{"id":9332,"date":"2019-01-12T16:35:12","date_gmt":"2019-01-12T16:35:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9332"},"modified":"2019-01-15T05:52:06","modified_gmt":"2019-01-15T05:52:06","slug":"der-gruene-mann","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9332","title":{"rendered":"Der gr\u00fcne Mann"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9332&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9332&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Da war ein Mann. Voll Freude war er und voll Dankbarkeit. Zart und innig war seine Zuneigung und bl\u00fctenwei\u00df sein Duft. Er gemahnte an stille Klosterg\u00e4rten, an Kinderunschuld und an Tod. Abermals und unvermeidbar war ich verurteilt zu lieben ohne Vor- und R\u00fccksicht und sagte du und Geliebter und gab mich ganz. Er aber war leicht und heiter und naschte verz\u00fcckt, ging viel, ging oft fort, ging seiner Wege und kam fr\u00f6hlich zur\u00fcck. Er liebte die Kunst \u00fcber alles, verlor sich an die Dinge und lebte in ihnen.<\/p>\n<p>Ich, ich im K\u00e4fig will nicht mehr unter meinen Sinnen leiden, sie sollen besiegt sein. Augen habe ich nicht, sie sind meist geschlossen und tr\u00e4umen vom Wiederkommen des Geliebten. Tausend Dinge gibt es zwischen gut und Leid. Dieses Tausendfache lebt in mir, wird grau und treibt Tr\u00e4nen aus.<br \/>\nKommt er dann, ist es hell und seine Worte haben kein Gewicht. Mit der Schaukel fliege ich mit und lache. In solcher Zeit war ich f\u00e4hig, das Unsinnigste zu tun oder auch das Selbstverst\u00e4ndlichste. Ja und Nein waren eins.<\/p>\n<p>Manchmal versuchte ich es mit Beten. Oder ich las einen russischen Schriftsteller.<br \/>\nEr kam, leichtf\u00fc\u00dfig, Fr\u00fchlingsduft, Morgenhauch und war fort. Meine Liebe, die Unbewegliche, Schwere tat weh. Ich st\u00fcrzte mich auf sie, zerriss, zerst\u00fcckelte sie und warf sie ins Meer. Es sollte nur Leichtes in mir sein, nur Lichtes.<br \/>\nDas enge Aneinandergeschmiegtsein, stundenlanges Sichf\u00fchlen. Verbundensein der K\u00f6rper, ohne sich zu geben, F\u00fchlen und Verschmolzensein in eine Seele, ohne sich wirklich zu geh\u00f6ren. Ein Erbeben nach dem anderen. Angst? Mit ihm? Alles mit ihm. Was wirklich ist, ganz gleichg\u00fcltig. Ob treu, untreu, verl\u00e4sslich, aufrichtig, gut.<\/p>\n<p>\u201eMorgen werde ich sehr traurig sein.\u201c<br \/>\n\u201eUnd \u00fcbermorgen?\u201c<br \/>\n\u201eDas wei\u00df ich noch nicht.\u201c Das war es, morgen, \u00fcbermorgen, wer kann das wissen?<br \/>\nDiese paar Stunden hingegeben an seinen K\u00f6rper konnten h\u00f6chstes Gl\u00fcck und tiefstes Ungl\u00fcck bergen. Sie konnten aber auch vor\u00fcbergegangen sein wie jener gl\u00fchende Streifen am Himmel, ein Komet f\u00fcr ein paar Sekunden sichtbar, der das ganze Firmament in\u00a0Licht tauchte und mit seinem Rauschen etwas Unheimliches, ein Ewigkeits- und zugleich Vernichtungsgef\u00fchl in mein Denken pflanzte und dann \u2013 ein paar Sekunden sp\u00e4ter erlosch, und der Himmel erstrahlte wieder rein und unber\u00fchrt und friedlich und vertraut mit seinen zahllosen Sternen. Nichts blieb zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ein Mal konnte ich mir gut vorstellen, ihn zu verlassen, ohne den geringsten Schmerz zu versp\u00fcren. Oder in eine v\u00f6llig ungewisse Zukunft, in die denkbar unsicherste mit diesem Mann zu gehen.<br \/>\nIch wusste, er betete an vielen Alt\u00e4ren, liebte viele Bl\u00fcten und Farben, webte riesenhafte Teppiche, was scherte es mich, er kniete vor der Liebe. Es war gut. Wir sangen Lieder und erfanden Gedichte, die l\u00e4ngst erfunden waren. Gr\u00fcn, gr\u00fcn, gr\u00fcn ist alles, was ich hab.<\/p>\n<p>Ich bin stark und ich habe Kraft. Sie flie\u00dft mir zu aus den Erden und den Himmeln. Klein, ein Grashalm, wachse ich, armlos, arglos, verwurzelt in die Sonne. Ich atme ein und aus. Blau umsp\u00fclt mich. Stark mein Halm, sicher, ich.<br \/>\nGoldfarben spr\u00fcht \u00fcber mich hin. Der Tau glitzert. Ich werde getreten und richte mich auf. Ein Schutzkreis umh\u00fcllt mich. Sie machen einen Bogen. Ich werde vergessen. Ein und aus atme ich, aus und ein, gr\u00fcn in Gr\u00fcn.<\/p>\n<p>Gr\u00fcner Mann in der Asche zerst\u00e4ubt im Fluss. Die braunen Augen, die Samthaut, der scheue K\u00f6rper mit all seinen Liedern zerst\u00e4ubt, verpulvert.<br \/>\nIch sehe ihn nicht mehr, Nichts sp\u00fcre ich, er ist fort, der Fr\u00fchling, der atmete, Tag um Tag.<br \/>\nEin Fest jede Sekunde, die du da warst. Rubinrot und gr\u00fcn und wei\u00df auch. Oh ja, Lilien. Verwunschen und still und deine Lieder. Wir hielten uns fest, wir tr\u00e4umten uns fort, in den \u00c4ther schleuderten wir. Im Pfirsich holten wir ein Wesen.<\/p>\n<p>Doch dann zerbrach es zwischen uns wie feines Glas. Die Zigeunerlieder h\u00f6hnten \u00fcber mich. Die Fl\u00fcsse, sie flie\u00dfen nicht aufw\u00e4rts, der Regen regnet nicht zum Himmel, sagte ein Freund. Doch das Gift sank in die Erde. Gr\u00fcn starb. Ein blutiger Klumpen, das Wesen ging zu den Sternen zur\u00fcck, der Kristall leer. Er tanzte wieder, er fl\u00f6tete, sang. Blei blieb taub. Tod. Nie wieder.<\/p>\n<p>Geh fort, gr\u00fcner Mann, du wolltest kein B\u00e4r werden. Immer nur Biene und Ziege, immer nur jung, immer nur Fr\u00fchling. Wir verloren einander.<br \/>\nIch wurde zum Schwert und zertrennte die F\u00e4den seiner Netze, ich streute Dornen in sein Bett.<br \/>\nAuf allen M\u00e4rkten, aus allen Gassen der Stadt machten sich R\u00e4cher auf. Die Fl\u00fcsse, sie flie\u00dfen nicht aufw\u00e4rts, der Regen regnet nicht zum Himmel, tobten sie, w\u00e4hrend ich tr\u00e4umte. In der Nacht sprachen Stimmen auf mein wei\u00dfes Papier \u201eAus frischen Gr\u00e4bern weht der Atem des G\u00f6ttlichen.\u201c<\/p>\n<p>Wehe, gr\u00fcner Mann, wehe. Er lief noch zehn Jahre \u00fcber die Wiesen. Gehetzt, gehetzter. Dann fiel er in einer Stadt am Meer beim Kaffee, als er in die Augen seiner neuen Liebsten sah, vom Stuhl und war tot. Das Herz schwieg. Er wurde Asche, zerst\u00e4ubt \u00fcber dem Fluss. Die Blumen klagten und die R\u00e4cher spuckten ihm nach.<br \/>\nAls das Klingen wieder durch die L\u00fcfte zog, das k\u00fchne, t\u00f6richte l\u00e4chelte ich voll stechender Schmerzen. Es schleuderte mich ins Dornige, raubte mir das d\u00e4mmernde Starren ins Weite.<br \/>\nUnd ich h\u00f6rte das Toben, Br\u00fcllen, Klatschen, Zirpen, Summen, Erzittern und Dem\u00fctig-sich-Beugen vor Pan, dem Geh\u00f6rnten Gott und atmete nicht.<\/p>\n<p>Ketzele, ich trage heute Bernstein. Der Grashalm auf der Wiese ist nun vergessen und lebt sein Leben rund. Einen Kiesel habe ich ausgelegt f\u00fcr dich im Garten.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Marianne Peternell<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=403\">verliebt verlobt verboten<\/a> | Inventarnummer: 19044<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Da war ein Mann. Voll Freude war er und voll Dankbarkeit. 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