{"id":8762,"date":"2018-10-01T15:41:41","date_gmt":"2018-10-01T15:41:41","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8762"},"modified":"2018-10-07T17:23:31","modified_gmt":"2018-10-07T17:23:31","slug":"ich-bin-halt-ein-kriegskind","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8762","title":{"rendered":"Ich bin halt ein Kriegskind"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8762&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8762&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Als \u00e4lterer Wiener (Jahrgang 1943), den es ins Weinviertel verschlagen hat, sieht man die Welt mit anderen Augen als die zwei, drei Generationen danach.<\/p>\n<p>Nein, das wird keine r\u00fchrselige Lebensgeschichte \u2013 die hat schlie\u00dflich jeder. Aber sch\u00f6n langsam ist auch die Gruppe der \u201eZeitzeugen\u201c, der zwischen 1939 bis 1945 Geborenen schon am Ausd\u00fcnnen \u2013 und ich will die menschlichen (psychischen, soziologischen und wirtschaftlichen) Auswirkungen dieser Zeit beschreiben, damit deren Kenntnis nicht verloren geht, bzw. damit man diese unsere Generation besser versteht.<\/p>\n<p>Erstaunlicherweise haben wir es gut gehabt \u2013 nicht in den ersten paar Lebensjahren, aber dann. Mein 1969 geborener Sohn hat einmal gesagt, er beneidet mich um \u201emeine\u201c Zeit. Und tats\u00e4chlich: Wir haben \u2013 beginnend mit den 50er-Jahren \u2013 einen jahrzehntelangen Aufstieg erlebt. Es schien geradezu sicher, dass wir keinen Krieg mehr erleben werden, dass es mit der Wirtschaft und damit unserer sozialer Sicherheit, den Geh\u00e4ltern und Lebensumst\u00e4nden immer bergauf gehen, das Leben immer besser werden wird. \u00dcberall gab es steigende Konjunktur, Wirtschaftswachstum, neue Erfindungen, Verbesserungen bei den Arbeitsbedingungen (k\u00fcrzere Arbeitszeit, mehr Urlaub, mehr Einkommen) etc. Immer mehr gute Stra\u00dfen, leistbare Autos, vielf\u00e4ltigere Freizeitm\u00f6glichkeiten, immer \u00fcppigere Angebote von preiswerten Fernreisen und so weiter.<\/p>\n<p>Aber in den ersten Nachkriegsjahren war gro\u00dfer Mangel an Geld und Brennmaterial. Unser Vater war als gelernter Zimmermaler und Anstreicher im Winter meist arbeitslos und arbeitete daher wochenweise bei Abbruchfirmen \u2013 so hatte er Zugang zu Bauholz-Abf\u00e4llen und damit konnten wir nachmittags unseren Zimmerofen einheizen Die Kinder von Hausparteien mit kalten Wohnungen sind deshalb zu uns spielen gekommen.<\/p>\n<p>Wir Kinder haben uns von April bis Oktober auf der fast autoleeren Stra\u00dfe getroffen und dort sowie in den umstehenden Bombenruinen gespielt \u2013 was von unseren Eltern wegen Einsturzgefahr nicht gerne gesehen wurde. Aber in unserem Bezirk ist Gott sei Dank nichts passiert. Unsere Stra\u00dfen-Spiele wie \u201eVater, Vater, leih mir d\u2018Scher\u201c, \u201eR\u00e4uber und Gendarm\u201c, \u201eTempelhupfen\u201c, mit billigen Tonkugerln \u201eanm\u00e4uerln\u201c, wenn es einen Ball gab, auch V\u00f6lkerball, oder Fu\u00dfball mit einem \u201eFetzenlaberl\u201c (einem aus Stoffresten zusammengeknoteten Stoffball) und vieles andere kennen unsere Enkelkinder nicht mehr. Ein oft von den V\u00e4tern selbst gebastelter Trittroller war schon Luxus, ebenso ein \u201eDiabolo\u201c f\u00fcr die M\u00e4dchen, und ein abgeschnittenes St\u00fcck W\u00e4scheleine ergab eine Springschnur. Bei Schlechtwetter bzw. im Winter gab es viele Kartenspiele, Schwarzer Peter, DKT oder \u201eMensch \u00e4rgere Dich nicht\u201c, wo immer in einer Wohnung Platz f\u00fcr einige Kinder war.<\/p>\n<p>Viel gef\u00e4hrlicher war es am naheliegenden Donaukanal, in dem zu baden mir und meinen Geschwistern wegen der Str\u00f6mung strengstens verboten war \u2013 aber wir konnten ja Gott sei Dank noch nicht schwimmen und begn\u00fcgten uns damit, ins seichte Ufer-Wasser zu steigen, um nach angetriebenem Gestr\u00e4uch zu fischen, aus dessen Astgabeln sich die begehrten Steinschleudern herstellen lie\u00dfen. Im Winter rodelten wir auf abenteuerlichen \u201eBrettlhupfern\u201c (primitiv zusammengeschwei\u00dfte Kufen und einige Sitzbretter dar\u00fcber) die \u201eschr\u00e4ge Wiese\u201c zum Kanal hinunter \u2013 und auch das war gef\u00e4hrlich, weil man bei zu viel \u201eSchuss\u201c leicht \u00fcber das vereiste Ufer hinaus in den Kanal rutschen und ertrinken konnte \u2013 was wirklich jemandem einmal passierte.<\/p>\n<p>Das alles klingt heute ein wenig seltsam \u2013 aber was h\u00e4tten wir Kinder denn sonst unternehmen k\u00f6nnen? Es gab weder Fernsehen noch Computer-Spiele, teure Sportarten konnten sich unsere Eltern nicht leisten, sogar richtiges Spielzeug oder f\u00fcr die M\u00e4dchen sch\u00f6ne Puppen war in den ersten Nachkriegsjahren Mangelware, und eine kostspielige Kinokarte war h\u00f6chstens einmal monatlich erschwinglich. Unsere Eltern in der Vorstadt waren froh, uns halbwegs sattzukriegen und uns mit Schuhwerk und der notwendigsten Kleidung versorgen zu k\u00f6nnen \u2013 dies oftmals aus zweiter Hand, wenn man das Gl\u00fcck hatte, eine Mutter etwas gr\u00f6\u00dferer Kinder zu kennen, die nichts daf\u00fcr verlangte.<\/p>\n<p>Unser Vater hatte Bekannte \u201eam Land\u201c im s\u00fcdlichen Nieder\u00f6sterreich, und dort malte er den Bauern die Stuben aus und brachte daf\u00fcr Lebensmittel, meistens Erd\u00e4pfel und Schmalz, per Autobus nach Hause. Nat\u00fcrlich war auch in Wien \u2013 wenn es wieder w\u00e4rmer war \u2013 fallweise ein Pfusch die Rettung unserer Haushaltskassa.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt war in dieser Notzeit der sparsamste Umgang mit allen m\u00f6glichen Ressourcen angesagt. Da wurde kein St\u00fcck Holz, kein Fetzen Papier, kein Lappen Stoff, der noch irgendeinen Nutzen abgeworfen h\u00e4tte, zum Abfall geworfen. So wurden zum Beispiel von einem unbrauchbar gewordenen Herrenhemd zuerst die Kn\u00f6pfe abgeschnitten und aufgehoben und der Stoff zu Putzlappen zerschnitten. Die eben auf den Markt kommenden Rei\u00dfverschl\u00fcsse wurden beim \u201eAusmustern\u201c von Hosen sorgsam abgetrennt und f\u00fcr Reparaturen wiederverwendet. Zu Weihnachten wurde das bunte Papier der Geschenke sorgsam abgewickelt und f\u00fcr n\u00e4chstes Jahr aufgehoben. Man war in dieser Zeit mit wenig zufrieden und schon der bescheidenste \u201eWohlstand\u201c (zum Beispiel ein St\u00fcck Fleisch am Sonntag und ein Pudding als Nachtisch) waren pures Gl\u00fcck. Denn viele andere hatten damals auch nicht mehr!<\/p>\n<p>Dazu passt eine Urlaubsanekdote aus Zypern:<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren waren wir in den Bungalows eines sch\u00f6nen Garten-Hotels untergebracht. Im zentralen gro\u00dfen Speisesaal mit reichhaltigem Buffet war freie Platzwahl. Meine Frau und ich sa\u00dfen am ersten Abend an einem Fenster-Tisch, als uns eine ebenfalls \u00e4ltere Dame fragte, ob f\u00fcr sie noch Platz w\u00e4re, und sie wurde von uns freundlich eingeladen. Mit der Mittelschullehrerin in Ruhestand war angenehm zu plaudern, und wir blieben nach dem Essen noch eine Weile sitzen. Da fiel mir auf unserem Tisch etwas auf \u2013 und ich fragte die Dame, ob sie noch ein Kriegsjahrgang sei. Nach einer Schrecksekunde (denn es verriet doch das Alter) nickte sie: Gerade noch, sie w\u00e4re im J\u00e4nner 45 geboren \u2013 ob man ihr denn das ansehe. Ich lachte und deutete auf unsere beiden abgegessenen Teller in der Tischmitte \u2013 nein, das h\u00e4tte es mir verraten! Da sah sie genauer hin und lachte ebenfalls: Im Gegensatz zu den Tellern der anderen G\u00e4ste waren mein und ihr Teller nicht nur ratzekahl leer \u2013 auch den Saft hatten wir noch mit Brot aufgetunkt. \u201eJa \u2013 ich verstehe\u201c, meinte sie, auch sie h\u00e4tte noch gelernt, dass immer genug zu essen zu haben nicht selbstverst\u00e4ndlich sei, und dass Lebensmittel nicht in den Mistk\u00fcbel geh\u00f6rten. Wor\u00fcber sich die Generationen nach uns kaum Gedanken machen.<\/p>\n<p><strong>In der Seele Gespeichertes:<\/strong><\/p>\n<p>Zu allererst ist noch f\u00fcr viele von \u201euns Kriegskindern\u201c die pers\u00f6nliche \u201eBed\u00fcrfnislosigkeit\u201c typisch: Wer in dieser kargen Zeit aufgewachsen ist und aus der Situation heraus gelernt hat \/ gewohnt war, mit einfachen und wenigen Dingen auszukommen, steht dem heutigen \u00dcberangebot und der sinnlosen Verschwendung von Zeit, Arbeit und Ressourcen oft verst\u00e4ndnislos gegen\u00fcber. Was sollen, wozu braucht man alle paar Jahre neue Sachen, M\u00f6bel. Ger\u00e4te, Kleidung, Auto und so weiter \u2013 und die noch gebrauchsf\u00e4higen, tadellos funktionierenden werden \u201eentsorgt\u201c! Zugegeben, bei der Kleidung sind die M\u00e4nner noch sparsamer \u2013 sie sind ja die einzigen Menschen (so die sp\u00f6ttische Anmerkung einer Dame), welche abgetragenen Kleidungsst\u00fccken nachtrauern. Der Autor hat seinen zehnj\u00e4hrigen abgewetzten Hubertusmantel nur ungern in den Humana-Container gestopft und noch zwei Jahre lang vermisst; er ist auch mit dem neuen nicht zufrieden, weil er nicht so bequem wie der alte ist.<\/p>\n<p>Auch bei der Nahrung \u2013 das hei\u00dft Einkaufen, Kochen, Essen und \u201eReste-Verwertung\u201c \u2013 sind die Kriegskinder eigen. Da gab es immer einfache, selbst gekochte Gerichte, nur am Sonntag mit Dessert, und alle \u201e\u00dcberbleibsel\u201c wurden am n\u00e4chsten oder \u00fcbern\u00e4chsten Tag wiederverwertet, die vom Sonntag \u00fcbrigen Kn\u00f6del wurden mit (oft nur einem einzigen) Ei anger\u00f6stet, aus den Nudeln vom Vortag wurde ein Nudelsalat, das Gem\u00fcse mit einer abgebratenen Knackwurst wieder aufgetischt und vieles mehr.<\/p>\n<p>Apropos \u201eRestlverwertung\u201c: Viele Gleichaltrige vermissen heute noch den guten \u201eGrenadiermarsch\u201c, ein Pfannengericht aus Teigwaren oder Kn\u00f6delresten, mit frisch gekochten\/\u00fcbriggebliebenen Erd\u00e4pfeln und fallweise auch mit etwas Zwiebeln gemischt und anger\u00f6stet \u2013 dazu Salat der Saison. Das wird heute fallweise in eleganten Restaurants als ganz besonderes Tellergericht serviert.<br \/>\nWer gewohnt war, am Samstag (sp\u00e4ter am Freitag nachmittags) pers\u00f6nlich auf den n\u00e4chsten Markt zu gehen, beim Standler, Fleischhauer und B\u00e4cker einzukaufen und dieses Angebot an naturbelassenen Lebensmitteln mit allen Sinnen aufzunehmen, kann sich sp\u00e4ter mit Tiefk\u00fchl- und Fabriksnahrung nicht abfinden. Ich vermisse heute noch das bunte Bild der Marktst\u00e4nde, die Rufe der H\u00e4ndlerinnen, die Kommentare der einkaufenden Hausfrauen, die Geruchsmischung von Kaffeer\u00f6ster, Sauerkr\u00e4utler und Fischh\u00e4ndler und vor allem den herrlichen Duft nach warmem Leberk\u00e4se und geselchten W\u00fcrsten beim Fleischhauer und den ebenso angenehmen Duft nach Brot, Semmeln und Feinbackware beim B\u00e4ckerei-Stand.<\/p>\n<p>Da war der Gang mit der Einkaufstasche durch die Gassen des Wohnviertels, mit dem Gr\u00fc\u00dfen und ein paar Worte mit den Nachbarn Wechseln schon eine angenehme Selbstverst\u00e4ndlichkeit, das Beobachten der unmittelbaren Umgebung, der Blick in die Auslagen der damals noch existierenden Gesch\u00e4fte, der politische Kurzkommentar des Trafikanten beim Zeitungskauf gewohnt und unentbehrlich \u2013 man hat nicht auf die Schnelle eingekauft, man hat gelebt und erlebt, wurde wahrgenommen und war Teil seines Bezirkes!<\/p>\n<p>Ein kleiner Rest dieser damals noch deutlich langsamer laufenden Zeit ist bei uns im Weinviertel oder generell \u201eam Land\u201c oft noch zu sp\u00fcren und macht einen Teil der hiesigen Lebensqualit\u00e4t aus.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Robert M\u00fcller<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3365\">anno<\/a> | Inventarnummer: 18143<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als \u00e4lterer Wiener (Jahrgang 1943), den es ins Weinviertel verschlagen hat, sieht man die Welt mit anderen Augen als die zwei, drei Generationen danach. Nein, das wird keine r\u00fchrselige Lebensgeschichte \u2013 die hat schlie\u00dflich jeder. Aber sch\u00f6n langsam ist auch die Gruppe der \u201eZeitzeugen\u201c, der zwischen 1939 bis 1945 Geborenen schon am Ausd\u00fcnnen \u2013 und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[74],"tags":[102],"class_list":["post-8762","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-mueller-robert","tag-anno"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8762","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8762"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8762\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8765,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8762\/revisions\/8765"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8762"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8762"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8762"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}