{"id":9310,"date":"2019-01-14T16:09:47","date_gmt":"2019-01-14T16:09:47","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9310"},"modified":"2019-02-17T14:10:44","modified_gmt":"2019-02-17T14:10:44","slug":"kaviar-im-pelz-die-abenteuer-einer-kakerlake-im-kreml","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9310","title":{"rendered":"Kaviar im Pelz &#8211; Die Abenteuer einer Kakerlake im Kreml"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9310&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9310&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ob es das Etui war oder die Brille, wei\u00df ich nicht mehr so genau. Beide lagen auf dem Nachttischchen der Juri-Andropov-Suite des Hotels \u201ePr\u00e4sident\u201c und geh\u00f6rten Hofrat Professor Doktor B.S., einem der Preistr\u00e4ger des \u201eOrdens f\u00fcr verdiente Kulturarbeit\u201c.<br \/>\nIch erinnere mich nur noch daran, dass mich die verschmierten, kunstledernen Wischt\u00fccher ebenso anzogen wie die verf\u00fchrerisch nach Ohrenschmalz duftenden Brillenb\u00fcgel, sodass mir die Wahl schwer fiel, worauf ich mich zuerst st\u00fcrzen sollte. \u201eDas Pr\u00e4sident\u201c \u2013 wie seine Bewohner nicht ohne Stolz sagen, ist erst seit wenigen Generationen meine Heimstatt und trotz meiner Anwesenheit eine der nobelsten Adressen in der Hauptstadt.<\/p>\n<p>Vorher war ich im Hotel Lux, im Metropol und im National abgestiegen. Das Pr\u00e4sident ist ein protziger Ziegelbau zwischen dem Lenin-Prospekt und der Steinernen Br\u00fccke \u00fcber die Moskwa und wurde im poststalinistischen Stil mit byzantinischen Elementen als ZK-Hotel der KPdSU erbaut. Nach einer moderaten Modernisierung durch den ersten demokratisch gew\u00e4hlten Pr\u00e4sidenten Russlands ist es in \u201eDas Pr\u00e4sident\u201c umbenannt worden. Alle 579 Zimmer tragen die Namen unbestrittener Pers\u00f6nlichkeiten des sowjetischen Lebens, angefangen bei Michail Kalinin, auch wenn nicht alle wirkliche Pr\u00e4sidenten waren, sondern anderweitig verdiente Pers\u00f6nlichkeiten wie die Schriftsteller Maxim Gorki, Pasternak und Scholochov, die Gener\u00e4le Schukow, Suslow und Frunze, die ZK-Vorsitzenden Chruschtschov und Breschnew, Kosmonaut Jurij Gagarin und Raketenbauer Koroljov oder mein derzeitiger Gastgeber Jurij Andropov, der KGB-Chef und nachher der letzte Gensek vor Gorbatschov.<br \/>\nViele wirklich wichtige Namen der letzten 80 Jahre sind nat\u00fcrlich nicht vertreten, weil sich das demokratische Russland noch nicht \u2013 oder nicht mehr \u2013 \u00fcber deren ewige Bedeutsamkeit f\u00fcr die Weltgeschichte einigen konnte. So werden Besucher vergeblich nach einer Josef-Stalin-Suite, einer Trozky-, Kirov- Bucharin-, Kamenov-, Berija- oder Ordschonikidse-Suite suchen, auch wenn viele gerne einmal eine romantische Nacht unter dem Namen Molotov verbracht h\u00e4tten, dessen Cocktails fr\u00fcher zu Ber\u00fchmtheit gelangt waren.<\/p>\n<p>Die Armee der staatlich beeideten Kammerj\u00e4ger, hier Sanit\u00e4tsbrigaden genannt, hat versucht, mich und meine Sippschaft auszurotten und aus dem Pr\u00e4sident zu vertreiben. Aber wir sind so alt und widerstandsf\u00e4hig, dass uns die chemischen Keulen nichts anhaben k\u00f6nnen, weder das sowjetische Gegenst\u00fcck zu DDT noch das neueste japanische Modell der euphemistisch genannten \u201eCockroach-Motels\u201c.<br \/>\nDie KGB-geschulten Sch\u00e4dlingsbek\u00e4mpfungsmeister haben schon l\u00e4ngst die chemischen Keulen und den nach Lotosbl\u00fcten und Mandelholz duftenden Mikrofilm in diesen bunten Papph\u00e4uschen gegen in Wodka getr\u00e4nktes Rattengift ausgetauscht \u2013 das bew\u00e4hrte Hausmittel, mit dem sie sich gegenseitig umzubringen versuchen, was uns Ureinwohnern dieses Landes aber gar nicht so unangenehm war. Schlie\u00dflich erz\u00e4hlt man sich in unserer Verwandtschaft, dass unsere Familienmitglieder sogar die Atombombenversuche auf dem Bikini-Atoll heil \u00fcberstanden haben sollen.<\/p>\n<p>Als der zuk\u00fcnftige Ordenstr\u00e4ger B.S. im Andropov-Badezimmer \u2013 \u00fcbrigens kaum kleiner als ein Pferdestall \u2013 das Licht andrehte, verzog ich mich schnell unter das Vileda-Wischtuch und konnte gerade noch an seiner Unterseite den gr\u00fcnen Aufdruck \u201eMelitta-Kleemann-Optik-Wien\u201c \u2013 MKOW \u2013 erkennen. Licht an, das bedeutete Alarmstufe rot f\u00fcr unsereins, auch wenn Badezimmer und Toiletten nie zu meinen Lieblingsrevieren geh\u00f6rt hatten. Ich machte mir einfach nichts aus Nivea, Pitralon, Axe oder Schwarzkopf-Produkten der Ausl\u00e4nder, schon gar nicht aus Vim, Chloral, Meister Proper und Danchlor, die jetzt die neurussischen Sanit\u00e4tsbeamten vermehrt gegen uns einsetzten.<br \/>\nAll das befand sich in gef\u00e4hrlicher N\u00e4he zu unserem einzigen wirklichen Feind, dem flie\u00dfenden Wasser von Dusche und Wasserklosett. Ich wollte zwischen MKOW und Ohrenschmalzb\u00fcgeln abwarten, bis der Zimmerkellner das zweite Fr\u00fchst\u00fcck servierte, und mir einige Br\u00f6sel eines franz\u00f6sischen Croissants oder eines altrussischen Pirogen einverleiben, auch wenn mir, ehrlich gestanden, die harte Kruste eines ordin\u00e4ren Schwarzbrotes immer noch am besten schmeckte.<\/p>\n<p>Ich bin in meinem Geschmack sehr konservativ und bodenst\u00e4ndig. Bei den vielen Neumodischkeiten bin ich manchmal zutiefst \u00fcberzeugt, dass meine Stammesgenossen und ich die letzten H\u00fcter der wahren russischen Tradition innerhalb und au\u00dferhalb des Pr\u00e4sident sind. Ihnen darf ich es ja gestehen, dass mir die direkten Abf\u00e4lle, die menschlichen, noch immer am liebsten sind: Schnipsel von Nagelbetten, Fu\u00dfsohlenharthaut, Schuppen, Nasenpopel oder Fingern\u00e4gel zum Beispiel. Da wei\u00df ich, dass wir unverbr\u00fcchlich zusammengeh\u00f6ren: die Menschen und die Kakerlaken. Zu meinem Leidwesen werden sie aber immer seltener, da die neueste Generation von wasserdampfbetriebenen Klopfstaubsaugern sehr leistungsstark ist und kaum mehr etwas von diesen K\u00f6stlichkeiten \u00fcbrig l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Dove-Duschgel-, Gilette-Rasierschaum-,\u00a0 und Axe-Behandlung waren vollbracht, da zog der feine Duft von Colgate-Zahnpasta durch meine N\u00fcstern. Die liebe ich von allen R\u00fcckst\u00e4nden am meisten und hoffte, dass ich davon einiges wiederfinden w\u00fcrde. Der Juri-Andropov-Suite-Bewohner, der zuk\u00fcnftige Preistr\u00e4ger des allrussischen Ordens f\u00fcr verdiente Kulturarbeiter, Hofrat Professor Dr. Sigmund Berger, warf sich in die Schale eines guten schwarzen Smokings (Bekleidungsvorschrift der Einladung in den Kreml) und verabredete sich telefonisch mit seinem Kollegen L. H., der einen Korridor-Kilometer weiter in der Tschernenko-Suite residierte. Sie beschlossen, den Weg zum Kreml zu Fu\u00df zur\u00fcckzulegen, obwohl das Ordenskomitee eine nostalgische Flotte von schwarzen Zil- und Tschaika-Limousinen bereitgestellt hatte.<\/p>\n<p>Die Professoren S.B. und L.H. geh\u00f6rten zur unverbesserlichen Sorte von Russland-Romantikern, die auch noch im 7. Jahr des 21. Jahrhunderts nichts von ihrer seligen Studentenzeit der 60er Jahre aufgeben wollten, als sie uns Tag und Nacht in ihren Zimmerl\u00f6chern der MGU jagten, ihre respektablen, mit \u00f6sterreichischem Semperitgummi besohlten Hausschlapfen, ihre Oljoschin-, Kaverin- oder Majakovskij-B\u00fccher nach uns schleuderten oder trotz eigener Gef\u00e4hrdung DDT- und Strychnin-Pulverstra\u00dfen in die Zimmerecken und um die Bettenf\u00fc\u00dfe streuten.<br \/>\nWenn sie nur gewusst h\u00e4tten, welche k\u00f6stlichen Nachspeisen sie uns damit bereiteten, h\u00e4tten sie nicht all die Schmuggelm\u00fchen auf sich genommen, denn der illegale Import dieser westlich-imperialistischen Chemikalien in die Sowjetunion war strengstens verboten. Aber noch viel mehr lachten wir \u00fcber die Castro- und Ho-Chi-Minh-Sandalen oder gar die Tito- Opanken aus Stroh, mit denen die jeweiligen Austauschstudenten uns zu jagen versuchten. Meistens fra\u00dfen wir diese Naturprodukte zur G\u00e4nze auf, Zuckerrohr, Bananen-, Reis- oder Haferstroh, wir fra\u00dfen uns bis ins Delirium. Herz, wenn wir eines h\u00e4tten, was willst du mehr!<\/p>\n<p>Ich erinnere mich noch gut an die Dissertation von S.B. \u2013 im Jahre 1967 residierte ich noch an der MGU \u2013 in der ich immer wieder etwas Frugales f\u00fcr mich fand. Zwischen den geistreichen Ausf\u00fchrungen zu Kaverins \u201eNord-Ost-Passage\u201c fand ich Kr\u00fcmel von \u00f6sterreichischem Kletzenbrot und Milka-Schokolade. In L.H.\u2018s Dissertation \u00fcber den literarischen Vergleich der \u201eAufzeichnungen aus dem Kellerloch\u201c mit dem \u201eNachtasyl\u201c Gorkis erg\u00f6tzte ich mich an seinen gro\u00dfz\u00fcgigen Nasenpopeln und Haarschuppen. \u00dcbrigens war das Kellerloch mein absoluter Lieblingstext von F.M. Dostojevskij, das bei unseren Historikern als die biologische und geistige Urheimat bezeichnet wird.<br \/>\nEs war das ein Roman \u00fcber uns, die uralten, autochthonen Bewohner des Landes, ungeliebt, verfolgt, gejagt, verbannt, und doch unausrottbar wie die Altgl\u00e4ubigen. Die beiden Studenten plagten sich mit verschiedenen Deutungen zwischen b\u00fcrgerlicher und sozialistischer Literatur, aber auf die naheliegendste kamen sie nicht, weil sie uns nicht zuh\u00f6rten, sondern mit ihren Schlapfen nach uns warfen, wo immer wir auftauchten. Unbelehrbar, wie alle liebenden Russlandreisenden. Dabei ist alles auf der Hand gelegen, um nicht zu sagen auf den F\u00fchlern.<\/p>\n<p>Eine besonders unangenehme Erinnerung habe ich an Sigmund Bergers damalige Freundin Traude, die sch\u00f6ne Tochter eines Weinbauern. Sie hielt nichts von DDT, Strychnin oder anderen Hausmitteln, sondern setzte einen Weinviertler Flaschenwaschel als Hauptwaffe gegen uns ins Gefecht. Noch die Spitzen des Weinreisigs waren so sauer, dass ich pers\u00f6nlich eine Chlor-Sp\u00fclung vorgezogen h\u00e4tte. Offiziell besch\u00e4ftigte sich die Traude mit ihrer Dissertation \u00fcber einen Vergleich der Lyrik von Anna Achmatowa und Marina Zvetajeva. Die blieb leider unvollendet, sie hat sich mehr der Ausrottung meiner Sippe gewidmet als ihrer Dissertation.<br \/>\nIch muss zugeben, dass Traudes Wirken in der MGU meine Familie fast zum Umziehen bewogen h\u00e4tte. Aber ich bin immer noch da, und sie heiratete kurz danach einen lokalen \u00d6VP-Funktion\u00e4r, gebar ihm vier Kinder, wurde eine perfekte Mutterhausfrau und hat ihr ausgezeichnetes Russisch nie wieder angewendet. Sicher hat sie ihren Weinflaschen-Waschel gegen ihres- und meinesgleichen auch bei sich zu Hause angewendet, wenn es da meinesgleichen gibt.<\/p>\n<p>Jetzt wanderten die zuk\u00fcnftigen Preistr\u00e4ger des Kreml-Ordens f\u00fcr verdiente Kulturarbeiter \u2013 beide in ihren frischen Sechzigern \u2013 \u00fcber den Kamennij Most dem Kreml zu und schwelgten in Jugend-Erinnerungen an der MGU, mit Kaverin, mit Oleschin, mit Majakovskij und dem guten, alten Dostojevskij. Die Erinnerungen an die sch\u00f6ne Weinbauerstocher Traude und ihren Weinflaschenwaschel bekamen einen besonderen Platz in der Mitte der Br\u00fccke, als die Freunde gleichzeitig zwei 5-Kopekenm\u00fcnzen in die Moskva fallen lie\u00dfen, eigentlich nur auf das Eis, denn die Moskva ist jetzt zugefroren.<br \/>\nDas alles sehe ich durch die Ritze des Brillenfutterals in der \u00e4u\u00dferen Manteltasche meines pers\u00f6nlichen Preistr\u00e4gers, gut gebettet in die fetten T\u00fcchlein der WKOWW. Es stiegen noch die kleine, s\u00fc\u00dfe Natascha und die rassige Tanja aus der Geschichte heraus und belebten Geist, Herz und Glieder.<br \/>\nAch, wie sch\u00f6n war es doch in der Jugendzeit mit den Russinnen! Unkompliziert, skrupellos wie sie waren, kamen sie immer schnell zur Sache und trieben es sehr wild mit den kleinb\u00fcrgerlichen S\u00f6hnen des kapitalistischen Westens. Nie stellten die Nataschas und Tanjas Fragen, waren anspruchslos und dankbar. So glauben es die beiden bis heute. Nur ich wei\u00df, dass sie KGB-Spitzel waren und alles feins\u00e4uberlich der Abteilung 9 ihres Arbeitgebers in dieser ehrenwerten Organisation berichteten.<\/p>\n<p>Wir drei waren auf dem Weg in den Kreml.<br \/>\nRechts das Baltschuk- Kempinski-Hotel, links die halbabgerissene Ruine des Hotels Moskva. Ich zitterte, wenn er jetzt das Etui herausgenommen h\u00e4tte, um die neue Baustelle n\u00e4her zu betrachten, w\u00e4re ich auf die Eisschollen gefallen und h\u00e4tte mich um eine neue Heimstatt k\u00fcmmern m\u00fcssen: Gottlob erw\u00e4rmten meinem Preistr\u00e4ger die Studentenzeitreminiszenzen so sehr das Herz, dass mir in meinem Futteral in der linken Brusttasche fast hei\u00df wurde. Fast am Alexander-Garten angekommen, brauste an uns der Pr\u00e4sidentenkonvoi vorbei und durch die 9 Meter dicken Tormauern in den Kreml hinein.<\/p>\n<p>An der Ecke des Manege-Platzes k\u00f6nnten wir durch das Troizkij-Tor in den Kreml einbiegen. Aber meine Preistr\u00e4ger entscheiden sich f\u00fcr einen Spaziergang die Tverskaja hoch bis zum Puschkin-Platz, wo schr\u00e4g gegen\u00fcber seiner Statue mit dem geneigten Kopf der erste McDonald&#8217;s -Palast Moskaus sehr viel mehr thront als der verehrte Dichterf\u00fcrst.<br \/>\nWohl eingedenk der Bankette, die Kaiser Franz Josef I. in der Hofburg abhielt, bei denen fast alle G\u00e4ste hungrig weggingen, f\u00fcllten sie sich die M\u00e4gen mit einem Doppeldecker-Hamburger und Pommes.<br \/>\nDa es ja ihre erste Einladung in den Kreml war, konnten sie nicht wissen, dass der Pr\u00e4sident die gegenteilige Taktik verfolgte: seine G\u00e4ste mit einem \u00dcberangebot einzusch\u00fcchtern und mundtot zu machen. Zur\u00fcck zum Manegen-Platz, zum Denkmal der Heroenst\u00e4dte mit Wachwechsel, ewiger Flamme und fotografierenden Hochzeitspaaren erreichen sie, vorbeihastend am Leninmausoleum, das Spasski-Tor.<\/p>\n<p>Hier, bei der ersten Wachta innerhalb der Kreml-Mauern, wurde es f\u00fcr mich zum ersten Mal wirklich kritisch. Die Professoren mussten den diensthabenden Soldaten die Einladung vorweisen, sich mit ihren P\u00e4ssen identifizieren und alle Taschen leeren. Mein Preistr\u00e4ger legte sein Brillenfutteral auf den Tisch, ein Soldat \u00f6ffnete so rasch, dass mich der kalte Windhauch glatt herausgeweht h\u00e4tte, w\u00e4re ich nicht tief in einer Falte des Wischtuches gelegen. Nur ein paar Meter weiter im Kontrollraum der Kreml-Miliz die gleiche Prozedur, nur dass die Preistr\u00e4ger hier auch noch ihre Mobil-Telefone abgeben mussten, was mir jetzt schon gleichg\u00fcltig war.<br \/>\nEinen Schock erlebte ich noch, als an der dritten Kontrollstelle, die von FSB-Beamten in Zivil gehalten wurde, sich mein Professor \u2013 wahrscheinlich war er schon leicht genervt von den vielen Kontrollen \u2013 so ungeschickt anstellte, dass er zusammen mit der Einladung auch das Brillenetui auf den Boden fallen lie\u00df. Er hob es schnell wieder auf, weil die Geheimdienstler die G\u00e4stelisten durchsahen und den S.B. nicht sofort finden konnten, meinte er, ihnen behilflich sein zu m\u00fcssen und setzte dazu seine Brille auf. Zu meinem Gl\u00fcck, ohne sie zu putzen oder einen Blick ins Innere zu werfen. Nun, da diese H\u00fcrden \u00fcberwunden waren, fragte ich mich, ob mein Wirt die Brille in der Garderobe lassen oder in den Bankett-Saal mitnehmen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Meine Vorfahren lebten seit Tschingis Khans Zeiten in den Kellern, K\u00fcchen und Garderoben des Kremls, aber unsere Familienchronik berichtet nichts dar\u00fcber, dass es je ein Kakerlak in den Katherinen-Saal geschafft hatte. Viele glaubten noch immer das Ammenm\u00e4rchen, dass Erd\u00f6l, Gas, Diamanten und Gold der Untergrundmotor der russischen Kultur seien. Sie leugneten beharrlich, dass mein Geschlecht es war und ist, das den Boden immer wieder neu aufbereitet. Mit mir und meinesgleichen stand das Reich an einer Zeitenwende, vergleichbar nur mit Jurij Gagarins Eroberung des Weltalls. Wir sind so unausrottbar und widerst\u00e4ndig, dass uns die Goldene Horde, die Opritschniks, die Ochrana, die alten ZK-Vorsitzenden und die neuen Pr\u00e4sidenten so wenig anhaben konnten wie die Atombombenversuche auf dem Bikini-Atoll.<\/p>\n<p>Im Hotel Pr\u00e4sident hatte ich zuletzt 5 Frauen, jede von ihnen bringt mindestens 200 Kinder auf die Welt, und wenn sie nicht erjagt, vergast, verklopfstaubsaugert oder unter Abs\u00e4tzen zertreten werden, habe ich allein pro Jahr 1000 Nachkommen. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 200 Jahren z\u00e4hlt allein meine Nachkommenschaft \u2013 hochgerechnet wohlgemerkt \u2013 20 000 Mitglieder.<br \/>\nUnd jetzt stand ich am Sprung in eine neue Dimension \u2013 ich w\u00fcrde der Erste meiner Sippe sein, der einem regierenden Pr\u00e4sidenten in seine gr\u00fcnen Augen blicken w\u00fcrde. Das Gl\u00fcck dieses Tages verlie\u00df mich nicht: Mein Preistr\u00e4ger entnahm seiner Mantelbrusttasche das Etui und steckte es \u2013 nein, nicht nach innen, sondern in die au\u00dfenliegende Tasche seines Smokings, sodass ich durch den Spalt an der R\u00fcckkante eine gute Sicht auf die neue Umgebung hatte.<\/p>\n<p>Die internationalen Kulturarbeiter \u2013 \u00fcberblicksm\u00e4\u00dfig etwa 500 \u2013 wurden nun von einer Schar goldbetresster, himmelblauer Uniformtr\u00e4ger in eine lange Wandelhalle gewiesen, die Fensterfront mit dicken Wolkenstores verhangen, von der Decke alle 10 Meter ein Luster, die W\u00e4nde mit Fresken, Goldgirlanden und Stuck dekoriert. W\u00e4hrend des Wartens sehe ich halbnackte G\u00f6ttinnen, Nymphen und Musen, die sich an B\u00e4chlein, in Hainen und Tempeln tummeln. Aus unsichtbaren Lautsprechern dudelt in Endlosschleife die Freude, sch\u00f6ner G\u00f6tterfunken, bis ein voller Gong ert\u00f6nt, so tief, als w\u00fcrde Gott zur Erschaffung der Welt gerufen.<br \/>\nEs war nicht Gottvater, sah ich, als die Fl\u00fcgelt\u00fcren aufgingen und den Blick auf den Katharinen-Saal freigaben. Was hei\u00dft hier Blick: Die frische Goldpracht blendete derart meine lichtempfindlichen Augen, dass ich sie erst einmal wieder schlie\u00dfen musste. Den meisten Preistr\u00e4gern erging es genauso. Wie Hampelm\u00e4nner rissen sie ihre Arme hoch und bedeckten ihre Augen. Wegen der kollektiven Blendung kam es zu einem Gedr\u00e4nge vor den Saalt\u00fcren, das aufzul\u00f6sen den Kremllakaien durch geschicktes Man\u00f6vrieren schnell gelang. Meine Artgenossen und ich sind von Alter und Kontinuit\u00e4t her die wahren Stadthistoriker und nat\u00fcrlich auch mit der Kreml-Geschichte bestens vertraut.<br \/>\nDer Katharinen-Saal ist ein klassizistisches Gesamtkunstwerk in Blattgold, Schwanenwei\u00df und Lindgr\u00fcn. Das Riesen-Oval mit seiner hohen Kuppel atmet die Weite des Imperiums und die N\u00e4he der alten und neuen Zaren. Vor den haushohen Spiegelw\u00e4nden stehen mit Edelsteinintarsien verzierte Tische, darauf goldene Kandelaber und Standuhren.<\/p>\n<p>Wenn ich nicht der lebende Gegenbeweis w\u00e4re, w\u00fcrde ich behaupten, dass sich in eine solche Pracht noch nie ein Kakerlak verirrt hatte. Geschichte schrieben hier andere. Molotov lud am 14. April 1955 zum gro\u00dfen Bankett und teilte der \u00f6sterreichischen Staatsvertrags-Delegation mit, was als \u201eApril-Wunder\u201c erinnert wird und das Gl\u00fcck auf den Gesichtern von Sch\u00e4rf, Raab, Figl und Kreisky f\u00fcr immer in die Spiegel eingekerbt hat.<br \/>\nAls hier im August 1990 der deutsch-sowjetische Vertrag unterzeichnet wurde, meinte Willi Brandt sogar, den \u201eMantelsaum Gottes\u201c durch den Saal rauschen zu h\u00f6ren; und Helmut Schmidt war und blieb der einzige Mensch, der es je wagte, hier eine Zigarette anzuz\u00fcnden. Gorbatschow gab an dieser Stelle den Weg zur deutschen Einheit frei und Kohl dankte f\u00fcr das \u201eWunder von Moskau\u201c.<br \/>\nLenin, Stalin und alle Nachfolger machten sich wenig aus den Prunks\u00e4len im Kreml, bis Jelzin sie aus dem Dornr\u00f6schenschlaf weckte. Er vergab an die Schweizer Firma MABETEX Millionen-Auftr\u00e4ge f\u00fcr die Restaurierung und blieb mit dem Schwarzgeld, das dabei f\u00fcr ihn selbst und seine Familie geflossen sein soll, jahrelang in den Schlagzeilen.<\/p>\n<p>Unter den Lustern mit den Ausma\u00dfen von Weltumrundungsballons standen in langen Reihen gedeckte Tische, nummeriert von 1 bis 50, ein Tisch an der Stirnseite mit der Nummer 0 war mit der russischen Fahne geschm\u00fcckt \u2013 das war der Pr\u00e4sidententisch. Die blaulivrierten und goldbetressten Lakaien wiesen die Preistr\u00e4ger ihren Tischen zu, meiner bekam einen Platz an der Nummer 1, in H\u00f6rweite des Pr\u00e4sidentensessels. Wieder ert\u00f6nte der strenge Gong mit dem Nachhall wie aus den Tiefen des Universums.<br \/>\nAber nur unsereins wei\u00df noch, dass er den Geheimnissen der altmongolischen Metalllegierungen entspringt.<br \/>\nJetzt betritt mit raschen und federnden Schritten der Pr\u00e4sident den Katharinen-Saal und nickt zur Begr\u00fc\u00dfung ernst-huldvoll nach allen Seiten. Tosender Applaus steigt auf, endet aber abrupt, als sich Vladimir Vladimirowitsch auf seinem Platz niederl\u00e4sst, seine Sitznachbarn sind der amtierende Kulturminister, der Erziehungs- , Atom- und der Au\u00dfenhandelsminister, ein greiser Raketenkonstrukteur, ein noch \u00e4lterer tschuktschischer Volksschriftsteller und die drei jungendlichen Gewinner der Russisch-Olympiade.<\/p>\n<p>Ich kann mich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, meine Sicht auf den Pr\u00e4sidententisch ist nicht schlechter als aus der Zarenloge im Bolshoj. Da im Ordenszuerkennungsdokument alle Verdienste der Geehrten aufgez\u00e4hlt werden, h\u00e4lt sich der Pr\u00e4sident bei keinem einzeln auf. Alle 500 haben sich die Verbreitung der russischen Kultur im In- und Ausland verdient gemacht, sodass sie ab jetzt den Titel \u201everdienter Kulturarbeiter\u201c tragen d\u00fcrfen. Die meisten sind Lehrer, Professoren, \u00dcbersetzer, Wissenschafter, Chorleiter, Organisatoren, Museumsdirektoren, Verleger, Schriftsteller, aber auch Sportler, Schilehrer und Fitnesstrainer. Eingedenk der Vorgeschichte des Pr\u00e4sidenten als Geheimdienstoffizier haben sich seine Redenschreiber an das sch\u00f6ne Wort von Stalin \u00fcber die Schriftsteller als \u201eIngenieure der Seele\u201c (1935) erinnert und ihm f\u00fcr die Ausgezeichneten die \u201eIngenieure der Sprache\u201c ins Redemanuskript geschrieben.<br \/>\nEs geht nichts \u00fcber eine ungebrochene Tradition, das kann ich am besten verstehen und goutieren. Gleich folgt noch eine Adelung: \u201eMensch \u2013 das klingt stolz\u201c sagte Gorki 1929 \u00fcber den neuen Sowjetmenschen. Nicht ganz nachvollziehbar ist der unvermittelte Sprung zu Blaise Pascal (1655), der den Menschen als \u201eein denkendes Schilfrohr\u201c bezeichnete. Dieses Zitat sollte wohl des Pr\u00e4sidenten kritische und aufgekl\u00e4rte Gesinnung zum Ausdruck bringen.<\/p>\n<p>Mein Professor wurde ausgezeichnet f\u00fcr seine Bem\u00fchungen um die Ausbildung der \u00f6sterreichischen Hotellerie und Gastronomie im Sinne des umfassenden Wohlbefindens der russischen Touristen. Er verfasste Russisch-Lehrg\u00e4nge f\u00fcr Kellner und Stubenm\u00e4dchen, f\u00fcr K\u00f6che und Speisekartenverfasser, f\u00fcr Schilehrer, Chauffeure, Reiseb\u00fcroangestellte und Verk\u00e4uferinnen, f\u00fcr B\u00fcrgermeister und Polizisten. Und umgekehrt bekamen die russischen G\u00e4ste in ihren Unterk\u00fcnften einen \u201eKurzen Lehrgang der \u00f6sterreichischen Gastlichkeit\u201c, ein \u201eKleines Russisch-Tirolerisches W\u00f6rterbuch\u201c und einen F\u00fchrer \u201eAlles zwischen Bar und Piste\u201c, die \u201eKleine Geschichte des Wilden Kaisers\u201c, \u201eKultur in Kitzb\u00fchel\u201c, um nur einige zu nennen.<\/p>\n<p>Die Titel waren so zahlreich, dass sie die des seit 1950 schreibenden tschuktschischen Schriftstellers bei Weitem \u00fcberfl\u00fcgelten. Ich pers\u00f6nlich hielt den Chirurgen Gawril Ilisarov f\u00fcr die interessanteste Pers\u00f6nlichkeit an unserm Tisch. Er hie\u00df auch der \u201eKnochenbrecher von Kurgan\u201c. Der kleine, wei\u00dfhaarige Greis wurde von seinem unscheinbaren, b\u00fcrokratischen Assistenten Andrej Popkov begleitet. Professor Ilisarov war w\u00e4hrend des Afghanistan-Krieges zu Ber\u00fchmtheit gelangt, als er durch ein von ihm entwickeltes Verfahren zerbrochene und zersplitterte Knochen wieder einrichtete und damit Amputationen vermeiden konnte. Nach dem sehr langwierigen und schmerzhaften Heilungsprozess stellte sich heraus, dass seine Patienten gewachsen waren. Internationalen Ruhm gewann er, als er einem kleinw\u00fcchsigen arabischen Offizier, der sich kr\u00e4nkte, bei Paraden immer in den hinteren Reihen stehen zu m\u00fcssen, mit einer Operation zu 10 Zentimeter l\u00e4ngeren Beinen verhalf. Seither sind die \u201eBeine von Kurgan\u201c der hei\u00dfeste Schrei unter jungen Frauen, die sich durch Beinverl\u00e4ngerungen einen Traumjob als Model oder bessere Heiratschancen erwarten.<\/p>\n<p>Wie ein Klappmesser im dunkelblauen Armani-Anzug, knapp wie ein Hackenknallen, setzt sich der Pr\u00e4sident nach seiner Ansprache auf den f\u00fcr ihn bereitgestellten, ein wenig nur h\u00f6heren und ein bisschen reicher verzierten Stuhl (nein, nicht Thron!), worauf die 500 Preistr\u00e4ger auf ihren Pl\u00e4tzen einknickten. Vor ihnen stand eine Reihe von 6 angef\u00fcllten Gl\u00e4sern, von rechts au\u00dfen an Wodka, Wasser, Sekt, Saft, Wei\u00dfwein und Rotwein, nach links je ein leeres f\u00fcr Bier, Whisky und Kognak. Jeden schirmte eine solche Gl\u00e4serbarrikade vom Nachbarn und Gegen\u00fcber ab, dazwischen auf goldgl\u00e4nzenden Unters\u00e4tzen eine Pyramide von Tellern und Sch\u00fcsseln, deren wei\u00dfes Porzellan mit lindgr\u00fcnen Bord\u00fcren die Farben des Katharinen-Saales wieder aufnahm.<br \/>\nMit einer g\u00e4nzlich unprofessoralen Geste riss nun mein Preistr\u00e4ger das Wischtuch aus dem Etui und fuhr sich damit \u00fcber die Augen. Nur mit der in Jahrhunderten antrainierter Akrobatik konnte ich mich gerade noch in der Ritze zwischen Metall und Velours-F\u00fcllung halten. Wenn so etwas wie ein Herz in mir gewesen w\u00e4re, h\u00e4tte es jetzt einen Stillstand erlitten. Den Kreml-G\u00e4sten ging es nicht viel anders: Sie waren von der Gegenwart des Pr\u00e4sidenten so gel\u00e4hmt, dass sie anfangs zu nichts anderem imstande waren, als zwischen ihren Fingern Brotst\u00fccke hin- und herzuw\u00e4lzen, wobei auch einige Kr\u00fcmel in mein Versteck fielen.<br \/>\nJetzt begannen die Lakaien in endlosen Reihen die Gerichte aufzutragen: Die Speisenfolge war so lang wie die Liste der Verdienste.<\/p>\n<p>Goldfarbene Pirogen gef\u00fcllt mit Pilzen, Kraut und Fleisch, Schinken- und K\u00e4set\u00f6rtchen standen schon auf dem Tisch, von den 6 Schinken- und Wurstsorten, den 5 Salaten, den 4 Suppen (Gurken, L\u00f6wenzahn, Brennnessel und Farn) ging es weiter zu den Rindfleisch- und Heringss\u00fclzchen, Pilzgelee, Entenleber, Fluss- und Meereskrebsen, Fische ger\u00e4uchert, gesalzen, luftgetrocknet und roh unter Bergen von Gem\u00fcse und Kr\u00e4utern, Muscheln, R\u00e4ucherlachs, roter Kaviar, Riesengarnelen von den Kurilen. Ich habe bekanntlich ein schlechtes Verh\u00e4ltnis zum Wasser und war daher an der Fischfolge nicht interessiert.<br \/>\nAber eine Speise erregte doch meine Aufmerksamkeit: der \u201eKaviar im Pelz\u201c, eine neue Kreation der Kreml-K\u00f6che. In eisgek\u00fchlten, von K\u00e4lte beschlagenen Kristallschalen liegen Berge von gl\u00e4nzendem Kaviar, dekoriert mit Str\u00f6men goldgelber Sauce hollandaise und mit roten Paprikaschoten, gr\u00fcnen Gurkenscheiben, orangen Karotten und gelben Zitronen dekoriert und mit einem Ring aus H\u00fchnereih\u00e4lften gekr\u00f6nt.<br \/>\nJede Sch\u00fcssel ein Meiserwerk in perfekter Proportion, Form- und Farbgestaltung. Das schwarze Gold stammt von 3 Fischarten: vom Beluga, Ossjotr und Sevruga \u2013 Besseres hat Russland nicht zu bieten. Wenn die Preistr\u00e4ger in der Gegenwart des Pr\u00e4sidenten gewagt h\u00e4tten auszuatmen, w\u00e4re jetzt ein St\u00f6hnen und Raunen durch den Katharinen-Saal gegangen, auch eine Art \u201eMantelsaum Gottes.\u201c<\/p>\n<p>Der Kaviar im Pelz wurde gerahmt von Fischen aus allen Teilen Russlands, aus Fl\u00fcssen, Seen und Meeren: Forelle, Thunfisch, Hecht, Karpfen, Zander, Wels, Lachs, Hering, St\u00f6r, gebraten, gebacken, in Buttersauce, unter Mandeln oder in Aspik. Mir war gerade ein gro\u00dfer Brocken von russischem Schwarzbrot in die Ritze gefallen, \u00fcber den ich mich sofort hermachte, als ich meinen Professor etwas sagen h\u00f6rte.<br \/>\nOhne Anflug von Sch\u00fcchternheit und gesund respektlos, wie mir scheint, gr\u00fc\u00dft er zum Pr\u00e4sidenten hin\u00fcber, gratuliert ihm zu den eben gewonnenen Parlamentswahlen und w\u00fcnscht ihm und seiner Familie Gesundheit. Dieser nickt zur\u00fcck, klappt die gr\u00fcnen Schildkr\u00f6ten- Augen auf und zu und antwortet laut und deutlich: \u201eDanke, das Gleiche Ihnen!\u201c<\/p>\n<p>Die 9 Tischnachbarn des Pr\u00e4sidenten und die 9 meines Professors erstarrten, fielen vor Schreck fast in Ohnmacht und lie\u00dfen ihr Essbesteck zwischen Teller und Mund stehen. Das schien meinen Ordenstr\u00e4ger noch mehr anzufeuern, dass er sich an die ihm am n\u00e4chsten Sitzenden wandte: eine alte Lehrerin, die seit 40 Jahren den Kindern der in Novaja Zemlja stationierten Milit\u00e4rangeh\u00f6rigen russische Sprache und Kultur n\u00e4herbrachte, einen walisischen Gelehrten, der die 2000 Seiten von Tolstojs \u201eKrieg und Frieden\u201c in seine Muttersprache \u00fcbersetzt hatte (4000 Seiten in 6 B\u00e4nden) und einen russischen Biochemiker, der aus den F\u00e4kalien der Kamtschatka-Rotkragenm\u00f6ven ein vom Staat anerkanntes lebensverl\u00e4ngerndes Elixier entwickelt hatte.<br \/>\nEr m\u00fcsse zugeben, dass es ihm hier im Kreml sehr viel besser schmecke als bei McDonald&#8217;s , sagte er gar nicht leise in die Runde, sodass es auch an den Nachbartischen geh\u00f6rt werden kann. Eine Majest\u00e4tsbeleidigung, ein Sakrileg, die russischen Kulturarbeiter verfielen in Angst- und Sch\u00fcttell\u00e4hmung, der altehrw\u00fcrdige Kamtschatka-M\u00f6wenforscher verschluckte sich und konnte mit Narsan-Mineralwasser gerade noch vor dem Erstickungstod bewahrt werden.<br \/>\nAuch der Pr\u00e4sident hatte den Satz aufgeschnappt, er hob sein Glas auf meinen Preistr\u00e4ger und sagte wohlgelaunt in seine Richtung: \u201ePonjal, ich habe verstanden, danke Ihnen f\u00fcr das Kompliment.\u201c<\/p>\n<p>Nun marschierten die Kellner in langen Reihen herein und balancierten riesige Platten mit den Fleischgerichten auf ihren Schultern: Wiener und Milaner Schnitzel, Huhn, Ente, Truthahn, Fasan, Kalbsmedaillons in wei\u00dfrussischen Herrenpilzen, Rehr\u00fccken in Rotkraut mit moldawischen Edelkastanien, Rinderfilet mit geschmorten Schalotten und Kartoffelkroketten, Beef Stroganoff mit kirgisischem Himalaya-Reis, ukrainische Sarma unter einem Gletscher von Sauerrahm, buttertriefende Kiewer Koteletts, kaukasischer Lammr\u00fccken im Speckmantel, georgischer Schaschlik auf Knoblauchbutterbett und sibirisches B\u00e4rentatzengulasch in Schamanensauce.<br \/>\nUngef\u00e4hr beim 13. Gericht h\u00f6rte ich mit dem Z\u00e4hlen auf, weil auch mein Preistr\u00e4ger die Annahme von weiteren Speisen verweigerte. Dabei ging es noch weiter mit den Desserts, die ich aus meinem Schlitz nicht genau ausmachen konnte: sch\u00e4tzungsweise 15 Eis- und Sorbet-Sorten, Fruchtsalate, Beerenmischungen aus dem ganzen gro\u00dfen Reich, Kuchen und Torten, deren Namen ich leider nicht alle kenne. Nur so viel konnte ich erkennen: Esterhazy- und Sachertorte, Stefanie- und Kardinalschnitten, Schokoladerehr\u00fccken, Mohnguglhupf und geeiste Kaiserschnitte, dazwischen noch sehr viele Fantasietorten mit fetten Cremen und buntem Zuckerguss \u2013 aber leider reichten weder meine Sichtweite noch meine K\u00fcchenkenntnisse weiter.<\/p>\n<p>Seien Sie versichert, es waren sehr, sehr viel mehr Dessert-Kreationen, die aus den K\u00fcchenverliesen des Kreml angeschleppt wurden. Dazu nat\u00fcrlich noch Kaffee, Tee, Kognak und Whisky und all das \u00fcberfl\u00fcssige Zeug. \u00dcber-fl\u00fcssig, Sie wissen ja schon, dass ich eine tiefe Abneigung gegen alles Wasser, aus dem Wasser stammende und mit Wasser sich verbindende habe: Danchlor, Klopfdampfstaubsauger, Kaviar, Fische, Salate, Getr\u00e4nke und das Eis. Die Kreml-Strategen wussten sehr gut, wie man gleicherweise Freund und Feind ausschaltete. Warum ist noch niemandem der Gedanke gekommen, diese Methode einmal gegen mich und meine Verwandtschaft einzusetzen?<\/p>\n<p>\u00dcbrigens bin ich noch am selben Tag umgezogen. Nein, nicht etwa in den Kreml, wo, wie Sie ja schon wissen, es mir nur begrenzt gefiel und ich daher nicht meine langfristige Zukunftsperspektive sehen konnte, sondern ich ergriff die erstbeste Gelegenheit zur \u00dcbersiedlung in eine andere renommierte Moskauer Lokalit\u00e4t. Die kam f\u00fcr mich v\u00f6llig unerwartet und wie ein Geschenk des Himmels: Mein Tr\u00e4gerwirt, der frisch gebackene verdiente Volkskulturarbeiter der Russischen F\u00f6deration S. B. begab sich nach dem Bankett in die kremelnahe Starokonjuschennij-Gasse, an deren Nummer 1 sich die \u00f6sterreichische Botschaft befindet.<\/p>\n<p>Ich pers\u00f6nlich habe ja keinerlei Beziehung zu diesem Ort, nicht einmal eine negative, wenn man wie ich wei\u00df, dass diese Gasse sich mit der nach einer nahen Aufbahrungshalle benannten \u201cTotengasse\u201c kreuzte und in unserer Geschichte einen prominenten literarischen Konnex hat. Graf Lev Nikolajewitsch Tolstoj siedelte an dieser Adresse das entscheidende, dramatische Ereignis in den 1200 Seiten der Liebe zwischen Natascha Rostowa und F\u00fcrst Andrej Bolkonskij an. Die junge, sch\u00f6ne, aber sehr naive und gef\u00fchlsverwirrte Natascha weilte gerade bei ihrer Tante zu Besuch, als sie plante, sich von dem betr\u00fcgerischen Filou Denissov von dieser Adresse entf\u00fchren zu lassen, um ihn geheim zu heiraten. S. B. aber hatte \u00fcber sein vielleicht vorhandenes literarisches Interesse oder sogar Wissen hinaus eine Beziehung zur Mjortvych-Gasse.<br \/>\nEr wollte seiner j\u00fcngeren Schwester einen Besuch abstatten, die damals gerade das \u00d6KF leitete, als Kulturr\u00e4tin dem \u201e\u00d6sterreichischen Kulturforum\u201c vorstand.<\/p>\n<p>Als \u00e4ltester lebender Stadthistoriker wusste ich nat\u00fcrlich sehr gut, dass die \u00d6sterreicher eine der sch\u00f6nsten Jugendstil-Villen der Moskauer Altstadt bewohnten. Ein weitl\u00e4ufiges, cremefarbenes Geb\u00e4ude mit einer dorischen S\u00e4ulenapsis an der runden Ecke, in deren klassizistischem Kapitell neun sch\u00f6ne Musen ihren leicht besch\u00fcrzten Reigen tanzten, den Blicken nur einigerma\u00dfen entzogen durch eine imposante Gruppe von 7 sibirischen Blautannen, die sich entgegen die schwierigen Luft- und Bodenbedingungen in der Moskauer Erde so gut eingewurzelt hatten, dass sie nun schon mit ihren Wipfeln nach dem zweiten Stockwerk griffen.<br \/>\nDie hohen Fenster, die festen Mauern und die schmiedeeisernen Z\u00e4une trotzten schon lange mit altmodischem Beharren den in dieses Viertel gesetzten Ziegelbauten f\u00fcr ZK-Mitglieder wie eine alte h\u00f6lzerne Segel-Fregatte einem Panzerkreuzer; ein Kampfplatz, eine permanente Herausforderung und Dem\u00fctigung. Dieses und ein paar andere Baujuwelen waren seit den brutalen Breschnew-Jahren eingekreist von 8-, 10- und 12-st\u00f6ckigen B\u00fcro-Ziegel- und Plattent\u00fcrmen, die die niedrigen Villen und Palais des 19. Jahrhunderts wie aus dem Himmel mit Kr\u00e4tze erstickten, abt\u00f6teten und auffrassen.<\/p>\n<p>Die Gehsteige waren auch hier im ausgepr\u00e4gtesten Botschaftsviertel krumm, mit zahlreichen Fallen \u00fcbers\u00e4t wie tiefen L\u00f6chern, hervorragenden Regenrinnen und niedrigen Vord\u00e4chern; Und \u00fcberhaupt die Stufen \u2013 das ist ein eigenes Kapitel, ach was k\u00f6nnte ich alles dar\u00fcber erz\u00e4hlen, als Tarakan mit meinen sehr beweglichen 6 Beinen bin ich ja nicht direkt auf gerade, regelm\u00e4\u00dfige Stufen und Treppen angewiesen, aber abgesehen von unseren ewigen Konkurrenten, den Menschen: Sie brauchen sie viel eher als wir f\u00fcr die schnelle und ungehinderte Fortbewegung. Forthin stellte ich mir die Frage, sind die Europ\u00e4er h\u00f6her gewachsen oder gehen die Russen nur mit eingezogenem Kopf herum, haben die H\u00e4userbauer hier keinen Meterstab oder sind sie beim Ausmessen immer nur besoffen? Fragen \u00fcber Fragen, wer stellt sie sich schon?<\/p>\n<p>Das sage ich nur als ein alter, wissender und neutraler Stadthistoriker, meine pers\u00f6nliche Passion ist eher egoistischer Natur: Wo kann ich ankommen, \u00fcberleben und mich fortpflanzen.<br \/>\nSehr schnell erkannte mein Blick aus dem Futteral \u2013 oder hatte ich das schon fr\u00fcher gewusst? \u2013 die \u00f6sterreichische Botschaft Ecke Starokonjuschennij \u2013 Mjortvych pereulok hatte eine in Moskau seltene Eigenheit: Sie verf\u00fcgte \u00fcber ein tiefes Kellergescho\u00df. Das sah ich sofort, als wir dort ankamen. Ob das eine Eigenheit der besonderen russischen Kultur am Beginn des 19. Jahrhunderts war oder der \u00f6sterreichischen Architektur geschuldet ist, leider, ich muss Sie entt\u00e4uschen, ich wei\u00df es einfach nicht.<br \/>\nAber der Anblick dieses tief gelegenen, mit verliesgleichen Fenstern ausgestattete Untergescho\u00df lie\u00df mein Herz \u2013 h\u00e4tte ich eines \u2013 h\u00f6herschlagen. Die zausigen Fliederb\u00fcsche entlang der L\u00e4ngsfront des \u00f6sterreichischen Palais beeindruckten mich nicht sonderlich, wirkten eher bedr\u00fcckend auf mich, weil ich doch aus Erfahrung wusste, dass Flieder unserem Geschlecht nicht gut bekommt, die B\u00fcsche sind Gift f\u00fcr uns. Flieder, Lilac und Sirenj, aber das wei\u00df niemand, nur mit Flieder k\u00f6nnte man uns bek\u00e4mpfen und ausrotten. Zum Gl\u00fcck wissen sie nicht, dass Flieder f\u00fcr unsereins t\u00f6dliches Gift sind. Nicht DDT, nicht ihre Dampfklopfstaubsauger, sondern einfach nur Flieder.<\/p>\n<p>Mit einigem Schrecken musste ich feststellen, dass es die sieben hohen, sibirischen Blautannen vor dem runden Salon nicht mehr gab. Einfach umgeschnitten, ratzeputz weg, wie nackt und kahl glotzte jetzt das neoklassizistische Halbrund auf die pl\u00f6tzlich dumm gewordene Kreuzung von Starokonjuschennij und Mjortvych. Geradezu obsz\u00f6n, abscheulich diese Halbkaryatiden unter ihren sp\u00e4tkorinthischen Kapitellen, fand ich, sieht das denn niemand au\u00dfer mir?<\/p>\n<p>Wo haben die Menschen nur ihre Augen und F\u00fchler? Ist alles so schnell verlorengegangen, was unsere Stadt gro\u00df und ber\u00fchmt gemacht hat? Unter uns haben wir daf\u00fcr nur einen Ausdruck: nekulturno! Der neue Botschafter und seine sehr kultivierte Frau meinten, dass die sibirischen Riesen zu wenig Licht auf ihre Empf\u00e4nge fallen lie\u00dfen, daf\u00fcr im Garten umso mehr Mist; als ob Tannennadeln Mist sein k\u00f6nnten. Herrgott, woher kamen denn diese Barbaren, dass sie sibirisches Moos, Flechten und Nadeln f\u00fcr Unrat hielten? Sie hatten keine Ahnung davon, dass es Jahrzehnte gedauert hatte, bevor sich diese Fremdlinge in der kargen Moskauer Erde verwurzelten und \u00fcber die platten Karyatiden hinweg in die lichten H\u00f6hen des 2. Stockwerks wuchsen, wo wir unsere Freundinnen vom \u00dcbersetzerb\u00fcro beheimatet wussten. Eine gro\u00dfe Entt\u00e4uschung, ein tiefer Schmerz, dieser Anblick.<br \/>\nAuf die Baumst\u00fcmpfe wird dieser Botschafter im n\u00e4chsten Fr\u00fchjahr Gipsstatuen der neun Musen (zwei Postamente werden baumstammm\u00e4\u00dfig in Beton nachgebildet) stellen lassen, die er im Sonderangebot eines ihm befreundeten K\u00e4rntner Baumarktes auf Republikskosten bezogen hat und um ebensolche nach Moskau transportieren lie\u00df.<\/p>\n<p>Was die Botschaft aber f\u00fcr mich noch immer attraktiv machte, war die K\u00fcche im Keller, oder genauer: die K\u00f6nigin der K\u00f6chinnen in der K\u00fcche im Keller. Galina hat den Ruf, dass sie uns, die Tarakany, die Kakerlaken, die K\u00fcchenschaben von Herzen liebt, dass sie sie hielt so wie andere ihre Haustiere: Hunde, Katzen, Meerschweinchen, Ratten oder Wellensittiche. Und nicht wie die \u00fcbrigen Menschen es mit ihren K\u00fchen, Schweinen, Schafen, Hasen, G\u00e4nsen und H\u00fchnern machten: pflegen, f\u00fcttern, streicheln oder sogar mit ihnen in ihrer Sprache sprechen. Aber wenn ihnen die richtige Zeit gekommen zu sein scheint, wenn sie gerade rund, fett oder richtig mager sind, dann peng, wumm, schlachten sie ihre lieben Tierchen, nehmen sie aus, zerteilen sie in alle verwertbaren Teile, f\u00fcllen sie verwurstet in Ged\u00e4rme, h\u00e4ngen sie in R\u00e4ucherkammern, tieffrieren sie als H\u00e4lften, Schenkel, R\u00fccken oder Steaks. Das Beste essen sie frisch, vor allem die zentralen Teile wie Herz, Hirn, Nieren und Leber lieben sie aufzubrutzeln oder in rohem carne.<\/p>\n<p>Galina war da ganz anders. Wo andere der Ekel packte, da schaute sie erst recht hin. Sie h\u00e4tschelte und verw\u00f6hnte uns aus vollem Herzen, stellte kleine Sch\u00fcsselchen mit Brotkrumen, Milch, K\u00e4se und Honig in dunklen Winkeln auf, versteckte und besch\u00fctzte uns vor w\u00fctenden Putzfrauen, Sanit\u00e4rbrigaden und primitiven Aushilfsk\u00f6chinnen, die zwar nicht kochen konnten, aber so taten, als h\u00e4tten sie es daf\u00fcr umso mehr mit der Reinlichkeit. Mochten sie auch selbst noch so schmutzig und unordentlich sein, hielten sie uns doch f\u00fcr die allgegenw\u00e4rtigen, sichtbaren und unausrottbaren Ausgeburten des Schmutzes, der Unordnung, ja f\u00fcr das, was Russland wirklich ausmachte.<\/p>\n<p>Ich konnte ihnen das nicht einmal \u00fcbelnehmen, meine ich ja selbst, dass wir das \u00c4lteste, Tiefste und Echteste und Best\u00e4ndigste sind, was Russland je hervorgebracht hat. Wo sind denn die heldenhaften Rjurikiden, die Kiever Rus, die Romanows oder Bolschewiki? Alle versunken und verloschen im Ozean der Geschichte, nur mein Geschlecht bleibt und bereitet von unten immer wieder frischen Boden auf.<\/p>\n<p>Warum konnte sich Galina gegen alle anderen durchsetzen und ihrer Tatakay-Leidenschaft fr\u00f6nen? Sie war nicht nur gro\u00df und dick und hatte einen Bartflaum auf der Oberlippe \u2013 wegen ihrer lauten, tiefen Stimme f\u00fcr den Kasernenhof wurde sie von allen Generalscha genannt \u2013 sie konnte auch wirklich gut kochen, die war nicht nur firm in der russischen K\u00fcche, hatte fr\u00fcher bei den Deutschen und den Schweizern gearbeitet, kannte sich also auch in der franz\u00f6sischen und italienischen K\u00fcche aus, und was die \u00d6sterreicher betraf, so lernte sie sehr schnell die Schnitzel-, Gulasch-, Apfelstrudel- und Vanillekipferlrezepte, dass der Salat mit einer Prise Zucker mariniert wurde, der Liptauer nur mit mildem Paprika zubereitet werden darf, der Gugelhupf Rosinen enthalten muss, die Sachertorte nur mit hausgemachter Marillenmarmelade gef\u00fcllt wird und noch ein paar Besonderheiten, \u00fcber die die Botschafter-Gattin streng wachte.<\/p>\n<p>In Galinas Reich war ich gut aufgehoben, es war eine standesgem\u00e4\u00dfe Bleibe f\u00fcr den \u00e4ltesten Stadthistoriker und sicher wie Abrahams Scho\u00df. Denn russische K\u00f6chinnen \u00e4ndern ihre Leidenschaften nicht oft. Was mich am meisten f\u00fcr sie einnahm, war aber, dass es bei ihr nicht nur das russische Schwarzbrot gab, sondern auch viele Arten von \u00f6sterreichischen B\u00e4ckereiprodukten, die einmal in der Woche frisch eingeflogen wurden.<\/p>\n<p>Ein rascher Blick durch meine Sehspalte im Brillenetui lie\u00df mich kurz z\u00f6gern: Der Botschafter hatte offenbar auch den Innenw\u00e4nden ein neues Aussehen verpasst, indem er sie mit einem lindgr\u00fcnen \u2013 woanders w\u00fcrde man es vielleicht Pistaziengr\u00fcn nennen \u2013 \u00d6lanstrich versehen lie\u00df. Es war nicht ganz so schlimm wie das klassische Erbsengr\u00fcn der russischen Schulen, Spit\u00e4ler, Ministerien, Kasernen und Gef\u00e4ngnisse, aber doch trieb mir die Erinnerung an diese Orte einen kalten Schauder \u00fcber den R\u00fccken, als mein Preistr\u00e4ger mit mir den Korridor zum Kulturforum in den zweiten Zwischenstock hochschritt.<\/p>\n<p>Es war klar wie Wodka: An diesen glatten, kalten, \u00f6lbestrichenen W\u00e4nden w\u00fcrde nicht einmal ich, der beste Fassadenkletterer Moskaus, Halt finden. Ich musste auf schnellstem Wege in den Keller unter die Fittiche der Generalscha Galina gelangen. Auf dem Boden des Kulturforums nahm ich sehr schnell die Kabelkan\u00e4le f\u00fcr Strom, Telefon, Internet, Interkom und sonstige Elektronik wahr, durch die unsereins gefahrlos in alle Stockwerke des Geb\u00e4udes gelangen konnte. Wie sehr liebte ich doch die moderne Technik, mit der uns kein Stiefel, keine in- oder ausl\u00e4ndische Giftkeule, kein Dampfklopfstaubsauger und kein Weinviertler Flaschenwaschel etwas anhaben konnten.<\/p>\n<p>So sitze ich also jetzt im hintersten Winkel der diplomatischen Speisekammer und schreibe beim d\u00e4mmrigen Licht der K\u00fchltruhenkontrolll\u00e4mpchen meine Aufzeichnungen auf, meinen glorreichen Weg vom Hotel Pr\u00e4sident \u00fcber den Kreml ins russische Herz \u00d6sterreichs. Links von mir die Regale mit heimischem Ziegelbrot, rechts von mir \u00f6sterreichisches Schwarzbrot, Kanten von K\u00e4rntner Speck, Tiroler Hartw\u00fcrste, Rundkanister mit Mautner-Markhof\u2018scher Majonnaise, Waldviertler Honig und feinster Teebutter.<br \/>\nNeben Galina ist die Botschafter-Gattin Ursula meine zweite G\u00f6ttin: Ihrer Sparsamkeit ist es gedankt, dass sie auch noch die letzten Br\u00f6sel von Weihnachtsgeb\u00e4ck, Osterkuchen, Tortenb\u00f6den, Canap\u00e9s und Kaisersemmeln in Blechdosen aufbewahrt. W\u00e4re ich gl\u00e4ubig, m\u00fcsste ich meinen, dass es ein Himmelreich auf Erden gibt.<br \/>\nAber auch W.W. Putin muss ich hochleben lassen: H\u00e4tte er nicht in S. B. den verdienten Kulturarbeiter erkannt und ausgezeichnet, w\u00e4re ich wahrscheinlich nie ins Paradies gelangt. Jetzt muss ich nur noch eine Artgenossin finden, und Russlands Zukunft wird auf immer gesichert sein.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 19039<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ob es das Etui war oder die Brille, wei\u00df ich nicht mehr so genau. Beide lagen auf dem Nachttischchen der Juri-Andropov-Suite des Hotels \u201ePr\u00e4sident\u201c und geh\u00f6rten Hofrat Professor Doktor B.S., einem der Preistr\u00e4ger des \u201eOrdens f\u00fcr verdiente Kulturarbeit\u201c. 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