{"id":921,"date":"2014-01-31T09:40:25","date_gmt":"2014-01-31T09:40:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=921"},"modified":"2014-12-04T11:57:26","modified_gmt":"2014-12-04T11:57:26","slug":"trockenmarillen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=921","title":{"rendered":"Trockenmarillen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts921&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts921&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Der Tag, an dem Lisa Martin im falschen Wald des Schulhofs gek\u00fcsst hat, ist wie in getrocknete Marillen eingepackt gewesen, nur bitterer. Hei\u00df, zumindest habe ich es so in Erinnerung, die klebrigen Str\u00e4hnen im Nacken oder der trockene Mund. Wir sitzen nebeneinander in der Klasse an unserem gemeinsamen Tisch, den man nicht einfach so in der Mitte auseinander schneiden kann. Sie ist zu dieser Zeit schon zu gro\u00df f\u00fcr diesen Tisch, hat lange Arme und Beine, die unabl\u00e4ssig an die Tischkante sto\u00dfen und an ihr reiben, und ich habe Angst, sie unabsichtlich ber\u00fchren zu m\u00fcssen, ihre hei\u00dfen und trockenen Arme unabsichtlich ber\u00fchren zu m\u00fcssen, mit ihrem blonden Flaum. Ich sehe der Lehrerin zu, wie sie redet, was redet die schon? Denke, dass die anderen mir nichts ansehen d\u00fcrfen, mir nichts davon ansehen d\u00fcrfen, dass Lisa Martin im Wald gek\u00fcsst hat, nicht sehen d\u00fcrfen, dass ich geweint habe. Ich fasse mir an den Busen, fast ohne es zu wollen, der noch gar kein richtiger Busen ist, sondern eine kleine Beule, kaum f\u00fchlbar, die aber wehtut, und deren Nippel st\u00e4ndig entz\u00fcndet sind, unter dem Unterhemd jucken.<\/p>\n<p>Eine Wand muss ich f\u00fcr die anderen sein, denke ich w\u00e4hrend der Pause und w\u00e4hrend der n\u00e4chsten Stunde, eine breite wei\u00dfe Wand, die man nicht abgehen kann, so lang ist sie. Nichts d\u00fcrfen sie mir ansehen, denke ich ganz fest bis zum Schulschluss, und daran, wie ich sie alle hasse, alle in dieser Klasse, und dass sie nichts sehen d\u00fcrfen, nichts.<\/p>\n<p>Als ich dann die Hefte mit Plastikeinband in den Rucksack packe, der schon \u00fcbergeht, in den man nichts mehr stopfen kann, stopfe ich trotzdem noch etwas nach, das Geo-Dreieck spie\u00dft sich in meine Handfl\u00e4che. Lisa steht neben mir, geduckt, weil ihr K\u00f6rper in die H\u00f6he und \u00fcber ihren Kopf hinaus wuchert, greift neben mir nach ihren B\u00fcchern, die sich unter meine gemischt haben, st\u00e4ndig passiert uns das. Ihre Finger, die Martins Hand auf ihren Busen gedr\u00fcckt haben, als m\u00fcsste sie ihm zeigen, wo sie hingeh\u00f6rt, schieben mein Geografie-Buch zur Seite, ziehen ihr Biologie-Heft darunter hervor. Manchmal wissen wir ja wirklich nicht mehr, was denn nun wem von uns beiden geh\u00f6rt, aber das mit Martin ist etwas anderes, das ist pure Absicht gewesen.<\/p>\n<p>Ich merke ja, w\u00e4hrend ich zu meinem Platz im Schulbus gehe, wie steif ich gehe, und dass ich die B\u00fccher sehr fest halte, die ich nicht mehr in den Rucksack habe pressen k\u00f6nnen. Lisa geht hinter mir. Wenn mich nur einer anspricht, wenn nur irgendjemand irgendetwas von mir will, aber niemand will etwas von mir, alle weichen mir aus.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend der Fahrt im Schulbus h\u00f6re ich die anderen tuscheln, und es ist das Einzige, was ich tun kann, eine wei\u00dfe Wand f\u00fcr sie zu sein, die so breit ist, dass man sie nicht abgehen kann, sollen sie doch reden, sollen sie doch!<\/p>\n<p>Wir steigen aus dem Bus, ich zuerst, Lisa folgt. Wir springen von der letzten Stufe auf den hei\u00dfen Asphalt, dabei f\u00e4llt mir der Rucksack schwer in den R\u00fccken, dr\u00fccken sich die B\u00e4nder meiner Sandalen zwischen meinen Zehen in die Haut. Plastiksandalen mit Schmetterlingen, wieso trage ich die noch? Ich mag sie ja, aber warum trage ich sie noch?<\/p>\n<p>Wir gehen die Landstra\u00dfe entlang durch den Wald, Lisa und ich. Wir schweigen. Wir gehen nebeneinander, der Asphalt ist hei\u00df selbst durch die Sandalen hindurch, und ich trage mein Turnsackerl in der einen Hand und die B\u00fccher presse ich mir mit der anderen an meine kaum noch vorhandene juckende Brust. Die ich Martin nicht ber\u00fchren habe lassen. Die Hose reibt zwischen den Beinen, die schwei\u00dfigen Plastik-Schmetterlings-Sandalen reiben an meinen F\u00fc\u00dfen, ich rutsche in ihnen bei jedem Schritt. Das Turnsackerl dreht sich, schn\u00fcrt mein Handgelenk ein, und bei jedem Schritt schl\u00e4gt es mir eine Spitze in die Wade. Ich wei\u00df, dass au\u00dferdem die B\u00fccher bei jedem Schritt ein bisschen weiter nach unten rutschen, aus meinem nassen Griff rutschen, aber stehen bleiben? Dann k\u00f6nnte mich Lisa \u00fcberholen, dann m\u00fcsste ich sie ansehen, wie sie vor mir geht. Wenn ich es nur bis zum Haus schaffe, nur die Stra\u00dfe durch den Wald bis zum Haus.<\/p>\n<p>Das Biologie-Heft mit seinem Plastikeinband entgleitet mir als erstes und f\u00e4llt auf den Asphalt. Ich b\u00fccke mich nur ein ganz klein wenig, und die anderen B\u00fccher folgen, gleiten mir alle auf einmal aus den H\u00e4nden, als h\u00e4tten sie nur gewartet, habe ich sie denn gehalten? Purzeln alle auf den Boden, schlagen mit der Ecke voran auf meine F\u00fc\u00dfe. Meine Arme sind offen und leer.<\/p>\n<p>Vor mir liegen die B\u00fccher ausgestreut, als w\u00e4ren sie einzeln zusammengebrochen, auf dem R\u00fccken, die Seiten verbogen. Als ich den Rucksack ablege, mich b\u00fccke, um sie aufzuheben, zieht sich die Hose in meinem Arsch zusammen und zwickt mich, muss ich daran denken, wie l\u00e4cherlich ich aussehe in dieser alten Hose, die bis zum Nabel reicht, wie ein Kleinkind, rutschen meine F\u00fc\u00dfe wieder auf ihrem eigenen Schwei\u00df, f\u00e4llt pl\u00f6tzlich auch der zweite Rucksack schwer auf den Boden, b\u00fcckt sich ungefragt pl\u00f6tzlich auch Lisa. Sie hockt sich zu mir, sie ist ganz nah, ich kann ihren Arm riechen, blonder Flaum, unertr\u00e4glich. Sie schweigt. Ihr Kopf ist gebeugt. Ihre eigenen Hefte zwischen Knie und Oberk\u00f6rper eingeklemmt. Muss es sie nicht am Bauch reiben? Ohne zu fragen, lehnt sie sich vor und greift hin.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht warum in diesem Moment. Ich springe sie einfach an und. Meine F\u00fc\u00dfe rutschen in den Sandalen. Meine H\u00e4nde treffen auf ihre Brust, dann kommt der Rest von mir ganz wie von selbst, f\u00fcr einen Moment schlage ich an sie wie gegen eine Wand, sie schnauft. Dabei treibe ich sie schon auf die F\u00fc\u00dfe, nehme sie mit bei meinem Lauf, sie stolpert r\u00fcckw\u00e4rts, die B\u00fccher fallen zwischen uns hinab, schlagen gegen meine H\u00fcfte, meine Beine. Ein bisschen sto\u00dfe ich zu viel, da kippt es. Der Wald kippt, wir kippen, sind leicht, dann nicht mehr, weil wir auftreffen, den Boden wieder verlieren, abw\u00e4rts rollen. Ich versuche nach ihr zu treten und nach ihr zu schlagen, will ihr auf die Brust schlagen, auf ihren Busen immer und immer wieder einschlagen, der gr\u00f6\u00dfer als meiner ist aber auch weh tut vom Wachsen, das wei\u00df ich. Einmal, zweimal trifft meine Faust ihre Brust und sie schnauft, aber dann erwischt sie meine Hand, h\u00e4lt mich von ihr weg, h\u00e4lt mich mit den F\u00fc\u00dfen von ihr weg. Ich kralle meine N\u00e4gel in sie, ich erwische ihre Haare und rei\u00dfe daran. Sie schreit kurz auf, wir rutschen weiter und mein T-Shirt wird hinauf geschoben, Steine, \u00c4ste, Erde. Meine Sandalen verdrehen sich und schneiden sich \u00fcberall in meine F\u00fc\u00dfe, in meine Zehen. Ich ziehe mit den Haaren ihren Kopf in den Nacken, ihr Hals streckt sich mir in einem Bogen entgegen. Sie steigt mit dem Fu\u00df zwischen meine Beine, ich klammere mich an ihrem Hintern fest. Ich rolle mich auf sie, sie rollt sich auf mich, das T-Shirt, von ihr festgehalten, krallt sich in meine Achselh\u00f6hle. Wir sind ganz fest umschlungen und ganz still, nur das Atmen und manchmal ein erstickter w\u00fctender Laut.<\/p>\n<p>Das Unterholz zerkratzt mir die Arme, etwas sticht in meine H\u00fcfte, ihre N\u00e4gel stechen tief in meinen Arm. Ihr Gesicht verkrampft, verzerrt, rot, meine Hand will ich mitten in die Sommersprossen dr\u00fccken, aber sie h\u00e4lt mich so fest gepackt, dass es weh tut, ein Pochen unter ihrem Griff. Ein Pochen zwischen den Beinen, ich bei\u00dfe in einen Unterarm und sie schreit kurz auf vor Schmerz, b\u00e4umt ihre H\u00fcfte unter mir auf. Bis ich es schaffe, endlich, ihre Schultern auf den Boden zu dr\u00fccken, mich auf ihren Unterbauch zu setzen, sie biegt sich unter mir. Ich h\u00f6re, wie ihre F\u00fc\u00dfe \u00fcber den Waldboden scharren, um Halt zu finden, h\u00f6re sie auf den Nadeln rutschen. Ich presse ihre Arme auf den Boden, zittere, soviel Kraft brauchte es, sie nieder zu stemmen. Ihr Gesicht krampft sich zusammen, die Sommersprossen fast verschwunden unter der R\u00f6te, sie h\u00e4lt die Luft an vor Anstrengung. Mit der H\u00fcfte hebt sie mich, sch\u00fcttelt mich hin und her.<\/p>\n<p>Da l\u00e4sst sie sich fallen, gibt nach. Ihre Arme erschlaffen, fast entgleiten sie mir wie B\u00fccher, habe ich sie denn gehalten? Ich rutsche ab, fange sie wieder. Sp\u00fcre diesmal ihr Pochen unter meinen Fingern. Unser Atem ist laut, die Nadeln sind \u00fcberall im Gewand, meine Brustwarzen schmerzen von der Reibung. Mein Arm tut weh dort, wo sie mich gepackt hat, alles brennt innen und au\u00dfen. Sie sieht mich an, mit ge\u00f6ffnetem Mund. Von der Anstrengung rinnen ihr Tr\u00e4nen das Gesicht hinunter, verschmieren sich mit der Erde, mit dem bisschen Blut. Sie sieht mich an, sie sagt nichts, und doch ist ihr Blick. So ernst.<\/p>\n<p>Unser Atem wird langsamer. Die Jeans zieht sich zwischen meinen Beinen zusammen und zwickt, es brennt, als m\u00fcsste ich ganz dringend aufs Klo, verwirrend zwischen all dem. Verwirrend, dass es fast ist wie sonst, wenn wir raufen. Dass es letztendlich kaum einen Unterschied macht, obwohl es doch einen Unterschied machen sollte, obwohl ich alles Recht habe, w\u00fctend zu sein. Aber es ist wie sonst, wenn wir durch den Waldrand brechen, wenn wir durch die Wasseroberfl\u00e4che brechen. Das Wasser schl\u00e4gt doch immer \u00fcber uns zusammen und legt sich doch immer in unsere Ohren und auf unseren Mund und auf unsere Haut, kriecht in jede H\u00f6hle. Und wie leicht das ist, unterzutauchen. Und wann lass ich dich los?<\/p>\n<p>Wieso l\u00e4chelst du nicht, au\u00dferdem? Wieso blickst du mich so ernst an? Im falschen Wald hattest du die Augen geschlossen. Du hast Martin gek\u00fcsst, wie du ein Butterbrot streichst. Deine Hand hat auf seiner Jeans hin und her geschabt, seine Hand hat deinen Busen hierhin und dorthin geschoben. Das kann doch nicht angenehm gewesen sein? Der Wald riecht nach getrockneten Marillen, nur bitterer, und deine Haut f\u00fchlt sich rau auf den Lippen an.<\/p>\n<p>Ich stemme dich nieder und halte dich fest. Zu deinen Lippen beuge ich mich hinunter, ein bisschen Luft bleibt noch dazwischen. Die brauchen wir dabei gar nicht, wir m\u00fcssen gar keine Luft entweichen lassen. Aber du siehst mich zuerst an und dann l\u00e4sst du doch Luft entweichen, atmest du aus, du atmest in meinen Mund hinein, warme Luft bl\u00e4st du in meinen Mund. Und dein Mund zittert genau deshalb.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Elisabeth Klar<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><em>Auszug aus dem Roman \u201cWie im Wald\u201d, der im Herbst 2014 im <a href=\"http:\/\/www.residenzverlag.at\/\" target=\"_blank\">Residenz Verlag<\/a> erscheinen wird.<\/em><br \/>\n<em> Wir bedanken uns bei der Autorin und beim Verlag f\u00fcr das freundliche Einverst\u00e4ndnis zur<br \/>\nVorver\u00f6ffentlichung auf verdichtet.at.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\"><i>Nachtrag September 2014: Inzwischen ist der <a href=\"http:\/\/www.residenzverlag.at\/?m=30&amp;o=2&amp;id_title=1711\" target=\"_blank\">Roman<\/a> erschienen:<br \/>\nWir w\u00fcnschen ihm und der Autorin viel Erfolg!<\/i><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Rezension: <a href=\"http:\/\/derstandard.at\/2000008759210\/Elisabeth-Klars-Wie-im-Wald-Das-Kuckuckskind-frisst-seine-Zieheltern\" target=\"_blank\">Standard vom 28. November 2014<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=412\" target=\"_blank\">auszugsweise<\/a> | Inventarnummer: 14020<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Tag, an dem Lisa Martin im falschen Wald des Schulhofs gek\u00fcsst hat, ist wie in getrocknete Marillen eingepackt gewesen, nur bitterer. Hei\u00df, zumindest habe ich es so in Erinnerung, die klebrigen Str\u00e4hnen im Nacken oder der trockene Mund. 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