{"id":9131,"date":"2018-12-30T17:58:20","date_gmt":"2018-12-30T17:58:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9131"},"modified":"2024-06-26T07:26:40","modified_gmt":"2024-06-26T07:26:40","slug":"holzskulpturen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9131","title":{"rendered":"Holzskulpturen"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9131&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9131&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ich entdecke in einer h\u00e4sslich restaurierten Kirche sch\u00f6ne Skulpturen, die zum Ber\u00fchren einladen. Der Kirche sieht man an, dass sie lange f\u00fcr die Bewohner der Stadt keine Rolle gespielt hat. Jahrzehnte ist sie heruntergekommen und niemand hat in ihr mehr Frieden gesucht, geschweige denn die N\u00e4he Gottes. Solche Zeiten gibt es, und eine Restaurierung kann das nicht ungeschehen machen. Man merkt der Innenausstattung an, ob es die Baumeister ernst gemeint haben, oder ob nur die Gelder verbraucht worden sind.<\/p>\n<p>Die Holzplastiken sind unspektakul\u00e4r. Selbstverst\u00e4ndlich stehen sie links und rechts der Stuhlreihen, in denen niemand sitzt. Sch\u00f6n polierte K\u00f6pfchen, Nacken, Wirbels\u00e4ulen, Oberk\u00f6rper, die zum Ber\u00fchren verf\u00fchren. Auf Schildern am Boden sind tief empfundene Spr\u00fcche, S\u00e4tze, Bibelzitate, Gedichtverse angebracht, die den Gedanken auf die Spr\u00fcnge helfen, vielleicht etwas zu deutlich. Und dort ist auch die Aufforderung zu lesen: Bitte Ber\u00fchren. Ich schaue mehrmals genau hin, weil ich es gar nicht glauben kann, dass man diese Figuren wirklichen anfassen darf.<br \/>\nMit der hehren Ehrfurcht vor Kunstgegenst\u00e4nden bin ich gro\u00df geworden. Doch diese Skulpturen darf man tats\u00e4chlich ber\u00fchren, streicheln, ihre schmeichelnde Oberfl\u00e4che an der Handfl\u00e4che sp\u00fcren. Also wage ich es vorsichtig, mit den Fingerkuppen dar\u00fcber zu streichen, taste mich sacht weiter vor und lege die Handfl\u00e4chen darauf, umfasse die Figuren. Weich und warm und freundlich f\u00fchlen sie sich an. Liebevoll glatt hat sie ihr Meister geschliffen, geschmirgelt. Sie schmeicheln der Hand. Wie sch\u00f6n, dass es mir verg\u00f6nnt ist, nicht nur mit den Augen, sondern auch mit den H\u00e4nden zu schauen. Die Ber\u00fchrungen gehen doch gleich ins Herz, w\u00e4hrend der Augenkontakt zuerst im Gehirn gepr\u00fcft und auf Assoziationen hin untersucht wird. Ein intimer Kontakt mit den Skulpturen entsteht, eine Vertrautheit.<\/p>\n<p>Der K\u00fcnstler arbeitet ehrlich, aufrichtig schnitzt er seine Objekte. Unter seinen H\u00e4nden sind sie zu Subjekten geworden. Sie scheinen nicht nur etwas darzustellen oder auf etwas zu verweisen. Sie lassen den direkten Kontakt zu und darin liegt ihre lebendige Wesenheit. Sie verm\u00f6gen es, den Bef\u00fchler, den Betrachter im Inneren, bisweilen sogar im Innersten zu bewegen. Welche Kunstwerke k\u00f6nnen das schon von sich behaupten? Dem Meister ist es ernst mit seinen Gesch\u00f6pfen. Er schenkt ihnen das Leben und produziert nicht f\u00fcr den Verkauf. Wenigstens m\u00f6chte ich das gerne glauben. Aber nat\u00fcrlich wird er sich von den einen und anderen Skulpturen trennen m\u00fcssen. Auch er kann nicht von der Hand in den Mund leben oder von Luft und Liebe.<\/p>\n<p>Gro\u00df, schlank, anmutig stehen die Stelen im hohen, weiten Raum. Sie sind von Kirchenb\u00e4nken und barocker Ausstattung umgeben. Unaufdringlich finden sie sich ein. Sie sind sich selbst genug. Geduldig warten sie, langm\u00fctig sind sie. Eile kennen sie nicht. Sie sind aus dem Holz von Eichen geschnitzt, aus m\u00e4chtigen B\u00e4umen, die ihre Kronen im Wind wiegten.<br \/>\nEinst hatten sie Wurzeln tief in der Erde. Die Erinnerung daran lebt noch in ihnen, auch wenn sie schon lange gef\u00e4llt, entrindet und zugehauen sind. Alt sind die Balken allesamt, jahrhundertealt. Ihren praktischen Nutzen haben sie bereits hinter sich. Sie dienten in Dachst\u00fchlen, unter Dielen, in der Hafenbefestigung, als Bahnschwellen und an mannigfaltigen anderen Orten den unterschiedlichsten Zwecken. Sie haben wei\u00df Gott genug gehalten und ausgehalten, gest\u00fctzt und getragen, \u00fcber sich ergehen lassen, dass ihnen nun eine neue und heilige Bestimmung verg\u00f6nnt ist.<\/p>\n<p>Sie k\u00f6nnen ihr Haupt erheben, ihre sch\u00f6ne Maserung, ihre ehrw\u00fcrdigen Jahresringe zur Geltung bringen, ihre glatte Oberfl\u00e4che pr\u00e4sentieren. Die Zeit ist vorbei, in der sie sich verstecken mussten und ihr feinsinniges Wesen verleugnen.<\/p>\n<p>Aus dem grob behauenen, rissigen, gealterten, verbrauchten unteren Teil, der noch die Spuren und Wunden seiner einstigen Verwendung tr\u00e4gt, entfaltet sich der polierte Teil des Rumpfes. Oberk\u00f6rper, Brust, Schultern, Wirbels\u00e4ule, Hals und Kopf sind in der ihnen eigenen Haltung herausgearbeitet. Sie ragen in die Welt, sie blicken hinein und brauchen nicht einmal Augen dazu. Es ist, als k\u00f6nnten sie die Blicke, die sie treffen, in sich aufnehmen, ja sammeln. Ber\u00fchrungen, Liebkosungen mehren ihr Wohlbefinden. Stumm und reglos stehen sie da, fein sind sie, ja grazil.<br \/>\nF\u00fc\u00dfe und Beine k\u00f6nnen sie entbehren. Es gibt keinen Ort, an den sie gehen m\u00f6chten. Sie sind schon angekommen. Auch Arme, H\u00e4nde und Finger brauchen sie nicht. Was sollten sie tun? Alles ist bereits getan.<\/p>\n<p>Wie gut, dass diese sch\u00f6nen Gestalten an diesen Ort gelangt sind. Wie gut, dass aus ihren nutzlos gewordenen Holzk\u00f6rpern noch einmal etwas entstehen durfte. Jetzt k\u00f6nnen sie ihre Seele entfalten und manch einer hat seine Freude daran.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Claudia Kellnhofer<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"kunst\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau\u2019n<\/a> | Inventarnummer: 19003<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich entdecke in einer h\u00e4sslich restaurierten Kirche sch\u00f6ne Skulpturen, die zum Ber\u00fchren einladen. 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