{"id":8863,"date":"2018-11-07T17:13:14","date_gmt":"2018-11-07T17:13:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8863"},"modified":"2018-11-24T18:50:19","modified_gmt":"2018-11-24T18:50:19","slug":"lebe-wohl-lakritz-teil-iii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8863","title":{"rendered":"Lebe wohl, Lakritz &#8211; Teil III"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8863&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8863&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Es war ein langweiliger Abend. Ich stand mit geschlossenen Augen am ge\u00f6ffneten Fenster und atmete den frischen Duft des gem\u00e4hten Rasens ein, der von Gretas Hintergarten kam. Der Duft brachte mir gesichtslose Erinnerungen. Auf einmal bekam ich Angst. Man vergisst so viel, dabei besteht das Leben zum gr\u00f6\u00dften Teil aus Erinnerungen. Der Mensch ist seine Erinnerungen, und wenn mich jemand fragen w\u00fcrde, wie alt ich bin, dann w\u00fcrde ich antworten: \u201eSo alt, wie viele von mir gelebte Sekunden ich noch in mir trage, denn mein Leben ist so lang, wie die Zeit, an die ich mich erinnere.\u201c<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich h\u00f6rte ich L\u00e4rm aus dem Hof und machte die Augen auf. Greta ging mit ihren mutma\u00dflichen Mitsch\u00fclern zur Laube. Zwischen denen war ein rotzn\u00e4siger Junge, den sie offensichtlich mochte, doch der wusste sie gar nicht zu sch\u00e4tzen. Wahrscheinlich w\u00fcrde er ihr erster sein. Es ist immer so, immer! Jedes Mal, wenn ich mir eine h\u00fcbsche Frau in den Pfoten eines Ungeheuers vorstellte, erw\u00fcrgte mich jemand mit seinen unsichtbaren H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Ich ging sofort in mein Zimmer und machte die Augen zu, verschr\u00e4nkte meine H\u00e4nde hinter dem Kopf und bildete mir Folgendes ein: Ich sitze in einem sonnenartigen Ballon, der von meiner Energie w\u00e4chst und dann explodiert. Die Explosion zerst\u00f6rt alles um mich herum, und ich stampfe durch die Asche meiner Einsamkeit.<br \/>\n\u201eExupery hat vor seinem letzten Flug gesagt, dass falls er abst\u00fcrzen w\u00fcrde, er nichts bereuen w\u00fcrde\u201c, sagte Lakritz.<br \/>\nIch machte mir Sorgen, weil ich neue Emotion in seinen Augen sah. Er war ein ungl\u00fccklicher Mensch geworden. \u201eMensch muss rechtzeitig und sch\u00f6n sterben\u201c, f\u00fcgte er hinzu.<\/p>\n<p>Nach dem Film hielten wir vor dem Kino an. Er l\u00e4chelte mich zum letzten Mal an und ging weg. Ich lief ihm nicht mehr nach, weil ich seine Entscheidung respektierte. Ich werde seine echte Geschichte nie rausfinden. Er wird f\u00fcr mich immer Lakritz bleiben.<\/p>\n<p>Ich fiel aufs Bett und dachte: \u201eLakritz ist weg. Seine Rolle ist zu Ende. Er hat sie in seine Hand genommen. Er ist ein Regisseur geworden und hat seinen Film beendet. Was mich angeht, f\u00fchre ich mein Leben weiter, ohne zu wissen wof\u00fcr, \u00fcbrigens wie die meisten Menschen auf dieser Welt.\u201c<\/p>\n<p>Stellen Sie sich vor, wie sehr ich mich wunderte, als ich ihn am n\u00e4chsten Abend sah. Zuerst dachte ich, dass ich halluziniere, aber als er vor mir anhielt, roch ich seinen Duft, und ich war \u00fcberzeugt, dass er es wirklich war.<br \/>\nEr las meine Gedanken.<br \/>\n\u201eEs existiert nur das, was du anfassen kannst. Was du siehst, sind nur Bilder in deinem Kopf.\u201c<br \/>\nIch fasste seine Schulter an und sp\u00fcrte seine Atome.<br \/>\n\u201eIch war mir sicher, dass du nicht mehr kommst.\u201c Und ich fing an zu lachen, weil ich mich an meine dramatischen Gedanken erinnert hatte.<br \/>\n\u201eNein\u201c,sagte er l\u00e4chelnd, \u201eDu dachtest nur, dass du dir sicher bist. W\u00e4rest du es, w\u00e4re ich jetzt nicht hier.\u201c<\/p>\n<p>Neben uns ging ein junges M\u00e4dchen vorbei, und es schaute mich aus irgendwelchem Grund schr\u00e4g an.<br \/>\n\u201eErinnerst du dich an die Szene in \u201eArizona Dream\u201c in der Gallo von einem Flugzeug verfolgt wird und er schreit, dass er in einem Film ist?\u201c<br \/>\nIch nickte und wusste, was er jetzt sagen w\u00fcrde.<br \/>\n\u201eDas Leben ist ein Film, und du entscheidest, wie es ausgeht. Hab keine Angst zu improvisieren! Mach alles, was immer du willst.\u201c<\/p>\n<p>Sein letzter Satz blieb in meinem Kopf zu stecken. Er klang wie ein Mantra: MACH ALLES, WAS IMMER DU WILLST!!!<\/p>\n<p>Gew\u00f6hnlich tat ich nie, was ich wirklich wollte. Das hei\u00dft, dass ich mein Schicksal nicht im Griff hatte. Deswegen war ich so ungl\u00fccklich. Um gl\u00fccklich zu werden, ist es genug, die Ketten der Angst und R\u00fccksicht zu zerrei\u00dfen. In diesem Augenblick hatte ich eine geniale Idee, so glaubte ich wenigstens. Ich verstand, dass alles erreichbar ist. Ich musste nur den Arm ausstrecken. Bisher war ich stets mit gebeugten Armen gelaufen und jammerte nur, dass alles au\u00dfer meiner Reichweite war.<br \/>\nLakritz l\u00e4chelte mich an. Er wusste bestimmt, was ich vor hatte, und ich wusste, dass er mir dabei unbedingt helfen w\u00fcrde.<br \/>\nIch wusste bereits, dass Greta zum Fitnessstudio durch den Park ging und erst in der D\u00e4mmerung zur\u00fcckkam, wenn fast niemand mehr in dem Park war.<\/p>\n<p>Eines Tages parkten ich und Lakritz mit dem von ihm besorgten Lieferwagen vor dem Eingang. Greta ging in den Park rein. Wir folgten ihr unauff\u00e4llig und blieben im Park. Lakritz setzte sich in meiner N\u00e4he auf eine Parkbank. W\u00e4hrenddessen f\u00fctterte ich die Enten. Als sie das Brot in meiner Hand sahen, fingen sie an zu schnattern und schwammen gemeinsam zu mir. Ihre F\u00fc\u00dfe waren nicht zu sehen, und man h\u00e4tte den Eindruck bekommen k\u00f6nnen, dass sie mit dem Bauch auf der Wasseroberfl\u00e4che glitten. Dem \u201eGro\u00dfen Fressen\u201c schlossen sich verschiedene Fische an und bissen ab und zu die Enten, die ihrerseits mit einem Klageruf wegschwammen, aber der Hunger war st\u00e4rker, und sie kehrten immer wieder zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Ich dachte, wir w\u00fcrden lange warten m\u00fcssen, aber die Zeit verging sehr schnell. Lakritz pfiff nach mir, und als ich Greta in meine Richtung kommen sah, versteckte ich mich im Geb\u00fcsch, aber ich erinnerte mich sofort, dass ich derjenige war, der sie aufhalten musste, also kroch ich raus. Sie bemerkte mich bald und wurde ein wenig nerv\u00f6s. Ich l\u00e4chelte sie an, und sie erwiderte es.<br \/>\nSie hielt vor mir an und wartete darauf, dass ich etwas sagte. Ich kapierte, dass mein Plan alles ruinieren w\u00fcrde, weil sie offenbar ohnehin Interesse an mir hatte, aber es war leider schon zu sp\u00e4t. Lakritz schlich sich von hinten an sie und dr\u00fcckte ein mit Chloroform getr\u00e4nktes Tuch an ihr Gesicht.<br \/>\nDas Letzte, was ich in Gretas Augen sah, war Angst. Mir wurde schwindelig.<br \/>\nWir brachten sie unbemerkt zum Lieferwagen. Wir hatten Gl\u00fcck, oder auch nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend wir aus der Stadt fuhren, bekam ich eine Panikattacke, aber sagte Lakritz nichts. Trotzdem bemerkte er es und lenkte mich ab.<br \/>\n\u201eWelcher Film?\u201c<br \/>\nIch musste nachdenken, dann fiel mir eine Verfilmung ein, aber das Buch, wie es meistens ist, war viel besser.<br \/>\n\u201eDer Sammler\u201c, sagte ich.<\/p>\n<p>Das ohnm\u00e4chtige M\u00e4dchen fesselten wir in der J\u00e4gerh\u00fctte mit Lederriemen ans Bett. Die Taschenlampe beleuchtete diese Holzkonstruktion teilweise, und sie sah ziemlich mystisch aus. Drau\u00dfen knisterten die \u00c4ste im Wind und raschelten die Bl\u00e4tter. W\u00e4hrend ich der Symphonie des Nachtwaldes zuh\u00f6rte, witterte ich den aufregenden Duft von Greta.<br \/>\nIch sa\u00df auf dem Fu\u00dfboden in der Ecke und beobachtete Lakritz, der seinerseits ziemlich lange Greta beobachtete und mir danach sein bekanntes L\u00e4cheln schickte.<br \/>\n\u201eUnd jetzt welcher?\u201c<br \/>\nIch hatte auf diese Spielchen keine Lust mehr, aber trotzdem antwortete ihm.<br \/>\n\u201eTanz der Teufel.\u201c<br \/>\nEr war mit mir sehr zufrieden.<br \/>\n\u201eDu hast einen guten Geschmack, sie ist entz\u00fcckend.\u201c<br \/>\nEs gefiel mir nicht, wie er \u00fcber sie sprach, als ob er sie vernascht h\u00e4tte.<br \/>\n\u201eEs ist Zeit, die Praline zu enth\u00fcllen\u201c, sagte er und zog Gretas Schuhe aus. Sie hatte kleine Welpen an ihren S\u00f6ckchen. Sie war wirklich noch ein Kind!<br \/>\nEr zog ihr T-Shirt und auch die Leggings aus. Jetzt lag sie blo\u00df in ihrer schwarzen Unterw\u00e4sche.<br \/>\nMein Herzklopfen beschleunigte sich.<\/p>\n<p>Er holte aus der Tasche eine Schere und beugte sich \u00fcber sie. Mein Mund wurde ganz trocken. Er schnitt ihren BH in der Mitte durch und legte mit der Scherenspitze kleine, straffe Br\u00fcste frei. Greta st\u00f6hnte leise, verst\u00f6rt, und bewegte sich.<br \/>\nEr sah mich noch einmal an und setzte dazu an, ihren Slip an der Seite aufzuschneiden.<br \/>\nIch stand so schnell auf, als ob der Boden mir einen Arschtritt verpasst h\u00e4tte, rannte zu ihm und schleuderte ihn gegen die Wand.<br \/>\nLakritz schaute mich entt\u00e4uscht an und versuchte etwas zu sagen, aber schaffte es nicht. Pl\u00f6tzlich realisierte ich, dass die Schere tief in seiner Brust steckte. Ich machte einen Schritt r\u00fcckw\u00e4rts und er sank zu Boden. Greta fing an, zu sich zu kommen. Ich befreite sie sofort und setzte mich wieder in die Ecke, dabei hielt ich die ganze Zeit mein Auge auf Lakritz, der abwechselnd mich und sie ansah. Sie setzte sich langsam auf und bedeckte ihre Brust.<\/p>\n<p>\u201eZieh dich an, nimm die Taschenlampe und folge dem Weg nach unten\u201c, sagte ich zu ihr.<br \/>\nSie stand mit gro\u00dfer M\u00fche auf, stolperte einmal und rannte, wie sie nur konnte, los. Ihre Schritte wurden vom L\u00e4rm des Waldes verschlungen.<br \/>\nIch blieb in der Dunkelheit und wartete, bis es heller wurde, dann versuchte ich vergeblich, Lakritzes erstarrte Augen zuzumachen. Ich nahm seine letzte Lakritzstange und steckte sie mir in den Mund, dann schaute ich zu dem BH, der auf dem Bett lag, und ging zu meinem bekannten Felsbrocken, aber die Kastanie war weg.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter musste ich einige Tests machen, und der Staat hat mich in einer Irrenanstalt eingelocht. Die \u00c4rzte behaupten, dass Lakritz nicht existiert, sie sind v\u00f6llig verr\u00fcckt!<br \/>\nWie Lakritz sagte: \u201eManches ist echt, aber manches auch nicht.\u201c Demzufolge denke ich, dass diese hochgeehrten \u00c4rzte nicht real sind.<br \/>\nIch kann meiner Lage viele Filme zuordnen, aber ich werde es nicht tun!<br \/>\nJetzt wei\u00df ich, dass ich einen gro\u00dfen Fehler begangen habe. Man darf nicht einfach alles tun, was man will. Ich h\u00e4tte auf Gretas Mutter h\u00f6ren sollen. Ich sollte warten, ich sollte &#8230;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Giorgi Ghambashidze<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a> | Inventarnummer: 18150<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es war ein langweiliger Abend. 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