{"id":9372,"date":"2019-01-25T09:53:48","date_gmt":"2019-01-25T09:53:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9372"},"modified":"2019-01-27T13:34:53","modified_gmt":"2019-01-27T13:34:53","slug":"zwei-fabelhafte-philosophen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9372","title":{"rendered":"Zwei fabelhafte Philosophen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9372&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9372&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Sonne strahlte an diesem Vormittag vom blauen Himmel, fr\u00f6hliches Vogelgezwitscher war in den B\u00e4umen neben dem Pferdestall zu h\u00f6ren. An der Raufe standen einige Pferde und m\u00fcmmelten Heu, ein paar davon vertrieben mit ihren Schweifhaaren die l\u00e4stigen Fliegen. Die Ruhe auf dem Hof war an diesem Samstag ungew\u00f6hnlich, denn \u00fcblicherweise waren um diese Zeit schon einige Pferdebesitzer hier und gingen ihrem Hobby nach.<\/p>\n<p>Zwei Pferde in der Herde fielen besonders auf: ein Wallach mit gl\u00e4nzend r\u00f6tlichbraunem Fell, die gleichfarbige M\u00e4hne und das Schweifhaar mit feinen, goldenen Str\u00e4hnen durchzogen, sehr athletisch gebaut, muskul\u00f6s, mit kleinen Hufen, sein Name war Ben. Neben ihm stand ein Falbe, ebenfalls Wallach, elfenbeinfarbiges Fellkleid, brauner Aalstrich, M\u00e4hne und Schweifhaar waren dunkelbraun, einzelne blonde Str\u00e4hnen hatten sich ganz keck darin verirrt. Sein K\u00f6rperbau war eher kr\u00e4ftig, er wirkte viel schwerf\u00e4lliger als Ben und hatte gro\u00dfe Hufe. Sein Name war Johnny.<\/p>\n<p>Johnny drehte sich zu Ben: \u201eIst dir schon aufgefallen, dass unsere Menschen gerade so wenig Zeit f\u00fcr uns haben?\u201c\u201eJa, nat\u00fcrlich ist mir das aufgefallen. Die haben gerade auch andere Sorgen.\u201c Ben knabberte weiter am Heu.<br \/>\n\u201eAha? Welche denn?\u201c, fragte Johnny. Ben schnaubte tief durch und zog die N\u00fcstern zusammen: \u201eT\u00f6nt doch aus allen Dingern, mit denen die Menschen auf den Hof kutschieren, auch \u00fcber das Flimmerteil in der Reiterschenke, das man durch die offenen Fenster h\u00f6rt und aus den kleinen, d\u00fcnnen, bunten Ger\u00e4ten, die die Menschen st\u00e4ndig in der Hand halten, da l\u00e4uft auch immer irgendeine Warnung.\u201c<br \/>\nJohnny hob den feudalen Kopf vom Heu, h\u00f6rte zu kauen auf und starrte Ben an.<br \/>\n\u201eWarnung? Wovor?\u201c<\/p>\n<p>Die anderen Pferde verzogen sich in den Schatten, lie\u00dfen Ben, den Chef der Herde, und seinen Freund Johnny allein mit ihren Gespr\u00e4chen.<br \/>\n\u201eSag, passt du \u00fcberhaupt nicht auf, wenn die Menschen sich unterhalten? Gibt doch seit Tagen kein anderes Gespr\u00e4chsthema mehr?\u201c, r\u00fcgte Ben seinen Kumpel.<br \/>\n\u201eAlso ehrlich, die Menschen reden doch so viel. Wozu soll ich da noch hinh\u00f6ren?\u201c, meinte Johnny und widmete sich wieder ausgiebig dem Futter.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter zog pl\u00f6tzlich ein kr\u00e4ftiger Wind auf und nahm noch gleich ein paar Wolken aus dem Irgendwo mit, die, w\u00fctend wirkend, \u00fcber den Himmel wirbelten. Abrupt h\u00f6rte das Vogelgezwitscher auf und nun trotteten die Pferde, die zuvor d\u00f6send im Schatten gestanden waren, wieder zur\u00fcck an die Futterstelle. Ben hob seine zarte Pferdenase gegen den Himmel, seine Ohren, wie Antennen, in st\u00e4ndigem Wechsel nach vor und zur\u00fcck gewandt, seine M\u00e4hne wehte mit den anderen Pferdefrisuren um die Wette.<br \/>\n\u201eBald ist es so weit. Ich kann es ahnen\u201c, meinte er schlie\u00dflich.<\/p>\n<p>Johnny zog seinen Kopf aus der Raufe, ging ein paar ausholende Schritte an den Zaun und hob ebenfalls, wenn auch bedeutend langsamer, die N\u00fcstern in die H\u00f6he.<br \/>\n\u201eHm \u2026 ich bemerke nichts. Du flunkerst.\u201c Er wandte sich wieder ab und stolperte \u00fcber einen kleinen Ast, welcher zum Knabbern f\u00fcr die Pferde am Boden lag.<br \/>\n\u201eAutsch! Verflixt!\u201c Ver\u00e4rgert \u00fcber seine Tollpatschigkeit sch\u00fcttelte er den Kopf, hob das imposante Hinterteil und kickte mit einem Bein kurz Richtung Ast aus. Das war aber auch schon alles, was er an Energie verschwendete.<\/p>\n<p>Ein Traktor fuhr auf den Hof, ein junger Mann sprang aus dem F\u00fchrerhaus und lief schnurstracks Richtung Wohnhaus.<br \/>\n\u201eJetzt sag schon, Ben. Was ist das nun f\u00fcr eine Warnung, die die Menschen so aus dem Gleichgewicht geraten l\u00e4sst?\u201c<br \/>\n\u201eEin Komet wird, Berechnungen zufolge, auf die Erde krachen. Ungef\u00e4hr einen halben Tagesritt von hier entfernt soll er einschlagen. Die Menschen f\u00fcrchten sich\u201c, erkl\u00e4rte Ben endlich seinem Freund.<br \/>\n\u201eOh, das ist nat\u00fcrlich bl\u00f6d f\u00fcr die Menschen. Wobei so ein Komet ja nur eine Naturerscheinung ist\u201c, brummelte Johnny.<\/p>\n<p>Der Wind wurde immer st\u00e4rker, aber die Pferde schenkten dem Wettergeschehen keine Aufmerksamkeit. Einzig Ben beobachtete sehr genau die Vorkommnisse am Horizont.<br \/>\n\u201eWann sollte es denn eigentlich so weit sein? Wo ist der Komet gerade?\u201c, fragte Johnny.<br \/>\n\u201eNach dem Wind zu urteilen, kann es nicht mehr lange dauern. Er m\u00fcsste gerade dort sein, wo der Ozean die Erde ber\u00fchrt.\u201c<br \/>\nJohnny trottete, nun doch etwas interessierter an der Sache, mit vom Wind zerzauster M\u00e4hne gem\u00fctlich zu Ben.<br \/>\n\u201eWird etwas Schlimmes passieren, Ben? Nein, oder? Das w\u00fcrde ich sp\u00fcren\u201c, sagte Johnny.<br \/>\n\u201eEs wird ein Schuss vor den Bug sein, der Komet wird die Menschen vielleicht etwas erschrecken. Weiter nichts.\u201c<br \/>\n\u201eUnd sie haben schon seit Wochen die Hosen gestrichen voll!\u201c, prustete Johnny los und entbl\u00f6\u00dfte sein beeindruckendes Pferdegebiss. Ben und die anderen Pferde taten es ihm gleich und wieherten vergn\u00fcgt in den Wind hinein.<\/p>\n<p>\u201eMeine Menschenfrau sitzt manchmal auf mir, starrt in ihr buntes, kleines Ger\u00e4t in der Hand, nimmt mich gar nicht wahr. Sie ist nicht geerdet, nicht in ihrer Mitte, manchmal ist sie verspannt und so weit weg in Gedanken, dass mir ganz elend wird. Sie atmet nicht vollst\u00e4ndig durch, sie atmet oberfl\u00e4chlich. Wieso ist das so, Ben?\u201c,\u00a0 fragte Johnny nun nachdenklich.<br \/>\n\u201eEs sind nur Menschen, Johnny. Viele Sommer ziehen ins Land, und sie haben Stress, sie sind getrieben. Sie leben nicht im Hier und Jetzt, wie wir es tun. Sie machen sich Gedanken, was morgen sein wird, und es ist ihnen nicht egal, was gestern war. Auch k\u00f6nnen sie dem Druck nicht weichen, wie wir das gelernt haben, f\u00fcr uns ist das \u00fcberlebenswichtig\u201c, kl\u00e4rte Ben ihn auf.<br \/>\n\u201eStress? Druck?\u201c<br \/>\n\u201eJa, Johnny. Sie stehen unter Druck. Sie sp\u00fcren sich nicht mehr wirklich. Aber du stehst beispielsweise auch unter Stress, wenn die Heuraufe leer ist und du kein Futter mehr hast.\u201c Mit einem Grinsen sieht er Johnny an.<br \/>\n\u201eDas ist aber auch berechtigter Stress! Himmel, unvorstellbar, eine leere Futterraufe\u201c, entgegnete er.<br \/>\n\u201eWei\u00dft du, Johnny, wir haben trotzdem Gl\u00fcck. Unsere Menschen sind gut zu uns. Sie legen ihr Herz in ihre H\u00e4nde, in allem, was sie mit uns machen. Wir h\u00e4tten es schlimmer erwischen k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\n\u201eDas ist wahr, Ben. Aber ich bin trotzdem froh, ein Pferd zu sein. Im Hier und Jetzt leben, das hat schon was!\u201c, Johnny marschierte wieder zum Heu.<\/p>\n<p><em>Sonntag, 13.05.2018<br \/>\nBerlin: Komet Benjamin hat die Bundeshauptstadt gestern Mittag erreicht.\u00a0 Die Stadt war menschenleer. Wie berichtet, wurde angenommen, der Komet k\u00f6nne direkt ins Zentrum der Stadt einschlagen und gro\u00dfe Verw\u00fcstung anrichten. Zum Gl\u00fcck hat nur das goldene Schweifende des Kometen die Glaskuppel des Reichstagsgeb\u00e4udes gestreift. Das Stahlskelett der Kuppel mit 800 Tonnen krachte in den darunterliegenden Saal, der Boden ist \u00fcbers\u00e4t mit Glasscherben. Es wird einige Wochen dauern, bis der Bundestag wieder Sitzungen abhalten kann. Mit den Aufr\u00e4umarbeiten wird morgen begonnen.<br \/>\nKomet Benjamin machte nur einen Kurzbesuch, neuen Berechnungen zufolge wird er erst in 78 Jahren wieder die Erdumlaufbahn passieren.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 19047<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sonne strahlte an diesem Vormittag vom blauen Himmel, fr\u00f6hliches Vogelgezwitscher war in den B\u00e4umen neben dem Pferdestall zu h\u00f6ren. An der Raufe standen einige Pferde und m\u00fcmmelten Heu, ein paar davon vertrieben mit ihren Schweifhaaren die l\u00e4stigen Fliegen. 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