{"id":9122,"date":"2018-12-30T08:27:43","date_gmt":"2018-12-30T08:27:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9122"},"modified":"2019-01-06T09:22:38","modified_gmt":"2019-01-06T09:22:38","slug":"gottesfuerchtig","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9122","title":{"rendered":"Gottesf\u00fcrchtig"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9122&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9122&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Ein H\u00f6rst\u00fcck<\/em><\/p>\n<p><em>Der Mann steht neben den Zuggleisen. Die l\u00e4ndliche Gegend ist von Nebel verh\u00fcllt. Es ist Nacht. Der Mann tr\u00e4gt einen Anorak. Die fast schon kahlen B\u00e4ume bieten kaum noch Schutz gegen den Regen.<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_9126\" style=\"width: 760px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Tracks.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9126\" class=\"size-full wp-image-9126\" src=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Tracks.jpg\" alt=\"Tracks\" width=\"750\" height=\"1000\" srcset=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Tracks.jpg 750w, http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Tracks-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.verdichtet.at\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Tracks-624x832.jpg 624w\" sizes=\"auto, (max-width: 750px) 100vw, 750px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9126\" class=\"wp-caption-text\">Tracks<\/p><\/div>\n<p>Mann:<br \/>\nGott, wo bist du? Ich rufe dich.<\/p>\n<p>Gott:<br \/>\nIch bin da, Mensch. Ich bin bei dir. Sprich, was ist dein Begehr?<\/p>\n<p>Mann:<br \/>\nSo oft habe ich an dich gedacht, Gott. So oft habe ich nach dir verlangt. Warum kommst du erst jetzt?<\/p>\n<p>Gott:<br \/>\nIch habe viel zu tun, war anderw\u00e4rtig besch\u00e4ftigt. Also nun, Mensch, wo du mich am notwendigsten hast, steh ich dir bei. Wie kann ich dir helfen?<\/p>\n<p>Mann:<br \/>\nIch habe zu dir gebetet, Gott. Wei\u00dft du denn nicht, wie es um mich bestellt ist?<\/p>\n<p>Gott:<br \/>\nDoch, Mensch, du bist f\u00fcr mich ein offenes Buch, in dem ich lese. Aber ich will aus deinem Mund h\u00f6ren, was dich plagt.<\/p>\n<p>Mann:<br \/>\nIch seh keinen Sinn mehr in meinem diesseitigen Leben, Gott. Ich bin entschlossen, es zu beenden. Jetzt m\u00f6chte ich dich fragen:\u00a0 Was geschieht mit mir danach?<\/p>\n<p>Gott:<br \/>\nDas werde ich dir nicht sagen, Mensch. Du wirst es erfahren, wenn es so weit ist. In meinen Akten steht, dass du dich stets hast bem\u00fcht. Das soll dir zum Wohle gereichen. Nur so viel verrate ich dir. Du hast noch viele Jahre auf Erden zu verweilen.<\/p>\n<p>Mann:<br \/>\nAber wozu denn, Gott? Ich habe keine Arbeit, meine Frau geht fremd, meine Kinder wollen nichts von mir wissen. Ich habe meine Schuldigkeit getan. Was gibt es denn, was ich noch vollbringen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Gott:<br \/>\nLass Hilfe angedeihen den Bed\u00fcrftigen, Mensch. Auch wenn sie nicht danken werden,\u00a0 in deiner Lebensstatistik wird es positiv vermerkt.<\/p>\n<p>Mensch:<br \/>\nEs mangelt mir an Kraft, Gott. Ich lebe in einer winzigen Kammer. Ich esse im Stehen. Meine\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0 Tr\u00e4ume handeln von Verderben und Tod. Die Hoffnungslosigkeit hat sich in mir breitgemacht. Und ich habe Angst vor jedem neuen Tag.<\/p>\n<p>Gott:<br \/>\nNun ja, Mensch, du hast doch etwas zu sagen, schreibe einen Roman.<\/p>\n<p>Mann:<br \/>\nDanke f\u00fcr den Rat, Gott, doch auch dies hat keinen Zweck. Sollte ich die Worte finden, wer w\u00fcrde mein Buch denn lesen? Das schreibe ich doch f\u00fcr den Keller.<\/p>\n<p>Gott:<br \/>\nDa f\u00e4llt mir etwas anderes ein, Mensch. Vielleicht ist es dir gar nicht bewusst, doch dein Blick war alle Zeiten auf das Wesentliche gerichtet. Fotografiere. Schenke deinen Mitmenschen Bilder.<\/p>\n<p>Mensch:<br \/>\nFotos gibt es doch zuhauf, Gott. Heute hat doch jeder ein Smartphone und damit Internet. Wer wird denn da noch auf das, was mein Auge sieht, warten?<\/p>\n<p><em>Von der Ferne h\u00f6rt man das Rauschen eines Zuges.<\/em><\/p>\n<p>Gott:<br \/>\nDu bist ein schwieriges Gesch\u00f6pf, Mensch. Was habe ich mir wohl gedacht, als ich dich erschuf? Du bist doch fr\u00fcher gerne in Ausstellungen gegangen. Wie sieht es denn mit Malen aus?<\/p>\n<p>Mensch:<br \/>\nIch kann den Pinsel nicht nach meinen Vorstellungen bewegen, Gott. Auch das ist nichts f\u00fcr mich. Nun ist es an der Zeit. Es naht der Endpunkt meiner Reise. Ich muss mich fertigmachen, Gott.<\/p>\n<p><em>Der Zug kommt n\u00e4her.<\/em><\/p>\n<p>Gott:<br \/>\nSo schwer es mir f\u00e4llt, ich verstehe dich. Eines will ich dir noch sagen, Mensch, spitze deine Ohren: Es gibt mich gar nicht. Ich bin nur die Stimme in deinem Kopf.<\/p>\n<p><em>Der Zug rauscht vorbei.<\/em><\/p>\n<p><em>Stille.<\/em><\/p>\n<p><em>Schritte.<\/em><\/p>\n<p><em>Ein Auto wird gestartet.<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Johannes Tosin<br \/>\n(Text und Bild)<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> | Inventarnummer: 19002<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein H\u00f6rst\u00fcck Der Mann steht neben den Zuggleisen. Die l\u00e4ndliche Gegend ist von Nebel verh\u00fcllt. Es ist Nacht. Der Mann tr\u00e4gt einen Anorak. Die fast schon kahlen B\u00e4ume bieten kaum noch Schutz gegen den Regen. \u00a0 Mann: Gott, wo bist du? Ich rufe dich. Gott: Ich bin da, Mensch. Ich bin bei dir. 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