{"id":9307,"date":"2019-01-14T16:04:21","date_gmt":"2019-01-14T16:04:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9307"},"modified":"2019-02-10T15:42:21","modified_gmt":"2019-02-10T15:42:21","slug":"rosenkranz-fuer-die-zonengrenze","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9307","title":{"rendered":"Rosenkranz f\u00fcr die Zonengrenze"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9307&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9307&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das Haus meiner Kindheit steht im Strudengau in Ober\u00f6sterreich. Ich wurde dort geboren und wuchs im Br\u00e4uhaus von St. Nikola an der Donau auf. Nachdem die kleine Dorfbrauerei \u201eSeyr Bier\u201c im Zuge des Krieges schlie\u00dfen musste, betrieb mein Onkel Klaus eine \u201eBierniederlage\u201c, das lustigste Wort meiner Kindheit, warum ich wahrscheinlich keine Biertrinkerin geworden bin. Ein Lager, von dem das Bier an die Wirtsh\u00e4user des unteren und mittleren M\u00fchlviertels geliefert, ausgef\u00fchrt wurde.<br \/>\nDie Bierf\u00fchrer hie\u00dfen urspr\u00fcnglich Bierknechte, sp\u00e4ter Ausf\u00fchrer. In die Wirtsh\u00e4user von St. Nikola, Grein und Sarmingstein, Grein-Bad Kreuzen, Naarn, St. Thomas am Blasenstein und St. Oswald, Dorf und Steinbruch Gloxwald, Dimbach und Waldhausen bis nach Weins-Isperdorf und Ybbsitz. Und sicher noch in viel mehr, als ich mich erinnere.<br \/>\nSp\u00e4ter kamen Kracherl wie Libella aus Scheibbs und Schartner Bombe aus Scharten dazu.<\/p>\n<p>Das Bier bezog Onkel Klaus aus der Linzer Brauerei, Linzer Lager. Er und seine beiden Bierf\u00fchrer Bertl und Toni mussten jeden Montag von St. Nikola nach Linz fahren, Bier holen. Jedesmal eine gef\u00e4hrliche Reise. Denn sie ging \u00fcber die Enns-Br\u00fccke, wo sich Sowjets und Amerikaner direkt gegen\u00fcberstanden, frontal, der Schlagbaum in der Mitte der Br\u00fccke. Die Demarkationslinie.<br \/>\nWahrscheinlich das erste Fremdwort meiner Kindheit, und nicht das einfachste auszusprechen, geschweige denn zu verstehen. Nieder\u00f6sterreich war sowjetische Zone, Ober\u00f6sterreich amerikanische. Die hei\u00dfeste Zonengrenze. An diesem Punkt in der Mitte der Br\u00fccke war der Krieg nicht zu Ende, sondern es begann der neue, der Kalte Krieg. Wahrscheinlich der neuralgischste aller Grenzen im zehnj\u00e4hrigen Nachkriegs-\u00d6sterreich.<\/p>\n<p>In West- und S\u00fcd\u00f6sterreich konnten die Kinder sicher nichts zu Aufregendes zwischen den zahmen Engl\u00e4ndern und Franzosen erleben. An der Enns verschwanden viele Menschen, manche f\u00fcr lange Jahre in sowjetischen Lagern, manche f\u00fcr immer. <em>Sibirien, <\/em>niemand sprach das Wort laut aus, aber es wehte immer kalt klirrend durch die Familien an Donau und Enns. Onkel Klaus hatte vier Kinder, der Bierf\u00fchrer Toni sechs, der Br\u00e4uer-Bertl neun, im tief-katholischen M\u00fchlviertel nichts Ungew\u00f6hnliches. Auch wir sind sieben Geschwister. Der Kriegsdienstverweigerer J\u00e4gerst\u00e4tter war ein M\u00fchlviertler Mesner aus St. Radegund.<\/p>\n<p>Die M\u00e4nner brachen im Morgengrauen auf, mit dem Saurer samt Anh\u00e4nger. Wir hatten sie schon l\u00e4nger, unten vor der Bierniederlage, poltern geh\u00f6rt, wie sie den Lastwagen mit den leeren F\u00e4ssern beluden. Die Omama, ihre Schwester, die Ida-Tante, und ihre j\u00fcngste Tochter, meine Tante Sefi, sch\u00fcttelten die Kinder aus den Betten, damit wir f\u00fcr die Zeit der Reise f\u00fcr die M\u00e4nner, die <em>Mauner<\/em>, beteten. Alle versammelten sich im saalartigen Esszimmer, der <em>Stumbm, <\/em>alle Mitglieder der Gro\u00dffamilie und die Bediensteten: Die K\u00f6chin Annerl, der Knecht Sepp, die Magd Berta, die Kranzer Liesi, eine sonderliche Nachbarin, Einlieger und Hausg\u00e4ste schlossen sich an. Die fromme Omama gab das Programm vor: Glaubensbekenntnis, Vaterunser, Gegr\u00fc\u00dftseistdumaria und dann der Rosenkranz. Den hasste ich, denn er h\u00f6rte nie auf, ein Kranz eben. Die noch fr\u00f6mmere Tante Sefi und ihre hochmusikalische Schwester, meine Tante Fritzi, stimmten die Lieder dazwischen an:<br \/>\n<em>Meerstern wir dich gr\u00fc\u00dfen, oh-ho Maarii-hia hilf! Ma-ari-hia, hielf uns allen, aus unserer tie-hiefsten Not.<br \/>\nGro\u00dfer Gott, wir lo-hoben dich, prei-heisen deine St\u00e4rke.<br \/>\nEin&#8216; gro\u00dfe Burg ist unser Gott <\/em>(wahrscheinlich der Beitrag meiner ehemals protstantischen Mutter).<\/p>\n<p>Lange sangen wir noch, weil wir die Worte nicht verstanden: <em>Meerschwein, wir dich gie\u00dfen. Gro\u00dfer Gott, wir lieben dich, Preiselbeeren deine St\u00e4rke. <\/em>Ich war zu klein, um den Ernst der historischen Lage mitzukriegen. Aber ich liebte diese fr\u00fchmorgendlichen Zusammenk\u00fcnfte, empfand sie eigentlich als Fest, in Schlafanz\u00fcgen und Badem\u00e4nteln zu Hause, in der Stumbm, Gott preisen zu d\u00fcrfen, als w\u00e4re er pers\u00f6nlich bei uns zu Gast gekommen. Stolz, in einer offenbar f\u00fcr die Erwachsenen sehr ernsten Angelegenheit beigezogen zu werden. Einmal waren wir, die Kinder, wichtig!<br \/>\nDen Grund daf\u00fcr erfuhr ich erst viel sp\u00e4ter, als ich die Geschichte und den b\u00e4uerlichen Glauben verstehen lernte. Die unschuldigen Kinder waren die besseren F\u00fcrsprecher beim lieben Gott, bei Jesus, und vor allem bei der heiligen Jungfrau Maria, von der wir ja alle abstammten. Und wer wei\u00df, bei welchen Heiligen, Seligen und Schutzengeln noch. Heerscharen. Wir hatten so viele wie die Inder G\u00f6tter. Weil die Kindlein unschuldig, sauber, sind, dringen ihre Gebete, Anrufungen und Lieder direkt zu den angeflehten Besch\u00fctzern vor.<\/p>\n<p>Das war nat\u00fcrlich ein Widerspruch, weil wir sowohl von der unausl\u00f6schlichen Erbs\u00fcnde als auch von unseren eigenen, t\u00e4glichen S\u00fcnden wussten, f\u00fcr die wir zumindest ermahnt wurden. Sicher hatten alle, so wie ich, das Bild aus der Kinderbibel im Kopf. <em>\u201eLasset die Kindlein zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich.\u201c <\/em>Jesus steht da, in seinem wei\u00dfen, \u00fcber die Schultern drapierten Laken und wallendem, blonden Haar, mit einem Flammenherz, die Arme weit ausgebreitet. Ich f\u00fchlte mich immer so, als zeigte er genau auf mich, und mir wurde ganz warm dabei, im Bauch und noch tiefer.<\/p>\n<p>Nach Augenribbeln und G\u00e4hnen kamen die fr\u00fchmorgendlichen Gebets- und Liederorgien. Vor allem den dramatischen Punkt, wenn Tante Sefi den Kindern anzeigte, auf den Fleckerlteppichen auf die Knie zu gehen und uns dann Kerzen in die Hand dr\u00fcckte. Der H\u00f6hepunkt stand bevor. Das Schicksalsdrama. Die Omama schritt zum Weihwasserkessel an der Wand neben der Kredenz, tauchte den am Palmsonntag geweihten Palmwedel ein, der kein echter Palmwedel war, sondern ein Zweig vom Buchsbaum an der Gartenecke \u2013 eine fr\u00fche Entt\u00e4uschung\/Betrug in meiner Kindheit \u2013 und bespr\u00fchte alle reichlich. Danach dr\u00fcckte sie jedem Anwesenden ein in der Osternacht geweihtes \u00d6l in Kreuzform auf die Stirn. <em>Vergeltsgott, Gottvergelts. <\/em>Das \u00d6l aus Jerusalem, stellte ich einmal fest, war auch nicht das, wie es hie\u00df, sondern Bratlschmalz von der zuletzt geschlachteten Sau Rosina.<\/p>\n<p>Die Kinder waren f\u00fcr den Rest des Tages entlassen, bis die Stunde der R\u00fcckfahrt der <em>Mauna <\/em>\u00fcber die teuflische Enns-Br\u00fccke anbrach. Die gleiche, aber etwas abgek\u00fcrzte Zeremonie wie am Morgen. Mit gro\u00dfem Aufatmen. Die Gefahr war fast gebannt. Auch die grimmigsten sowjetischen Grenzer waren den F\u00e4ssern mit frischem Linzer Lagerbier nicht abgeneigt. Onkel Klaus erz\u00e4hlte sp\u00e4ter lustig dar\u00fcber, obwohl er viele \u00c4ngste ausgestanden haben muss, wie sie schon freudig erwartet wurden, und ohne Kontrollen und ihre I-Karte zu zeigen, passierten. Wie die Pawlow\u2018schen Hunde standen sie da, die Zungen herau\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Bierf\u00fchrer luden an dem sonst so gef\u00fcrchteten Schlagbaum den Wegzoll ab und fuhren unbeschadet nach Hause. Die <em>Mauner <\/em>wurden jubelnd begr\u00fc\u00dft und von der Omama reichlich mit Weihwasser bespritzt. Die gr\u00f6\u00dferen Kinder durften \u00fcber die Latten ein F\u00e4sschen herunterrollen, Bertl und Toni standen mit ihren bodenlangen Ledersch\u00fcrzen stolz l\u00e4chelnd daneben. Helden. Der Dankes-Rosenkranz dauerte dann immer besonders lang, der Hintern tat schon weh, die rot-schwarzen Kreuzerlstiche auf der Tischdecke verschlangen sich ineinander und f\u00fchrten verr\u00fcckte T\u00e4nze auf, die Augen fielen zu. Aber zur Belohnung gab es ein <em>Noagerl <\/em>Bier, der letzte Rest von Tropfen und Schaum, der <em>Foam<\/em>, von uns Kindern mit den Fingern aufgeleckt aus den Gl\u00e4sern der M\u00e4nner. Das ist himmlisch, fand ich, und begann die unbekannten Russen auf der Br\u00fccke heimlich zu verehren.<\/p>\n<p>Unsere Gebete oder das Linzer Lagerbier? Ich wei\u00df bis heute nicht, was geschichtswirksamer war.<\/p>\n<p>Wien, 13.9.18<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 19038<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Haus meiner Kindheit steht im Strudengau in Ober\u00f6sterreich. Ich wurde dort geboren und wuchs im Br\u00e4uhaus von St. Nikola an der Donau auf. Nachdem die kleine Dorfbrauerei \u201eSeyr Bier\u201c im Zuge des Krieges schlie\u00dfen musste, betrieb mein Onkel Klaus eine \u201eBierniederlage\u201c, das lustigste Wort meiner Kindheit, warum ich wahrscheinlich keine Biertrinkerin geworden bin. 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