{"id":9058,"date":"2018-12-18T06:41:41","date_gmt":"2018-12-18T06:41:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9058"},"modified":"2018-12-23T14:00:11","modified_gmt":"2018-12-23T14:00:11","slug":"das-maedchen-ist-fort-teil-i","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9058","title":{"rendered":"Das M\u00e4dchen ist fort &#8211; Teil I"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9058&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9058&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>In der Stadt der Toten, die sie auch den Friedhof nennen, ist die Silhouette eines Mannes zu sehen, der auf dem schmalen Pfad zwischen den Gr\u00e4bern wie ein Gespenst umherschleicht. Auf den Spitzen der Tannenb\u00e4ume sitzende Kr\u00e4hen beobachten ihn. Sie wissen, was es bedeutet, hierher zu kommen. Sie beobachteten wahrscheinlich schon seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten, wie die Menschen hierher kamen, um ihre verstorbenen Angeh\u00f6rigen zu beweinen, und sehen so den Schmerz dieser Menschen. Obwohl sie diesen Ort verlassen und wegfliegen k\u00f6nnten, bleiben sie, weil es nirgendwo anders einen solchen Ort gibt, wo sie so viel Reue und Liebe zu sehen bekommen wie hier, in der Stadt der Toten, die sie den Friedhof nennen.<br \/>\nDer Mann h\u00e4lt vor einem Grab an, auf dessen Grabstein das Bildnis einer jungen, wundersch\u00f6nen und l\u00e4chelnden Frau eingraviert ist. Der Mann sieht nach oben und l\u00e4sst Dampf aus dem Mund entweichen. Vielleicht verl\u00e4sst die Seele genauso den K\u00f6rper! Der Mann ist ziemlich warm angezogen, aber dem Frost gelingt es trotzdem, bis in dessen Knochen vorzudringen. Ihn \u00fcberzieht eine G\u00e4nsehaut, aber nicht wegen der K\u00e4lte.<br \/>\nEine der Kr\u00e4hen kr\u00e4chzt und fliegt weg, denn sie m\u00f6chte sich\u00a0 nicht in die Angelegenheiten eines anderen einmischen.<\/em><\/p>\n<p>Im Flughafen sah er nur unbekannte Gesichter, die ihn nicht wahrnahmen, weil sie in ihren eigenen Gedanken gefangen waren. Es regnete. Der Regen erz\u00e4hlte ihm viele Geschichten, die er nicht verstand, trotzdem h\u00f6rte er jedem Regentropfen aufmerksam zu.<br \/>\nEr nahm ein Taxi und teilte dem Fahrer die Adresse mit, die sich in seinem Kopf drehte und so fremd und seltsam f\u00fcr ihn klang, als ob er den Namen eines unbekannten Landes erw\u00e4hnt h\u00e4tte.<br \/>\nAls er sein Ziel erreicht hatte, \u00f6ffnete er die T\u00fcr und ein bestialischer Gestank schlug ihm entgegen. Er bedeckte rasch mit dem Jackenkragen seine Nase. Der Gestank war so intensiv, dass ihm schwindelig wurde. Er setzte sich deshalb auf den Holzstuhl, der an der Wand stand. Der Stuhl quietschte und begr\u00fc\u00dfte so seinen zur\u00fcckgekommenen Besitzer. Derr sa\u00df mit gesenktem Kopf da und sah den Fu\u00dfboden an, der langsam durchsichtig wurde, bis er den schmutzigen Grund des Hauses sehen konnte.<\/p>\n<p>Als die Mutter starb, blieb er hier ganz allein zur\u00fcck. Das Institut besuchte er schon lange nicht mehr, weil er auf die an das Bett gefesselte Mutter aufpasste. Er hoffte, dass seine Liebe zu ihr die dunkle Zukunft verbessern w\u00fcrde. Er glaubte wirklich daran, und wie er es glaubte! Und jetzt nannte er sich einen Idioten, nur weil er vergeblich gehofft hatte.<br \/>\nNoch eine Sache bereute er sehr. Er war nicht dabei, als sie ihren letzten Atemzug gemacht hatte. Er konnte ihr letztes Wort nicht h\u00f6ren und ihren letzten Blick nicht fangen, einen Blick, der immer voller Liebe war. Die Mutter bedankte sich bei ihm f\u00fcr seine unendliche Hingabe. Sie war nicht undankbar, so wie die anderen, und das schmerzte ihn noch mehr. Er wollte nicht, dass die Kranke sich \u00fcber so etwas Gedanken machte.<br \/>\n\u201eRuh dich einfach aus\u201c, sagte er zu ihr und k\u00fcsste sie auf ihre schwitzende, gl\u00fchende Stirn.<\/p>\n<p>Er f\u00fchlte mit seinen Lippen, wie sie brannte, und wie dieses innerliche Feuer ihre Seele langsam in Asche verwandelte. Nachts sa\u00df er vor ihrer T\u00fcr und betete. Er sah dabei den Himmel im Flurfenster. Der Schmerz schn\u00fcrte dabei seinen Hals zu, und er wollte schreien, aber er wusste nicht, was! Er harrte aus. Jetzt brauchte eine andere Person seine Hilfe. Er a\u00df zu wenig, nahm gemeinsam mit seiner Mutter ab und wurde so zusehends schw\u00e4cher.<br \/>\nEines Tages ging er dann zur Apotheke. Mit zerfetzten 5 Lari<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> wollte er ihr ein Antibiotikum kaufen. Die Pharmazeutin l\u00e4chelte ihn warm an, aber der Junge bemerkte kein L\u00e4cheln.<br \/>\nAls er nach Hause kam, war das Zimmer seiner Mutter schon leer, drinnen lag nur noch ein verlassenes Gef\u00e4\u00df. Seine Mutter war fort, dahin, wo ihr keiner folgen konnte.<\/p>\n<p>Der Junge konnte es in der Wohnung kaum aushalten. Hier, wo alle W\u00e4nde vom Leid weinten und dieses Weinen an sein Geh\u00f6r gerichtet war. Wenn er geblieben w\u00e4re, w\u00e4re er gestorben und er bereute manchmal, dass er nicht geblieben war. Obwohl er jetzt keine Lebenslust mehr hatte, besa\u00df er auch keinen Willen, um es zu beenden. Stattdessen \u00fcbermannte ihn eine schreckliche Apathie. Selbst reden wollte er nicht und auch das Denken war das Einzige, was ihn noch mit seinem K\u00f6rper verband. Dabei glaubte er, dass es allein sein Geist war, der zu denken vermochte.<br \/>\nEr schloss die T\u00fcr ab und flog zu seiner Tante nach Deutschland, die die Einzige war, die sein Leid teilte. Der warme Umgang der Tante und seiner Cousins brachten ihn ein wenig auf diese Welt zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Er lernte ihre Sprache und ging erneut an die Universit\u00e4t. Er versuchte, nicht daran zu denken, was ihn am meisten qu\u00e4lte, aber als er verstand, dass er wie ein Feigling weggerannt war, fand er keine Ruhe mehr. Ab und zu tauchten Erinnerungen in ihm auf. Er erinnerte sich an seine Kindheit, als er in die Augen der Mutter geschaut hatte, als ob er sp\u00fcrte, was auf sie zukam, und er lie\u00df sie keine Sekunde allein. Die Mutter nahm ihn auf den Scho\u00df und erkl\u00e4rte ihm, dass er mit Gleichaltrigen spielen sollte und seine Kindheit nicht in den vier W\u00e4nden verbringen d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Als er in die Pubert\u00e4t kam, konnte seine Mutter ihn nicht mehr auf den Scho\u00df nehmen, aber sie setzte sich vor ihn und sagte ihm, dass er M\u00e4dchen lieben und sich von ihnen lieben lassen sollte. Der Junge wusste, dass sie recht hatte, aber etwas st\u00f6rte ihn daran. Damals wusste er noch nicht, was genau das war, aber in wenigen Jahren bekam seine Angst den Namen \u201eDer Krebs meiner Mutter\u201c.<br \/>\nDie Zeit war gegen ihn. Anstatt die Vergangenheit zu vergessen, kehrte sie immer wieder zu ihm zur\u00fcck. Er wachte fast jede Nacht schwei\u00dfgebadet auf. Sein Herz raste, und die dunkle Leere dr\u00fcckte ihn nieder.<\/p>\n<p>Er absolvierte seinen Uni-Abschluss und fing an zu arbeiten. Er lernte ein M\u00e4dchen kennen, das sich in ihn verliebte, aber weder ihre Tr\u00e4nen noch seine Tante konnten seine Entscheidung \u00e4ndern. Wenn ein Mensch etwas ein f\u00fcr alle Mal entscheidet, dann ist kein anderer in der Lage, dies zu verhindern. Er verlie\u00df alles und kehrte nach f\u00fcnf Jahren in die Stadt zur\u00fcck, die ihn genauso anlockte wie der Tatort den T\u00e4ter.<br \/>\nWenn ein Mensch sich schlecht f\u00fchlt, bemerkt er die Dunkelheit um sich herum besser. F\u00fcr gl\u00fcckliche Menschen besteht das Leben nur aus Sonne und lustigen Liedern, aber gibt es \u00fcberhaupt wirklich gl\u00fcckliche Menschen auf dieser Welt? \u201aWenn ja, dann gibt es keine Gerechtigkeit\u2018, dachte der Junge und verbrachte den ganzen Abend in der kleinen K\u00fcche.<\/p>\n<p>Am Morgen fing er dann an, an die Zukunft zu denken. Um pr\u00e4zise zu sein, er dachte an das, was er vorhatte. Er fand, dass es f\u00fcr ihn keine Zukunft mehr gab, und das Einzige, was er noch hatte, war die Fortsetzung der Vergangenheit, die nichts Gemeinsames mit der richtigen Zukunft haben konnte.<br \/>\nIn Deutschland gab ihm seine Tante einfach alles. Nat\u00fcrlich versuchte sie, alles f\u00fcr den Sohn ihrer verstorbenen Schwester zu tun, und das konnte sie auch, denn sie war mit einem reichen Juden verheiratet. Wenigstens mit seiner Tante hatte er Gl\u00fcck.<\/p>\n<p>Er wollte nur einen Ort besuchen, und so bald er mit dem Fr\u00fchst\u00fcck fertig war, zog er seine Jacke an, wickelte den Schal um seinen Hals, und ging raus. Diese Wohnung wurde zu einem gro\u00dfen Sarg f\u00fcr ihn.<br \/>\nEs fiel ihm schwer, die richtigen Blumen auszusuchen. Die Verk\u00e4uferin versuchte ihm am Anfang mit der Auswahl enthusiastisch zu helfen, aber seine Unsicherheit \u00fcbertrug sich auf sie und lie\u00df ihr L\u00e4cheln in eine schreckliche M\u00fcdigkeit verwandeln. Schlie\u00dflich kaufte er die Feldblumen und ging den Friedhof von Saburtalo<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> entlang.<br \/>\nJe mehr er sich dem Grab n\u00e4herte, desto langsamer schlug sein Herz. Wenn es so weitergehen w\u00fcrde, h\u00e4tte er am Ort keinen Herzschlag mehr, und er w\u00e4re nicht anders als die Menschen, die fr\u00fcher wie er liefen, f\u00fchlten, litten und ihrem eigenen Herzklopfen als ferne, mystische Musik zuh\u00f6rten und jetzt um ihn herumlagen.<\/p>\n<p>Am Himmel spannte sich eine Dezemberwolke aus und lie\u00df die Sonnenstahlen nicht zur Erde. Auf dem schmalen Pfad laufend, bemerkte er einige M\u00e4nner, die eine Grube gruben, in der bald ein f\u00fcr ihn unbekannter Mensch beigesetzt werden sollte. Die Totengr\u00e4ber schauten ihn an. Es kam ihm so vor, als h\u00e4tte einer gegrinst.<br \/>\nEr hielt vor dem bekannten Grab an. Fast nichts hatte sich in der Umgebung ver\u00e4ndert. Blo\u00df hier und da waren neue Gr\u00e4ber entstanden, wie die H\u00e4user in der Stadt.<br \/>\n\u201eWie geht es dir, Mutter?\u201c, fragte er. Der sich erhebende Dampf flog wie ein Vogel in den Himmel. Die Mutter l\u00e4chelte ihn vom Grabstein an. Er setzte sich und erz\u00e4hlte ihr, was er all die Jahre so machte. Wie er lebte, wie er verreckte.<br \/>\nWenn ein Mensch wenigstens einmal den Tod einatmet, wird er ihn nie wieder los.<\/p>\n<p>Es wurde dunkel. Er erkannte das in den schwarzen Stein gravierte Gesicht nicht mehr. Sie hatten noch viele Begegnungen vor sich. Er stand auf und versprach ihr, dass er sie nie wieder alleine lassen w\u00fcrde. Er hatte vor zu gehen und machte einige Schritte, aber er drehte sich pl\u00f6tzlich um und fiel mit den Knien auf die Erde. Leise stie\u00df er hervor:<br \/>\n\u201eVergib mir Mutter, dass ich dich verlassen habe! Vergib mir.\u201c<br \/>\nDie leichte Brise wehte und streichelte sanft seine Haare. Er erhob seinen Kopf und schaute das Bildnis der Mutter noch einmal an.<\/p>\n<p>Im Taxi dachte er an Mutters Foto, das aufgenommen worden war, als sie noch gesund gewesen war und ihr ganzes Leben vor sich gehabt hatte. Die Beleuchtung der Nachtstadt beruhigte seine Augen, und die leise Musik vom Radio machte ihn schl\u00e4frig. Er lehnte sich zur\u00fcck und war fast eingeschlafen.<br \/>\nIn der Nacht hatte er getr\u00e4umt, dass er tr\u00e4umte.<br \/>\nSelbstverst\u00e4ndlich w\u00fcrde er seine Mutter heute wieder besuchen. Er hatte nichts anderes in der Stadt zu tun, wo nicht nur die Toten, sondern auch die Lebendigen vergessen worden waren.<br \/>\nW\u00e4hrend er im Bett lag, entschied er, ein Auto zu kaufen.<\/p>\n<p>Es war ein kleines, rotes \u201eOKA\u201c. Er f\u00fchlte sich sofort gem\u00fctlich, als er einstieg.<br \/>\nEr stand vor der Autow\u00e4sche und beobachtete, wie sein \u201eneuer\u201c, alter Wagen, der das Autokennzeichen OKA-001 hatte, gewaschen wurde. Der junge Mann kriegte auch einige Wasserspritzer ab. Er stieg in den frisch gewaschenen Wagen und atmete dessen Duft tief ein. Im Handschuhfach entdeckte er eine Kassette. Am Anfang wollte er sie wegschmei\u00dfen, aber dann legte er sie ins Kassettenradio ein. Auf der Kassette befanden sich Lieder von \u201eThe Doors\u201c. Mit \u201eRiders on the Storm\u201c in den Ohren fuhr er schnell zu seiner Mutter.<br \/>\nEr erz\u00e4hlte ihr begeistert, was f\u00fcr ein tolles Auto er gekauft hatte.<br \/>\n\u201eMam, wei\u00dft du, wie niedlich es ist? Dazu verbraucht es sehr wenig Sprit, und damit ist es sehr einfach zu parken. Ich kann die Menschen in dieser Stadt nicht verstehen! Jeder zweite besitzt einen Gel\u00e4ndewagen, wozu brauchen sie so viel Aufwendung und Unbehagen? Anscheinend glauben sie, dass sie desto gr\u00f6\u00dfere B\u00fcrschchen werden, je gr\u00f6\u00dfer ihr Auto ist.\u201c<\/p>\n<p>Nur dar\u00fcber sprach er mit ihr und ging. Er hatte vor, in sein Auto einzusteigen, als er eine in seine Richtung kommende Prozession bemerkte. Ganz vorne lief ein Junge mit dem Portr\u00e4t eines sehr h\u00fcbschen M\u00e4dchens. Neben dem Jungen lief eine weinende Frau, gekleidet in Schwarz. Die Angeh\u00f6rigen versuchten vergebens, sie zu beruhigen.<br \/>\nIn einem solchen Augenblick gibt es kein richtiges Wort. Dann existiert nur der Schmerz, der mit der Zeit vergeht, aber nie tut er es vollst\u00e4ndig.<br \/>\nDa waren viele junge Menschen in der Prozession. Der junge Mann folgte ihr. Die Prozession bog in eine ihm bekannte Kurve ein, und bald hielt sie an. Es wurde still, nur das Weinen der Frau konnte er h\u00f6ren, und sein Herz schrumpfte. Er stellte sich auf eine kleine Erh\u00f6hung und sah, dass das M\u00e4dchen in diejenige Grube beigesetzt wurde, die er gestern zuf\u00e4llig gesehen hatte. Er konnte es nicht mehr ertragen und lief mit schnellen Schritten weg. Unterwegs stolperte er und w\u00e4re fast gefallen.<\/p>\n<p>Den ganzen Weg nach Hause hatte er das Gesicht des M\u00e4dchens vor seinen Augen. Er hatte nie in seinem Leben so etwas Sch\u00f6nes gesehen, und er war voller Lust, alles \u00fcber sie zu erfahren, aber ihm fiel auf, dass er schw\u00e4rmte, und h\u00f6rte damit auf.<br \/>\nEr betrat ein Sakhachapure<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a>. Alle Tische waren besetzt, aber er hatte keine Lust, woandershin zu fahren, und entschied zu warten. Er lehnte sich an die T\u00fcr und wartete, bis an irgendeinem Tisch jemand bis zum Hals satt sein und mit einem eleganten Gang verschwinden w\u00fcrde. Er musste ziemlich lange warten. Ab und zu merkte er unzufriedene Blicke an seine Adresse. Endlich war ein unsch\u00f6nes Paar aufgestanden und bewegte sich Richtung Ausgang. Beim Rausgehen schaute und l\u00e4chelte ihn die Frau an. Was ihren Kavalier anging, so starrte der ihn boshaft an und wollte ihn vermutlich schlagen. Der Junge ignorierte diese unangenehme Zu- und Abneigung und ging mit ruhigen Schritten zum frei gewordenen Tisch, den die Kellnerin schon t\u00fcchtig abwischte.<br \/>\nEr bestellte ein Acharuli<a href=\"#_ftn4\" name=\"_ftnref4\">[4]<\/a> und eine Cola und erinnerte sich, dass, bevor er nach Deutschland gegangen war, es nur drei Lari gekostet hatte, und jetzt kostete es das Doppelte. \u201eNa ja, das Land entwickelt sich\u201c, dachte er und schmunzelte ironisch. In Deutschland a\u00df er es ziemlich oft, aber das waren \u201edeutsche Acharuli\u201c.<\/p>\n<p>Er fing wieder an, an das M\u00e4dchen zu denken. Woran war es so jung gestorben? Sie war ungef\u00e4hr 17 gewesen. Was sind 17 Jahre im Vergleich zum Alter des Universums? Was sind 17 Jahre, um dieses komplizierte Leben wenigstens ein bisschen zu verstehen? Ihr Leben war wie ein Funke, der statt sich ins Feuer umzuwandeln von der Dunkelheit f\u00fcr immer verschluckt wurde. Das gebrachte Acharuli brachte ihn ins Sakhachapure zur\u00fcck. Zerstreut bedankte er sich bei der Kellnerin und fing an zu essen, aber ihm war der Appetit vergangen. Jedes St\u00fcck kaute er widerwillig, und um es runterzubekommen, sp\u00fclte er mit der Cola nach.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich hielt ein junger Mann vor ihm und starrte ihn an. Der Sitzende schaute ihn an und fragte:<br \/>\n\u201eWas ist los?\u201c<br \/>\n\u201eDu bist Saba Eradze, oder?\u201c<br \/>\n\u201eJa, der bin ich\u201c, antwortete er angespannt.<br \/>\n\u201eWir waren an der Uni in derselben Gruppe. Erkennst du mich nicht mehr?\u201c<br \/>\n\u201eNein\u201c, antwortete er sofort und kalt, aber nat\u00fcrlich erkannte er ihn wieder. Er war der Einzige aus der Gruppe, der zur Bestattung gekommen war. Es war Saba trotzdem unangenehm, dass er erkannt wurde.<br \/>\n\u201eIch bin\u2018s, Irakli\u201c, f\u00fcgte der verwirrte Junge hinzu.<br \/>\nSaba stand sofort auf, legte gen\u00fcgend Geld auf den Tisch und ging weg, ohne ein Wort zu sagen. Irakli stand da und guckte erstaunt, bis Saba aus der T\u00fcr verschwand.<br \/>\nAuf dem R\u00fcckweg bereute Saba, dass er seine Identit\u00e4t preisgegeben hatte.<\/p>\n<p>In der Nacht tr\u00e4umte er vom gestorbenen M\u00e4dchen. Sie stand am leeren Strand, im farbigen Sommerkleid, das die vom Horizont wehende B\u00f6e flattern lie\u00df. Saba sah um sich herum und ging zum M\u00e4dchen, das zum dunklen Meer schaute. Seine Schritte klangen mit lautem Nachhall, aber sie drehte sich trotzdem nicht zu ihm. Saba stellte sich neben das M\u00e4dchen und starrte sie an. Pl\u00f6tzlich nannte er sie mit dem Namen und wunderte sich selbst im Traum.<br \/>\n\u201eElene.\u201c<br \/>\nDas M\u00e4dchen wendete den Blick zu ihm, und kaum erkennbar l\u00e4chelte sie. Saba bekam G\u00e4nsehaut. Elene schaute wieder zum Meer, und nach kurzer Zeit sagte sie leise:<br \/>\n\u201eMir ist kalt.\u201c<\/p>\n<p>Saba wachte mit Sch\u00fcttelfrost auf. Er legte die Hand an die Stirn, die gl\u00fchte. Das Fieber sank bald.<br \/>\nEr sa\u00df in der K\u00fcche und wiederholte ihren Namen. Er wollte schnellstm\u00f6glich zum Friedhof fahren. Es war f\u00fcnf Uhr morgens, aber er konnte es nicht mehr aushalten, zog sich hektisch an und fuhr los.<\/p>\n<p><em><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Lari &#8211; Nationale W\u00e4hrung in Georgien.<\/em><br \/>\n<em><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Saburtalo &#8211; Ein Bezirk in Tbilisi, der Hauptstadt von Georgien, mit einem gro\u00dfen Friedhof.<\/em><br \/>\n<em><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Sakhachapure &#8211; Eine Art Gastst\u00e4tte, in der vor allem Khachapuri, ein georgisches Gericht aus Teig, gef\u00fcllt mit K\u00e4se, zubereitet wird.<\/em><br \/>\n<em><a href=\"#_ftnref4\" name=\"_ftn4\">[4]<\/a> Acharuli &#8211; Bootformige Teigtasche mit georgischem K\u00e4se und einem Spiegelei in der Mitte.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Giorgi Ghambashidze<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at |\u00a0<span style=\"color: #333333;\">Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3081\">\u00bfQu\u00e9 ser\u00e1, ser\u00e1?<\/a><\/span> | Inventarnummer: 18163<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Stadt der Toten, die sie auch den Friedhof nennen, ist die Silhouette eines Mannes zu sehen, der auf dem schmalen Pfad zwischen den Gr\u00e4bern wie ein Gespenst umherschleicht. 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