{"id":9193,"date":"2019-01-02T18:00:08","date_gmt":"2019-01-02T18:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9193"},"modified":"2019-02-03T16:58:50","modified_gmt":"2019-02-03T16:58:50","slug":"pussy-riot-junge-revolutionaerinnen-in-alter-tradition-gegen-die-autokratie","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9193","title":{"rendered":"Pussy Riot \u2013 junge Revolution\u00e4rinnen in alter Tradition gegen die Autokratie"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9193&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9193&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Zu viel der Zuf\u00e4lle. Die erste Pressekonferenz zwei Tage nach ihrer Freilassung aus dem GULag gaben die Pussy-Riot-Frauen Marija Aljochina und Nadeschda Tolokonnikowa im kleinen, privaten Sender Doschd (Regen). Doschd ist in der ehemaligen Schokoladenfabrik \u201eRoter Oktober\u201c genau gegen\u00fcber der Christus-Erl\u00f6ser-Kathedrale an der Moskwa angesiedelt. Dort nahmen sie am 21. Februar 2012 ein Video auf, in dem sie vor dem Altarraum in bunten Kleider und die K\u00f6pfe verh\u00fcllt mit Wollhauben einen Tanz auff\u00fchrten, urspr\u00fcnglich vollkommen stumm. Das Spektakel dauerte genau 41 Sekunden, bis die f\u00fcnf Frauen aufgehalten und abgef\u00fchrt wurden. Das Video, das kurz danach in internationalen Medien erschien und alle kennen, war um einige Bilder aus einer anderen Kirche bereichert und mit dem inkriminierten Lied unterlegt worden: \u201eMuttergottes, Jungfrau Maria, verjage Putin, befreie uns von Putin.\u201c<\/p>\n<p>Zwei Monate fahndete der FSB nach den Frauen, nahm schlie\u00dflich drei von ihnen fest und klagte sie nach Paragraph 213 wegen Verletzung der \u00f6ffentlichen Ordnung und Rowdytums an. Die Staatsanwalt und die Russisch-Orthodoxe Kirche verlangten sieben Jahre, das Gericht verurteilte sie zu zwei Jahren, von denen sie 20 Monate in verschiedenen Strafkolonien verbrachten.<\/p>\n<p>Der Mann hinter all dem ist Pr\u00e4sident Putin. Vielleicht fiel das Urteil deswegen so hart aus, weil er seine eigenen Erfahrungen mit dem Rowdytum gemacht hat? Putin stammt aus einer Leningrader Proletarierfamilie und wuchs in einer \u201eKommunalka\u201c, einer Gemeinschaftswohnung, auf. Er war ein richtiger Schl\u00e4gertyp und Stra\u00dfenk\u00f6ter, der sich st\u00e4ndig mit Gleichaltrigen pr\u00fcgelte. Wegen seines amtsbekannten Rowdytums, der \u201eChuliganstvo\u201c, wurde er erst versp\u00e4tet bei den Pionieren aufgenommen. Und auch sein erster Aufnahmeantrag in den KGB blieb vorerst unerh\u00f6rt. Chuliganstvo lautete der Strafbestand, unter dem er die Aktionsk\u00fcnstlerinnen verurteilen lie\u00df.<\/p>\n<p>Auf ihrer Pressekonferenz k\u00fcndigten Pussy Riot die Gr\u00fcndung einer Organisation zur Unterst\u00fctzung von Strafgefangenen an, \u201eZona prava\u201c, eine Zone des Rechts (Zone ist das russische Wort f\u00fcr die Strafkolonien, Anm. d. V.). Ihre Freilassung f\u00e4llt fast genau mit dem 40. Jahrestag der Ver\u00f6ffentlichung von Solschenizyns \u201eArchipel GULag\u201c zusammen, in dem er die Unmenschlichkeiten des sowjetischen Strafvollzug anklagt. Er ging ins amerikanische Exil und erhielt den Nobelpreis. Literarisch bedeutsamer als Solschenizyn ist der Langzeitbewohner von GULags, Warlam Schalamov, dessen B\u00fccher \u00fcber seine siebzehn Jahre in den Strafkolonien von Solowezk, Kolyma und Magadan erst nach dem Ende der Sowjetunion ver\u00f6ffentlicht werden. Der hochdekorierte Vater der sowjetischen Wasserstoffbombe, Andrej Sacharov, wurde, als er gegen das Sowjetsystem aufstand, mit einer schikan\u00f6sen, zehnj\u00e4hrigen Verbannung und v\u00f6lliger Isolation in Gorkij (Nishnij Nowgorod) bestraft, bis ihn Gorbatschov im Triumph heimholte. Sacharov ver\u00f6ffentlichte etwa f\u00fcnfzehn B\u00fccher und Schriften gegen das Atomprogramm der SU und setzte sich f\u00fcr die Menschenrechte ein.<\/p>\n<p>Keine andere Nation au\u00dfer Russland hat ein eigenes Genre der Lagerliteratur hervorgebracht. Angefangen hat es 1825 mit den adeligen Jakobinern, den Dekabristen, die nach ihrer Verschw\u00f6rung gegen Zar Nikolaus I., wenn nicht zum Tode, zu lebenslanger Haft und sibirischer Verbannung verurteilt wurden und dar\u00fcber Erinnerungen verfassten. Dostojewski legte nach seiner vierj\u00e4hrigen Lagerhaft mit dem Bericht \u201eAus einem Totenhaus\u201c den Grundstein f\u00fcr seine Schriftstellerkarriere, und Anarchisten wie Kropotkin, Netschaew und Bakunin haben ein reiches literarisches Werk hinterlassen. Cechov reiste 1890 f\u00fcr dreieinhalb Monate in den Fernen Osten auf die Insel Sachalin, die der zaristischen Autokratie als Verbannungsort diente. In einem ausf\u00fchrlichen Reisebericht schildert er die Grauen des Strafvollzugs.<\/p>\n<p>Fast un\u00fcberschaubar ist die Literatur der Frauen, die sich im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts der Terror-Organsiation \u201eNarodnaja volja\u201c (Volkswille) anschlossen und f\u00fcr ihre Beteiligung an den Attentaten auf die Zaren Alexander II. und III. f\u00fcr Jahrzehnte in Lager verbannt wurden. Verbl\u00fcffend klangen die Worte, mit denen Nadeschda Tolokonnikowa und Maria Aljochina auf ihrer Pressekonferenz Russland als gro\u00dfes Straflager charakterisierten, frei, ruhig und gesetzt, in druckreifen S\u00e4tzen, klar wie Fanfarenst\u00f6\u00dfe. Sie h\u00e4tten fast gleich lautend aus den Schriften von Vera Figner oder Vera Zassulitsch stammen k\u00f6nnen, so wie sie die heutige \u201eNacht \u00fcber Russland\u201c beschrieben. Zu viel der Zuf\u00e4lle?<\/p>\n<p>Als h\u00e4tten sie sich bewusst gestylt, sehen Tolokonnikowa und Aljochina ihren Vork\u00e4mpferinnen gegen die zaristische Selbstherrschaft, Figner und Zassulitsch, auch physiognomisch \u00e4hnlich. Sie waren die ersten Frauen, die \u00f6ffentlich ihr Haar offen trugen, sie studierten im Ausland, waren hochgebildet, \u00fcbten b\u00fcrgerliche Berufe aus und waren mit Gleichgesinnten im Westen vernetzt. Mit ihrer radikalen Hingabe an die Revolution, Verachtung des Kompromisses und ihrem Opferwillen galten sie als die moralische F\u00fchrung der Intelligenzija. Vera Figner war 20 Monate in der Peters-Paul-Festung in St. Petersburg in Untersuchungshaft und 20 Jahre lang, von 1884 bis 1904, unter schrecklichen Bedingungen in der Festung Schl\u00fcsselburg eingekerkert, aber sie kehrte geistig frei, stolz und ungebrochen zur\u00fcck und setzte sich noch bis zu ihrem Tod 1942 f\u00fcr die soziale Umgestaltung Russlands ein.<\/p>\n<p>Haben Tolokonnikowa und Aljochina in den vier Monaten Untersuchungshaft und 20 Monaten Lager Figner und Zassulitsch studiert, oder vielleicht auch Nadeschda Krupskaja, Inessa Armand, Adriana Tyrkowa oder Alexandra Kollontai? Bei einem Arbeitstag von bis zu achtzehn Stunden in einer N\u00e4herei, K\u00e4lte, Hungerstreik und Einzelhaft eher unwahrscheinlich, sie werden diese ersten \u201eT\u00f6chter der Revolution\u201c schon vorher gekannt und als Orientierungslichter ben\u00fctzt haben. W\u00e4hrend des Prozesses erkl\u00e4rten sie, dass sie die Kunst gew\u00e4hlt h\u00e4tten, um auf die Missst\u00e4nde in Putins Russland aufmerksam zu machen, so wie 140 Jahre zuvor die Narodniki an die Kraft der Bombe glaubten. Das ist der gro\u00dfe Unterschied. Aber die Leidenschaft f\u00fcr gro\u00dfe Ideen, die der Schl\u00fcssel f\u00fcr die Umgestaltung der Welt w\u00e4ren, machen die Einzigartigkeit und Kraft aus. Die Formen m\u00f6gen andere geworden sein, aber wie im 19. muss auch im 21. Jahrhundert wieder die Kunst als Ersatz f\u00fcr Politik herhalten, nirgends sonst so tragisch relevant wie in Russland. Freiheit der Kunst, Freiheit der Wissenschaft ist im Putin-Russland noch immer ein Fremdwort. Sie geht nur so weit, wie es dem Regime n\u00fctzt. Alles, was an Kritik dar\u00fcber hinausgeht, wird einen Kopf k\u00fcrzer gemacht.<\/p>\n<p>Die Frauen von Pussy Riot versuchten nach ihrer Freilassung noch etwa ein halbes Jahr k\u00fcnstlerisch und politisch t\u00e4tig zu sein, dann gaben sie unter dem zunehmenden Druck auf und gingen ins westliche Ausland.<\/p>\n<p>Wien, 29.12.2013, 27.1.17<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 19010<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu viel der Zuf\u00e4lle. 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