{"id":8781,"date":"2018-10-10T14:53:03","date_gmt":"2018-10-10T14:53:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8781"},"modified":"2018-10-14T17:02:45","modified_gmt":"2018-10-14T17:02:45","slug":"der-gefangene-von-schloss-weyerburg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8781","title":{"rendered":"Der Gefangene von Schloss Weyerburg"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8781&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8781&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Nachdenken \u00fcber Rache, die F\u00e4lle Skripal, Litwinenko, Beresowski u.v.a.<\/em><\/p>\n<p>Es ist eine dunkle, st\u00fcrmische Novembernacht des Jahres 1717. Vier Kutschen rasen aus der Reichshauptstadt hinaus durch die Ebene nach Norden. Die erste, ein Milit\u00e4rtransporter mit schwarzem Doppelgespann von kr\u00e4ftigen R\u00f6ssern, ist voll besetzt mit Soldaten. Die zweite eine reichverzierte Staatskarosse, die dritte Kutsche ist mit schwarzen T\u00fcchern verhangen, auf dem Kutschbock sitzen Soldaten, und auch auf den Trittbrettern sind ungarische Husaren postiert. Die vierte ist so wie die erste ein Armeetransporter. Eine geheime Staatsaktion. Wer versteckt sich in diesem seltsamen Begleitzug zu nachtschlafener Zeit? Warum diese Eile? Was ist das Ziel der Fahrt?<\/p>\n<p>Dahinter verbirgt sich eines der monstr\u00f6sesten Kapitel der an Schrecknissen wahrlich nicht armen Geschichte Russlands. Die Verfolgung und die Ermordung des Zarewitsch durch seinen eigenen Vater, Peter den Gro\u00dfen. Der Familienkonflikt beginnt schon in der Kindheit. Peter erkennt fr\u00fch, dass Alexej von Natur aus missraten ist und stellt ihm strenge Erzieher zur Seite, die ihm aber nichts beibringen au\u00dfer Duckm\u00e4userei, Verstellung, Heuchelei und Intrigenspinnen. Alexej will nichts lernen, interessiert sich nicht f\u00fcr Politik und Milit\u00e4r, was dem Zaren am meisten am Herzen liegt. Ausschlie\u00dflich die Religion hat es ihm angetan, beeinflusst von seiner frommen Mutter. Er versenkt sich in katholische Mystiker wie Thomas von Kempten und lieb\u00e4ugelt einmal mit den ge\u00e4chteten Altgl\u00e4ubigen, einmal mit dem verhassten Katholizismus.<\/p>\n<p>In seiner Umgebung treiben sich allerhand zwielichtige Popen herum, die ihn gegen die Reformen seines Vaters aufstacheln. Er gef\u00e4llt sich darin, dass ihn das Volk als wiedergekehrten Demetrius feiert. Bald vermutet der Zar Verschw\u00f6rungen gegen sich und schickt den Zarewitsch auf Reisen. Gegen seinen Willen wird er mit einer h\u00e4sslichen, protestantisch-deutschen Prinzessin verheiratet, die er ignoriert, wenn er sie nicht misshandelt. Sie stirbt nach nur f\u00fcnf Jahren Ehe, nachdem er die Schwangere getreten und eine Treppe hinuntergesto\u00dfen hat.<br \/>\nEr nimmt sich eine M\u00e4tresse ins Haus, huldigt V\u00f6llerei und Sauferei im Palast und in den Vorst\u00e4dten. Dort sammelt er das Moskauer Volk um sich im Widerstand gegen die neue Hauptstadt und Peters Staatsumbau. Bald droht ihm der Vater an, ihn von der Thronfolge auszuschlie\u00dfen, ihm seine M\u00e4tresse zu nehmen und ihn ins Kloster zu schicken. Seine versto\u00dfene Mutter hat Peter schon fr\u00fch nach Susdal zu den Nonnen verbannt. Als Alexej sie einmal heimlich besucht und Peters Spione das herausfinden, bestraft er den Sohn derart mit Pr\u00fcgeln und Auspeitschen, dass der nur knapp \u00fcberlebt.<\/p>\n<p>In seiner Not fl\u00fcchtet der Zarewitsch zu Kaiser Karl VI. nach Wien. Der kann den l\u00e4stigen Gast nicht einfach abweisen, weil Alexej \u00fcber seine verstorbene Frau Charlotte von Braunschweig-Wolffenb\u00fcttel mit den Habsburgern verwandt ist. Verkleidet als polnischer Offizier Kremenetzky steigt er zusammen mit seiner M\u00e4tresse Afronisia, einer leibeigenen Bauernmagd, ihrem liederlichen Bruder und einem idiotischen Diener im Gasthof zum <em>Schwarzen Adler beim Freihaus <\/em>ab. In Breslau, Frankfurt\/Oder, Dresden und Prag hat er sich noch als Oberstleutnant Kochanowski mit Frau und Bediensteten ausgegeben. Es ist zehn Uhr abends, der Vizekanzler Sch\u00f6nborn ist schon im Schlafrock und will sich zu Bett begeben, als \u201eKremenitzky\u201c hereinst\u00fcrmt, sich auf die Knie wirft, zittert und stottert, Speichel flie\u00dft aus dem Mund, und ihn anfleht, dass der Kaiser ihn vor dem schrecklichen Vater und Herrscher retten soll. Es ist der 10. November 1717.<\/p>\n<p>Kaiser Karl VI. erteilt seinem Vizekanzler Sch\u00f6nborn den Befehl, den ungebetenen Gast schnellstens verschwinden zu lassen, m\u00f6glichst ohne Spuren und Wissen anderer. Graf Friedrich Karl Sch\u00f6nborn hat zwei Jahre zuvor eine Burg im Weinviertel erstanden, die Weyerburg in der N\u00e4he von Hollabrunn. Das ist nur eine kurze Strecke von der Hauptstadt entfernt, die Burg ist schwer befestigt, hat dicke Mauern und tiefe Keller, Verliese und Tunnelsysteme. Die Umgebung ist nur d\u00fcnn besiedelt, und es konnte gut sein, dass niemand etwas von diesem Gast mitkriegen w\u00fcrde. Der Kaiser hat sich noch nicht endg\u00fcltig entschieden, wie er sich gegen\u00fcber der Forderung des Zaren, den Fl\u00fcchtling auszuliefern, verhalten soll.<br \/>\nPeters Botschaft ist eindeutig: Sollte der Kaiser seinem Wunsch nicht nachkommen, w\u00fcrde er seine Truppen in die \u00f6sterreichischen L\u00e4nder B\u00f6hmen und Schlesien verlegen. Oder sich den ungehorsamen und verr\u00e4terischen Sohn selbst holen. Also Krieg. Staatskrise. Blamage vor ganz Europa. F\u00fcr Karl eine ganz besonders unangenehme Lage. Also, der Sch\u00f6nborn soll sie l\u00f6sen. Ab nach Weyerburg, den Fl\u00fcchtling dort lebendig begraben und Gras \u00fcber die Sache wachsen lassen. Habsburgisch.<\/p>\n<p>Der Zarewitsch soll sich in einer sch\u00f6nen, ruhigen Weinviertler Burg ausrasten, nicht zuletzt braucht auch die schwangere Afronisia Erholung. Alexej und seine bunte Entourage werden in die Weyerburg verfrachtet. Wie beschaulich die Ruhepause war, ist nicht bekannt, sie dauerte aber nicht l\u00e4nger als sechs Wochen.<br \/>\nKarl hat nicht mit dem unaufhaltbaren Zorn und Rachegel\u00fcsten des Zaren gerechnet. Der l\u00e4sst nicht locker und schickt seine Agenten nach Wien. Sie sind reichlich mit Geld und Spitzeln ausgestattet und k\u00f6nnen einen Bediensteten in der Hofburg bestechen. Bald tauchen fremde Gestalten um die Weyerburg auf. Es ist klar, Alexej ist dort nicht mehr sicher. Der Zar bombardiert den Kaiser mit Briefen und mit immer dreisteren Forderungen und Drohungen.<\/p>\n<p>Wieder ein geheimer Transport bei Nacht und Nebel, diesmal in die Festung Ehrenberg in Tirol. Eine uneinnehmbare Burg auf einer einzeln stehenden Felsnadel ohne Zugang in einer unwirtlichen Berglandschaft.<br \/>\nDie Bewohner werden \u00fcber K\u00f6rbe an Seilen versorgt. Sogar trainierte Falken und Seeadler werden eingesetzt, um notwendige G\u00fcter \u00fcber Ehrenberg abzuwerfen. Alexej und seine Gesellschaft hausen in Felszellen mit Gittern vor den Fenstern. Es n\u00fctzt alles nichts. Peters J\u00e4ger und Sp\u00fcrhunde nehmen die F\u00e4hrte auf. Die Geheimdienstoffiziere Wjesselowski, Rjumanzew und Tolstoj sind unerm\u00fcdlich und fintenreich. Wieder k\u00f6nnen sie einen Referendar der Hofkanzlei bestechen und erfahren, dass Alexej in Tirol verborgengehalten wird. Karl will keinen Krieg wegen einer Person, die f\u00fcr ihn nicht wichtig ist und die er verachtet, er will jeden Skandal vermeiden und nicht zum Gesp\u00f6tt Europas werden.<\/p>\n<p><em>Im Bezirk Reutte werden die Menschen schon unruhig, weil so viele fremde Gestalten auftauchen. Sie schleichen um die Burg herum und machen die ganze Gegend unsicher. Zwielichtige Personen treiben sich herum, mit falschen P\u00e4ssen j\u00fcngstens Datums, fraglicher Nationalit\u00e4t und verteilen Geld. Russische Spione wollen den Zarewitsch entf\u00fchren, <\/em>berichtet der Staatssekret\u00e4r K\u00fchl, f\u00fcr einen Beamten ungew\u00f6hnlich aufgeregt, nach Wien.<br \/>\nDie Feste in Tirol ist nicht mehr sicher.<br \/>\nGro\u00dfe Achtung vor Peters Jagdaktionen hat der Kaiser nicht. Zorn steigt in Karl hoch, und er f\u00fchlt sich in seiner Ehre ger\u00fchrt. So schreibt er an Prinz Eugen von Savoyen auf Franz\u00f6sisch:<br \/>\n<em>Keiner dieser barbarischen Moskowiter soll sich des Zarewitschs bem\u00e4chtigen oder Hand an ihn legen. Diese Schurken \u2013 und das sind diese Moskowiter allesamt \u2013 sind zu allem f\u00e4hig.<\/em><br \/>\nBei Prinz Eugen denkt er nat\u00fcrlich an die Armee.<\/p>\n<p>Am liebsten w\u00e4re ihm, wenn der Sohn die Verzeihung des Vaters erlangen k\u00f6nnte und schreibt in diesem Sinne an Peter.<br \/>\nKaiser Karl denkt nach und wendet sich an den Vizek\u00f6nig von Neapel, den Grafen Daun. Sie beraten sich miteinander.<br \/>\n<em>Du Daun, ich hab da eine russische Wanze im Pelz. Der missratene Sohn vom moskowitischen Peter. Barbaren, Barbaren durch und durch. Hast du dort irgendetwas, wo ich diese Ratte verschwinden lassen kann. Nicht wirklich wichtig, aber sehr l\u00e4stig. Wanze, Laus, Moskowiter eben.<\/em><\/p>\n<p>Ja, Daun hat etwas. Das Schloss Sant&#8217;Elmo auf einer Felseninsel im Golf von Neapel.<br \/>\nVon Mantua an sind die J\u00e4ger ganz nahe an den Fl\u00fcchtlingen, von Station zu Station. Bis nach Neapel, bis nach Sant\u2018Elmo. Daun tut, was er kann, aber die Agenten belagern die Burg und bestechen halb Neapel. Peter droht in endlosen Briefen an Kaiser Karl weiter und immer intensiver. Einmal k\u00fcndigt er sogar an, von Petersburg aus durchzumarschieren bis nach Neapel, um sich seinen Sohn mit der Armee zur\u00fcckzuholen. Sein heiliges Recht, als Vater und Alleinherrscher, wie er meint. Der Vater- und Staatsverr\u00e4ter muss gerichtet werden. Was kann mich aufhalten? Karl knickt ein. F\u00fcr einen Trottel und Unhold wie Alexej, den missratenen Zarensohn, will er nicht mehr riskieren. Schlie\u00dflich gelingt es Peters Agenten, die schwangere Afrosinia zu kaufen, die Alexej zur freiwilligen R\u00fcckkehr bewegen kann. Sie verr\u00e4t ihren Liebhaber. Was man ihr bei Widerstand alles angedroht hat, kann man sich leicht vorstellen.<\/p>\n<p>Das Ende ist so unendlich schrecklich, dass die russische Geschichtsschreibung dar\u00fcber hinweggeht, die die Romanows in eine ungebrochene Geschichtstradition stellt. Unter Putin, der sich gern als moderner Peter sieht, ist das wieder besonders modisch geworden.<\/p>\n<p>Peter holt schlie\u00dflich seinen Sohn aus Sant\u2018Elmo heraus, mit Hilfe der Spione und von falschen Versprechungen auf Verzeihung und Milde. In Moskau wirft er ihn ins Gef\u00e4ngnis, l\u00e4sst ihn foltern und unterzieht ihn einem grausamen Prozess. Dann darf ihn die Kirche \u00f6ffentlich aburteilen. Eines Tages liegt Alexej tot in seiner Zelle. Herzversagen. Manche sagen, Peter, der Vater, hat ihn eigenh\u00e4ndig stranguliert. Auch die Rechtm\u00e4\u00dfigkeit dieser Art von Bestrafung l\u00e4sst er von der Kirche absegnen. Er richtet ein pomp\u00f6ses Begr\u00e4bnis aus und gleich danach ein Volksfest mit Feuerwerk, Zirkus, Fl\u00fcssen von Freibier und Wodka. Die Moskowiter d\u00fcrfen auf Alexejs Grab tanzen.<\/p>\n<p>23.3.18<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2020\">drah di ned um<\/a> | Inventarnummer: 18144<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachdenken \u00fcber Rache, die F\u00e4lle Skripal, Litwinenko, Beresowski u.v.a. Es ist eine dunkle, st\u00fcrmische Novembernacht des Jahres 1717. Vier Kutschen rasen aus der Reichshauptstadt hinaus durch die Ebene nach Norden. 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