{"id":8861,"date":"2018-11-07T17:12:42","date_gmt":"2018-11-07T17:12:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8861"},"modified":"2018-11-18T16:39:28","modified_gmt":"2018-11-18T16:39:28","slug":"lebe-wohl-lakritz-teil-ii","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8861","title":{"rendered":"Lebe wohl, Lakritz &#8211; Teil II"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8861&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8861&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Bevor ich nach Hause ging, brachte ich Greta anonym eine Rose. Das Bild vom Sonnenuntergang faszinierte mich wieder. Es erinnerte mich an etwas, aber am Anfang konnte ich nicht verstehen, an was genau. Erst als ich schon zu Hause war, erinnerte ich mich an einen konkreten Sommer, als mein Vater noch lebte. Ich war damals ziemlich klein, und wir waren alle zusammen im Urlaub am Meer, wo es sehr frisch war. Danach verlie\u00df mein Vater meine Mutter und wanderte in die USA aus, wo er als S\u00e4ufer an Leberzirrhose starb.<br \/>\nIch stellte mir oft vor, wie er sich zu Tode soff, wie Nicholas Cage in \u201eLeaving Las Vegas\u201c.<br \/>\nJetzt stand ich vor dem Spiegel in meinem \u00f6den Zimmer, wo ich Lakritz nachzumachen versuchte, aber ich schaffte weder seine Gesichtsausdr\u00fccke noch seine Stimme. Er war wirklich unnachahmlich. Genau so, wie wir alle es sein sollten.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag gingen ich, meine Mutter, ihr Freund und unsere Nachbarn \u2013 eine ukrainische Mutter und ihre Tochter \u2013 in den Wald zum Picknick. Das M\u00e4del war ein Jahr \u00e4lter als ich, aber unsere Beziehung war absolut platonisch, sie war meiner Meinung nach frigide. Ihre Mutter hatte die Marschroute schon festgelegt, und als ich den Waldplan rausholte und einen besseren Pfad zeigte, brachte sie das sehr auf.<br \/>\nWir liefen circa einen halben Kilometer gemeinsam, und sie jammerte die ganze Zeit \u00fcber das Wetter, Politik, die steigenden Preise von Lebensmitteln und die Steine auf dem Weg, dem wir folgten.<\/p>\n<p>\u201eBeruhige dich, lass uns doch den Spaziergang genie\u00dfen\u201c, sagte meine Mutter zu ihr.<br \/>\nDas machte die ukrainische Mutter noch w\u00fctender. Sie drehte sich rasch um und ging zur\u00fcck. Wir hielten an und schauten ihr nach, dann fragte meine Mutter:<br \/>\n\u201eHab ich was Falsches gesagt? Ich wollte sie blo\u00df beruhigen.\u201c<br \/>\n\u201eWenn mit einem etwas falsch ist, kannst du daf\u00fcr nichts tun\u201c, sagte ihre Tochter und lief einfach weiter. \u201eKommt und denkt nicht daran!\u201c<\/p>\n<p>Ich und der Freund meiner Mutter liefen ein wenig voraus, und die Frauen folgten uns. Das M\u00e4del erz\u00e4hlte meiner Mutter etwas. Ich beschleunigte meine Schritte, aber meine Mutter rief sofort.<br \/>\n\u201eRenn nicht so!\u201c<br \/>\nIch verlangsamte mein Tempo und h\u00f6rte die Geschichte zwangsl\u00e4ufig mit. Das M\u00e4del erz\u00e4hlte Folgendes.<br \/>\n\u201eMein Vater starb furchtbar. Er joggte gern im Morgengrauen. Eines Tages ist er nicht zur\u00fcck gekommen. Wir haben eine Woche lang nach ihm gesucht, die Polizei hat ihn bewusstlos im Wald gefunden. Er wurde ins Krankenhaus eingeliefert. Als er zu sich kam, hat er erz\u00e4hlt, dass er von einem Auto angefahren worden war, und als der Fahrer gesehen hatte, wie schrecklich seine Beine verletzt waren, hatte er ihn ins Auto gesetzt, an einen abgelegenen Ort gefahren und ihn dort ausgesetzt. Der Vater behauptete, sich weder an den Fahrer noch an den Wagen erinnern zu k\u00f6nnen. Er starb innerhalb weniger Tage an Sepsis.<\/p>\n<p>Ich stellte mir vor, wie grausam es sein musste, so zu sterben. Bestimmt f\u00fchlt sich eine Minute wie eine Stunde an. Niemand darf sagen, dass er sowas verdient hat. Das Leben kann manchmal, was Bestrafung oder Belohnung angeht, sehr ungerecht sein.<br \/>\nUnterwegs fiel mir eine J\u00e4gerh\u00fctte auf.<br \/>\nWir picknickten zwischen gro\u00dfen B\u00e4umen, deren Flachwurzeln sich sichtbar ausgebreitet hatten und mich an den \u201eKopflosen Reiter\u201c erinnerten. Ein in die feuchte Erde gesteckter Kopf zwinkerte mir zu.<\/p>\n<p>Lakritz w\u00fcrde zu diesem Ort gut passen.<\/p>\n<p>Ges\u00e4ttigt legte ich mich hin, schaute mir die h\u00f6heren Baumspitzen an. Dann flog ich ganz langsam und dynamisch dahin. Als ich oben angelangt war, drehte ich mich um und fing an, zu mir zu schweben. Es war merkw\u00fcrdig, sich so zu betrachten. Pl\u00f6tzlich verstand ich, dass ich jemand anderer sein k\u00f6nnte, weil mich nichts Unentbehrliches mit mir, meinem Leben oder den Menschen, die um mich herum sa\u00dfen und \u00fcber sinnlose Themen sprachen, verband. Deswegen suchte ich einen Grund, um zur\u00fcckzukehren. Genauso k\u00f6nnte ich woandershin fliehen, etwas Interessanteres finden und es beobachten, versteckt wie ein Gott. Es w\u00fcrde mir unendliche Freiheit verleihen. Ich w\u00fcrde keinen Schmerz oder kein Verlangen sp\u00fcren, sondern das Leiden und die Freude anderer Menschen sehen, Freude die ich von ihren Gesichtern ablesen und stehlen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Meine Mutter weckte mich auf und bat mich ein Foto zu machen. Sie und ihr Freund stellten eine Szene nach, in der er ein Maniac war, der mit offenen Armen meine Mutter verfolgte, die schreiend vergeblich zu entkommen versuchte.<\/p>\n<p>Fast h\u00e4tte ich es vergessen. Im Wald hatte ich eine Kastanie gefunden, die ich die ganze Zeit mit mir herumtrug. Bevor wir den Wald verlie\u00dfen, hatte ich sie auf einen Felsbrocken gelegt und mir gew\u00fcnscht, dass wenn sie bei meinem n\u00e4chsten Besuch immer noch hier liegen w\u00fcrde, alle meine Tr\u00e4ume wahr werden w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Am Abend hatten ich und Lakritz vor, uns den neuen, verr\u00fcckten Film von Leos Carax anzusehen.<br \/>\n\u201eAlles was man tut, wird als Information im Weltall gespeichert und wenn es notwendig wird, gefunden.\u201c Sagte Lakritz unerwartet nach langem Schweigen und ich erinnerte mich an den gestrigen Abend, als ich er zu sein versuchte. Wie peinlich vor dem Sch\u00f6pfer.<br \/>\nDer Hauptdarsteller schl\u00fcpft w\u00e4hrend des Tages in verschiedene Rollen, deswegen musste ich an die Menschen denken, die ein vielf\u00e4ltiges Leben zu f\u00fchren versuchen, weil sie wissen, dass sie eines Tages sterben. Sie wollen ihr einziges Leben irgendwie fr\u00f6hlicher machen. Alles was wir machen, machen wir aus Angst vor dem Tod; nur dann f\u00fchlen wir uns lebendig.<br \/>\n\u201eDa steckt eine gewisse Panik drin,\u201c sagte Lakritz nachdenklich. \u201eImmer mehr haben, wobei man nichts wirklich besitzt, immer \u00fcberall sein, wobei man nirgendwo richtig ist.\u201c<\/p>\n<p>Als ich nach Hause kam, rief ich Greta an. Bei den ersten zwei Versuchen sagte mir eine k\u00fcnstliche Frauenstimme, dass diese Nummer nicht vergeben sei, aber ich versuchte es nochmal, tats\u00e4chlich h\u00f6rte ich den Ton. Ich war sehr nerv\u00f6s. Ich f\u00fchlte mich wie ein verliebter Teenager. Ihre Mutter nahm den H\u00f6rer ab und sagte, dass Greta im Badezimmer sei, aber ich k\u00f6nne in f\u00fcnf Minuten wieder anrufen. Ich tat es so. Mir antwortete wieder die Mutter, aber diesmal rief sie Greta zum Telefon.<br \/>\n\u201eHallo\u201c, h\u00f6rte ich eine tiefe Stimme.<br \/>\nMeine Stimme blieb weg, ziemlich versp\u00e4tet sprach ich, wie ein schlechter Schauspieler, unplausibel und anspruchsvoll.<br \/>\n\u201eEndlich reden wir\u201c, sagte ich, mit mir unzufrieden eine Grimasse schneidend.<br \/>\n\u201eWas?\u201c, fragte sie und fing an hysterisch zu lachen.<br \/>\nIhre Mutter mischte sich ins Gespr\u00e4ch ein und fragte mich, wer ich sei. Ich erkl\u00e4rte es ihr.<br \/>\n\u201eBringst du die Rosen?\u201c<br \/>\n\u201eJa\u201c,antwortete ich eingesch\u00fcchtert.<br \/>\n\u201eEs w\u00e4re besser gewesen, sich von Anfang an vorzustellen. Sie hatte all diese Tage Angst, dass sie von einem Stalker verfolgt wird.\u201c<br \/>\n\u201eNein, nein, ich bin auf keinen Fall ein Stalker\u201c, \u00a0rechtfertigte ich mich so, als ob ich tats\u00e4chlich einer w\u00e4re.<\/p>\n<p>\u201eWie alt bist du?\u201c, \u00a0im Hintergrund h\u00f6rte ich immer noch Gretas Lachen und ihre Mutter tat es eine Sekunde lang auch, aber sie riss sich sofort zusammen.<br \/>\n\u201eIch bin dreiundzwanzig.\u201c<br \/>\n\u201eUnd sie ist erst vierzehn!\u201c<br \/>\n\u201eIhr Alter wusste ich nicht, ich wusste nicht wie alt sie ist\u201c, stammelte ich.<br \/>\n\u201eWarte, bis sie erwachsen ist, mehr kann ich dir nicht sagen.\u201c Sie empfand offenbar Mitleid mit mir.<br \/>\nIch entschuldigte mich bei ihr f\u00fcr die St\u00f6rung und legte auf.<\/p>\n<p>Ich hatte gedacht, dass ich Greta Freude machen w\u00fcrde, und sie hatte dabei um ihr Leben gef\u00fcrchtet. Wenn sie nach Hause kam, bedankte sie sich wahrscheinlich jedes Mal bei Gott, dass sie immer noch lebte. So kann ein und dieselbe Handlung bei Menschen verschiedene Gef\u00fchle ausl\u00f6sen. Ich vermutete, dass sie zu jung war, aber ich belog mich selbst.<br \/>\nIch hatte ihr Lachen noch immer im Ohr, als ob das Universum \u00fcber meine Naivit\u00e4t lachte.<\/p>\n<p>Im Fernseher lief \u201eVerschollen\u201c und als Tom Hanks Wilson verlor, weinte ich mit ihm.<\/p>\n<p>In der Nacht hatte ich einen Alptraum. Greta stand vor mir, und sagte etwas, aber als ich aufwachte, verga\u00df ich alle ihre Worte. Das Einzige, was ich aus dem Traum mitbrachte, war ihr Gesicht. Sie hatte in ihrem linken Auge zwei Pupillen. Mit einer schaute sie mich an und mit der zweiten jemanden anderen, den ich nicht sah.<\/p>\n<p>Ich stand ohne jegliche Lust auf und wischte den Staub in der Wohnung. Meine Mutter machte Fitness im Wohnzimmer und bat mich, ihr ein Glas Wasser zu bringen, aber ich machte mein Ding ohne Eile weiter, und war in meinen Gedanken, so tief, dass ich ihre Bitte verga\u00df.<br \/>\n\u201eWorum muss man dich bitten, damit du es machst? Du Hurensohn!\u201c, schrie meine Mutter. \u201eDamit meine ich deinen Vater\u201c, f\u00fcgte sie wesentlich leiser hinzu.<br \/>\nSeit dem Vortag frustriert, erwiderte ich grob:<br \/>\n\u201eIch bin nicht dein Hund!\u201c Sie drehte durch und schmiss die Hantel mit aller Wucht auf den Boden. Ich ging in mein Zimmer, wo ich mich mehrere Male ins Gesicht schlug.<\/p>\n<p>Auf einmal fiel mir auf, dass das Fenster, das zum Hintergarten von Gretas Haus schaute, offen sein k\u00f6nnte, und sie alles mitgekriegt haben k\u00f6nnte! Aber ich blieb in meiner H\u00f6lle, weil es schon zu sp\u00e4t war.<br \/>\n\u201eWas ist mit deinem Auge passiert? \u201c, las ich die Frage im Lakritzes Blick.<br \/>\n\u201eIch habe mich mit meiner Mutter gestritten.\u201c<br \/>\n\u201eWie traurig.\u201c<br \/>\nWir schwiegen, dann fing er an zu erz\u00e4hlen.<br \/>\n\u201eEin Fischer hat einen Hai vom Netz befreit, seitdem ist der Hai seinem Boot die ganze Zeit gefolgt, weil er dachte, dass er den Fischer damit besch\u00fctzte, aber der Fischer konnte keine Fische mehr fangen.\u201c<br \/>\nIch war ahnungslos, wieso er mir das erz\u00e4hlt hatte.<\/p>\n<p>Da ich nichts \u00fcber Lakritz wusste, fing ich an zu fantasieren. Die folgenden Geschichten fielen mir ein:<\/p>\n<p>Lakritz ist gerade f\u00fcnf und verbringt seinen Sommer mit seiner Familie in den Bergen. Abends wird es k\u00fchler, und weil in der N\u00e4he ein See liegt, gibt es viele M\u00fccken, die seine Tante \u00fcberall stechen, weil sie Diabetes und dementsprechend \u201es\u00fc\u00dfes\u201c Blut hat. Sie sitzt auf dem Bett mit nackten, zerstochenen Br\u00fcsten und ruft den kleinen Lakritz zu sich. Er ist verwirrt, er hat Angst das Zimmer zu betreten, aber sie lockt ihn. Er geht mit kleinen, schwachen Schritten zu ihr. Er ist vor Angst ersch\u00f6pft. Sie nimmt eine Watte, durchtr\u00e4nkt sie mit dem Spiritus und \u00fcberreicht sie ihm. Im Zimmer riecht es sehr stark nach Spiritus und er kann an diesem, ohnehin stickigen Abend kaum noch atmen. Irgendwo bellt ein bissiger Hund. Bissig, weil er schon \u00f6fter mal an den Zaunt\u00fcren gelesen hat, dass drinnen ein solcher Hund ist, und er glaubt, dass alle Hunde so sind. Die Motten kreisen um die erhitzte Gl\u00fchlampe und fallen verbrannt auf den Fu\u00dfboden. Dort liegen bereits einige. Er denkt, dass es nie enden wird.<br \/>\n\u201eNimm es\u201c, sagt seine Tante.<br \/>\nLakritz nimmt die Watte und bekommt ein unangenehmes Gef\u00fchl an den Fingerspitzen. Er wei\u00df, wie schrecklich es ist, die Watte im Mund zu haben. Er ist schon beim Zahnarzt gewesen. Seine zarte Haut f\u00e4ngt an, vom Spiritus zu brennen. Anscheinend hat er sich seine Finger beim Spielen im Gras zerschnitten.<br \/>\nTantes Br\u00fcste scheinen ihm riesig zu sein, besonders jetzt, da er so nah steht, und er versteht immer noch nicht, was sie von ihm will.<br \/>\n\u201eReib es ein\u201c, sagt die Tante von oben herab, und er reibt mit der feuchten Watte eine und dann die andere Brust ein. Diese Prozedur dauert eine Ewigkeit f\u00fcr ihn, und als die Tante sagt, dass die Watte trocken geworden ist, und er sie wieder nassmachen soll, l\u00e4sst er sie fallen und rennt mit seiner letzten Kraft aus dem Zimmer.<br \/>\nSeitdem hat er Angst vor dem anderen Geschlecht, und immer wenn erotische Momente entstehen, rennt er mit \u00dcbelkeit davon.<\/p>\n<p>Lakritz besucht bereits die Schule und sein Gro\u00dfvater ist sehr stolz auf ihn. Er hilft ihm bei den Hausaufgaben und jubelt \u00fcber all seine kleinen Erfolge, und wenn Lakritz im Hof Fu\u00dfball spielt, guckt er manchmal nach oben zum Fenster, in dem er die Silhouette seines Gro\u00dfvaters hinter dem Vorhang sieht, eine Silhouette, die ihn beobachtet und liebt. In solchen Augenblicken versucht er, besser zu spielen, um ihn noch stolzer zu machen, und wenn Lakritz mit jemandem Zank hat, dann verleiht der unsichtbare Blick seines Gro\u00dfvaters ihm mehr Mut.<br \/>\nEr geht immer nach dem Spiel angenehm erm\u00fcdet nach Hause und spielt mit ihm auch, aber der Mann ist schon ziemlich alt, und er schafft es nicht mehr so lange zu spielen wie fr\u00fcher.<br \/>\nEines Abends sitzt der Gro\u00dfvater im Sessel und sieht fern. Es geht ihm nicht besonders gut. Lakritz rennt um ihn herum und versucht ihn aufzumuntern, dabei zieht er Fl\u00fcssigkeit in seine Nase zur\u00fcck, weil er das Rennen nicht abbrechen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich sp\u00fcrt er im Rachen einen metallischen Geschmack. Er h\u00e4lt an und ber\u00fchrt seine Nase. Seine Finger f\u00e4rben sich rot. Er rennt weinend ins Badezimmer und dreht den Wasserhahn auf. Das flie\u00dfende Wasser verd\u00fcnnt das Blut und es bekommt seltsame Formen, bevor es in die Abflusstiefe verschwindet. Er hat keine Angst mehr.<br \/>\nWenige Tage sp\u00e4ter stirbt der Gro\u00dfvater an einem Aneurysma. Der traurige Lakritz kann zu Hause zwischen den fl\u00fcsternden Menschen keinen Platz finden. Seine Mutter l\u00e4sst ihn in den Hof, damit er sich ein wenig ablenkt. Er geht zum Laden, kauft Saft und S\u00fc\u00dfigkeiten und geht zu einem verlassenen Geb\u00e4ude, wo er alleine sitzt und an den Tod denkt. Er kehrt erst nach Hause zur\u00fcck als es schon dunkel ist.<br \/>\nDie ver\u00e4rgerte Mutter schreit ihn an. Er behauptet, er h\u00e4tte die ganze Zeit irgendwo gesessen und geweint. Er tut ihr damit leid und sie umarmt ihn. Lakritz versteht, dass es nicht richtig ist zu l\u00fcgen, aber es macht Leben einfacher.<\/p>\n<p>Lakritz ist ein junger Mann, und er hat schon Vor- und Nachteile der Masturbation herausgefunden. Manchmal tut er es oft nacheinander und kann am n\u00e4chsten Tag kaum laufen, weil ihm sein Hodensack wehtut. Manchmal holt er sich in der Gemeinschaft mit seinen Freunden einen runter, und sie machen bl\u00f6de Wettbewerbe. Zum Beispiel, wer kommt schneller oder wer spritzt sein Sperma am weitesten.<br \/>\nEines Tages ist er mit zwei Freunden hinter der Garage des Nachbarn und die zwei inspizieren sehr sorgf\u00e4ltig ihre Penisse. Das erscheint Lakritz seltsam, aber es interessiert ihn, was noch passieren wird. Pl\u00f6tzlich dreht einer der Jungs den anderen zu der Wand und f\u00fchrt seinen Pimmel in ihn ein. Lakritz ist erstaunt, aber er guckt weiter.<br \/>\nUnerwartet schreit eine Frau, die das Treiben aus ihrem Fenster bemerkt hat und jetzt entsetzt ist.<br \/>\n\u201eWas macht ihr da?\u201c Im Fenster nebenan taucht ein Mann auf und schreit auch etwas, was er ruft, bleibt undeutlich.<br \/>\nDie zwei Jungs ziehen ihre Hosen schnell hoch und laufen in verschiedene Richtungen, aber Lakritz kann sich nicht bewegen. Er steht wie eingepflanzt am Tatort.<br \/>\nObwohl er nichts gemacht hat, die Leute verurteilen ihn trotzdem. Selbst seine Familie glaubt ihm nicht ganz. Deswegen verl\u00e4sst er eines Nachts sein Haus f\u00fcr immer.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte unendlich \u00fcber Lakritz fantasieren, aber ich h\u00f6rte damit auf.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Giorgi Ghambashidze<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a> | Inventarnummer: 18149<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bevor ich nach Hause ging, brachte ich Greta anonym eine Rose. Das Bild vom Sonnenuntergang faszinierte mich wieder. Es erinnerte mich an etwas, aber am Anfang konnte ich nicht verstehen, an was genau. Erst als ich schon zu Hause war, erinnerte ich mich an einen konkreten Sommer, als mein Vater noch lebte. 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