{"id":9183,"date":"2019-01-02T17:50:14","date_gmt":"2019-01-02T17:50:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9183"},"modified":"2019-01-06T09:24:10","modified_gmt":"2019-01-06T09:24:10","slug":"abseits-der-wunder","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9183","title":{"rendered":"abseits der wunder"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9183&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9183&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Rezension<br \/>\nConny Hannes Meyer: abseits der wunder. Ein Gedicht<br \/>\nVerlag Bibliothek der Provinz, ISBN: 978-3-902416-98-8<\/em><\/p>\n<p>Es muss etwas passiert sein, etwas Schreckliches, eine Katastrophe. Die Welt ist zerst\u00f6rt und unbehaust, ein Schlachthof, die Menschen sind unmenschlich, ein Abschaum wie aus Rattenl\u00f6chern, die Sonne ist gefesselt, der Himmel vergittert und flirrend von Fleischfliegen. Ein Mensch wandert durch diesen Tr\u00fcmmerhaufen und schleudert seinen stummen Hass gegen die verschlossenen T\u00fcren. Das hohle Tock-Tock des Einbeinsoldaten mit Kr\u00fcckstock schallt durch die versifften Hinterh\u00f6fe. Da kehrt einer zur\u00fcck aus der Apokalypse in eine unertr\u00e4gliche Gegenwart. Das gro\u00dfe Morden ist gerade erst vor\u00fcber. Er ist jung und voll Hass auf alles Althergebrachte. Dieses Ich ist aber keineswegs stumm, wie es von sich behauptet, sondern wortgewaltig, wortgewaltt\u00e4tig.<\/p>\n<blockquote><p>\u201efriedlich hinter bunten butzenscheiben<br \/>\nniedlichen wachsfigurenkrippen<br \/>\nbauernkr\u00fcgen steinmadonnen elfenbeink\u00f6nigen<br \/>\neisernen streitkolben lederpeitschen reiterpistolen<br \/>\nkrummschwertern brustpanzern kettenringhemden dolchen (&#8230;)<br \/>\ngr\u00fcnspanige totschl\u00e4gerorden metzgermedaillen<br \/>\nmordauszeichnungen mit staatswappen<br \/>\ndie deckt kein seidenf\u00e4cher zu<br \/>\nkeine gesangsvereinsfahne<br \/>\nzinnerne w\u00fcrfelbecher damenk\u00e4mme aus japan und zigeunerketten (&#8230;)<br \/>\nauf gr\u00fcnem biedermeierstuhl steht steif<br \/>\ndie abschiedsbriefkassette<br \/>\nim sanften holztruhmoder weihrauchruch verrostet<br \/>\nund das habt ihr uns hinterlassen<br \/>\n&#8218;zinnsoldaten und massenmord<br \/>\nnegerpuppen und rassenhass (.)\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>So sieht die Welt des Heimkehrers aus. Aber anders als der Borchardt\u2018sche Beckmann hadert er nicht mit der Welt und mit Gott, sondern nennt die Schuldigen beim Namen, nennt die, die in die Katastrophe gef\u00fchrt haben und danach nichts davon wissen wollen, nichts einsehen und nicht bereuen, weitermachen und so tun, als w\u00e4re nichts geschehen.<\/p>\n<p>Anders als Beckmann, den sogar das Wasser, in das er geht, wieder ausspuckt (Gott will seinen Selbstmord nicht annehmen), den seine fr\u00fchere Geliebte vor die T\u00fcr setzt (ein Einbeiniger ist kein Mann), wehleidig und jammernd nicht in die Gesellschaft zur\u00fcckfindet, will der R\u00fcckkehrer des Gedichts einen Neuanfang mit Kehraus, setzt seine Jugend, seine Kraft und seinen Erkenntniswillen gegen die ressentimentgeladene und weinselige Nachkriegsbarbarei. Er will sein Leben in die Hand nehmen; Lehrlingsausbildung und Studium sind dem elternlosen Nobody verschlossen, er versucht sich als Bauhilfsarbeiter, Textilvertreter, Konsumneuling, Politadept, Armeerekrut. Wegzugehen aus diesem Land, weit weg, irgendwohin auch nur eine Flucht, erkennt er trotz aller Versuchungen, feig wie die der Alten. Er durchschaut die Scheinwelten- und Alternativen und rettet sein kleines Leben in die Phantasie, ins Kino, ins Tanz- und Rausch- und Sportvergn\u00fcgen. Es wird ihm klar, dass er da \u00fcberall fehl am Platz ist.<\/p>\n<blockquote><p>\u201ebleibe allein<br \/>\nalle lachen ich lache mit<br \/>\naber ich bin nicht froh<br \/>\nalle singen ich singe mit<br \/>\naber es klingt nicht richtig (&#8230;)<br \/>\ngummiw\u00fclste auf der zunge<br \/>\nso geh ich zur\u00fcck<br \/>\nwei\u00df<br \/>\njetzt habe ich mich entschieden<br \/>\nentschieden<br \/>\nstatt zu jammern zu handeln (&#8230;)<br \/>\nab heute will ich misstrauisch sein<br \/>\nfragen und lernen wie nie (.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Der Heimkehrer ist noch nicht angekommen, aber er hat ein Ziel gefunden.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eeine Zeit kommt<br \/>\nmit kammerkonzerten wilden fragen und gebeugtsein \u00fcber b\u00fccher<br \/>\nvoll wissenwollen bildgalerien<br \/>\ntaumelnde farben formen ernste gespr\u00e4che<br \/>\nund das irdische paradies findet noch nicht statt (&#8230;)<br \/>\nund keine fahne wird aufgezogen<br \/>\nkeine jubelhymne angestimmt aber<br \/>\ndie dummheit wird zum todfeind erkl\u00e4rt und<br \/>\ndie unwissenheit zur schande (&#8230;)<br \/>\ndass die asche der ermordeten verbrannten nicht schreit<br \/>\nund die gekreuzigten nicht immer wieder<br \/>\nimmer wieder an das kreuz geschlagen werden<br \/>\nder bombenangstflut wird ein damm gesetzt<br \/>\nund dem schicksal ein denkmal:<br \/>\nhier ruht es<br \/>\ndenn wir<br \/>\nwir sind an seine stelle getreten (.)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das 57-Seiten-Gedicht ist ein langer, gro\u00dfer, wilder Aufschrei, Trommelwirbel, Marschgedr\u00f6hn mit der Tock-tock-Untermalung des Einbeinigen und der kratzenden Geige des ausgehungerten Hinterhofs\u00e4ngers, sich \u00fcberst\u00fcrzende Wort- und Bildexplosionen, eine Symphonie von Feuerwerksraketen, Kaskaden von verr\u00e4terischen Kleinb\u00fcrgeraccessoires in tollk\u00fchner Zusammenstellung \u2013 das Heimkehrer-Ich registriert und zertr\u00fcmmert alles, voll Hass und Abscheu, aber ohne jemals des Wunsch nach einer anderen Welt aus den Augen zu verlieren mit einem angemessenen Platz darin f\u00fcr sich selbst, bis er ihn gefunden glaubt \u2013 im Lernen, Kennenlernen und Nichtvergessen. Dieser Platz wird f\u00fcr den Rest des Lebens das Theater sein. Das ist der Ort, \u201ewo er mitlacht und singt und alles richtig klingen wird\u201c.<\/p>\n<p>Der Entwicklungsroman ist schon lange als Genre eingef\u00fchrt, ein Entwicklungsgedicht, der Werdegang eines Ich in Gedichtform ein modernes Wagnis, das C.H. Meyer gelungen ist, mit schonungsloser Offenlegung der Nachkriegs- und Wiederaufbaugesellschaft. \u00dcbertragbar aber auf jede Epoche, in der die nachst\u00fcrmende Jugend etwas Neues will, ihren Platz sucht und den alten Moder zerrei\u00dft.<\/p>\n<p>Wien, M\u00e4rz 2011<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=5678\">about<\/a> | Inventarnummer: 19008<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rezension Conny Hannes Meyer: abseits der wunder. Ein Gedicht Verlag Bibliothek der Provinz, ISBN: 978-3-902416-98-8 Es muss etwas passiert sein, etwas Schreckliches, eine Katastrophe. 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