigung in einem Restaurant angenommen, die mich ziemlich kaputt machte. Einmal sch\u00e4lte ich die \u00c4pfel und wurde gehetzt, infolgedessen ich meinen halben Nagel absch\u00e4lte und mein Finger blutete. Ich musste dann den ganzen Arbeitstag Latexhandschuhe tragen, ansonsten tat es beim Geschirrabwasch h\u00f6llisch weh, aber es half nicht ganz. Beim Blechabwasch gelangte das fettige, hei\u00dfe Wasser trotzdem in die Wunde, deswegen musste ich immer wieder neues Pflaster draufkleben.<br \/>\nAls ich endlich nach Hause fahren durfte und mich im Umkleideraum befand, roch meine Hand wie Plastik. Au\u00dferdem hatte ich st\u00e4ndige Muskel- und R\u00fcckenschmerzen. Meine F\u00fc\u00dfe taten vom vielen Stehen weh, und mein gro\u00dfer Zeh wurde dauernd taub.<\/p>\n<p>Einer meiner Kollegen sah schon wie ein Untoter aus. Er arbeitete da seit einem Jahr, hatte einen vielversprechenden Buckel, ein gr\u00fcnes Gesicht und er war ganz schm\u00e4chtig. Ich machte mir wirklich Sorgen um ihn. Selbst wenn wir den ganzen Tag zusammen arbeiteten, tat er in den Pausen nichts au\u00dfer zu rauchen oder Kaffee zu trinken, er a\u00df \u00fcberhaupt nicht. Im Gegensatz zu ihm f\u00fchlte ich mich wie ein uners\u00e4ttliches Schwein, weil ich mich richtig und m\u00f6glichst regelm\u00e4\u00dfig ern\u00e4hrte.<br \/>\nDer Chef war davon nicht ganz begeistert, aber wir hatten eine Abmachung. Er war eine Nummer f\u00fcr sich. Ein meistens ruhiger Psychopath. Einmal warf er sogar mit Pfannen um sich. Danach wurde mir klar, dass vom Herd kommende Hitze so etwas bewirken kann.<br \/>\nSehr oft beendete er seinen Auftritt mit folgenden Worten:<br \/>\n\u201eMach es richtig, sonst muss ich dich aufh\u00e4ngen!\u201c<br \/>\n\u201eKeine Folie im Essen, sonst bist du tot!\u201c<br \/>\n\u201eKein Haar in der Suppe, sonst stirbst du!\u201c<br \/>\n\u201eUnd zwar schnell, sonst war es das mit dir!\u201c<br \/>\n\u201eMach nichts kaputt, sonst mach ich dich!\u201c<br \/>\nIch l\u00e4chelte ihn an und dachte gleichzeitig an was v\u00f6llig anderes, aber das wusste er nicht. Seine irren Augen schimmerten gl\u00fccklich wegen etwas mir Unbekanntem, was mir egal war.<\/p>\n<p>Er konnte zum Beispiel von etwas Uninteressantem ziemlich lange und wortreich erz\u00e4hlen und einen dann aufmerksam anschauen, als ob er Beifall oder totale Zustimmung erwartete. Seine Frau, meine Chefin, kam oft in die K\u00fcche, und sie fl\u00fcsterten irgendwelche versauten Sachen, ich konnte nichts h\u00f6ren, sp\u00fcrte es aber in der Luft. Manchmal umarmte er sie und presste ihre Hinterbacke mit seiner dicken und kr\u00e4ftigen Hand ganz fest. Sie war eine Sadistin, die mich immer wieder alle Teller polieren lie\u00df, dabei sagte sie,<br \/>\n\u201eDu musst meine Teller wie \u201aLadies\u2018 behandeln, und sie ohne Gummi betasten, dann wirst du sp\u00fcren, was ich meine.\u201c<\/p>\n<p>Meine freien Tage verbrachte ich im Schlaf und hatte Albtr\u00e4ume, in denen ich unendliche Mengen Teller abwusch. Ab und zu zuckte ich in der Nacht, was ich vorher nie getan hatte. Noch eine Sache bedr\u00fcckte mich schwer. Vor dem Urlaub h\u00e4tte ich Rattengift verteilen m\u00fcssen, was ich aber aufgrund meiner buddhistischen Weltanschauung nicht gemacht hatte, und jetzt hatte ich Angst, dass er es erfuhr. Deswegen entschied ich, das nach dem Urlaub als Erstes zu tun. Zwischen mir und den Ratten w\u00e4hlte ich mich aus.<br \/>\nMein Chef hatte noch ein gro\u00dfes Haus in der N\u00e4he der Stadt, wo ich der G\u00e4rtner war. Er brachte mich mit seinem Wagen dahin und verlie\u00df mich dort, ohne das Haus aufzuschlie\u00dfen. Im Falle der Notwendigkeit erleichterte ich mich im Geb\u00fcsch. Das Haus war riesig, wie das Feld, auf dem ich mit einem alten, roten Trecker den Rasen m\u00e4hen musste, und zwar stundenlang, alleine, vielleicht beobachtet von Geistern, die sich im leeren Haus zu Tode langweilten. Ich hoffte es zumindest.<br \/>\nEigentlich hatte er zwei Felder. Eines war frei, und es war viel leichter, auf dem zu arbeiten, aber das andere war voll von Apfel-, und Birnenb\u00e4umen, und ich musste da ziemlich vorsichtig sein, wenn ich keinen Schlag von einem Ast ins Gesicht abkriegen wollte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich mit dem Trecker die Muttererde im Kreis rasierte, dachte ich viel \u00fcber den Sinn des Lebens, \u00fcber Gott, meinen Platz in dieser Welt und den Tod nach, also alles, an was man so denkt, wenn man ganz alleine ist oder sich so f\u00fchlt, aber meine Gedanken drehten sich auch im Kreis, und es schien mir keinen Ausweg und keine Antwort zu geben.<br \/>\nDas letzte Mal, als ich dort war, regnete es stark, aber der Chef hielt es f\u00fcr lebenswichtig, dass ich den Rasen an dem grauen und nassen Tag m\u00e4hte und brachte mich trotzdem dahin. Als Schutz gab er mir seine alten Jacken, die mir zu gro\u00df waren und die ich st\u00e4ndig umziehen musste, so schnell wurden sie durchgen\u00e4sst.<br \/>\nAu\u00dferdem gab er mir blaue M\u00fclls\u00e4cke, die ich wie ein Kondom \u00fcberziehen sollte, und das tat ich auch, aber ich wurde trotzdem immer wieder nass. Dabei verlangte er noch, dass ich jede Ecke mit dem Rasentrimmer vom Unkraut befreie und das gereifte Obst vom Boden sammle. Am Ende pfl\u00fcckte ich etwa zwanzig Kisten \u00c4pfel, aus denen er sp\u00e4ter Saft machte, wovon aber ich keinen Schluck probieren durfte.<\/p>\n<p>Als er mich abholte, fragte er mich, wie es war.<br \/>\n\u201eNass\u201c, antwortete ich ihm ganz kurz und deutlich.<br \/>\n\u201eIch h\u00e4tte nie gedacht, dass du es so gut schaffst\u201c, sagte er und schaute zufrieden um uns herum, w\u00e4hrend ich da ganz nass stand und nicht zu zittern versuchte. Danach brachte er mich ins Restaurant, wo ich trotz meiner nassen Klamotten noch eine Weile arbeiten durfte. Meine Kollegen waren emp\u00f6rt, sie sch\u00fcttelten den Kopf, aber es half mir \u00fcberhaupt nicht \u2013 ganz im Gegenteil, ich mochte es nicht, wenn ich jemandem leid tat.<br \/>\nNach drei Tagen fingen mein Urlaub und die Halzschmerzen an. In der ersten Woche war ich sehr krank und hatte keine Kr\u00e4fte mehr. Ich dachte schon, dass er sein Versprechen so erf\u00fcllt h\u00e4tte und es mit mir schon gelaufen w\u00e4re.<br \/>\nMeine Mutter schnitt eine Zwiebel, verstreute darauf Zucker und \u00fcbergoss sie mit Honig. Die entstandene Fl\u00fcssigkeit sollte ich vor dem Schlafen mit dem Essl\u00f6ffel einnehmen, aber sie war so klebrig, dass ich kaum noch schlucken konnte, und es lie\u00df mich einfach nicht einschlafen. Au\u00dferdem versuchte ich durch die Nase zu atmen, was in meinem Zustand unm\u00f6glich war. Ich stellte mir vor, dass mich jemand erw\u00fcrgte, und musste mich im Bett aufsetzen. Ich hatte Panikattacken.<\/p>\n<p>Bei der Arbeit durften wir den Namen Bretzing nicht erw\u00e4hnen, weil diese Familie uns immer Schwierigkeiten machte. Zum Beispiel reservierten sie den Tisch nie fr\u00fcher als f\u00fcr 20 Uhr und hatten immer Versp\u00e4tung, au\u00dferdem kamen ein paar mehr Bretzings als angemeldet, ich wei\u00df nicht, wo sie die unterwegs aufgabelten, dann bevor sie ihre Drei-G\u00e4nge-Men\u00fcs bestellten, tranken sie zuerst unbedingt ihren Kaffee, und wenn es endlich mit dem Essen so weit war, verlangten sie l\u00e4ngere Pausen zwischen den G\u00e4ngen. Beim Hauptgang wollten sie stets den Nachservice haben, und zwar den kompletten, und es war noch nie vorgekommen, dass sie einen Cent Trinkgeld gegeben hatten.<br \/>\nAlle meine Kollegen hassten sie unbegrenzt, und ich auch, ohne sie je gesehen zu haben.<br \/>\nIch musste mehrere Male am Mittagsbuffet als \u201eBuffettante\u201c, so nannte es mein Chef, stehen. Diese Aufgabe mochte ich sehr, weil ich daf\u00fcr eine wei\u00dfe Kochjacke und eine lange Sch\u00fcrze kriegte. In dem Outfit sah ich wie ein Karatemeister aus.<br \/>\n\u201eSiehst wie ein Mensch aus\u201c, sagte der Chef.<br \/>\n\u201eJa\u201c, stimmte ich ihm zu, \u201eendlich.\u201c<br \/>\nEr nickte ganz befriedigt.<\/p>\n<p>Beim Ausgeben des Essens musste ich immer l\u00e4cheln und bekam Kr\u00e4mpfe im Gesicht. Die Menschen, die zum Buffet kamen, waren sehr verschieden. Manche waren mit allem zufrieden, manche wollten reden, manche wussten selber nicht, was sie essen mochten, manche wollten h\u00f6ren, dass ich sie bei uns gerne wiedersehen w\u00fcrde, wobei das \u00fcberhaupt nicht stimmte, und manche waren einfach so pingelig, dass ich Verlangen sp\u00fcrte, sie mit der Kelle auf den Kopf zu schlagen.<br \/>\nEine Frau, die von mir ein paar mehr Kroketten bekam, sagte mir sogar, dass ich w\u00fcsste, wie man eine Frau gl\u00fccklich macht, und dieser Satz war mir besonders wichtig, weil ihn Linda auch h\u00f6ren konnte.<\/p>\n<p>Linda war eine sehr gro\u00dfe, schlanke und sch\u00f6ne Kellnerin, die ab und zu auch modelte. Sie hatte lange Beine, und ihre runden H\u00fcften waren auf meiner Brusth\u00f6he. Ich wollte unter ihren schwarzen Rock kriechen und mich da f\u00fcr immer verstecken. Ich wollte ihre Kniescheiben k\u00fcssen, und an ihren Waden knabbern. Ich wollte ihre glatte Haut lecken und ihre Schenkel streicheln.<br \/>\nAn dem Tag stand sie auch am Buffet neben mir, und ich konnte ihren Duft riechen. Sie roch immer sooo gut. Einmal fragte ich sie sogar, welches Parfum sie benutzte.<br \/>\n\u201eKeins, es ist mein Natural\u201c, sagte sie auf Englisch.<br \/>\nSp\u00e4ter verstand ich, dass es ihre Haare waren.<br \/>\nManchmal pfiff sie wie ein Kerl, zeigte gerne den Stinkerfinger und leckte Sahne von ihm.<br \/>\nEinst, als wir das Brot f\u00fcr die G\u00e4ste zusammen schnitten, fragte ich sie.<br \/>\n\u201eWollen wir etwas zusammen unternehmen?\u201c<br \/>\nSie sah mich einige Sekunden schweigend von oben an, und mir wurde irgendwie ungem\u00fctlich in meiner Haut.<br \/>\n\u201eWas schwebt dir denn da vor?\u201c, fragte sie mich.<br \/>\n\u201eWir k\u00f6nnten zum Beispiel beim Italiener Eis essen, ich lade dich ein.\u201c<br \/>\n\u201eDas h\u00f6rt sich zwar gut an, aber ich wei\u00df nicht, wie ich das zeitlich schaffe.\u201c<br \/>\n\u201eDann sag mir Bescheid, wenn du es kannst.\u201c<\/p>\n<p>Sie nickte und ging. Und ich hatte kein gutes Gef\u00fchl dabei. Oh, wenn sie blo\u00df gewusst h\u00e4tte, dass ich ein weltber\u00fchmter Schriftsteller sein w\u00fcrde, der als Sklave der Gastronomie seine Erfahrungen sammelte.<br \/>\nSie sah mich nicht, sie hatte einfach keine Ahnung, was f\u00fcr eine reiche Welt ich in mir trug, und es tat wirklich weh. Ich dachte, dass ich solche Empfindungen schon seit Jahren \u00fcberwunden h\u00e4tte, aber sie waren schon wieder da, und es gefiel mir ganz und gar nicht.<br \/>\nIch musste st\u00e4ndig an Linda denken, selbst in einem Traum waren wir zusammen, und als ich aufwachte, hatte ich das Gef\u00fchl, dass es wirklich geschehen war. Dann erinnerte ich mich an meine echten Beziehungen und konnte sie von meinem Traum nicht unterscheiden.<br \/>\nMein Verlangen nach ihr wurde unertr\u00e4glich, und als ich sie beim Besteckpolieren sah, ging ich schnell auf sie zu und umarmte sie von hinten. Sie beschwerte sich beim Chef, und er rief mich zu sich ins B\u00fcro.<br \/>\n\u201eWas machst du hier?\u201c<br \/>\n\u201eArbeiten, nehme ich an.\u201c<br \/>\nIch sah mir die Wanduhr hinter ihm an. Ich k\u00f6nnte jetzt eigentlich mein Abendbrot vernaschen.<br \/>\n\u201eUnd was sollte deine heutige Aktion?\u201c<br \/>\n\u201eEin Aussetzer, nehme ich an.\u201c<br \/>\n\u201eGanz genau, und wenn sowas nochmal passiert, dann &#8230;\u201c<br \/>\nIch lie\u00df ihn nicht ausreden.<br \/>\n\u201eDann bin ich geliefert\u201c, er erstarrte, \u201cnehme ich an\u201c, beendete ich meinen Satz.<br \/>\nEine Weile sah er mich so an, dann l\u00e4chelte er zufrieden. Anscheinend, weil ich seine Denkweise gut verstand.<\/p>\n<p>Wir alle w\u00fcnschen blo\u00df, von unseren Mitmenschen verstanden zu werden.<br \/>\nEinmal sagte er zu mir, dass er sein Leben wegen der Hektik, in der er war, nicht genie\u00dfen k\u00f6nne, und er tat mir leid, aber wenn er beim Tellereinrichten seine Finger gr\u00fcndlich leckte, hasste ich ihn und h\u00f6rte auf, das Personalessen zu mir zu nehmen. Es war ein nobles Lokal, aber ich sch\u00e4tze, dass man da trotzdem was Falsches verzehren konnte.<br \/>\nEr erz\u00e4hlte mir noch, dass er und seine Frau fr\u00fcher ziemlich viel Alkohol getrunken hatten, und es gab die Zeit, als sie dachten, dass sie es nicht mehr schaffen w\u00fcrden. Seitdem waren sie trocken, aber mir war es egal, ich hatte einen sehr schwierigen Arbeitstag und wollte nur nach Hause.<br \/>\nW\u00e4hrend der zweiten Urlaubswoche schrieb ich eine Kurzgeschichte mit dem Titel \u201eWo ist die Liebe?\u201c, die ich Linda widmete, aber davon durfte keiner erfahren. Ich las sie meinem Arbeitskollegen in der Mittagspause vor.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Giorgi Ghambashidze<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0<span style=\"color: #333333;\">Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5450\">Perfidee<\/a><\/span> | Inventarnummer: 19061<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heute stritten sich meine Eltern wieder. Mein Vater stand, wie immer, mit dem Sabber im Mund, und beschimpfte meine Mutter, die sich, wie immer, nervend beweinte. Dabei war das ein Theaterst\u00fcck, das ich mir leider \u00f6fter ansehen durfte. Sie stritten sich nie, wenn ich nicht zu Hause war. 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