{"id":9322,"date":"2019-01-14T16:24:02","date_gmt":"2019-01-14T16:24:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9322"},"modified":"2019-03-10T17:45:09","modified_gmt":"2019-03-10T17:45:09","slug":"was-marx-wirklich-sagte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9322","title":{"rendered":"Was Marx wirklich sagte"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9322&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9322&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Gl\u00fccklich nahm ich das Paket in der Portiersloge der \u00f6sterreichischen Botschaft in Empfang und schleppte es in mein Studentenheim an der MGU (Moskovski Gosudarstvenni Universit\u00e4t imeni Lomonossowa), der Staatlichen Universit\u00e4t. Die \u00f6sterreichischen Stipendiaten hatten das Privileg, sich einmal im Monat ein Paket aus der Heimat schicken lassen zu d\u00fcrfen, maximal 20 Kilogramm, streng \u00fcberpr\u00fcft von der Kurierleitung, der diplomatischen Poststelle des Au\u00dfenministeriums.<br \/>\nMeine Kolleginnen Lisa und Susanne w\u00fcnschten sich meist Lebensmittel und Hygieneartikel. Ich auch, aber diesmal hatte ich haupts\u00e4chlich B\u00fccher bestellt. Meine Freundin Wjeta w\u00fcnschte sich den in der Sowjetunion verbotenen Philosophen Nikolaj Hartmann, und mein Freund Paschka wollte Marx\u2018s Kapital I-III im Original lesen. Ich habe es beim Internationalen Buch im Wiener Trattnerhof erstanden, der Buchhandlung der KP\u00d6. Ich selbst kannte damals weder Nikolaj Hartmann, einen deutsch-russischen Neu-Kantianer, noch hatte ich Marx gelesen.<\/p>\n<p>Ohne zu fragen erf\u00fcllte ich ihre W\u00fcnsche. Wjeta und Paschka konnten nicht Deutsch, und die \u00dcbersetzungsbem\u00fchungen gestalteten sich schwierig, waren aber eine gute \u00dcbung f\u00fcr mein mangelhaftes Russisch. Wjeta studierte ihren Hartmann nur heimlich, privat, m\u00fchsam, mit W\u00f6rterbuch. Aber Paschka machte aus seinem Marx eine gro\u00dfe Geschichte.<br \/>\nM\u00f6glich, dass ich nicht allzu korrekt \u00fcbersetzt habe. Man muss ja erst einmal den Inhalt verstehen, und davon war ich weit entfernt. Sie erkl\u00e4rten mir das Kapital, so verzerrt und st\u00fcckweise, wie sie es vorgesetzt bekommen hatten und es angeblich die Sowjetunion umsetzte. Es war ein Dialog zwischen Stummen und Tauben. Paschka sammelte einige vertrauensw\u00fcrdige Kollegen um sich, und wir hielten in seiner Wohnung Marx-Lese- und Diskussionszirkel ab. Das ging lange Zeit gut, weil seine Mutter als Telefonistin beim KGB arbeitete, also unverd\u00e4chtig war.<\/p>\n<p>Dabei war \u201eWohnung\u201c zu viel gesagt. Ljubow, eine kleine, magere und gekr\u00fcmmte Frau, hatte ein gro\u00dfes Zimmer in einer Kommunalka mit einer Gemeinschaftsk\u00fcche und einer Gemeinschaftstoilette. Es wohnten hier acht Familien auf einer ehemals herrschaftlichen Etage mit breiten Korridoren, in denen jetzt Ger\u00fcmpel stand oder an den W\u00e4nden hing und die bis oben hinauf vollgestopft waren mit Vorr\u00e4ten.<br \/>\nSie verglichen die Marx\u2018schen Aussagen des Originals mit den Zitaten in ihrem Lehrbuch in den Pflichtvorlesungen \u00fcber den Dia-Mat. Und nat\u00fcrlich immer noch obligatorisch \u201eDer kurze Lehrgang der Geschichte der KPdSU\u201c, unver\u00e4ndert seit Stalins Zeiten, nur dass dieser nicht mehr vorkam.<br \/>\nKein sowjetischer Student \u2013 und wahrscheinlich auch kein Dozent \u2013 bekam jemals ein Original von Marx und Engels in die Hand, sondern nur in die Vortr\u00e4ge eingestreute Schnipsel pr\u00e4sentiert, so wie sie gerade in die Sowjetideologie hineinpassten. Sie mussten den \u201eKurzen Lehrgang\u201c auswendig lernen, er wurde wortgenau abgepr\u00fcft. Papageien- und Sklavenunterricht.<\/p>\n<p>Genau wei\u00df ich nicht mehr, was Paschka so aufgebracht hat, was genau er an all den L\u00fcgen nicht mehr aushalten konnte. Das Auseinanderklaffen von Theorie und Wirklichkeit. Wahrscheinlich die Url\u00fcge \u00fcber den Marxismus, wie sie Lenin \u00fcber das ganze Land gebracht hat: der Aufbau des Sozialismus in einem Land. Dass Russland als Agrarland ohne Kapital, Industrie und nennenswertes Proletariat denkbar ungeeignet war f\u00fcr eine proletarische Revolution, dass die Bolschewiki den Marxismus eigentlich erfunden hatten, um in seinem Namen an die Macht zu kommen.<br \/>\nUnd die Folgerung, dass der \u201eRote Oktober\u201c keine proletarische Revolution war, sondern ein bolschewistischer Putsch einer kleinen Kaderpartei \u2013 entgegen ihres Namens in der Minderheit. Der ganze gro\u00dfe Mythos vom Roten Oktober \u2013 ein einziger Schwindel! Ich verstand damals noch sehr wenig von diesem Furor, der sich aus der Marx-Lekt\u00fcre entwickelte. Aber diese Studenten diskutierten sehr ernsthaft. Es ging ihnen um vieles, um alles. Das Land, die Welt, den Frieden, das Proletariat, die Intelligenzija. Das waren f\u00fcr mich keine Begriffe, hatte keine Inhalte und riefen keine vergleichbaren Emotionen hervor. Ich fand das nur \u00fcbertrieben, hysterisch und l\u00e4cherlich. Falsche Romantik und Wodka-Gedusel.<\/p>\n<p>Als sich Paschka in der Argumentation der Widerspr\u00fcche und Verdrehungen sicher genug war, trat er damit in einer Vorlesung auf. Ich war dabei, erinnere mich aber nicht mehr, um welche Frage es ging. Er schwenkte den 1. Band und zeigte auf die bunt angestrichenen Zeilen. Es entstand ein Tumult. Bevor er verhaftet wurde, wurde das Kapital verhaftet. Nicht der vortragende Professor, sondern Kollegen st\u00fcrzten sich aus den Sitzreihen auf ihn, entrissen ihm den blauen Band mit den gro\u00dfen Goldlettern am dunkelblauen Einband. Paschka kam nicht mehr zu Wort und wurde abgef\u00fchrt. Sp\u00e4ter bekam er einen Prozess vor dem Studenten-Parteigericht der MGU. Es wurden ihm Disziplinlosigkeit, Insubordination und Rufsch\u00e4digung der Universit\u00e4t vorgeworfen.<br \/>\nDas klingt bedrohlich, aber der Prozess ging glimpflich f\u00fcr ihn aus. Er wurde nicht von der Universit\u00e4t relegiert, es war 1971, immerhin schon 18 Jahre nach Stalins Tod. Das Urteil \u2013 er bekam ein zus\u00e4tzliches Semester milit\u00e4rische \u00dcbungen aufgebrummt, versch\u00e4rftes Regiment, knapp vor dem Gulag.<\/p>\n<p>Das Buch erhielt er nicht zur\u00fcck. Vielleicht studierten es die KP-Funktion\u00e4re oder es wanderte statt ihm ins Lager. Bei der n\u00e4chsten Party in Paschkas Wohnung phantasierten wir alle m\u00f6glichen Strafen f\u00fcr das <strong><em>Kapital<\/em><\/strong>: Es wurde in Ketten gelegt, ausgepeitscht, verbrannt, eingestampft, umgeschrieben, mit Psychopharmaka vollgestopft, musste sich selbst widerrufen und abschw\u00f6ren, im Bergwerk arbeiten und wurde nach der Ableistung der Gulag-Strafe f\u00fcr ewig aus allen St\u00e4dten verbannt.<\/p>\n<p>Wjeta wurde keine Hartmann-Philosophin, schmiss ihr Studium hin und malte Bilder. Paschka schloss das Studium ab, arbeitete aber nie als Psychologe, sondern am Bau. Er wanderte sp\u00e4ter mit einer Linzerin nach \u00d6sterreich aus und gr\u00fcndete eine Familie, lernte Deutsch und liest noch immer Karl Marx. Am sch\u00f6nsten dabei finde ich, dass er sich ausgerechnet in Freistadt niedergelassen hat.<\/p>\n<p>1.11.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=428\">think it over<\/a> | Inventarnummer: 19042<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gl\u00fccklich nahm ich das Paket in der Portiersloge der \u00f6sterreichischen Botschaft in Empfang und schleppte es in mein Studentenheim an der MGU (Moskovski Gosudarstvenni Universit\u00e4t imeni Lomonossowa), der Staatlichen Universit\u00e4t. 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