{"id":8888,"date":"2018-11-09T17:42:36","date_gmt":"2018-11-09T17:42:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8888"},"modified":"2018-11-18T16:45:51","modified_gmt":"2018-11-18T16:45:51","slug":"ein-sommer-in-kirchstetten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8888","title":{"rendered":"Ein Sommer in Kirchstetten"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8888&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8888&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>(vor 45 Jahren, Juni &#8211; September 1972, Brodsky bei Auden)<\/em><\/p>\n<p>Da steht er und blinzelt unsicher ins Licht am Ende des Ganges. Es ist sommerlich hei\u00df an diesem 5. Juni 1972 in Schwechat. Der Mann tr\u00e4gt einen schweren Wintermantel und auf dem Kopf eine flache Lenin-Kappe. Er ist 1,80 gro\u00df, untersetzt, breiter Hals, hohe Stirn, rotblondes Haar, starkes Kinn, ein Gesicht voller Sommersprossen, ein Gesicht, das dominiert wird von gro\u00dfen, tief liegenden Augen. Ein Blick schwer mit der Last des Beobachters, der nicht wegschauen kann. Er hat vor Kurzem seinen 32. Geburtstag gefeiert, gleichzeitig war es ein Abschied f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Ein Mann mit tief gefurchtem Gesicht erwartet ihn und holt den Koffer vom Flie\u00dfband; es ist ein K\u00f6fferchen aus Pappe, nicht schwer, von einem groben Strick zusammengehalten. Gab es einen Handschlag? Eine Umarmung eher nicht. Ein Nicken. Sie kennen sich nicht, erkennen einander aber doch, weil jeder vom anderen ein Foto \u00fcber dem Schreibtisch h\u00e4ngen hat, der eine in Leningrad, der andere in New York. Beide haben die Gedichte des anderen gelesen und bewundert. Der Schulabbrecher Brodsky hat sich selbst Englisch (und Polnisch wegen Mickiewicz, er hat den sowjetischen \u00dcbersetzungen nicht getraut) beigebracht und seine Gedichte ins Englische \u00fcbertragen. Auden erz\u00e4hlt vom ber\u00fcckend archaischen Englisch seines Gastes, so als h\u00e4tte er die Sprache der Neuen Welt mit dem Alten Testament erlernt. Auden, seit seinem achtzehnten Lebensjahr mit dem Dichter Christopher Isherwood liiert, ist ein ge\u00fcbter Menschenretter. 1935 hat er, der geborene Brite, Erika Mann geheiratet, damit sie mit einem britischen Pass aus Nazi-Deutschland fliehen konnte.<\/p>\n<p>Wystan Hugh Auden holt Jossif Brodsky von der Aeroflot-Maschine aus Moskau ab. Im Koffer ist nichts als ein bisschen Kleidung, seine Manuskripte hat man ihm am Moskauer Flughafen abgenommen, in der Tasche f\u00fcnfzig Dollar, die Freunde f\u00fcr ihn gesammelt haben. Mehr hat man dem Ausgesto\u00dfenen nicht gelassen. Der junge Dichter aus Leningrad ist eben der Staatsb\u00fcrgerschaft beraubt und des Landes verwiesen worden, als Erster in einer langen Reihe von missliebigen Intellektuellen und Dissidenten. 1973 Sinjawski\/Terz und Etkind, 1974 Solschenizyn und Nekrassow, 1976 Amalrik, 1977 Venzlova, 1978 Sinowjew, 1980 Wojnowitsch, 1981 Axjonow und so weiter und so fort noch bis zu Zeiten Gorbatschows.<\/p>\n<p>Brodsky war 1964 in Leningrad der Prozess gemacht worden; er sei ein \u201edekadenter bourgeoiser Formalist\u201c, stellte ihn, der erst ein einziges Gedicht von sich abgedruckt gesehen hatte, in eine Reihe mit den ebenso unn\u00fctzen James Joyce, Marcel Proust und Franz Kafka. Die Schreiberlinge des KGB kannten sich offenbar sehr gut aus. Wie sie sei er eine \u201eLiteratur-Drohne\u201c, ein \u201eSozialparasit, der kategorisch jede gesellschaftlich n\u00fctzliche Arbeit verweigere, seinen Eltern und dem sowjetischen Staat auf der Tasche liege\u201c, so hetzte die Zeitung \u201eVetschernij Leningrad\u201c am 29. November 1963 gegen den Dichter. \u201eF\u00fcr Brodsky hat Leningrad keinen Platz!\u201c<br \/>\nNeu war gegen\u00fcber den Stalin\u2018schen Prozessen, dass er \u00f6ffentlich gef\u00fchrt wurde und der Angeklagte sich selbst verteidigen konnte.<\/p>\n<p>Richter: <em>Was ist Ihre Besch\u00e4ftigung?<\/em><br \/>\nBrodsky: <em>Ich bin Dichter.<\/em><br \/>\nRichter: <em>Wer hat Sie als Dichter anerkannt? Wer hat Ihnen das Recht gegeben, sich Dichter zu nennen?<\/em><br \/>\nBrodsky: <em>Niemand. Wer hat mir das Recht gegeben, dem Menschengeschlecht anzugeh\u00f6ren?<\/em><br \/>\nRichter: <em>Haben Sie daf\u00fcr ein Studium absolviert?<\/em><br \/>\nBrodsky: <em>Wof\u00fcr?<\/em><br \/>\nRichter: <em>Um Dichter zu werden. Warum haben Sie keine h\u00f6here Bildung angestrebt, um etwas zu lernen, um sich vorzubereiten?<\/em><br \/>\nBrodsky: <em>Ich glaube nicht, dass Dichten etwas mit Lernen zu tun hat.<br \/>\nRichter: Womit dann?<\/em><br \/>\nBrodsky: <em>Ich denke, es ist \u2026 eine Gottesgabe. <\/em><\/p>\n<p>Dreiundzwanzig Jahre sp\u00e4ter sollte der \u201easoziale Parasit\u201c den Nobelpreis f\u00fcr Literatur erhalten, gerade als Ronald Reagan Gorbatschow <em>the imperia of the evil <\/em>besuchte.<br \/>\nEr wurde zu f\u00fcnf Jahren Zwangsarbeit verurteilt, obwohl sich Anna Achmatowa, Schostakowitsch, der Dichter Marschak und der Wissenschaftler Tschukowskij f\u00fcr ihn eingesetzt hatten. Noch nie hat es so etwas gegeben, au\u00dfer Achmatowa sind dies drei Leninpreistr\u00e4ger. Nach dem Sturz von Chruschtschow und seinem kurzen \u201eTauwetter\u201c kehrte die Sowjetunion unter Breschnew und KGB-Chef Andropow zur harten Linie in der Kulturpolitik zur\u00fcck.<br \/>\nBrodsky wurde zuerst in einem Gef\u00e4ngnis eingekerkert, dann musste er in einem Arbeitslager bei Archangelsk schuften, danach in Sibirien bei minus 50 Grad B\u00e4ume f\u00e4llen und Steine schleppen. Aber der gr\u00f6\u00dfte Unterschied zu Stalins Opfern war, dass die Au\u00dfenwelt von ihnen wusste. Die Zeit des Samisdat, der Untergrundpresse, war angebrochen und lie\u00df sich nicht mehr aufhalten. Die Proteste im In- und Ausland hatten Erfolg, nach achtzehn Monaten wurde Brodsky freigelassen und durfte nach Leningrad zur\u00fcckkehren. In der Verbannung hatte er eine neue Einsicht gewonnen:<\/p>\n<p><em>\u201eWenn wir beispielsweise an all jene denken, die in Stalins Lagern und Gef\u00e4ngnissen umgekommen sind, wenn wir an diese Millionen toten Seelen denken \u2013 wo lie\u00dfen sich da angemessene Gef\u00fchle finden?<br \/>\nK\u00f6nnen der eigene Zorn, Kummer und Abscheu dieser schwindelerregenden Zahl angemessen sein?\u201c<\/em><br \/>\nWas ist zu tun?<br \/>\n<em>\u201eDer Dichter hat nur eine Pflicht, gut zu schreiben, seiner Sprache so zu dienen, wie es seine Sprache verlangt. Poesie ist die sublimierte Form von Sprache. Und es stimmt nicht, wenn Adorno sagt, dass nach Auschwitz kein Gedicht mehr m\u00f6glich ist. Die Menschen, die in Hitlers Gaskammern gingen, h\u00e4tten Adorno nicht zugestimmt. Adorno spricht \u00fcber die Schuld der \u00dcberlebenden. Ich glaube, das Opfer votiert f\u00fcr die Existenz der Poesie.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Auden stopft den russischen Emigranten in seinen VW-K\u00e4fer und f\u00e4hrt mit ihm \u00fcber die Westautobahn in sein Sommerdomizil im nieder\u00f6sterreichischen Dorf Kirchstetten. Im Laufe des Sommers vermittelt er ihn als Professor f\u00fcr Poesie an die Universit\u00e4t Ann Arbor im US-Bundesstaat Michigan, sp\u00e4ter auch an der Columbia University in New York.<br \/>\n<em>\u201eIch wollte nicht in Westeuropa bleiben\u201c<\/em>, sagt Brodsky.<br \/>\n<em>\u201eWenn schon das Neue, dann wollte ich in das f\u00fcr mich absolut Unbekannte.\u201c<\/em><\/p>\n<p>Wer aber war der Regisseur, der den Zeitplan so einrichtete, dass in der Kirche von Kirchstetten gerade das Pfingstfest gefeiert wurde, das Fest, an dem einander die V\u00f6lker in tausend Sprachen verstanden?<\/p>\n<p><em>\u201eKomm, Sch\u00f6pfer Geist\u201c, pl\u00e4rr\u2018 ich, w\u00e4hrend Herr Bayer<br \/>\nunsere kargen Spenden sammelt und Pfarrer Lustkandl<br \/>\nstill mit dem Opfer fortschreitet. (&#8230;)<br \/>\nIm Zwiebelturm oben<br \/>\nl\u00e4uten die Glocken zur Wandlung, rufen<br \/>\n\u00d6sterreich, sich zu verwandeln: ob sich die Welt gebessert,<br \/>\nist zweifelhaft, doch glauben wir, sie k\u00f6nnt\u2018 es;\u201c<\/em><br \/>\nschreibt Auden in dem Pfingstsonntags- Gedicht (Whitsunday in Kirchstetten).<\/p>\n<p>Auden geht mit seinem fremden Gast den schmalen Pfad aus dem Dorf hinaus zum Wald, wo sie durch den Zaun in einen Garten blicken, wo ein anderer Dichter, der Selbstm\u00f6rder von 1945, begraben liegt,<br \/>\n<em>\u201ewie ein geliebter alter Familienhund.\u201c <\/em>(F\u00fcr Josef Weinheber)<br \/>\n<em>\u201eJetzt, Nachbarn T\u00fcr an T\u00fcr, w\u00e4ren<br \/>\nWir vielleicht Freunde geworden,<br \/>\nDie eine gemeinsame Umwelt<br \/>\nUnd die Liebe zum Wort teilten.<br \/>\nBei einem goldfarbenen Kremser<br \/>\nH\u00e4tten wir lange Gespr\u00e4che<br \/>\n\u00dcber Syntax, Kommas und<br \/>\nVersemachen gef\u00fchrt. (\u2026)<br \/>\nDoch hier f\u00fchle ich mich zuhause<br \/>\nWie du einst: dieselben<br \/>\nGesch\u00f6pfe stimmen wieder<br \/>\ndieselben sorgenfreien Lieder an.<br \/>\nSchaue ich \u00fcber unser Tal,<br \/>\nWo, dem Blick entzogen,<br \/>\nDer Sichelbach westw\u00e4rts eilt,<br \/>\nUm mit der Perschling sich zu vereinen &#8211;<br \/>\nEin menschlich bescheidenes Bild<br \/>\nUnd sanft in den Konturen -,<br \/>\nBin ich mir bedeutender Nachbarn bewusst,<br \/>\nDie ich verehre: der Berge,<br \/>\nDie hinter mir aufragen, vor mir<br \/>\ndes pr\u00e4chtigen Flusses.<br \/>\nDoch m\u00f6chte auch dich ich ehren,<br \/>\nKollege und Nachbar,<br \/>\ndenn selbst mein englisches Ohr<br \/>\nEntdeckt in deinem Deutsch<br \/>\nDie Meisterschaft und den Tonfall<br \/>\nEines, dem er verg\u00f6nnt war,<br \/>\nDas Spiel der Bratschen<br \/>\nAuf umz\u00e4untem Rasen zu h\u00f6ren,<br \/>\nUnd dem es sp\u00e4t oblag, <strong>den<\/strong><\/em><br \/>\n<strong><em>Abgrund zu nennen.<\/em><\/strong><br \/>\n(im englischen Original auf Deutsch)<\/p>\n<p>Es wird nicht schwer gewesen sein, dem Gast die tragische Verstrickung des nachbarlichen Dichters in die totalit\u00e4re Macht und die Zeiten voller Schrecken deutlich zu machen.<br \/>\nSorgenfreie Lieder anstimmen konnte Brodsky sicher nicht.<br \/>\nDer Dichter war aus seiner Heimat und Sprachheimat versto\u00dfen worden, staatenlos, eine ungewisse Zukunft vor sich, einzig auf einen Dichterfreund angewiesen, hatte seine alten Eltern, seine Frau Marina und ihren Sohn Andrej zur\u00fccklassen m\u00fcssen. Er hatte keine Wahl gehabt, so wie Auden, der ein hintertupfinges Bauerndorf zu seiner zweiten Heimat auserkoren hat, ein geruhsames Pendeln zwischen New York, Oxford und Kirchstetten. Wie mag er das seinem Gast erkl\u00e4rt haben?<\/p>\n<p><em>Doch hier f\u00fchle ich mich zuhause<br \/>\nWie du einst: dieselben<br \/>\nKurzlebigen Gesch\u00f6pfe stimmen wieder<br \/>\nDie sorgenfreien Lieder an,<br \/>\nObstg\u00e4rten bleiben dem Regime treu,<br \/>\ndas sie kennen, von des Aprils<br \/>\nRasch aufbl\u00fchenden Farben<br \/>\nBis hin zum ungest\u00fcmen Herbst,<br \/>\nWenn bei jedem stammelnden Windsto\u00df<br \/>\n\u00c4pfel auf den Boden schlagen.<\/em><br \/>\n(F\u00fcr Josef Weinheber)<\/p>\n<p>Auden konnte es nicht wissen, aber nur ein Dichter kann es ahnen oder prophezeien; der Atheist aus Leningrad wird sich erst im Exil intensiv mit dem Alten Testament besch\u00e4ftigen.<br \/>\nIn der stillen Mortonstreet in Greenwich Village h\u00e4ngt an der Wand \u00fcber dem Sofa ein Druck mit dem biblischen Motiv, wie Josef dem Pharao seine Tr\u00e4ume erkl\u00e4rt. Josef wird von seinen Br\u00fcdern nach \u00c4gypten verkauft und weissagt dem Pharao die fetten und mageren Jahre, sodass sich das Land entsprechend vorbereiten kann. Josef sagt am Ende zu seinen Br\u00fcdern, denen er sich zu erkennen gibt:<br \/>\n\u201aIhr gedachtet mir B\u00f6ses zu tun, Gott aber hat es zum Guten gewendet.\u2018<br \/>\nBrodsky bekennt: <em>\u201eIch votiere f\u00fcr die Bibel und insbesondere f\u00fcr den Propheten Jeremias.\u201c<\/em><br \/>\nAuch Else Lasker-Sch\u00fcler hat die Bibel als Spiegel gesehen. Sie nannte sich Prinz Jussuf, sah \u00f6fters im Traum K\u00f6nig David und f\u00fchrte Zwiegespr\u00e4che.<\/p>\n<p>\u00dcber einen anderen Bezug erz\u00e4hlt seine Mutter: <em>\u201eW\u00e4hrend der Bombenangriffe auf Leningrad suchten wir immer Zuflucht in einer Kirche. Jossif schlief dann immer in einer Kiste, in der sonst die Bittschriften der Gl\u00e4ubigen lagen. Mit vier Jahren hat er lesen gelernt, und mit f\u00fcnf hat er mir Puschkin vorgelesen.\u201c<\/em><br \/>\nHaben sie sich \u00fcber Politik unterhalten? Hat Auden seinen jungen Kollegen nach dem Gulag gefragt, nach den Unterschieden zwischen Ost und West, nach Solschenizyn? Man kann es nur vermuten, aber eher verneinen. Es werden wie mit dem Nachbarn eher das Komma, die Syntax und die Verse beim goldfarbenen Kremser gewesen sein.<br \/>\nHoffen hei\u00dft die Zukunft dementieren und sich als Einzelner in der Gegenwart zu bew\u00e4hren.<br \/>\n<em>\u201eIch wei\u00df, dass ich vor dem Abgrund steh.<br \/>\nUnd mein<br \/>\nBewusstsein kreist gleich einem Schaufelrad<br \/>\num seine Achse, die unbiegsam ist.<br \/>\nKeine Einsamkeit n\u00e4mlich schmerzt mehr<br \/>\nals die Erinnerung an Wunder.<br \/>\nGrad so kehrt ins Gef\u00e4ngnis zur\u00fcck, wer darin schon gewesen,<br \/>\nund die Tauben \u2013 zur Arche.\u201c<\/em><br \/>\nJa, so ist es. Amen.<\/p>\n<p>Meinungen \u00fcber den Westen und Vergleiche mit dem Osten hat Brodsky erst sp\u00e4ter ge\u00e4u\u00dfert, und immer vorsichtig. Der Kommunismus ist nach der Ansicht des Dichters im Exil mehr Menschen auf dem Gewissen als das aus dem Christentum erwachsene kapitalistische System.<br \/>\n<em>\u201eSogar das, was die Nazis getan haben, ist im Vergleich mit dem, was Stalin und seine Erben praktiziert haben, ein Kindergarten.\u201c<\/em><br \/>\nWas h\u00e4tte sein Gegen\u00fcber wohl dazu gesagt?<br \/>\nVielleicht h\u00e4tte er ihm die Geschichte erz\u00e4hlt, als er mit sieben in der Bibliothek seiner Leningrader Schule ein Anmeldeformular ausf\u00fcllen musste. Eine Spalte fragte nach der Nationalit\u00e4t.<br \/>\n<em>\u201eIch wusste ganz genau, dass ich Jude war, aber ich sagte der Bibliothekarin, ich w\u00fcsste meine Nationalit\u00e4t nicht. Mit einem s\u00fcffisanten Spottgesicht schickte sie mich nach Hause zu meinen Eltern, die w\u00fcssten\u2018s schon.<br \/>\nDie wahre Geschichte des menschlichen Bewusstseins beginnt mit der ersten L\u00fcge. Meine erste L\u00fcge hatte unmittelbar mit meiner Identit\u00e4t zu tun, kein schlechter Anfang.\u201c <\/em><\/p>\n<p>Oder von seinem Vater. Brodskys Vater war Fotograf. Er diente im Gro\u00dfen Vaterl\u00e4ndischen Krieg in der Marine. 1949 musste er sie verlassen, Stalin zettelte eine neue Judenverfolgung an, als er j\u00fcdische \u00c4rzte als Verschw\u00f6rer aburteilen lie\u00df. Mit dem Antisemitismus konnte man auch nach Hitler noch etwas machen.<\/p>\n<p>Vielleicht hat ihm der Gastgeber von seinem Faktotum, der resoluten wie verl\u00e4sslichen Haush\u00e4lterin Emma Eiermann erz\u00e4hlt oder die Elegie vorgelesen, die er ihr gewidmet hat.<\/p>\n<p><em>Du warst inbegriffen in das Haus,<br \/>\ndu und dein Bruder Josef,<br \/>\nSudetendeutsche,<br \/>\nzu heimatlosen Bettlern geworden, als die Tschechen<br \/>\nan die Reihe kamen, brutal zu sein.<\/em><\/p>\n<p>Und vom Landarzt Dr. Walter Birk, der nach 45 Jahren in den Ruhestand ging.<br \/>\n<em>Wenn der Sommer hereinplumpst, werden die Spatzen<br \/>\npiepsen im breiten Kastanienge\u00e4st<br \/>\nnah deinem Haus, doch keiner wird fragen<br \/>\n\u201eIst Dr. Birk da, dass er mich h\u00f6re?\u201c<\/em><\/p>\n<p>Ganz sicher hat er es nicht vers\u00e4umt, dem Gast den Friedhof neben der Kirche zu zeigen, mit einer Bank am oberen Ende unter einer Linde, wo er zu sitzen und \u00fcber in die reiche Bauernlandschaft zu schauen pflegte. Diesen Platz liebte er besonders, nannte ihn seine \u201eheimatliche Insel\u201c, der Brite aus York. Nicht wissend, dass er ein Jahr sp\u00e4ter die \u00c4pfel nicht mehr auf dem Boden aufschlagen h\u00f6ren, sondern hier unter einem schmalen Blumenbeet und einem schmiedeeisernen Kreuz seine ewige Ruhe finden w\u00fcrde.<br \/>\nBrodsky verbrachte seine Uni-Ferien in Rom und Venedig. Seit 21 Jahren liegt Brodsky auf dem Friedhof San Michele in der Lagune. So hat jeder seine Insel bekommen.<\/p>\n<p>9.8.17<\/p>\n<ul>\n<li><em>Gedichte und \u00dcbersetzungen entnommen aus \u201eGedichte \u2013 Poems\u201c, Hrsg. Wolfgang Kraus, Europa-Verlag, Wien 1973<\/em><\/li>\n<li><em>Brodsky-Zitate aus: J\u00fcrgen Serke. Die verbannten Dichter. Albrecht Kraus Verlag, Hamburg 1982<\/em><\/li>\n<\/ul>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 18153<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(vor 45 Jahren, Juni &#8211; September 1972, Brodsky bei Auden) Da steht er und blinzelt unsicher ins Licht am Ende des Ganges. Es ist sommerlich hei\u00df an diesem 5. Juni 1972 in Schwechat. Der Mann tr\u00e4gt einen schweren Wintermantel und auf dem Kopf eine flache Lenin-Kappe. 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