{"id":9017,"date":"2018-12-04T08:30:08","date_gmt":"2018-12-04T08:30:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9017"},"modified":"2018-12-09T16:28:11","modified_gmt":"2018-12-09T16:28:11","slug":"walpurgisnacht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=9017","title":{"rendered":"Walpurgisnacht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9017&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts9017&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ihre Hand streicht immer wieder langsam \u00fcber die zusammengerollte Tageszeitung. Im Hintergrund h\u00f6rt sie die Pendeluhr \u2013 \u201etick, tack, tick, tack\u201c. Das Feuer knistert im Kamin und die Flammen malen rote und orange Farbschattierungen an die gegen\u00fcberliegende Wand. Sie h\u00f6rt die Haust\u00fcre ins Schloss fallen, endlich ist Sophie vom Spaziergang zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eM\u00f6chtest du Tee? Ich habe gerade den Kessel aufgesetzt.\u201c Katharina nimmt ihrer Tante den Mantel ab. \u201eDas ist sehr lieb von dir, danke.\u201c<\/p>\n<p>Sie setzen sich an den Tisch, wie zuf\u00e4llig legt Katharina die Zeitung zwischen die Teetassen. Sophie schmunzelt.<\/p>\n<p>\u201eWieder was gefunden?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, sieh auf die vorletzte Seite, da steht es!\u201c<\/p>\n<p>Sophie umschlingt mit beiden H\u00e4nden die warme Teetasse, Altersflecken sind deutlich zu sehen, aber die Haut auf ihren schlanken Gliedern scheint wie aus Pergamentpapier zu sein, zart, d\u00fcnn und kaum Falten.<\/p>\n<p>\u201eWillst du es gar nicht lesen?\u201c, fragt Katharina ungeduldig.<\/p>\n<p>\u201eIch wei\u00df doch, was drin steht. Ist ja immer derselbe Text\u201c, antwortet Sophie mit einem L\u00e4cheln.<\/p>\n<p>Katharina nimmt die Ecke der Platzdecke aus buntem Stoff zwischen Zeigefinger und Daumen, rollt sie kurz zusammen, streicht sie glatt, rollt sie zusammen \u2026 Ihre Augen sind auf den dampfenden Tee gerichtet. Sie atmet tief durch:<\/p>\n<p>\u201eDu k\u00f6nntest ja mal antworten zur Abwechslung, wieso l\u00e4sst du alle im Ungewissen?\u201c, fragt sie leise.<\/p>\n<p>Sophie greift nach der Hand ihrer Nichte, streichelt sanft \u00fcber den Handr\u00fccken und verhindert so, dass Katharina st\u00e4ndig die Platzdecke zerkn\u00fcllt.<\/p>\n<p>\u201eTick, tack, tick, tack.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIch lege nochmals nach, es soll heute Nacht st\u00fcrmisch werden.\u201c Sophie erhebt sich und holt Holzscheite aus dem geflochtenen Korb in der N\u00e4he des Ofens.<\/p>\n<p>Langsam r\u00e4umt Katharina den Tisch ab, schl\u00e4gt die letzte Seite der Zeitung auf und verl\u00e4sst den Raum.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Morgen liegt das Journal immer noch unber\u00fchrt da. Beim Fr\u00fchst\u00fcck reden die Frauen belanglos \u00fcber das Wetter und die bevorstehende Vollmondnacht.<br \/>\nAnschlie\u00dfend holt Sophie einige Papiert\u00fcten und Gl\u00e4ser, gef\u00fcllt mit R\u00e4ucherharzen und Kr\u00e4utern, aus dem Keller, nimmt den schweren Steinbeh\u00e4lter mit dem St\u00f6\u00dfel aus dem Regal und macht es sich am K\u00fcchentisch gem\u00fctlich.<\/p>\n<p>\u201eKann ich dir behilflich sein, Tante?\u201c, fragt Katharina. Langsam sch\u00fcttelt Sophie den Kopf.<\/p>\n<p>\u201eDas ist nicht n\u00f6tig, Liebes. Aber tu mir doch den Gefallen und hole aus meinem Kleiderschrank die alte Holzkiste, die ganz unten steht.\u201c<\/p>\n<p>Sophie mischt Kr\u00e4uter, Samen und Harze in dem Steingef\u00e4\u00df und m\u00f6rsert leise vor sich hinsummend. Duftschwaden erf\u00fcllen den Raum, es riecht nach Myrrhe, Kardamom, Salbei und Moschus.<br \/>\nKatharina kehrt mit der alten Kiste zur\u00fcck und nimmt den angenehm w\u00fcrzigen, sinnlichen Duft wahr.<\/p>\n<p>\u201eWillst du sie nicht \u00f6ffnen?\u201c, fragt Sophie.<\/p>\n<p>Katharina versucht sich am zierlichen, verrosteten Vorh\u00e4ngeschloss, es ist jedoch zwecklos.<br \/>\n\u201eSie ist ja verschlossen. Wie soll ich sie \u00f6ffnen?\u201c<\/p>\n<p>Die Tante greift an ihre Halskette, an der, unter vielen anderen kleinen Anh\u00e4ngern, auch ein winziger Schl\u00fcssel h\u00e4ngt, den sie nun abnimmt und ihrer Nichte reicht.<br \/>\nKatharina ist nerv\u00f6s, schon immer wollte sie wissen, was sich in dieser Kiste verbirgt. Dass sich heute das Geheimnis pl\u00f6tzlich l\u00fcften soll, kommt v\u00f6llig \u00fcberraschend.<br \/>\nLeise knarzend hebt sich der Deckel. Eine Ansammlung von Zeitungsausschnitten liegt fein s\u00e4uberlich gefaltet darin, daneben eine alte Herrenuhr und ein goldener Ring. Sie nimmt den Ring zur Hand und liest die Gravur in der Innenseite. \u201eSophie \u2013 01.05.1967\u201c. Langsam faltet sie die Papierseiten auseinander. Inserate aus den vergangenen Jahren, immer mit derselben Formulierung.<\/p>\n<p>\u201eDu kannst das Inserat von gestern kontrollieren. Es wird der gleiche Text sein, richtig?\u201c Die Tante ist noch immer mit ihrer R\u00e4uchermischung besch\u00e4ftigt und zwinkert Katharina zu.<br \/>\nDas Knistern im Kamin wird zunehmend lauter, als ob die Holzscheite eine extra Luftversorgung bekommen h\u00e4tten. Pl\u00f6tzlich dringt der Moschus- und Kardamomduft ganz intensiv an Katharinas Nase und f\u00e4hrt ihr wie ein Blitz in die Stirnh\u00f6hlen.<\/p>\n<p>\u201eTick, tack, tick, tack.\u201c<\/p>\n<p>Katharina hat insgesamt f\u00fcnfundzwanzig Seiten aufgeklappt, ihre Tante hat mit krummer Handschrift jeweils das Erscheinungsdatum darauf notiert.<\/p>\n<p>\u201eVERMISST! Ich suche meinen Vater! Er war Pilot und ist wahrscheinlich im Raum Allg\u00e4u, Deutschland, geboren. In den Jahren 1970 bis 1980 war er f\u00fcr eine deutsche Fluggesellschaft t\u00e4tig und ist regelm\u00e4\u00dfig in die USA geflogen. Seit Ende April 1980 ist er nicht mehr hier in Washington DC gesehen worden. F\u00fcr n\u00e4here Hinweise bitte eine Mail an: mark.lewis@autornet.com\u201c<\/p>\n<p>\u201eDu musst ihm schreiben, Sophie!\u201c Katharina h\u00e4lt sich an der Stuhllehne fest, ihr wird schwindlig von dem durchdringenden Geruch und der Hitze im Raum.<\/p>\n<p>\u201eDen Teufel werde ich tun! Sein Vater war ein Mistkerl, er hat ein Doppelleben gef\u00fchrt und wahrscheinlich nicht nur mich betrogen. Ich werde fr\u00fch genug entscheiden, ob ich ihm davon erz\u00e4hlen werde. Bald wird er hier eintreffen und wir lernen ihn kennen.\u201c Sophie l\u00e4sst lautstark den St\u00f6\u00dfel auf den Tisch fallen und ihre H\u00e4nde zittern.<br \/>\nKatharina setzt sich, sortiert die Zeitungsausschnitte und legt sie wieder sauber in die Kiste zur\u00fcck.<\/p>\n<p>\u201eWir werden ihn kennenlernen? Wann?\u201c<\/p>\n<p>\u201eNoch in diesem Sommer, Katharina. Sobald Chiara wieder zur\u00fcck ist. Es hat alles seine Richtigkeit, glaube mir.\u201c<\/p>\n<p>\u201eIhr habt also am 1. Mai 1967 geheiratet, morgen h\u00e4ttet ihr euren \u2026 51. Hochzeitstag? Immer am Abend davor feierst du ein Ritual am Waldrand, wieso vor eurem Hochzeitstag, Sophie? Wenn er doch so ein Mistkerl war?\u201c Lange sehen sich die zwei Frauen \u00fcber den Tisch hinweg an.<\/p>\n<p>\u201eTick, tack, tick, tack.\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs war nicht nur unser Hochzeitstag, Liebes. In der Nacht davor, der Walpurgisnacht, habe ich endlich begriffen, dass ich betrogen werde. Und genau DAS feiere ich jedes Jahr.\u201c<\/p>\n<p>\u201eWir hatten beide nicht die besten Jahre, was M\u00e4nner betrifft. Wird es f\u00fcr Chiara besser werden, Tante?\u201c<\/p>\n<p>\u201eJa, das wird es. Glaube mir!\u201c Sophie erhebt sich, geht um den Tisch herum und umarmt ihre Nichte herzlich.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter am Abend machen sich die beiden Frauen auf den Weg zum Waldrand. Sophie tr\u00e4gt ein weites, kn\u00f6chellanges Leinenkleid in Purpurrot, viele bunte Armreifen und Ketten klimpern bei jedem Schritt und ihr silbergraues, welliges Haar weht im Wind. Katharina ist in einen hellblauen Mantel geh\u00fcllt und tr\u00e4gt einen gro\u00dfen Korb gef\u00fcllt mit Holzscheiten, einem Glas mit der R\u00e4uchermischung, einer Thermoskanne und zwei Porzellantassen mit bunten Blumen darauf.<br \/>\nSie halten an einem Lagerfeuerplatz, der kreisf\u00f6rmig mit Granitsteinen umrandet ist. Das Ritual der Walpurgisnacht wird j\u00e4hrlich im selben Ablauf zelebriert. Einige Frauen aus dem Dorf kommen ebenfalls anspaziert, schweigend nicken sich die Damen zu und packen ihre K\u00f6rbe aus. Sophie entz\u00fcndet das Feuer und l\u00e4sst achtsam ein klein wenig R\u00e4ucherware hineinrieseln.<br \/>\nLangsam wird es dunkel. Die Frauen w\u00e4rmen sich an den Flammen und trinken hei\u00dfen Punsch. Aus den Tassen steigt der Geruch von Waldmeister, Melisse, Johannisbeere, Salbei und Wein empor.<br \/>\nManche Frauen tanzen um das Feuer, andere trommeln und singen eigent\u00fcmliche Lieder. In der Mitte steht Sophie und l\u00e4chelt, sie betrachtet den Nachthimmel und entfernt sich einige Meter von der Gruppe. Katharina folgt ihr schweigend.<br \/>\nAn einem Felsvorsprung halten sie an. Ein laues L\u00fcftchen weht und es riecht intensiv erdig. Sophie betrachtet aufmerksam den Felsen, hinter dem nun der Vollmond strahlend leuchtet.<\/p>\n<p>\u201eTante, wohin ist dein Mann verschwunden? Leute im Dorf erz\u00e4hlen, du h\u00e4ttest \u2026 also du h\u00e4ttest was mit seinem Verschwinden zu tun. Du wei\u00dft schon \u2026!\u201c<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6ren sie ein lautes Jaulen in der Ferne. Ein Wolf stimmt in die Lieder der um das Lagerfeuer tanzenden Frauen ein.<\/p>\n<p>\u201eDie Antwort kennt nur der Wolf, meine Liebe!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 18160<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ihre Hand streicht immer wieder langsam \u00fcber die zusammengerollte Tageszeitung. Im Hintergrund h\u00f6rt sie die Pendeluhr \u2013 \u201etick, tack, tick, tack\u201c. Das Feuer knistert im Kamin und die Flammen malen rote und orange Farbschattierungen an die gegen\u00fcberliegende Wand. Sie h\u00f6rt die Haust\u00fcre ins Schloss fallen, endlich ist Sophie vom Spaziergang zur\u00fcck. \u201eM\u00f6chtest du Tee? 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