{"id":9317,"date":"2019-01-14T16:20:08","date_gmt":"2019-01-14T16:20:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9317"},"modified":"2019-03-03T18:20:30","modified_gmt":"2019-03-03T18:20:30","slug":"9317","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9317","title":{"rendered":"Die Reisen des Regenschirms"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9317&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9317&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es gab einmal Zeiten, in denen es so heftig und best\u00e4ndig regnete, dass die Stra\u00dfen auch noch Stunden danach nass waren, die Passanten durch Pf\u00fctzen waten oder mit einem weiten Schritt dar\u00fcber springen mussten. An diesem Morgen hatte es endlich geregnet, eine lang ersehnte Abk\u00fchlung nach der erdr\u00fcckenden Hitze der letzten Wochen. Als ich am Vormittag zu meinem Garten aufbrach, waren die Stra\u00dfen noch nass, und die Leute liefen mit Regenschirmen herum.<\/p>\n<p>Ich fuhr mit der U4 nach Heiligenstadt und von dort mit dem 256er Bus nach Klosterneuburg-Kierling auf den \u00d6lberg, wo ich zu dieser Zeit einen Garten hatte. Ich war ebenfalls mit einem Schirm unterwegs, den ich gleich nach dem Niedersetzen im Bus unter meinen Sitz legen wollte. Damit ich ihn nicht verg\u00e4\u00dfe, w\u00fcrde ich einen Fu\u00df darauf stellen. Als ich hinunterlangte, stie\u00df ich mit der Hand auf einen anderen Schirm, den dort offenbar jemand vergessen hatte. Ich zog ihn heraus, \u00f6ffnete ihn leicht und sah, dass er eine Reklamegabe der skandal\u00f6sen K\u00e4rntner Hypo-Alpe-Adria-Bank war, wie ein wei\u00dfer Schriftzug am unteren Rand verriet.<\/p>\n<p>Dieser Regenschutz war aus nachtblauer Fallschirmseide, der Mittelmast und das Gest\u00e4nge waren aus Metall, der handliche Verschluss rastete leicht aus, und der ideal geschwungene, geriffelte Silbergriff schien aus einer eleganteren Zeit zu stammen. Er wirkte neu und unbenutzt, au\u00dfer dass bei einem Schriftzug der Hypo das H fehlte. Viel sch\u00f6ner als mein eigener, der einmal aus einem Obi-Baumarkt bei mir gelandet war. Knallgr\u00fcn und orange, OBI f\u00fcr ALLES quer dr\u00fcber, mit plumpen, Holz imitierenden Plastikperlen an den Enden des Gest\u00e4nges, genauso wie der viel zu lange und breite Griff. Ich gebe es offen zu, dass ich kurz versucht war, meinen Bastard einfach gegen dieses Edelexemplar auszutauschen \u2013 vielleicht war es ja der so lang gesuchte Hypo-Alpe-Adria-Rettungsschirm? Ein kurzer, heftiger Kampf in meinem Gewissen: Ein Reklameartikel, niemand hatte ihn gekauft, sondern geschenkt bekommen, also bereitete ich niemandem einen Schaden. Und bei der allgemein bekannten Gro\u00dfz\u00fcgigkeit dieser good bank wird sie hunderte, wenn nicht gar tausende von solchen Reklamegeschenken im Land verteilt haben. Aber was, wenn sich jemand genauso schnell und intensiv wie ich in dieses Utensil verliebt hatte und jetzt ungl\u00fccklich auf dem \u00d6lberg herumlief oder in Klosterneuburg und seinen Schirm suchte?<\/p>\n<p>Wir waren jetzt schon zwischen den Stationen Langst\u00f6gergasse und Kreuzstadl auf der Bus-Linie. Die H\u00e4user und G\u00e4rten wurden immer reicher und \u00fcppiger. Reicher und immer reicher, aber das dachte ich nicht wirklich. Bald musste ich eine weitreichende, moralische Entscheidung treffen. Oh Gott, wie schwer, fast so wie bei dem Bauern in Roseggers Erz\u00e4hlung von seinem Schirm und seiner Frau mit ihrer schwierigen Fragen: \u201eNimm ihn mit oder loss ihn do?\u201c Mein praktischer Geist siegte \u00fcber das schlechte Gewissen, ich nahm beide mit, als ich an meiner Station Ulrikendorf ausstieg.<br \/>\nDenn wenn ich mein OBI-Unding im Bus 256 gelassen h\u00e4tte, w\u00e4re der Chauffeur sicher ungehalten gewesen, vielleicht sogar \u00e4rgerlich, zornig oder b\u00f6se: \u201eImmer die Ausl\u00e4nder, zoehn nix, oba lossn ollan Dreck do.\u201c<br \/>\n(Weil dort jetzt immer h\u00e4ufiger Mitb\u00fcrger aus den Nachbarl\u00e4ndern Busfahren, muss man das entsprechend ins Serbokroatische oder Tschechische \u00fcbersetzen.)<\/p>\n<p>Das OBI-Gebilde blieb fortan im Garten, f\u00fcrs Grobe, und das Hypo-Findelkind durfte zu mir in die Stadt, wo es im St\u00e4nder meiner beachtlichen Schirmsammlung als ein Glanzlicht herausstach. Der geriffelte Silbergriff war nat\u00fcrlich nicht aus Silber, sondern auch nur oberfl\u00e4chlich mit einem silbrigen Kunststoff \u00fcberzogen, was ich beim Putzen mit Idol schmerzlich bemerkte, als so viel davon abging, dass auch nur h\u00e4ssliches Plastik darunter hervorkam und ich Fu\u00dfboden und Finger besudelte.<\/p>\n<p>Einige Zeit danach hatte ich beruflich in Bratislava zu tun, wieder regnete es, und meine neue Hypo-Errungenschaft w\u00e4hlte ich aus, sie durfte in die Hauptstadt unseres Nachbarlandes mitfahren. Allerdings verga\u00df ich ihn dort in der Garderobe meiner Gesch\u00e4ftspartnerinnen Jana und Anja, was mir nicht gleich auffiel, weil in Bratislava eitel Sonnenschein herrschte, als ich aus dem Gesch\u00e4ftsgeb\u00e4ude in den kleinen Park trat; und danach auch lange nicht, weil es bei uns wieder eine regenlose Zeit gab.<\/p>\n<p>Irgendwann in den Wochen danach, beim Putzen meines Vorzimmers und Verschieben meines russischen Birkenrindenbeh\u00e4ltnisses, fiel mir das Fehlen des mitternachtsblauen Stabes mit Silbergriff doch auf. Ich versuchte mich zu erinnern, und ich erinnerte mich richtig, wo er abgeblieben sein k\u00f6nnte; ich simste Jana sofort an, die das Regending aber l\u00e4ngst aufbewahrt und es richtig, trotz ihrer zahlreichen Kunden, mir zugeordnet hatte.<br \/>\nSie kennt ihre Kunden offenbar in- und auswendig, bis in die tiefsten mitternachtsblauen Falten eines geklauten Regenschirms.<\/p>\n<p>Beim n\u00e4chsten Termin in Bratislava, etwa ein Monat sp\u00e4ter, kam eine Freundin mit, die weder den neuen Zentralbahnhof noch Bratislava kannte. Gleich beim Eintreten ins B\u00fcro \u00fcberreichte mir eine strahlende Jana die Hypo-Gabe und ich nahm sie gl\u00fccklich an mich. Es regnete nicht in Bratislava an diesem Tag, in Wien auch nicht, und niemand brauchte einen Regenschirm.<br \/>\nZur\u00fcck am Wiener Hauptbahnhof wollten wir einen Kaffee trinken, aber meiner Freundin gefiel hier nichts, mir auch nicht, nirgends durfte man rauchen, alles sah steril und absto\u00dfend aus. Wieder oben, \u00fcber den G\u00fcrtel und die schrecklich verungl\u00fcckte Kreuzung und den verlotterten S\u00fcdtiroler Platz, konnten wir uns auf kein Lokal einigen. Ich sehnte mich nach den alten Lagerhallen der Baum\u00e4rkte zur\u00fcck \u2013 ich hatte sie so lange gesehen, dass sie mir schon vertraut waren, heimisch. Nun \u2013 \u00dcbergangsstadium, hoffe ich \u2013 ein absolutes Nichts an Stadt, eine Unstadt.<\/p>\n<p>Die Freundin und ich zogen immer weiter auf der Suche nach einem gemeinsam gew\u00fcnschten Kaffeehaus, alles lehnte sie ab, da und dort war\u2018s nicht gut, dann und damals, mit b\u00f6sen Erinnerungen an schlechte Erfahrungen mit dummen, unh\u00f6flichen oder unaufmerksamen Kellnern marschierten wir die Favoriten- und die Wiedner Hauptstra\u00dfe fast im Zickzack der Gassen und ihrer Lokale hinunter, so lange, bis wir uns endlich auf das Caf\u00e9 Wortner auf der Wiedner Hauptstra\u00dfe einigen konnten, mein seit 41 Jahren meiner Wohnung vorgelagertes Wohnzimmer.<br \/>\nWie originell, stellten wir beide fest, und mussten kichern dar\u00fcber, wie beharrlich und konservativ wir Menschen sind \u2013 immer wollen wir in den selben Stall zur\u00fcck, genauso wie das Vieh oder Fiakerpferde. Irgendwann trennten wir uns, meine Freundin fuhr mit der U1 heim, ich ging ein paar Schritte weiter zu mir nach Hause.<br \/>\nAber der so m\u00fchsam errungene Schirm war nicht da, stellte ich fast im Schock fest, als ich die Bratislavaer Eink\u00e4ufe sichtete und verstaute. Aber kein Schirm. Wo war der Schirm?<br \/>\nDer Hypo-\u00fcber-alles-Rettungsschirm?<br \/>\nMeine Freundin Helga vermutete ihn im Zug, in der S-Bahn, mit der wir um 9 Uhr fr\u00fch nach Bratislava und um 16 Uhr nach Wien zur\u00fcckgefahren waren. Ja, das war das Wahrscheinlichste.<\/p>\n<p>Perdu, der Rettungsschirm von Hypo-Alpe-Adria, dachte ich, das ist die Strafe f\u00fcr das unrechtlich angeeignete Eigentum. Die Fundstelle der \u00d6BB traute ich mich nicht anzurufen, wegen der zweifelhaften Vorgeschichte. Und sicher hatte sich schon der urspr\u00fcngliche Besitzer aus dem 256er Bus gemeldet. Au\u00dferdem hatte ich die Erfahrung gemacht, in einem anderen, ganz anders gelegenen Fall, bei der Hotline ewig lange warten zu m\u00fcssen, w\u00e4hrend das Tonband einem auf aggressive Weise die \u201eKleine Nachtmusik\u201c ins Ohr pl\u00e4rrte und dann, wenn man endlich durchgedrungen war, keine Auskunft oder eine falsche zu bekommen. Au\u00dferdem hatte die \u00d6BB jetzt sicher Wichtigeres zu tun, da sie sich daranmachte, die griechischen Staatsbahnen umsonst zu kaufen.<\/p>\n<p>Die Caf\u00e9s rund um den Hauptbahnhof abzuklappern, naja, das war mir das geklaute, verlorene, wiedergefundene und endg\u00fcltig verlegte Hypo-Ding auch wieder nicht wert.<br \/>\nKurz danach sitze ich, wie so oft, auf dem Platzerl vor dem Wortner mit dem pl\u00e4tschernden Teufelsbrunnen, genie\u00dfe den Ort unter den B\u00e4umen, wo die wunderbaren Wiener G\u00e4rtner aus Blumen bunte Rondeaux zaubern, ich lese Zeitungen und schreibe ein bisschen was auf, \u00e4rgere mich \u00fcber die zu lauten Stra\u00dfenbahnen auf der Wiedner Hauptstra\u00dfe, den 1er, den 62er, die Badener Bahn, die Busse, ich denke, die Ampeln sind etwas zu kurz geschaltet, aber vor allem aber die Autos, die vor den Ampeln immer zu schnell, zu laut bremsen und starten.<\/p>\n<p>Da kommt ein pl\u00f6tzlicher Regenguss mit Wind \u00fcber die untere Wiedner Hauptstra\u00dfe herein, zerrt an B\u00e4umen und am rot-wei\u00dfen Coca-Cola-Dach, die Kellner und Kellnerinnen laufen, kurbeln am Coca-Cola, was das Zeug h\u00e4lt, bringen aus dem Inneren des Caf\u00e9s St\u00f6\u00dfe von Fleecedecken heran und umgeben die G\u00e4ste f\u00fcrsorglichst damit.<br \/>\nDabei m\u00fcssen sie fliegende Men\u00fckarten, Blumenst\u00f6cke, Servietten und Besteckk\u00f6rbchen einsammeln und die G\u00e4ste mit Regenschirmen besch\u00fctzen, obwohl sie unter den flatternden D\u00e4chern einigerma\u00dfen grotesk aussehen, so wie die meisten Besucher des Caf\u00e9 Wortner. Kinder, Frauen und Alte \u2013 immer zuerst, wie auf der Titanic.<\/p>\n<p>Auf dem Weg zur\u00fcck von der Toilette kam ich wie immer an der Garderobennische rechts vor der Eingangst\u00fcr vorbei. Ich war entweder zu wenig alt, zu wenig Kind, zu wenig Mann oder gut konsumierender Kunde \u2013 ich sitze ja schon zwei Stunden mit einem einzigen Drink \u2013 genannt Hugo-Drink \u2013 da.<br \/>\nNoch einmal gebe ich etwas zu, weil ich doch ein bisschen verletzt war, durch alle Rettungskategorien des Caf\u00e9 Wortner, oder \u00fcberhaupt demn\u00e4chst durch alle durchzufallen, schaute ich genauer in den Regenschirmst\u00e4nder hinein. Da lehnten f\u00fcnf vergessene Exemplare, unter den ich einen w\u00e4hlen wollte. Aber was gl\u00e4nzte mir da entgegen?<br \/>\nSo ist er, stolz und dem\u00fctig, heimgekehrt, mit all seinem Stoff, der Aufschrift und dem silbrigen Griff, zusammengeklappt im Eimer. Ein Jammer, leider es hat seit damals nie mehr geregnet. Aber Hauptsache, er ist wieder da, der Hypo-Alpe-Adria-Regenschirm!<\/p>\n<p>27.7. 15<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 19041<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gab einmal Zeiten, in denen es so heftig und best\u00e4ndig regnete, dass die Stra\u00dfen auch noch Stunden danach nass waren, die Passanten durch Pf\u00fctzen waten oder mit einem weiten Schritt dar\u00fcber springen mussten. An diesem Morgen hatte es endlich geregnet, eine lang ersehnte Abk\u00fchlung nach der erdr\u00fcckenden Hitze der letzten Wochen. 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