{"id":9062,"date":"2018-12-18T06:42:31","date_gmt":"2018-12-18T06:42:31","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9062"},"modified":"2018-12-29T19:17:44","modified_gmt":"2018-12-29T19:17:44","slug":"das-maedchen-ist-fort-teil-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9062","title":{"rendered":"Das M\u00e4dchen ist fort &#8211; Teil III"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9062&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9062&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Das andauernde Hupen weckte ihn auf und machte ihn w\u00fctend. Er war bereit, den Besitzer des Autos mit Blument\u00f6pfen zu bewerfen. Selbst der ruhigste Mensch w\u00fcrde die Beherrschung verlieren, wenn er so aufgeweckt wird.<br \/>\nSaba ballte seine F\u00e4uste und schlug das Bett mehrmals, dadurch lie\u00df er die Wut raus, und er wollte niemanden mehr umbringen.<\/p>\n<p>Die Augen machte er prinzipiell nicht auf. Der Stra\u00dfenl\u00e4rm machte ihm klar, dass der neue Tag angefangen hatte, der f\u00fcr viele Menschen der letzte sein w\u00fcrde. Er versuchte wieder einzuschlafen, aber ohne Erfolg. Schlie\u00dflich gab er seine Prinzipien auf, und sobald er die Augen aufmachte, sah er den mit gelben Buchstaben geschriebenen Namen an der Zimmerdecke. Am Anfang konnte er nicht verstehen, woher die Buchstaben kamen. Er rieb sich die Augen, und der Name verschwand. Um sich zu vergewissern, wiederholte er: \u201eKatharine Ross, Katharine Ross, Katharine Ross \u2026\u201c<\/p>\n<p>Er fuhr zum Filmverleih und holte sich alle Filme mit ihr.<br \/>\nMan kann vieles \u00fcber einen Menschen erfahren, wenn man wei\u00df, was ihm gef\u00e4llt oder gefallen hat. Saba war bereit, mit allen Mitteln diese Information \u00fcber Elene herauszufinden, und er hatte nicht viele M\u00f6glichkeiten dazu.<br \/>\nDie Verk\u00e4uferin l\u00e4chelte ihn an, aber Saba bemerkte es nicht. Er hatte nur eine Sache im Kopf, er hatte nur einen Menschen im Kopf, um es richtiger auszudr\u00fccken. Pl\u00f6tzlich hatte er ein D\u00e9j\u00e0-vu.<\/p>\n<p>Er guckte die Filme, ohne zu blinzeln. Katharine gefiel ihm am meisten in der Rolle, in der sie die Freundin von Dustin Hoffman darstellte. Er beobachtete jede ihrer Bewegungen mit gro\u00dfer Aufmerksamkeit, und manche Szenen spulte er zur\u00fcck, um ihre Sch\u00f6nheit nochmal zu genie\u00dfen. Elene \u00e4hnelte ihr tats\u00e4chlich. Als Katharine im Film weinte, kr\u00fcmmte sich Sabas Herz und er versuchte, sie von der anderen Seite des Bildschirms zu beruhigen.<br \/>\nEr pr\u00e4gte sich jede Szene ein, aber in ihm kam der Durst, den er nur im Gespr\u00e4ch mit Elenes Mutter stillen konnte, wieder hervor. Saba war wie ein Abh\u00e4ngiger geworden, der versteht, dass er sich falsch benimmt, aber sich trotzdem nicht aufhalten kann, weil er keinen Willen mehr besitzt.<\/p>\n<p>Er verbrachte den ganzen Tag vor dem Haupteingang, wo er auf die Frau wartete. Es fing an zu d\u00e4mmern. Der Winter ist f\u00fcr die Depression wohl geeignet. Mit der D\u00e4mmerung stieg der Frost auf. Saba konnte nicht mehr regungslos sein, und er fing an, hin- und herzulaufen, wie ein W\u00e4chter, der etwas Wertvolles besch\u00fctzt, allerdings war die Lage ein bisschen anders. Der W\u00e4chter bewacht den Schatz, der einem anderen geh\u00f6rt, und was Saba bewachte, geh\u00f6rte nur ihm.<br \/>\nEr fror umsonst. Bevor er in den Wagen einstieg, erleichterte er seine Blase unter einem kleinen, dunklen Bogengang.<\/p>\n<p>Er stellte sich zu Hause unter die hei\u00dfe Dusche. Das beinahe kochende Wasser wusch die Anspannung ab. Im Badezimmer erschien Elene. Saba bemerkte sie am Anfang nicht, dann drehte er sich um, lie\u00df die Duschbrause fallen und versteckte seine Genitalien. Elene l\u00e4chelte. Saba fing an zu zittern, ging in die Hocke und fragte ganz leise.<br \/>\n\u201eWie lange bist du schon hier?\u201c<br \/>\n\u201eDas wei\u00dft du besser.\u201c<br \/>\nIhr nettes, kindisches L\u00e4cheln beruhigte ihn ein wenig.<br \/>\n\u201eKannst du dich bitte eine Sekunde umdrehen?\u201c<br \/>\nElene nickte ihm zu und drehte sich um, aber sie drehte sich im n\u00e4chsten Augenblick wieder zur\u00fcck. Saba war aufgestanden, und von der Pl\u00f6tzlichkeit w\u00e4re er fast gefallen. Elene lachte kurz und drehte sich nochmal um. Saba stellte die Dusche ab, wickelte sich in ein Badetuch und stieg aus der Duschkabine.<\/p>\n<p>Elene konnte nicht ruhig stehen. Sie wartete nicht gern. In diesem Alter kocht das Blut in den Adern und l\u00e4sst einem keine Ruhe. Saba las ihre Gedanken und sagte:<br \/>\n\u201eDu darfst dich umdrehen.\u201c Er hatte kaum den Satz beendet, als Elene sich schon ganz umgedreht hatte und ihn mit funkelnden Augen anschaute. Saba konnte diesen Blick nicht ertragen und starrte das Shampoo an, danach fragte er:<br \/>\n\u201eWieso bist du gekommen?\u201c<br \/>\nElene ber\u00fchrte sein Gesicht und drehte seinen Kopf zu sich.<br \/>\n\u201eWeil du mich gerufen hast.\u201c<br \/>\nSaba stellte ihr viele Fragen, aber keine ihrer Antworten sagte ihm mehr, als er bereits wusste. Er bemerkte nicht, wie er einschlief. Als er am Morgen aufwachte, war Elene spurlos verschwunden.<\/p>\n<p>An diesem Tag f\u00fchlte er sich besonders durcheinander. Die Realit\u00e4t, die er ohnehin nicht ganz wahrnahm, schien jetzt noch ferner und obskurer zu sein.<br \/>\nEr wusste nicht mehr, was Tatsache, und was Erfindung war, oder worin die Stabilit\u00e4t der Tatsache und die Verlogenheit der Erfindung lag.<br \/>\nLange guckte er in die Tasse voller Kaffee. Der steigende Dampf wurde d\u00fcnner, und letztlich verschwand er. Er trank die fast kalt gewordene Fl\u00fcssigkeit mit gro\u00dfen Schlucken aus und \u00e4chzte, aber es war kein befreiender, erleichternder Seufzer. Er offenbarte blo\u00df die Erm\u00fcdung und die Erwartung von zuk\u00fcnftigen Schwierigkeiten.<\/p>\n<p>Er parkte den Wagen direkt vor dem Eingang, drehte die Musik im Radio auf volle Lautst\u00e4rke, und mit der musikalischen Begleitung verfolgte er die Verwirklichung seines Plans weiter.<br \/>\nEr beobachtete sorgf\u00e4ltig alle Frauen, die aus dem Haus kamen, aber jedes Mal wurde er entt\u00e4uscht. Gleichzeitig lie\u00df der Krampf im Hals nach. Er war wie ein Patient, der wei\u00df, dass ihm eine unangenehme, aber notwendige Prozedur bevorsteht, dem dennoch jede gewonnene Minute illusorische Linderung verleiht.<br \/>\nEine in Schwarz gekleidete Frau erschien und ging mit ruhigen Schritten die Stra\u00dfe entlang. Saba erkannte sie sofort, aber er sa\u00df weiter unbeweglich und sp\u00fcrte, wie sein Gesicht blass wurde. Die ganze gesammelte Bereitwilligkeit verdunstete in nur einer Sekunde, und ihr Platz wurde von der Lust des Fliehens eingenommen, aber Saba gab nicht auf. In ihm fing wieder der Kampf zwischen der Angst und dem Willen an. Schlie\u00dflich gewann der Wille, und mit seiner Gesichtsfarbe kehrte sein Mut zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Er stieg blitzschnell aus und holte die Frau ein. Es blieben ein paar Meter zwischen ihnen, als Saba sie hochachtungsvoll und gleichzeitig h\u00f6rbar rief:<br \/>\n\u201eEntschuldigen Sie.\u201c<br \/>\nDie Frau blieb stehen, und in wenigen Sekunden drehte sie sich mit dem apathischen Gesichtsausdruck zu dem verwirrten Saba um. Ihre dunklen Augen mit den Ringen darunter konnten in seine Seele hineinsehen. Saba ertrug diese Stille nicht.<br \/>\n\u201eVerzeihen Sie mir, ich wei\u00df, dass ich mich sehr unkorrekt verhalte. Wahrscheinlich verdiene ich auch, gescholten zu werden, aber ich bin mir sicher, wenn Sie mir zuh\u00f6ren, dann werden Sie verstehen, dass in meiner Handlung nichts \u00dcbles liegt, sondern im Gegenteil, ich werde nur von guten Motiven bewegt.\u201c<\/p>\n<p>Die Frau stand schweigend da und h\u00f6rte zu.<br \/>\n\u201eIch kannte Ihre Tochter nicht, und es macht mich wahnsinnig.\u201c Das Gesicht der Frau zuckte leicht.<br \/>\n\u201eAber ich m\u00f6chte, dass Sie Folgendes wissen. Zwar bin ich nicht Ihr Vertrauter, aber es tut mir unendlich leid, was passiert ist. Noch mehr, ich habe das Gef\u00fchl, als ob ich mich versp\u00e4tet und etwas sehr Wichtiges in meinem Leben verpasst h\u00e4tte. Ich kann sp\u00fcren, dass zwischen mir und ihr eine starke, geistige Verbindung entstanden ist.\u201c Saba h\u00f6rte kurz mit dem Reden auf, dann f\u00fcgte er ganz leise hinzu:<br \/>\n\u201eVielleicht erschien sie deswegen gestern bei mir.\u201c<\/p>\n<p>Nach diesen Worten begann ihr starres Gesicht sich schnell zu \u00e4ndern. In ihm trat zuerst Ekel, dann Zorn auf, und sie schrie.<br \/>\n\u201eWas f\u00e4llt dir ein, du kranker Mensch? Verschwinde, sofort!\u201c Ihre strenge Stimme fing an, von dr\u00fcckenden Tr\u00e4nen zu zittern. Sie weinte auf offener Stra\u00dfe. Die Passanten hielten und glotzten die beiden an.<br \/>\nSaba versuchte sich ihr anzun\u00e4hern, aber sie sagte strikt:<br \/>\n\u201eHalt!\u201c Sie suchte nach einem Taschentuch.<br \/>\nSaba erinnerte sich, dass die ganze Packung in seinem Auto lag, und er lief schweigend, um sie zu holen. Von hinten h\u00f6rte er einen Mann schreien: \u201eLasst ihn nicht los!\u201c<\/p>\n<p>Saba drehte sich um und sah auf ihn zu rennende Menschen. Er hatte die Wahl. Sich ins Auto zu setzen und fliehen, womit er ihre unklare Anschuldigung an sich best\u00e4tigen w\u00fcrde, oder sich mit dem ruhigen, unschuldigen Gesicht seinem Schicksal zu stellen. Er hatte keine Angst mehr. Er stand und wartete auf die w\u00fctende, verst\u00e4ndnislose Masse, der er keineswegs seine bizarre, aber reine Liebe erkl\u00e4ren konnte.<br \/>\nEtwa zehn Menschen hatten sein Fahrzeug umzingelt. Ein schmutzig gekleideter, dicker Mann mittleren Alters war besonders aktiv. Er stellte sich vor Saba, griff ihm in den Nacken und fragte.<br \/>\n\u201eWas hast du angestellt?\u201c<br \/>\n\u201eNichts\u201c, antwortete er ruhig.<br \/>\nDer Mann kniff eines seiner Augen zu und starrte Saba wie ein erfahrener Psychologe an.<br \/>\n\u201eWarum weint dieses Fr\u00e4ulein dann?\u201c<br \/>\n\u201eIch hab nichts Schlimmes getan.\u201c<\/p>\n<p>Die Schaulustigen glotzten aus den Fenstern. Der Mann wollte noch etwas fragen, aber man h\u00f6rte die Polizeisirene. Alle Anwesenden schauten in deren Richtung. Als Saba den Streifenwagen sah, dachte er: \u201aJetzt sind sie sofort an Ort, und Stelle, aber wenn man vergewaltigt, ausgeraubt oder abgeschlachtet wird, dann g\u00e4hnen sie und stopfen sich mit den Backwaren aus, wie die K\u00fche mit dem Gras.\u2018<br \/>\nDer Mann schaute Saba nochmal ins Gesicht, und befriedigt sagte er: \u201eJetzt kriegst du \u00c4rger.\u201c<br \/>\nDie Polizisten stiegen aus, wie Helden. Einer ging zu der Frau, und der andere zu Saba. Saba stand kurz vor der Verhaftung, aber er sp\u00fcrte gar keine Angst, und der Grund war nur ihm bekannt.<\/p>\n<p>Auf dieser Welt existiert immer noch ein Gef\u00fchl, das st\u00e4rker ist als das \u00dcbel. Es ist egal, ob du dieses Gef\u00fchl f\u00fcr eine lebende Person oder f\u00fcr schon Verstorbene empfindest. Derjenige, der \u00fcber dieses Gef\u00fchl verf\u00fcgt, wird dadurch st\u00e4rker als all die anderen, denn es tr\u00e4gt die gr\u00f6\u00dfte Kraft in sich. Die meisten Menschen haben diese Empfindung vergessen, und sie sterben, ohne zu wissen, wie es mal war zu leben.<br \/>\nSaba hatte es seit seiner Kindheit in seinem Herzen, und weder chirurgische Instrumente noch irgendwelche fortgeschrittenen Medikamente w\u00e4ren imstande, es aus ihm auszutreiben.<\/p>\n<p>Er sah die verweinte Frau an, die zwanzig Meter entfernt stand und dem Polizisten etwas erz\u00e4hlte. Pl\u00f6tzlich trafen sich ihre Augen. Die Frau h\u00f6rte auf zu reden und sah ihn ununterbrochen an. Der Polizist, der zu ihm gekommen war, stellte ihm eine Frage, deren Inhalt oder Objekt f\u00fcr ihn unklar blieb, weil er nichts mehr vernahm. Viele Informationen wurden zwischen ihm und ihr mit dem Blick ausgetauscht. Danach sagte sie etwas zu dem Polizisten, ohne ihn anzusehen. Der unzufriedene Polizist kam mit langsamem Gang zu der schaulustigen Masse, stellte sich zu seinem Kollegen, und offenbar entt\u00e4uscht sagte er.<br \/>\n\u201eEr ist ihr Verwandter.\u201c<br \/>\nDer dicke und agile Mann rief aus:<br \/>\n\u201eIch hab gesehen, wie sie sich stritten, ihr habt es auch gesehen, oder?\u201c, fragte er die anderen, und sie nickten ihm zu. Damit \u00e4hnelten sie den Marionetten, die gleich aussehen.<br \/>\nSaba konnte nicht verstehen, wie es sein konnte, dass all diese unterschiedlichen Menschen wegen eines Dranges zu einem Mechanismus wurden, der so ungerecht und verheerend arbeitete.<br \/>\nDer Polizist konnte die von dem Mann erw\u00e4hnte Tatsache nicht als Delikt verwenden.<br \/>\n\u201eVerwandte haben manchmal auch Konflikte.\u201c<\/p>\n<p>Beide Personen in ihren Uniformen drehten sich um und gingen zum blinkenden Wagen. Die Menschen l\u00f6sten sich wie in der Hand angesammeltes Wasser auf. Die, die aus den Fenstern glotzten, hatten es auch verstanden, dass es nichts geben w\u00fcrde, wof\u00fcr es sich lohnte, in der kaum erw\u00e4rmten Wohnung zu erfrieren, und alle Fenster wurden synchron geschlossen.<\/p>\n<p>Saba dachte, dass er w\u00e4hrend dieses ganzen Vorfalls nicht geatmet hatte. Langsam ging er zu der Frau, die auf ihn wartete. Saba hielt f\u00fcr alle F\u00e4lle Abstand und blieb ein paar Meter von ihr entfernt stehen, dann schaute er um sich herum, um zu wissen, ob jemand sie beobachtete.<br \/>\n\u201eDanke\u201c, sagte er leise.<br \/>\nDie Frau nickte ihm zu und wollte schon gehen, aber Saba sprach weiter.<br \/>\n\u201eEinen Augenblick bitte.\u201c Mit den Worten kam der Dampf raus und verbreitete sich wie der Schall im Raum.<br \/>\nDie Frau hielt an und drehte sich verwundert um.<br \/>\n\u201eSagen Sie mir bitte, welche Blume sie am liebsten hatte?\u201c<br \/>\n\u201eLilie\u201c, sagte sie und ging.<br \/>\nSaba wiederholte es f\u00fcr sich und ging zu seinem Auto.<\/p>\n<p>Es blieb wenig Zeit bis Silvester. Es herrschte ein schreckliches Get\u00fcmmel in der Stadt. \u00dcberall waren bunte Gesch\u00e4fte und l\u00e4chelnde Menschen, die nichts um sich her au\u00dfer diese grellen Farben bemerkten. Dieser geschmacklose, k\u00fcnstliche Regenbogen tat Sabas Augen weh. Sehr wohl sah er den Kontrast, den zwischen diesen geschm\u00fcckten und auf das sinnlose Fest wartenden Menschen vorhandene d\u00fcstere Personen erzeugten, die anstatt grundlosen Gl\u00fccks tiefe Traurigkeit und Kummer erregten. Saba versuchte zu verstehen, woran diese Menschen dachten. Er wollte wenigstens f\u00fcnf Minuten mit ihren Gedanken leben. Er stand und saugte ihre Apathie ein, wie eine M\u00fccke das Blut.<\/p>\n<p>Eigentlich ist es so, dass, wenn man an etwas leidet, man f\u00fcr das Leiden anderer Menschen empfindsamer wird, und dadurch vertieft man sein eigenes Leiden. Die Folge kann zweiseitig sein. Entweder man analysiert es und bekommt die Erl\u00f6sung, oder diese Gedanken werden noch chaotischer und der psychische Zustand verschlimmert sich.<br \/>\nSaba dachte nicht an die Folgen und las unendliche Dem\u00fctigung, Entt\u00e4uschung und Hunger ab. Am Ende kriegte er einen Schw\u00e4cheanfall und ging zu seinem Wagen, der ihm als Unterkunft dienen sollte.<\/p>\n<p>Der 31. Dezember endete. Das neue Jahr war geboren, das sich von den anderen genauso wenig unterschied wie die neugeborenen Kinder.<br \/>\nSaba traf es mit seinem liebsten Menschen. Er umarmte Elene und k\u00fcsste sie zum ersten Mal. Alle feierten dieses Ereignis.<br \/>\nIm Zimmer duftete es nach Vanille, und f\u00fcr Saba, der vom Champagner ein wenig beschwipst war, kreiselte die ganze Welt sehr schnell, und er selbst erstarrte wie eine Statue, umarmt von dem sch\u00f6nsten M\u00e4dchen.<br \/>\nAls er aufwachte, war er schon wieder allein und er wusste nicht was wirklich, passiert war und wovon er getr\u00e4umt hatte.<br \/>\nEr sah aus dem Fenster. Die Stra\u00dfe hatte ihre Stimme verloren, und man konnte nur die schwere Stille h\u00f6ren.<br \/>\nMorgen w\u00fcrde Saba zwei Menschen besuchen.<\/p>\n<p>\u201eGeben Sie mir bitte alle Lilien, die Sie haben\u201c, sagte er zu der Blumenh\u00e4ndlerin.<br \/>\nW\u00e4hrend sie die Blumen aus den Eimern nahm und die Wassertropfen absch\u00fcttelte, tauchte in Sabas Ged\u00e4chtnis ein wichtiges Detail auf. Die Lieblingsblume seiner Mutter war auch die Lilie. Wie konnte er sich daran nicht erinnern, als Elenes Mutter sie erw\u00e4hnte \u2026 In letzter Zeit tr\u00e4umte er st\u00e4ndig nur von Elene, deswegen gab es keinen Platz f\u00fcr die Mutter in seinen Gedanken. Er lie\u00df sie in die Peripherie seines Sinns, woher sie ihn wahrscheinlich genau mit dieser Einzelheit an sich zu erinnern versuchte, und das war ihr endlich gelungen.<br \/>\nAm Friedhof lief er an Elenes bildlosem Grab schnell vorbei und ging direkt zu seiner Mutter. Er sprach lange mit ihr und schwor, dass so was nie mehr vorkommen w\u00fcrde, dabei f\u00fchlte er, wie schwierig es sein w\u00fcrde, seinen Schwur zu halten. Gleichzeitig verstand er, dass er verpflichtet war, es zu tun.<br \/>\nDie meisten Lilien lie\u00df er bei der Mutter, und nach allerlei Entschuldigungen sp\u00fcrte er Erleichterung. Mit ruhigen Schritten und reinem Herzen ging er zu seinem M\u00e4dchen und legte die verbliebenen Lilien nieder.<\/p>\n<p>Elene erschien neben ihm und bat ihn, sie loszulassen. Saba ging, ohne sie anzusehen, und jeder Schritt fiel ihm leichter. Am Auto angekommen, erlebte er die Freiheit, aber sie \u00e4hnelte der Freiheit des H\u00e4ftlings nicht, wovon er seit vielen Jahren tr\u00e4umte, ganz und gar nicht! Dies war eine unerwartete Freiheit, denn Saba befand sich seit Kurzem nicht mehr als Gefangener in seinen Gedanken.<br \/>\nEr schaute den Friedhof noch einmal an, den er in der Zukunft \u00f6fter mal besuchen w\u00fcrde, aber das unsichtbare, unaussprechliche Gef\u00fchl verband ihn nicht mehr mit diesem Ort.<br \/>\nOKA-001 kehrte in die Stadt der Lebenden zur\u00fcck, und sein Besitzer wurde zu einem von ihnen.<\/p>\n<p><em>Der Mann schaut einen Grabstein an, von dem ein junges M\u00e4dchen ihr letztes L\u00e4cheln der jenseits gebliebenen Welt unendlich schenkt. Der Mann legt eine wei\u00dfe Lilie auf die schwarze Erde und l\u00e4chelt. Er hat Falten um die Augen. Er h\u00e4lt noch eine Lilie in seiner Hand und langsam geht er in die Tiefe des Friedhofs, wo er von seiner Mutter, die f\u00fcr immer ein M\u00e4dchen bleibt, erwartet wird.<\/em><\/p>\n<p>2014<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Giorgi Ghambashidze<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0<span style=\"color: #333333;\">Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a><\/span> | Inventarnummer: 18165<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das andauernde Hupen weckte ihn auf und machte ihn w\u00fctend. Er war bereit, den Besitzer des Autos mit Blument\u00f6pfen zu bewerfen. Selbst der ruhigste Mensch w\u00fcrde die Beherrschung verlieren, wenn er so aufgeweckt wird. Saba ballte seine F\u00e4uste und schlug das Bett mehrmals, dadurch lie\u00df er die Wut raus, und er wollte niemanden mehr umbringen. 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