{"id":93,"date":"2013-11-28T09:04:53","date_gmt":"2013-11-28T09:04:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=93"},"modified":"2015-09-16T21:44:41","modified_gmt":"2015-09-16T21:44:41","slug":"bayerischer-barock-oder-la-vita-e-bella","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=93","title":{"rendered":"Bayerischer Barock oder La vita \u00e8 bella."},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts93&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts93&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Behutsam schlug Alessandro Pavese die schmale gotische Holzfigur wieder in das weiche Tuch ein und verwahrte sie sorgf\u00e4ltig im Tresor. Es war bereits gegen Mittag und wie jeden Tag versuchte er, das Knurren seines Magens vorerst zu ignorieren; eine halbe Stunde noch, bis er seinen kleinen, feinen Kunst- &amp; Antiquit\u00e4tenladen inmitten der Innsbrucker Altstadt f\u00fcr eine Mittagspause schlie\u00dfen konnte.<br \/>\nViktoria hatte ihm noch am Morgen nahegelegt, nur Kohlehydratarmes zum Mittagessen zu sich zu nehmen. \u201eEin wenig gebratenes Gefl\u00fcgelfleisch mit Salat\u201c, war ihre wohlmeinende Empfehlung. \u201eUnd du verkneifst dir vorher die Grissini!\u201c Wer, wenn nicht sie, die diszipliniert seit Jahrzehnten ihr Gewicht hielt, sich Alkohol und S\u00fc\u00dfes konsequent untersagte und \u00fcberhaupt Kalorienreduktion zur Maxime erhoben hatte, war wohl legitimiert, solche Ratschl\u00e4ge zu erteilen.<\/p>\n<p>Ein wohlklingendes, deutlich bayerisch gef\u00e4rbtes kr\u00e4ftiges \u201eGr\u00fc\u00df Gott\u201c lie\u00df ihn aus seinen Gedanken hochfahren. Diese Frau hatte sicherlich die falsche T\u00fcr erwischt &#8211; seine Client\u00e8le trat deutlich dezenter in Erscheinung.<br \/>\n\u201eDieses Bild dort im Schaufenster, das kleine rechts oben, ja, ja, das dunkle kleine \u00d6lbild, das interessiert mich.\u201c<br \/>\nDer Blick der f\u00fclligen bayerischen Touristin war entwaffnend direkt, und obwohl Alessandro sich sonst zur\u00fcckhaltend gegen\u00fcber seinen Kunden verhielt \u2013 \u201edevot\u201c nannte Viktoria das immer sp\u00f6ttelnd \u2013 l\u00e4chelte er die Kundin freundlich an und stellte sich ihr mit einer kleinen Verbeugung formvollendet vor.<br \/>\n\u201eGestatten, Alessandro Pavese, ich bin der Gesch\u00e4ftsinhaber. Dieses Bild h\u00e4ngt hier seit zwanzig Jahren, gn\u00e4dige Frau.\u201c<br \/>\n\u201eEmerenzia Weidinger aus M\u00fcnchen, sehr erfreut. Ich war schon einmal in Innsbruck, vor etwa drei Jahren, da habe ich es hier aber nicht gesehen.\u201c<br \/>\nDie dunkle Stimme harmonierte mit ihrem Klangk\u00f6rper, ja sie konnte geradezu nur von einer Gestalt dieses Ausma\u00dfes hervorgebracht werden. Ein Dirndl h\u00e4tte ihr gut gepasst, der Frau Weidinger aus M\u00fcnchen, dachte Alessandro l\u00e4chelnd. Viktorias schmaler K\u00f6rper nahm sich in ihrem neuen Designerdirndl dagegen l\u00e4cherlich verloren aus. Er senkte den Blick kurz, als er merkte, dass er die Kundin immer noch unverwandt betrachtete.<\/p>\n<p>Das kleine Bild stammte noch aus dem Gesch\u00e4ftsbestand seines Vaters in Trient. Seit Alessandro dessen Laden \u00fcbernommen hatte, war ein Vierteljahrhundert vergangen. Aber schon kurze Zeit danach hatte er Viktoria kennengelernt. Mit ihr war er damals nach Innsbruck in ihre Heimat \u00fcbersiedelt und seither lebten sie hier mit ihrem Sohn.<\/p>\n<p>\u201eIch mag die Farben\u201c, begann die Kundin.<br \/>\n\u201eAber es ist dunkel, da sind nun wirklich keine Farben zu sehen!\u201c, entgegnete Alessandro.<br \/>\nEmerenzia Weidinger glaubte, ein Haus am See darauf zu erkennen. \u201eEs ist Nacht, da sind diese Spiegelungen des Mondlichts, erkennen Sie es nicht, Signore Alessandro, ich darf Sie doch so nennen? Sagen Sie ruhig Emerenzia zu mir, wenn Sie es denn aussprechen k\u00f6nnen mit ihrem italienischen Zungenschlag\u201c, antwortete sie lachend.<br \/>\nAlessandro nickte und musste seinerseits \u00fcber die bayerische Aussprache seines Namens schmunzeln.<br \/>\n\u201eJa gerne.\u201c Und in Gedanken f\u00fcgte er vorsichtig \u201eEmerenzia\u201c hinzu. Was f\u00fcr ein Name! Viktoria w\u00fcrde sich lustig dar\u00fcber machen. Urbayerisch, bodenst\u00e4ndig, b\u00e4uerlich, erdig, gediegen, wie aus einem Heimatfilm entsprungen. Und was f\u00fcr eine Frau! Alessandro wusste gar nicht, wohin mit seinen Blicken, er f\u00fchlte sich deutlich von ihrem opulenten K\u00f6rper angezogen.<br \/>\nJetzt musste er aber erst einmal seinen eigenen, drahtigen K\u00f6rper arg verbiegen, um sich zwischen der kleinen Empire-Kommode und der Etag\u00e8re mit der Zierkeramik aus der Zeit der Monarchie hindurchzw\u00e4ngen und das Bild vom Haken nehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u201eEs ist nicht renoviert, die Firnisschicht geh\u00f6rt aufgearbeitet.\u201c<br \/>\n\u201eIch nehme es, wie es ist.\u201c<br \/>\n\u201eEs hat keinen Preis.\u201c<br \/>\n\u201eEs bekommt einen Platz in meinem H\u00e4uschen am Chiemsee.\u201c<br \/>\n\u201eEs erinnert mich aber an meinen Vater, daher ist es nicht zu haben.\u201c<br \/>\n\u201eEs wird neben einem kleinen Original von Antoni T\u00e0pies h\u00e4ngen. \u00dcber meinem Biedermeier-Sekret\u00e4r.\u201c<br \/>\n\u201eIch kann Ihnen seine Provenienz nicht nennen, ja nicht einmal seinen K\u00fcnstler.\u201c<br \/>\n\u201eVon wem auch immer es ist, das Bild ist mir wichtig und schon jetzt ans Herz gewachsen.\u201c<br \/>\nSie zog ihre Lesebrille aus ihren vollen, mittellangen braunen Locken und hielt sie, wie zur Verdeutlichung, an ihren Busen, den Alessandro nun, sozusagen durch ihre Handbewegung legitimiert, zumindest kurz und ma\u00dfvoll, ja beinahe ungeniert betrachten konnte. Das blau-wei\u00df-kleingew\u00fcrfelte Hemdblusenkleid bot Einblick auf das Ausma\u00df ihres Dekollet\u00e9s und ihm Freude.<br \/>\n\u201eAber sehen Sie doch, Emerenzia, der Rahmen muss erst noch neu geleimt werden. So k\u00f6nnen Sie seinen Anblick nicht genie\u00dfen.\u201c<br \/>\n\u201eAch, Alessandro, in Wahrheit wollten Sie mir damit nur sagen, dass der leere Fleck in Ihrer Auslage Sie deprimiert.\u201c<\/p>\n<p>Was war nur los mit ihm? Jedes Gramm, das Viktoria nach Marcos Geburt kurzzeitig zugelegt hatte, war von ihm mit kritischem Blick und manch verletzender Bemerkung quittiert worden. Und jetzt fing sein Blick sich so unbedingt in diesem volumin\u00f6sen bayerischen Busen.<br \/>\nEmerenzia Weidingers kr\u00e4ftige warme H\u00e4nde, denen man Gartenarbeit ansah, streckten sich vehement nach dem Bild und ber\u00fchrten mit gro\u00dfer Selbstverst\u00e4ndlichkeit bei dessen \u00dcbergabe seine schmalen, manik\u00fcrten Finger. Wie angenehm.<br \/>\n\u201eWie man diese dunkle Fl\u00e4che nur so zum Leuchten bringen kann \u2013 meisterhaft \u2013 da sind wir doch beide einer Meinung, Alessandro?\u201c<\/p>\n<p>\u00dcber den Preis lie\u00dfe sich das Interesse von Emerenzia sicher nicht zerstreuen, wo sie doch vorhin das Bild von T\u00e0pies erw\u00e4hnt hatte, aber einen Versuch war es wert.<br \/>\n\u201eDiese Qualit\u00e4t macht es aber zu einem hochpreisigen Kleinod, werte Emerenzia.\u201c<br \/>\n\u201eNette Er\u00f6ffnung der Verhandlung, Alessandro, mein Lieber, aber ich setze finanzielle Pr\u00e4ferenzen, wie ich auch sonst recht genau wei\u00df, was ich will\u201c, brachte sie mit betont bayerischem Tonfall hervor, ihr Blick wurde direkter und auch etwas strenger.<br \/>\n\u201eEs steht nicht zum Verkauf.\u201c<br \/>\n\u201eSo schnell gebe ich nicht klein bei. Ich bin gew\u00f6hnt, zu kriegen, was ich mir in den Kopf gesetzt habe.\u201c<br \/>\nAlessandros Tonfall wurde nun deutlich charmanter und er meinte ironisch: \u201eWir werden nie handelseins werden, Emerenzia, auch wenn Sie noch so stark sind. Ein bayerischer Stursch\u00e4del bringt keinerlei Vorteile in Verhandlungen mit einem wahren Italiener.\u201c<br \/>\n\u201eHa, ich habe viele Jahre lang einen Marktstand gef\u00fchrt, das war mein Beruf und meine Berufung. Ich werde Sie \u00fcberzeugen, obwohl Sie Italiener sind. Weil Sie Italiener sind\u201c, f\u00fcgte sie mit einem Zwinkern hinzu.<br \/>\nAlessandro Pavese gab sich innerlich geschlagen, er mochte diese resolute Frau und stellte fest, dass er schon die l\u00e4ngste Zeit breit vor sich hin grinste, und sein Blick immer wieder auf ihren weichen, f\u00fclligen K\u00f6rper fiel, was ihr gar nichts auszumachen schien.<br \/>\n\u201eIch schlie\u00dfe jetzt mein Gesch\u00e4ft zur Mittagspause, w\u00fcrden Sie mir die Ehre erweisen, mich zum Essen zu begleiten, Madame Emerenzia?\u201c Ihr angenehmes glucksendes Lachen klang in seinen Ohren noch etwas nach.<\/p>\n<p>Mit wie viel Freude und in welcher Gel\u00f6stheit sie ihr Lammfleisch mit Speckbohnen verzehrte! Alessandro konnte sich an diesem sinnlichen Vorgang gar nicht satt sehen und entwickelte seinerseits einen immensen Appetit, sodass er nach dem Antipasti-Teller noch eine Portion Ossobuco bestellte, die sich beide dann mehr oder weniger gemeinsam schmecken lie\u00dfen.<br \/>\n\u201eOh, wie fantastisch das riecht, lassen Sie mich kosten, Alessandro.\u201c Und wieder lie\u00df sie das \u201eR\u201c bei seinem Namen vollmundig und bayerisch rollen.<br \/>\nEmerenzia langte ganz selbstverst\u00e4ndlich mit dem Mund nach Alessandros gef\u00fcllter Gabel, die er ihr entgegenkommend hinhielt.<br \/>\n\u201eIch habe noch niemals zuvor jemanden mit solchem Vergn\u00fcgen essen sehen\u201c, parlierte er mit vollem Mund.<br \/>\n\u201eMit Ossobuco zwischen den Z\u00e4hnen zu sprechen, ist ganz bestimmt ein erster Ansatz zum Genuss, glaub mir!\u201c, wechselte Emerenzia mit perlendem Lachen zum vertrauten \u201edu\u201c.<br \/>\nWie wohl es tat, mit dieser Frau zu lachen.<\/p>\n<p>Das Leben seines quirligen Gegen\u00fcbers war bunt und laut verlaufen, als Marktstandbetreiberin auf dem M\u00fcnchner Viktualienmarkt. Und wenn sie von ihrem verstorbenen Mann und ihren erwachsenen Kindern erz\u00e4hlte, dann gl\u00e4nzten ihre Augen mit denen ihres aufmerksamen Zuh\u00f6rers um die Wette. Alessandros Blick fiel immer wieder auf ihren herrlichen, vom Ossobucco fettgl\u00e4nzenden vollen Mund, und \u2013 ja \u2013 er glitt h\u00e4ufig auch abw\u00e4rts, um auf ihrem wogenden Busen zu verweilen. Der gehaltvolle Rotwein erschwerte dabei die Kontrolle.<br \/>\nGeld war reichlich geflossen am Viktualienmarkt, ein H\u00e4uschen direkt am Chiemsee nach der Pensionierung rasch gekauft und ein Teil des Kapitals in wertbest\u00e4ndige Kunst investiert. Einsam war es halt, seit ihr Mann nicht mehr da war. \u201eAch wei\u00dft du, es ist nicht nur das Essen, ich bin einfach hungrig auf das Leben. Nachts gehe ich gerne schwimmen, ich sp\u00fcre dann das Wasser auf der Haut, und es ist wie eine Ber\u00fchrung.\u201c<\/p>\n<p>Das Gesch\u00e4ft h\u00e4tte er um 14 Uhr wieder \u00f6ffnen sollen, doch zu diesem Zeitpunkt f\u00fctterten die beiden einander quer \u00fcber den Tisch mit Panna cotta, wobei Alessandro mit seinem Zeigefinger etwas \u00fcbersch\u00fcssige Creme aus Emerenzias Mundwinkel barg und sich vom Finger leckte. Sein Blick sagte deutlich, dass er sie viel lieber direkt mit seiner Zunge von ihren Lippen geholt h\u00e4tte.<br \/>\n\u201eDu k\u00f6nntest es mir doch zustellen, das Gem\u00e4lde. Es in meiner Handtasche zu transportieren, ist nicht zumutbar\u201c, schlug Emerenzia anschlie\u00dfend beim Grappa vor.<br \/>\n\u201eDu kannst mit mir rechnen, am Samstag bringe ich dir das gute St\u00fcck, dann sehe ich auch deine Kunst und dein Haus. Und meine Badehose nehme ich mit.\u201c<br \/>\n\u201eUnd nach dem Schwimmen koche ich uns was Deftiges. Ich freue mich sehr.\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3102\">Lesebissen<\/a> | Inventarnummer: 13005<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Behutsam schlug Alessandro Pavese die schmale gotische Holzfigur wieder in das weiche Tuch ein und verwahrte sie sorgf\u00e4ltig im Tresor. 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