{"id":9294,"date":"2019-01-06T18:16:32","date_gmt":"2019-01-06T18:16:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9294"},"modified":"2019-02-17T14:12:12","modified_gmt":"2019-02-17T14:12:12","slug":"hair-remastered","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9294","title":{"rendered":"Hair Remastered"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9294&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9294&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Kleine Kinder m\u00f6gen es nicht, wenn man ihnen die Haare oder die Finger- und Zehenn\u00e4gel schneidet. \u201eWeil ihnen damit etwas weggenommen wird. Nat\u00fcrlich wollen sie das nicht\u201c, hat eine Freundin von mir den Grund daf\u00fcr erkl\u00e4rt. Vielleicht ist es eher so, dass die Kinderchen nicht stillhalten wollen, denke ich mir.<\/p>\n<p>\u201eKomm Luis, wir fahren zum Friseur\u201c, sagt seine Mutter, die Fanny hei\u00dft. \u201eNein, ich will nicht!\u201c, ruft der Siebenj\u00e4hrige. \u201eIch will so bleiben, wie ich bin.\u201c \u201eDas geht nicht. Du bist ein Bub. Du kannst keine langen Haare haben\u201c, sagt Fanny. \u201eAuf dem alten Foto im Wohnzimmer hat auch ein Verwandter von uns lange Haare\u201c, sagt Luis. \u201eJa, das war dein Ururgro\u00dfvater. Er war damals ungef\u00e4hr so alt wie du jetzt. Das Foto ist hundert Jahre alt\u201c, sagt Fanny. \u201eEr hat auch einen Hut mit einer Feder auf, und neben ihm sitzt wahrscheinlich seine Mama\u201c, sagt Luis. \u201eStimmt\u201c, sagt Fanny. \u201eDu Mama\u201c, sagt Luis, \u201ewir k\u00f6nnen doch auch so ein Foto von uns machen lassen, wenn ich erst richtig lange Haare habe.\u201c \u201eGar keine schlechte Idee, Luis\u201c, sagt Fanny. \u201eDas Foto k\u00f6nnen wir auch machen, wenn du kurze Haare hast.\u201c \u201eWarum hat denn mein Ururopa als Kind lange Haare gehabt?\u201c, fragt Luis. \u201eJa wei\u00dft du, fr\u00fcher war das \u00f6fter so\u201c, sagt Fanny. \u201eJetzt wird das auch wieder so sein\u201c, sagt Luis, \u201eund zwar bei mir.\u201c \u201eAlso kein Friseur, Luis?\u201c, fragt Fanny. \u201eNein, kein Friseur!\u201c, bekr\u00e4ftigt er.<\/p>\n<p>\u201eMit deinen langen Haaren kannst du dann in der Schule auf das M\u00e4dchen-WC gehen\u201c, sagt Fanny. Sie will Luis dabei sticheln. \u201eDas tu ich jetzt schon\u201c, sagt er. \u201eWas, nein, das kannst du doch nicht tun!\u201c, sagt Fanny. \u201eDas mach ich ja nur, wenn mir niemand zusieht\u201c, sagt Luis. Was soll seine Mutter nun entgegnen? Sie \u00fcberlegt. Es ist f\u00fcr einen Buben verboten, das M\u00e4dchen-WC zu betreten? Luis wei\u00df das ja, und er macht es trotzdem. Aber irgendetwas muss sie ja jetzt sagen, also sagt sie: \u201eDu wei\u00dft, dass das \u00c4rger geben kann, nicht Luis? Wenn das eine Lehrerin oder die Direktorin bemerkt, k\u00f6nnen sie dich von der Schule verweisen.\u201c Luis sieht sie nur an.<br \/>\nGut, jetzt habe ich mich ge\u00e4u\u00dfert, denkt Fanny, das war sozusagen das Pflichtprogramm. Mein Bub soll ja in gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Freiheit aufwachsen, nicht nur er nat\u00fcrlich, auch Kay. Luis\u2018 Schwester Kay ist elf.<\/p>\n<p>Man soll Kinder nicht in eine bestimmte Richtung dr\u00e4ngen. Man muss ihnen viele verschiedene M\u00f6glichkeiten anbieten, und sie entscheiden selbst, welchen Weg sie einschlagen wollen. Au\u00dfer es geht bei den Kindern grandios schief. Wenn sie Crash-Kids werden, muss man eingreifen, aber sonst nicht. Jedes Kind hat seine Anlagen und seine Vorlieben. Sollen sie selbst herausfinden, wie weit sie damit kommen, vorerst einmal. Von mir aus kann Luis ja gerne lange Haare tragen. Es w\u00fcrde im bestimmt gut stehen. Auch sein Vater hatte lange Haare, als wir uns kennenlernten. Nur steht Luis dann unter genauerer Beobachtung und muss sich wom\u00f6glich \u00f6fter behaupten. Mit dem Friseur wollte ich es ihm ja nur leichtmachen.<br \/>\nLuis hat ja schon als Vierj\u00e4hriger den kleinen M\u00e4dchen die Puppenwagen weggenommen und durch die Gegend geschoben. Manche Nachbarn haben sich dar\u00fcber lustig gemacht. Die, welche am h\u00e4mischsten und lautesten lachten, hatten die ungl\u00fccklichsten Kinder. Luis dagegen war total happy, wenn er einen Puppenwagen schob.<\/p>\n<p>Johnny spaziert alleine am Ostufer des W\u00f6rthersees. Er ist auf Tour, er geht weite Strecken. Heute ist so ein Tag. Er ist mit Fanny verheiratet und der Vater von Kay und Luis. Johnny passiert den kleinen Spielplatz, der zur Villa Lido, einem Restaurant, geh\u00f6rt. Nicht ein einziges Kind ist dort.<\/p>\n<div id=\"attachment_9291\" style=\"width: 760px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Keine-Kinder.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9291\" class=\"size-full wp-image-9291\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Keine-Kinder.jpg\" alt=\"Keine Kinder\" width=\"750\" height=\"1000\" srcset=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Keine-Kinder.jpg 750w, http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Keine-Kinder-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Keine-Kinder-624x832.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9291\" class=\"wp-caption-text\">Keine Kinder<\/p><\/div>\n<p>Und das heute, am fr\u00fchen Nachmittag eines Sonntags. Man kann aber als Entschuldigung hernehmen, dass noch Schnee liegt.<\/p>\n<p>Da sieht Johnny einen kleinen Buben auf einem Laufrad, dessen Vorderreifen im Schlamm steckt. Johnny geht hin, hebt den Vorderreifen auf, und der Bub l\u00e4uft los. Er hei\u00dft Luca, so ruft ihn jetzt seine Mutter.<br \/>\nKleine Kinder beobachten anders als Erwachsene, denkt Johnny. Sie schaffen es, sehr gut abzusch\u00e4tzen, wer ihnen wohlgesinnt ist. Erwachsene sch\u00e4tzen Johnny wegen seines meist \u2013 ungewollt \u2013 d\u00fcsteren Gesichtsausdrucks oft als bedrohlich ein. Kleine Kinder dagegen betrachten ihn l\u00e4nger, verdrehen dabei den Kopf, sehen ihn also aus unterschiedlichen Blickwinkeln, und dabei kommen sie praktisch immer zu dem Schluss: \u201eDieser Mann ist nett. Er mag mich.\u201c Manche Kinder sagen dann freche Sachen zu ihm. Johnny l\u00e4sst ihnen den Spa\u00df. Kinder sollen sich wohlf\u00fchlen, ist seine Ansicht, sp\u00e4ter wird es hart genug f\u00fcr sie werden. Johnny bleibt diesen Kindern so im Ged\u00e4chtnis. Er wird ein positiver Teil ihrer Kindheitserinnerungen sein, wenn sie erst gro\u00df sind.<\/p>\n<p>Man muss die Kinder lassen, wie sie wollen. Sie machen schon das Richtige. Und man muss sich f\u00fcr sie interessieren. \u201eZeig mir, was euch gef\u00e4llt!\u201c, muss man sagen. Die Kinder werden dann erkl\u00e4ren, wobei sie sehr stark in Details gehen werden. Und sie werden sich freuen, dass jemand \u00fcber ihre Interessen Bescheid wissen will. Will man Kinder verderben, muss man sie g\u00e4ngeln und einschn\u00fcren, Schule und Erfolg und \u201eDenkt an die Zukunft!\u201c. Wer st\u00e4ndig an die Zukunft denken soll, ist nicht mehr in der Gegenwart daheim, ist es nicht so? Das ist eine Erziehung \u00fcber Druck und Zwang und wirkt garantiert bei Kindern als Kreativit\u00e4tskiller. Als K\u00fcnstler t\u00e4tig zu sein, wird dann nicht mehr m\u00f6glich sein.<br \/>\nIch habe noch etliche Kilometer vor mir, \u00fcberlegt Johnny. Ich tue das ja freiwillig. W\u00fcrde mich jemand dazu anweisen, w\u00e4re die lange Geherei wahrscheinlich eine Qual. So ist sie ein Spa\u00df f\u00fcr mich.<br \/>\nMorgen kommt Kays neue Freundin zu uns. Sie wird in Kays Zimmer schlafen. Sie besuchen gemeinsam die 1-a-Klasse des Ingeborg-Bachmann-Gymnasiums. Sie soll so ein superfreies M\u00e4dchen sein. Die M\u00e4dchen in der Klasse bewundern sie. Sie singt und spielt Klavier, sp\u00e4ter m\u00f6chte sie Frontfrau in einer Band sein. Au\u00dferdem ist sie eine tolle Volleyballspielerin. Ihr Name ist Andi. Mal sehen, wie es werden wird.<\/p>\n<p>Als Johnny am Montag von der Arbeit nachhause kommt, nimmt ihn seine Frau gleich beiseite. \u201eDie M\u00e4dchen sind in Kays Zimmer. Alles ist in Ordnung\u201c, sagt sie. \u201eDu Schatz, hast du nicht auch gedacht, dass die Andi Andrea hei\u00dft?\u201c \u201eJa, eigentlich schon\u201c, erwidert Johnny. \u201eSie hei\u00dft aber Lisa\u201c, f\u00e4hrt Fanny fort. \u201eIhr ist der Name aber zu kleinm\u00e4dchenhaft, deshalb will sie Andi gerufen werden.\u201c \u00a0\u201eDaran ist ja nichts auszusetzen, findest du nicht auch, Liebling?\u201c, fragt Johnny. \u201eNaja, sie hat auch raspelkurze Haare\u201c, sagt Fanny. \u201eSie m\u00f6chte halt wahrscheinlich ein Bub sein\u201c, antwortet Johnny, \u201edas ist doch nicht weiter schlimm, finde ich.\u201c \u201eDie Andi schminkt ich aber, sehr gut und auff\u00e4llig\u201c, sagt Fanny. \u201eIch werde nicht schlau aus dem M\u00e4dchen.\u201c<br \/>\nLeise singt sie die erste Strophe des Songs Aquarius aus dem Musical Hair: \u201cWhen the moon is in the Seventh House and Jupiter aligns with Mars, then peace will guide the planets and love will steer the stars.\u201d<\/p>\n<p>Es ist sch\u00f6n hier, Kay ist ein liebes M\u00e4dchen, denkt Andi, als sie im f\u00fcr sie in Kays Zimmer gestellten G\u00e4stebett liegt. Ihr kleiner Bruder ist recht lustig. Ihre Mama wirkt sehr bem\u00fcht. Sie sollte sich mehr stylen, dann w\u00fcrde sie noch besser aussehen.<br \/>\nBeim Abendessen sa\u00df der Vater am Kopfende des Tisches und fragte mich doch glatt nach meinem Berufswunsch. Ich sagte: \u201ePilotin\u201c, worauf er fragte: \u201eWarum nicht Stewardess?\u201c \u201eWeil Pilotin besser ist\u201c, sagte ich da.<br \/>\nDas war so etwas von retro, wie 1972.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Bild)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=416\">es menschelt<\/a> | Inventarnummer: 19036<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kleine Kinder m\u00f6gen es nicht, wenn man ihnen die Haare oder die Finger- und Zehenn\u00e4gel schneidet. \u201eWeil ihnen damit etwas weggenommen wird. 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