{"id":9045,"date":"2018-12-16T14:39:39","date_gmt":"2018-12-16T14:39:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9045"},"modified":"2018-12-23T14:02:48","modified_gmt":"2018-12-23T14:02:48","slug":"x","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9045","title":{"rendered":"Sieben Leben hat die Katze &#8211; Teil II"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9045&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9045&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>I<\/p>\n<p>In dem Bierzelt war es laut. Eine Musikgruppe spielte lieblos altbekannte Lieder, M\u00e4nner gr\u00f6lten, wieder trinkende M\u00e4nner, doch diesmal in anderer Umgebung, dazwischen Frauen, einige P\u00e4rchen tanzten.<br \/>\nDer kleine dicke Mann erz\u00e4hlte Anna von seiner Frau und den Kindern und dass er ein Haus gebaut hatte. Er sah traurig aus dabei. Anna h\u00f6rte nicht mehr zu. Sie h\u00f6rte die klagende Melodie seiner S\u00e4tze. An seinen Blicken und Gesten erkannte sie, wann er ein freundliches L\u00e4cheln, eine ermutigende Geste erwartete und sie spielte mit.<br \/>\nEin gro\u00dfes dunkles M\u00e4dchen setzte sich neben Gert und sprach Anna an: \u201eIch bin die Beatrice. Ich habe in dem Gasthaus, wo du jetzt bist, gearbeitet. Der Wirt hat mich an dem Tag, bevor du gekommen bist, entlassen.\u201c Anna sah sie best\u00fcrzt an. Sie hatte sich bisher noch nicht \u00fcberlegt, dass dieser Ort, dieses Gasthaus schon vor ihrer Ankunft dagewesen waren und dableiben w\u00fcrden, wenn sie ging. \u201eEs tut mir leid\u201c, sagte sie unentschlossen.<br \/>\nBeatrice lachte. \u201eMach dir keine Gedanken, der Wirt macht das immer so, wenn er wei\u00df, dass er eine ausl\u00e4ndische Studentin kriegt f\u00fcr den Sommer. Ihr seid einfach billiger. Er bezahlt keine Steuern f\u00fcr euch. Und ich, ich arbeite bis Herbst eben in Basel.\u201c<\/p>\n<p>Hans nahm Annas Hand und zog sie mit sich fort. Anna tanzte mit ihm. Sch\u00fcchtern und stolz hielt er sie im Arm. \u201eLass uns weggehen von hier. Ich habe ein eigenes Zimmer im Haus meiner Eltern.\u201c Anna antwortete ihm nicht und Hans sah ungl\u00fccklich zu Boden. Anna bemerkte es nicht.<br \/>\nSie setzten sich wieder zu den anderen. \u201eSind sie nicht merkw\u00fcrdig, die Leute hier, sie saufen und saufen und denken, sie feiern, aber sie tun ohnehin jeden Tag das Gleiche. Ich hatte sie schon satt, bevor ich zur\u00fcckkam\u201c, sprach Gert sie an. \u201eWo warst du?\u201c, fragte Anna. \u201e\u00dcberall und nirgendwo, ich habe gearbeitet auf einem Schiff, habe mir ein wenig die Welt angeschaut.\u201c Gert sah sie direkt an und grinste wieder.<br \/>\nZaghaft meinte Hans zu Beatrice: \u201eIhr k\u00f6nntet mit zu mir kommen. Ich habe noch eine Flasche Gin zu Hause und bessere Musik.\u201c Beatrice war einverstanden. Anna wollte fort von diesem Fest, das keines war, weg von Gerts Blick.<br \/>\nBeatrice fuhr vorsichtig mit ihrem Auto hinter Hans her, der mit einem Mofa vorausfuhr und ihnen den Weg zeigte. Anna war betrunken. Wenn sie die Augen schloss, wirbelte sie herum. Sie klammerte sich an den Autositz.<\/p>\n<p>Dann sa\u00dfen sie in dem engen Zimmer von Hans. Gro\u00dfe dunkelbraune Betten verdeckten eine Wand, ein riesiges dunkelbraunes Bett f\u00fcllte den Raum, an einem niedrigen Tischchen in der Ecke nahmen sie Platz. Hans machte mit seinem Kassettenrekorder Musik und brachte Gin. Sie tranken aus der Flasche reihum. Anna verstand kaum, was die beiden erz\u00e4hlten, wor\u00fcber sie sprachen. Gert stand in der T\u00fcr. Anna taumelte und sank auf das Bett.<br \/>\nJemand zog und zerrte an ihr. Sie war nackt. Eine warme Hand griff von hinten zwischen ihre Beine, streichelte sie. Anna dr\u00fcckte die Hand fort. Ein Mann drang in sie ein, gesichtslos blieb er hinter ihr, Anna stie\u00df nach ihm, doch sie tauchte nicht auf aus ihrem D\u00e4mmer.<\/p>\n<p>Unter Wasser, alles gleichg\u00fcltig, ein Stein, ein Tier, eine Pflanze, sie selbst ein gallertiges Wesen, azurblau, t\u00fcrkis, sie trieb fort zwischen Meergras und Tang, Koralle war sie und Bl\u00fcte, sie lebte, an Land gesp\u00fclt, kein Zusammenhang, die Erde rutschte, sie lebte.<br \/>\nJemand r\u00fcttelte an ihren Schultern. Eine dunkelhaarige Frau, stark geschminkt, hochtoupiertes Haar, hob Anna aus dem Bett und stellte sie unter die kalte Dusche. Immer wieder sackte sie zusammen.<br \/>\nJemand half ihr auf, zog sie an. Beatrice war da. \u201eWeshalb hast du blo\u00df mit Gert geschlafen, mit diesem elenden Herumtreiber? Hans lag neben mir und weinte die ganze Nacht und du hast laut gest\u00f6hnt!\u201c<br \/>\nAnna sah Beatrice fassungslos an.<br \/>\n\u201eEs ist schon bald sieben!\u201c, rief eine Frau ins Zimmer. \u201eDas ist die Mutter von Hans\u201c, stellte Beatrice vor.<br \/>\nDie Frau mit dem toupierten Haar, die Hans\u2018 Mutter war, brachte Anna mit dem Auto zum Gasthaus. Anna hatte noch Zeit, sich umzuziehen und begann wie immer mit der Arbeit.<\/p>\n<p>Es war Sonntag, ein strahlender Tag. Der Wirt lie\u00df Anna auch im Gastgarten servieren. Eine Gruppe von Radwanderern kam, Ehepaare a\u00dfen zu Mittag, eine Hochzeitsgesellschaft feierte.<br \/>\nAnna rannte und brachte Getr\u00e4nke und Essen, mechanisch rannte sie zwischen den Menschen, mehr und mehr aufgel\u00f6st, mit rotem Gesicht verlor sie die \u00dcbersicht.<br \/>\nAls Anna in dieser Nacht mit dem Wirt in der K\u00fcche das Geld z\u00e4hlte, fehlte etwas mehr als der Betrag, den sie an diesem Tag verdient h\u00e4tte. In dieser Nacht erhielt Anna kein Geld, sie musste dem Wirt etwas bezahlen.<br \/>\nAnna ging hinaus aus der K\u00fcche in die Gaststube, der Schl\u00fcssel steckte noch in der T\u00fcr, sie sperrte auf, ging hinaus in den Gastgarten. Der Himmel war hoch und fern, die Sterne glitzerten eisig.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Der Mond versank blutrot im Meer. Die Nacht schlief. Der Ruf eines K\u00e4uzchens durchbrach die Stille.<br \/>\nMit einem pl\u00f6tzlichen Ruck erhob sich Anna, nahm sorgsam Gl\u00e4ser, Weinflasche und Teller mit in die K\u00fcche und ging zu Bett. Noch lange starrte sie ins Dunkel, bis sie endlich einschlief.<br \/>\nWieder erwachte sie sp\u00e4t.<br \/>\nWolken hatten sich auf den Bergen niedergelassen, die Welt war grau. Sie schritt rasch den H\u00fcgel hinab. Entschlossen verlie\u00df sie ihren Pfad und nahm den Weg zu Sordos Haus.<\/p>\n<p>Schon von ferne sah sie den hohen, dunklen Bretterzaun, der Hund bellte, H\u00fchner gackerten, im Haus h\u00f6rte sie ein Klopfen, ihr Herz pochte. Sie rief nach Sordo.<br \/>\nNach einer Weile \u00f6ffnete er das Tor. Er sah sie von der Seite an, als wollte er vermeiden, sie richtig anzusehen. Finster und verschlossen schien er. Aber er lie\u00df sie eintreten, f\u00fchrte sie durch den Hof zum Haus, lie\u00df sie dort stehen und verschwand in einem der niedrigen St\u00e4lle, die dem Haus gegen\u00fcber standen. Mitten im Hof gab es einen alten Ziehbrunnen. Anna setzte sich auf eine Holzbank mit dem R\u00fccken zur Steinwand des Hauses. Ruhig und friedlich war es hier. Sie schloss die Augen, das Leben in ihr wurde still, kam endlich zur Ruhe. Aus dem Stall h\u00f6rte sie Sordos leises H\u00e4mmern.<\/p>\n<p>Sordo arbeitete ruhig, aber innerlich irritiert. Sie war gekommen, um ihm nahe zu sein, das wusste er. Er hatte sich nach ihr gesehnt. Sie war so sanft, so warm, so lebendig. Aber jetzt, wo sie von sich aus gekommen war, schreckte er zur\u00fcck vor der Begegnung.<br \/>\nAnna kam zu ihm in den Stall. An den W\u00e4nden stapelten sich Hasenk\u00e4fige. Weiche, stille Tiere, die mit gro\u00dfen Augen schauten. Sordo baute einen K\u00e4fig. Unwillig blickte er auf, doch sie l\u00e4chelte. Sie reichte ihm den Nagel, den erbrauchte, das n\u00e4chste Brett. Er lie\u00df es geschehen.<br \/>\nSo arbeiteten sie schweigend, bis der K\u00e4fig fertig war. Er stellte ihn in eine Ecke, holte vorsichtig zwei junge Hasen aus einem K\u00e4fig und setzte sie in ihren neuen Stall. Anna freute sich an der Z\u00e4rtlichkeit, mit der er die Tiere ber\u00fchrte. \u201eDarf ich?\u201c Sie nahm einen Hasen und streichelte ihn. \u201eWie weich und sch\u00f6n er ist &#8230; Du verkaufst sie?\u201c \u201eJa, ich t\u00f6te sie und dann verkaufe ich sie im Dorf\u201c, sagte er grob. \u201eDu t\u00f6test sie selbst?\u201c \u201eIrgendjemand muss es ja tun.\u201c \u201eWenn du sie aufziehst, liebst du sie dann nicht?\u201c \u201eJa, ich liebe sie und dann t\u00f6te ich sie, so ist das.\u201c Er lachte.<\/p>\n<p>Dann nahm er sie wie schon einmal an der Hand und f\u00fchrte sie in sein Haus. Er zeigte ihr, was er alles verbessert und ver\u00e4ndert hatte. Und sie sah, dass es klug war und gut.<br \/>\nAnna sp\u00fcrte, wie in Sordo langsam die Freude erwachte, weil irgendjemand, nein, weil sie da war und achtete, was er tat, diese seltene Kraft in ihm, mit der er sich dem Tun, der Auseinandersetzung mit den Tieren und den Dingen hingab.<br \/>\nSie l\u00e4chelte ihn strahlend an, als h\u00e4tte er ihr ein gro\u00dfes Geschenk gemacht. \u201eDanke\u201c, sagte sie. \u201cWof\u00fcr?\u201c, fragte er erstaunt. \u201eF\u00fcr die sch\u00f6nen Momente dieses Tages.\u201c<br \/>\nEtwas in ihm stockte, ihre Worte trennten ihn ab von der verschwiegenen Vertrautheit, die still und unbemerkt zwischen ihnen entstanden war. Anna sp\u00fcrte sein Unbehagen, doch sie verstand es nicht, sie dr\u00fcckte seine Hand und l\u00e4chelte, dann ging sie hinaus in ihren Tag.<\/p>\n<p>Sordo blieb w\u00fctend zur\u00fcck. Er hasste die leichtf\u00fc\u00dfige Art, mit der sie kam und ging. Er hatte Zeit gebraucht zu ertragen, dass sie so selbstverst\u00e4ndlich in seine Welt eingebrochen war, schlie\u00dflich hatte er sich zurechtgefunden, dann war es sch\u00f6n gewesen. Er war w\u00fctend, dass sie so einfach fortgehen konnte.<br \/>\nEr schloss die T\u00fcr, sperrte Anna und die Welt aus und kehrte zu seiner Arbeit zur\u00fcck. Mit einer Axt spaltete er Holz. Die Arbeit entspannte ihn. Sorgf\u00e4ltig sammelte er die Holzscheite ein und stapelte sie bed\u00e4chtig an dem daf\u00fcr vorgesehenen Platz im Verschlag neben dem Hasenstall.<\/p>\n<p>Anna war leicht und gl\u00fccklich, als sie Sordos Haus verlie\u00df. Die Welt war verwandelt. Der Himmel war tief und blau wie der Streifen des Meeres, den sie vom H\u00fcgel aus sehen konnte. Wei\u00dfe Wolken wurden vom Himmel hin und hergeworfen. Die hei\u00dfen flirrenden Felsen hoben sich dem Himmel entgegen, das flimmernde Glei\u00dfen der Hitze wie eine sichtbare Liebkosung, die sanften H\u00fcgel, dicht gepolstert mit Thymian und Salbei, ein zarter Duft h\u00fcllte sie ein. Das Sonnenlicht drang langsam in ihr Fleisch, das Haar um ihr Gesicht wurde warm und sie seufzte vor Vergn\u00fcgen. Sie wollte diesen Nachmittag an sich vor\u00fcbergleiten lassen, wollte keines der Bilder festhalten, wollte das Gl\u00fccksgef\u00fchl speichern, das sie ganz ausf\u00fcllte. Langsam ging sie weiter.<\/p>\n<p>Ein Mann hockte am Wegrand und rastete im Schatten eines Johannisbrotbaumes. Sein schwer beladener Esel stand ergeben im Schatten und d\u00f6ste. Unverwandt starrte der Mann Anna an. Anna nahm sein Bild in sich auf, er war dunkel gekleidet, neben ihm lag ein verkr\u00fcppelter Stock zwischen den Steinen. Unendlich alt musste er sein, dieser Mann, sein Gesicht zusammengeschrumpft, durchpfl\u00fcgt von Runzeln und Falten, seine hellen Augen klar, er hockte auf seinen untergeschlagenen Beinen, ein Bild der Ruhe, doch schien sein K\u00f6rper gespannt, unverwandt schaute er Anna an, als betrachtete er einen Stein. Dann l\u00e4chelte sein Mund. Seine Augen hafteten fest an ihr. Ein goldener Zahn blitzte in der Sonne. Sein Bild sank zugrunde in Anna. Sie gr\u00fc\u00dfte ihn leise.<\/p>\n<p>Nach der n\u00e4chsten Biegung des Weges lie\u00df sie sich auf einem der Steine nieder. Sie hatte das undeutliche Gef\u00fchl, keine Zeit zu haben, sie musste etwas entscheiden, etwas tun. Sie sehnte sich nach einem jener Momente, in denen alles klar war, nach einem Wendepunkt, die Vergangenheit sollte abgetan, abgeschlossen hinter ihr im Schatten, die Zukunft deutlich und sonnenklar vor ihr liegen. \u00c4rgerlich sch\u00fcttelte sie den Kopf. Sie wollte nicht nachdenken, nichts entscheiden. Entschlossen stand sie auf und ging zu Sordo zur\u00fcck.<br \/>\nSordo starrte sie fassungslos an, als sie leuchtend und scheu vor ihm im Sonnenlicht stand. Sie l\u00e4chelte. \u201eIch habe dir frische Feigen mitgebracht.\u201c Ihre Stimme war hell und fr\u00f6hlich. Sordo war \u00fcberrumpelt, er nahm die Fr\u00fcchte, unbefangen kam Anna in den Hof und in sein Haus. Doch sie war viel zu empfindsam, um seine Verwirrung nicht zu bemerken und so setzte sie sich still und f\u00fcgsam auf einen der gro\u00dfen h\u00f6lzernen Sessel. Sordo verlie\u00df das Haus, den Hof, sperrte das Hoftor von au\u00dfen zu. Anna r\u00fchrte sich nicht von ihrem Platz.<br \/>\nNach l\u00e4ngerer Zeit kehrte Sordo zur\u00fcck. Sorglos warf er Gem\u00fcse auf den Tisch. \u201eIch habe in der N\u00e4he einen kleinen Garten angelegt!\u201c Er l\u00e4chelte stolz, er war ver\u00e4ndert, sein Blick drang an die Oberfl\u00e4che seiner Augen, sie gl\u00e4nzten wieder, offen und freundlich sah er sie an. Annas Beklemmung war fortgewischt. Ihr Leuchten kehrte zu ihr zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Anna holte Wasser und ein Messer. Selbstvergessen wusch und putzte sie das Gem\u00fcse. Sordo schnitt Zwiebeln und briet diese in hei\u00dfem Fett. Anna gab das Gem\u00fcse dazu. Sie sprachen nicht. Wieder arbeiteten sie schweigend, einer die Absicht des anderen erratend. Sordo deckte den Tisch, brachte Brot und Wein, dann sa\u00dfen sie einander gegen\u00fcber.<br \/>\nDen w\u00fcrzigen Geschmack des gebratenen Gem\u00fcses auf der Zunge, Sordos feine Hand lag entspannt auf dem Tisch, sie griff nach dem Glas, Sordo l\u00e4chelte ihr zu, Thymian und Knoblauch, Sordos Lippen, der Wein schmeckte nach sauren Trauben, sein Haar wild gekraust, das Brot, Sordos Blick, eine sanfte Ber\u00fchrung. Sie hob den Blick und fiel in seine Augen, tiefe Augen, vor denen sie zur\u00fcckwich, sie senkte den Kopf, sein Blick brannte L\u00f6cher in ihre Haut, er stand auf, ber\u00fchrte sorgsam ihre Schultern, wie eine Katze dehnte sie sich unter seiner Hand, ihr K\u00f6rper dr\u00e4ngte sich an seinen, sie stand auf, er k\u00fcsste sie, lie\u00df ihr Zeit, nahm Abstand, schaute sie lange an, mit seinen Augen ersp\u00fcrte sie ihre Sch\u00f6nheit, sie erwiderte seinen Blick, sie hob ihre Arme, langsam und bed\u00e4chtig zog sie sich aus, etwas in ihm erschrak vor ihrer Freiheit, ihrer Freiheit von Scham.<\/p>\n<p>Er schaute weg, zog sich selbst aus, n\u00fcchtern und sachlich. Sie schaute ihm so genau zu, dass er unsicher wurde. Er \u00fcberwand rasch die Entfernung zwischen ihnen, nahm sie an der Hand und f\u00fchrte sie zu seinem Bett.<br \/>\nSie schmiegte sich an seinen glatten dunklen K\u00f6rper. Sie schloss die Augen und \u00fcberlie\u00df sich seinen H\u00e4nden. Jeder feinen Linie ihres K\u00f6rpers sp\u00fcrte er nach, and\u00e4chtig zeichnete er ihre Sch\u00f6nheit auf ihren K\u00f6rper mit derselben z\u00e4rtlichen Sorgfalt, mit der er Dinge und Tiere ber\u00fchrte, er fand sie in jedem geheimen Winkel, sie atmete mit seinen H\u00e4nden, sie folgte einem Sog, den sie nicht verstand. Die Welt zerbarst in einem Moment der s\u00e4ttigenden Erleuchtung. Anna kuschelte sich in Sordos Arme, sie schliefen ein.<\/p>\n<p>Als Sordo erwachte, h\u00f6rte er Anna drau\u00dfen im Zimmer hantieren. Sie hatte sich angezogen und briet Speck und Eier. Sie strahlte. Er schaute in die Pfanne, l\u00e4chelte mit dem K\u00f6rper und ging, um sich zu waschen und umzuziehen.<br \/>\nSie a\u00dfen miteinander. Die Freude schwang zwischen ihnen wie das Pendel einer Uhr.<br \/>\n\u201eEs ist gut, dass du da bist\u201c, sagte Sordo, ohne sie anzusehen. Sie l\u00e4chelte. Er stapelte das schmutzige Geschirr in einer Ecke des Raumes und holte mit einem Eimer Wasser vom Brunnen, er stellte den Eimer ab, kam zu ihr, ber\u00fchrte z\u00e4rtlich ihr Gesicht mit den Fingern. \u201eIch werde jetzt gehen\u201c, sagte sie leise. Sie sp\u00fcrte nicht, wie er erstarrte, sie schmiegte sich an ihn. \u201eIch bin gl\u00fccklich\u201c, sagte sie und w\u00fcnschte, dass er sie k\u00fcsste. Dass sie das sagte, schien sie noch st\u00e4rker von ihm zu trennen. Ihm fiel ein, dass sie eine Fremde war, die nicht zu ihm geh\u00f6rte. Er drehte sich weg, holte den Eimer, goss das Wasser in eine Sch\u00fcssel und begann das Geschirr zu waschen. Wortlos ging Anna hinaus. Offenbar wollte Sordo allein sein. Sie wischte ihre kleine Entt\u00e4uschung fort und nahm den Weg hinunter zum Meer, sp\u00fcrte sich eins mit der Erde, wehrlos und offen.<\/p>\n<p>Ohne Carlo und Christine zu besuchen, ging Anna direkt zu ihrem Platz am Meer, zog sich aus, warf sich dem Wasser entgegen, es leckte an ihrer Haut, sie lie\u00df sich treiben, glitt geschmeidig \u00fcber die Wellen, lie\u00df sich sinken, eins war das Leben in ihr und die Welt. Sie legte sich in den hei\u00dfen Sand und f\u00fchlte in sich die bed\u00e4chtige tr\u00e4ge Bewegung der Erde, uralte Bewegung der Schildkr\u00f6te.<br \/>\nSie drehte sich auf den Bauch, st\u00fctzte den Kopf auf einen Arm und schaute in den wei\u00dfen Sand, zeichnete Linien.<br \/>\nSie sah sich in Basel \u2013 nach den endlosen drei Monaten, die sie im Gasthaus eingesperrt gewesen war, versch\u00fcchtert \u2013 wieder in den zu weiten Kleidern, in denen sie dort angekommen war \u2013 die Reisetasche \u00fcber die Schulter geworfen \u2013 das Geld, das sie verdient hatte, im linken Schuh versteckt, damit niemand es stahl. Anna mochte die Gestalt, die der wei\u00dfe Sand ihr zeigte. Sie hatte ein Reiseb\u00fcro betreten und einen Flug ans Meer gebucht, egal wo, irgendwo am Mittelmeer, sie hatte den n\u00e4chsten Flug genommen, der frei war, noch am selben Abend hatte sie die Insel erreicht, den n\u00e4chsten Bus genommen, war in dem kleinen Fischerd\u00f6rfchen ausgestiegen, das ihr gefiel, hatte ihre Reisetasche in das Lokal am Meer gestellt und war hinausgelaufen, hatte sich ins Wasser gest\u00fcrzt und herumgetobt, bis sie schrie vor Vergn\u00fcgen. Sie war frei.<\/p>\n<p>Anna l\u00e4chelte und verwischte die Linien im Sand, rollte sich in den Schatten eines kleinen, verkr\u00fcppelten Olivenbaums. Ihr K\u00f6rper war leicht, ihr Geist, auch er wie ein K\u00f6rper, genoss mit Behagen die Ruhe. Sie schaute ins endlose Meer, eine M\u00f6we schaukelte auf dem Wasser und tauchte mit Wollust ihren K\u00f6rper ein.<br \/>\nChristine und Carlo, die kleine Anita waren sehr freundlich zu ihr gewesen, hatten sie bei sich im Haus behalten, obwohl sie eigentlich keine Zimmer vermieteten. Sie hatten wohl gesp\u00fcrt, dass Anna W\u00e4rme brauchte und Schutz. Anna hatte ihnen bei der Arbeit geholfen. Nach einer Woche hatten sie das kleine H\u00e4uschen auf dem H\u00fcgel f\u00fcr sie gefunden. Seit drei Wochen wohnte sie nun dort.<br \/>\nAnna rollte wieder in die Sonne und streckte sich. Die Freude dieses Tages flutete aus den Tiefen ihres Daseins zur\u00fcck, verzweigte sich, tr\u00e4nkte und s\u00e4ttigte sie. Ausgestreckt, mit geschlossenen Augen empfand sie, wie ihr Wesen sich dehnte und weitete, die Erde trug sie, sie gestattete ihrem Geist nicht, ihr Empfinden in seine Formen zu pressen. Am ganzen K\u00f6rper sp\u00fcrte sie tierhaftes Wohlsein.<br \/>\nNoch einmal warf sie sich ins Wasser, l\u00f6ste sich auf in den Wellen, zerfloss. Sie existierte und war doch nicht da. Sie war nichts. Dann f\u00fcgte das gleiche Etwas, das sie in viele Teilchen aufgel\u00f6st hatte, sie wieder zusammen.<\/p>\n<p>Anna trocknete sich ab und zog sich an. Sie wusste, dass sie nicht mehr lange so weitermachen konnte wie bisher. Sie wollte nicht all das Geld, das sie in der Schweiz verdient hatte, hier ausgeben. Wenn sie weiter hier bleiben wollte, dann musste sie arbeiten.<\/p>\n<p>Sie ging zu Carlo und Christine, es war ohnehin schon sp\u00e4t, Giorgio sa\u00df bei den beiden in der K\u00fcche, er hatte sich offenbar mit ihnen angefreundet, was Anna ein wenig \u00fcberraschte.<br \/>\nNach dem Essen erz\u00e4hlte Anna, dass sie gerne so lange wie m\u00f6glich hier auf der Insel bleiben w\u00fcrde, dass sie Arbeit finden m\u00fcsse. Giorgio war begeistert, \u00fcbereifrig erz\u00e4hlte er, er h\u00e4tte H\u00e4user, die er an Touristen vermietete, Oliven- und Weing\u00e4rten, da g\u00e4be es viel Arbeit. Er k\u00f6nne sie gut gebrauchen. Anna vereinbarte, mit ihm am n\u00e4chsten Tag seinen Besitz zu besichtigen, um zu sehen, was sie erwartete. Christine sah Anna neugierig an. Sie war beinahe sicher, dass Anna nicht Giorgios wegen l\u00e4nger bleiben wollte. Doch sie hielt ihre Fragen zur\u00fcck. Anna wurde unruhig. Sie n\u00fctzte den n\u00e4chsten geeigneten Moment, sich zu verabschieden, bat Giorgio, der sich ihr aufdr\u00e4ngte, sie alleine gehen zu lassen und ging so schnell sie konnte zu Sordo.<\/p>\n<p>Es war schon sp\u00e4t. Der Mond stand hoch \u00fcber der Sternenflut, als sie Sordos Haus erreichte. Der Hund bellte aufgeregt.<br \/>\nSie h\u00f6rte Sordo die T\u00fcr seines Hauses \u00f6ffnen, sie rief nach ihm. Sordo blieb still.<br \/>\nEr fand es sch\u00f6n, wenn sie da war, es war gut, wenn sie fortblieb. Er konnte es nicht ertragen, wenn sie kam und ging nach ihrem Belieben. Er hasste sie daf\u00fcr.<br \/>\nAnna rief wieder. Nach einer Weile kam er und \u00f6ffnete das Tor einen Spalt. \u201eWas willst du?\u201c Kalt und fremd sah er sie an. \u201eIch muss dir etwas erz\u00e4hlen, es ist wichtig!\u201c Sie verstand nicht, was mit ihm los war, in ihrer Verwirrung senkte sie den Kopf. Wehrlos sah sie aus und scheu und da nahm er sie wieder an der Hand und f\u00fchrte sie in sein Haus. Auf dem Gaskocher bereitete er Tee.<\/p>\n<p>\u201eIch werde auf der Insel bleiben. Ich werde arbeiten\u201c, sagte Anna in die Stille. \u201eIch habe heute Giorgio getroffen bei Carlo und Christine, er sagt, er hat Arbeit f\u00fcr mich. Ich werde arbeiten. Ich wei\u00df noch nicht genau, wo, sooft ich kann, werde ich kommen, um dich zu besuchen. Wir werden Zeit haben.\u201c<br \/>\nMit einem Ruck drehte sich Sordo zu ihr um, feindselig und hasserf\u00fcllt sah er sie an. Er verstand nicht, weshalb sie Arbeit suchte. Er hatte doch Gem\u00fcse und Fleisch und ein Haus. Dass sie f\u00fcr Giorgio arbeiten wollte, brachte ihn v\u00f6llig aus der Fassung. Er machte einen Schritt auf sie zu, er wollte sie schlagen, doch er beherrschte sich, drehte sich weg und st\u00fcrmte aus dem Zimmer.<\/p>\n<p>Mit einer Schnur fesselte er die Beine seiner Ziege, sorgsam legte er ihren Kopf auf einen Baumstrunk. Mit beiden H\u00e4nden umklammerte er die Axt, er holte weit aus und schlug mit aller Kraft zu. Blut spritzte, mit einem Hieb hatte er seiner Ziege den Kopf abgeschlagen. Entsetzt starrte er einen Moment lang auf das tote Tier. Dann raste es wieder in ihm. Er nahm den blutigen Sch\u00e4del, rannte in das Zimmer, warf ihn vor Anna auf den Tisch. \u201eMorgen werde ich das Fleisch verkaufen im Dorf. Dann habe ich auch Geld. Das kannst du dann haben!\u201c, schrie er und st\u00fcrzte davon.<\/p>\n<p><em>\u201eIn dieser Nacht starb Anna\u201c, so schloss ich meine Geschichte. \u201eVielleicht\u00a0bin ich\u00a0in die Nacht hinausgerannt und habe mich an den Beinen verletzt. Am n\u00e4chsten Tag, als die Sonne brannte und die Fliegen zu Tausenden an mir klebten, habe ich\u00a0mich vielleicht unter einem Felsen verborgen.\u00a0Ich schrie und als niemand kam,\u00a0mich mit einem Stein zu erschlagen oder\u00a0mich zu retten, starb ich. Vielleicht starb\u00a0ich auch anderswo.\u201c<br \/>\n\u201eEs dauerte viele Jahre, bis neues Leben in mir erwachte\u201c, sagte ich in den Spiegel. Ersch\u00f6pft sank ich zur\u00fcck auf mein Bett.<br \/>\nHohl\u00e4ugig schaute die Alte mich an und hielt z\u00e4rtlich meine Hand. \u201eDu erinnerst Anna, doch so hei\u00dft du nicht. Du wei\u00dft gar nichts. Du bist doch nur verletzt wegen &#8230;\u201c<br \/>\nEs lachte schrill.<br \/>\nDann tanzte ich f\u00fcr meinen Tod.<br \/>\nAls der Tanz zu Ende war, r\u00fchrte er mich an.<\/em><\/p>\n<p><em>Unterdessen hatte die alte Frau die St\u00fccke meiner Geschichte eingesammelt und neu\u00a0 zusammengesetzt. Sie verkaufte sie an einen Filmproduzenten.<br \/>\nDie Geschichte begann mit den Worten:<br \/>\n\u201eSieben Leben hat die Katze.&#8220;<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Marianne Peternell<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 18162<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>I In dem Bierzelt war es laut. Eine Musikgruppe spielte lieblos altbekannte Lieder, M\u00e4nner gr\u00f6lten, wieder trinkende M\u00e4nner, doch diesmal in anderer Umgebung, dazwischen Frauen, einige P\u00e4rchen tanzten. 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