{"id":8635,"date":"2018-09-02T16:51:15","date_gmt":"2018-09-02T16:51:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8635"},"modified":"2018-09-02T17:22:44","modified_gmt":"2018-09-02T17:22:44","slug":"ueber-ein-verbrechen-das-keines-war-und-die-willkuer-die-bestaendig-ist","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8635","title":{"rendered":"\u00dcber ein Verbrechen, das keines war, und die Willk\u00fcr, die best\u00e4ndig ist"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8635&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8635&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Eines Morgens, eines Tages, eines Jahres wurde Frau A., als sie gerade auf dem Weg in die B\u00e4ckerei war, in der man sie besch\u00e4ftigte, von zwei Herren mit Hut links und rechts an den Armen gepackt und in ein nahestehendes Auto gef\u00fchrt. Ohne Angabe von Gr\u00fcnden wurde Frau A. von zwei Herren mit Hut aus der Stadt gefahren. Ihr weiteres Schicksal wird sich nun im Folgenden entscheiden.<\/p>\n<p>Eine nackte Gl\u00fchbirne. Ein Tisch. Zwei St\u00fchle. Sonst nichts.<br \/>\nKeine T\u00fcr.<br \/>\nDoch. Irgendwo ist eine T\u00fcr. Hinter mir. Bestimmt. Ich bin durch sie hineingegangen und dann habe ich mich auf den Stuhl gesetzt. Sodass ich die T\u00fcr nicht sehen kann. Ich w\u00fcrde mich umdrehen. Sie w\u00e4re da. Aber mich jetzt zu bewegen. Undenkbar. Zu lange war ich regungslos. Sie w\u00fcrden es merken. Und dann w\u00fcrde es beginnen.<br \/>\nGanz schnell. Um sicherzugehen. Hinter mir ist eine T\u00fcr. Ich bin nicht schon immer hier.<br \/>\nMit einer raschen Bewegung dreht sie sich um. Tats\u00e4chlich. Eine T\u00fcr. Beruhigt wendet sie sich wieder ihrem Gegen\u00fcber zu. Ein hagerer Mann. Vermutlich etwas \u00fcber f\u00fcnfzig Jahre alt. Brauner Anzug. Runde Brille. Glatze. Das ist gerade in Mode.<\/p>\n<p>Ob sie wisse, warum sie denn hier sei, m\u00f6chte er wissen. Die Tiefe seiner Stimme irritiert sie.<br \/>\nUnm\u00f6glich kann dieser Herr ein solches Organ besitzen. Sie bleibt still. Er solle noch etwas sagen. Gebannt starrt sie auf seinen Mund. Doch anstatt eines Wortes spuckt er neben sich auf den Boden. Ohne den Blick von ihr abzuwenden, greift er in die Innentasche seines Sakkos und holt ein ledernes, schwarzes Zigarettenetui hervor. Sie fixierend, \u00f6ffnet er es, nimmt eine Zigarette der Marke Makedon heraus und steckt sie sich zwischen die Lippen.<br \/>\nOb sie auch eine m\u00f6chte, will er wissen, w\u00e4hrend er in seiner Hosentasche nach Z\u00fcndern kramt.<br \/>\nDiese Stimme. In Wahrheit spricht nicht er. Jemand anders spricht durch ihn. Er f\u00fchrt nur aus, was man ihm aufgetragen hat. Das ist sein Beruf.<br \/>\n\u201eDanke ich rauche nicht.\u201c Das war gelogen. Warum? Es w\u00e4re ja nichts dabei. Mit diesem Herrn eine Zigarette rauchen. Ganz einfach. Rauchen verbindet. Egal. Sp\u00e4ter werde ich alleine rauchen.<\/p>\n<p>Mit diesem Herrn verbindet mich nichts. Das soll er ruhig wissen.<br \/>\nEr z\u00fcndet die Zigarette an. Bl\u00e4st Frau A. den Rauch ins Gesicht. Schnippt das noch brennende Streichholz in die Ecke. Es geht noch in der Luft aus. Er schl\u00e4gt ein Bein \u00fcber das andere. Dreht ihr die Seite zu.<br \/>\n\u00dcberlegt einen Moment. Er sagt, gegen die blassgraue Wand blickend, sie solle sich nicht dumm stellen. Je schneller sie mit ihm reden w\u00fcrde, desto schneller k\u00f6nne sie nach Hause gehen. Er w\u00fcrde ihr noch einmal dieselbe Frage wie zu Beginn des Gespr\u00e4chs stellen: Warum?<\/p>\n<p>Er \u00e4schert auf den Boden. Wendet sein strenges Gesicht ihr zu. Erwartungsvoll und zugleich desinteressiert sieht er sie an. Sie bleibt ruhig. Denkt nach. Sie beginnt zu schwitzen. Sie sp\u00fcrt, wie sich auf ihrer Stirn hunderte kleine Schwei\u00dftr\u00f6pfchen bilden. Kalter Schwei\u00df. Sie braucht Wasser. Und sie muss atmen. Wie ist es m\u00f6glich, dass dieser Mensch keinen Durst zu empfinden scheint? Und auch kein Problem mit der abgestandenen, bereits mehrere Male wiederverwerteten Luft hat? Absurd. Absurd ist die Sache. Wie lange sitzen wir schon hier?<br \/>\nF\u00fcnf, sechs Stunden? Bestimmt. Aber hier ist doch eine T\u00fcr. Ich habe es \u00fcberpr\u00fcft. Ich kann gehen.<br \/>\nGanz einfach. Aufstehen. T\u00fcr \u00f6ffnen. Hinaus. Atmen. Es gibt keinen Grund f\u00fcr mich, hier zu sein.<\/p>\n<p>Mit ihm. Dessen glatte Stirn kein Ende zu nehmen scheint. Ob sein kahler Sch\u00e4del eine Frisur darstellt? Oder ist es ein genetisch bedingtes Manko? Wie es doch allzu oft bei M\u00e4nnern seines Alters vorkommt. Es wirkt nicht so, als w\u00fcrde etwas nachwachsen. An den Seiten ein bisschen. Ein paar H\u00e4rchen scheinen sich einen Weg durch die k\u00e4sig-wei\u00dfe Kopfhaut bahnen zu wollen. Wer wei\u00df, wie lange wir hier noch sitzen. Vielleicht beantwortet sich meine Frage von selbst. Wie er mich ansieht. Als w\u00fcrde ich jeden Augenblick.<br \/>\nNa gut, Frau A., sagt er, keine Antwort ist auch eine Antwort. Sie kennen das Gesetz, Frau A, meint er, so nehme er zumindest an. Da werde noch einiges auf sie zukommen. Es sei besser f\u00fcr sie, w\u00fcrde sie kooperieren. Dann sei es schneller vorbei. Aber so ginge es auch. Ihm sei es gleich.<\/p>\n<p>Sobald er aus dieser T\u00fcr gehe, sei seine Arbeit getan. Er habe versucht, ihr zu helfen. Ob ihr das klar sei? Nicht jeder bekomme die M\u00f6glichkeit f\u00fcr ein Verh\u00f6r. Also?<br \/>\nEr zieht an der Kette, die an seiner Brusttasche befestigt ist und holt eine goldene Taschenuhr hervor. Klappt sie auf. Bl\u00e4st Rauch darauf. Schlie\u00dft sie. Wirft sie zur\u00fcck in die Tasche. Denkt einen Moment nach. Dann hebt er die Augenbrauen und verzieht den Mund. Der Mann nimmt noch einen letzten Zug und d\u00e4mpft die Zigarette schlie\u00dflich auf der Tischplatte aus. Halb geraucht. Eine Weile bleibt er noch sitzen. Bis er endlich aufsteht. Um hinauszugehen, wie sie erhofft. W\u00e4hrend er um den Tisch herumgeht, holt er nochmals die Taschenuhr heraus. Wiegt sie in seiner Hand. Macht sie auf. Er bleibt neben der Frau stehen. Schaut auf sie herab. Sagt: \u201eDie kennst du doch?\u201c<\/p>\n<p>Er l\u00e4chelt. Sie blickt starr geradeaus. Presst die Z\u00e4hne zusammen. Die Lippen, ein schmaler Strich.<br \/>\nDer Sekundenzeiger tickt neben ihrem Ohr. Er dreht in aller Ruhe am Aufzugsrad. Beobachtet sie.<br \/>\nKlappt die Uhr zu. Steckt sie zur\u00fcck.<br \/>\nSie k\u00f6nne gehen, sobald sie ihren Mantel fertiggemacht habe, bemerkt er teilnahmslos.<br \/>\nDer Mann geht langsam zur T\u00fcr und verl\u00e4sst lautlos den Raum. Eine Brise weht herein. Es riecht nach frischer Erde, Lehm, Tod.<\/p>\n<p>Meinen Mantel. Fertig. Das habe ich vergessen. Wo ist denn? Die Nadel? Gerade hatte ich sie doch noch. Da. Wozu? Was bedeutet das \u00fcberhaupt? Nichts. In Wahrheit. Zu jeder Zeit sichtbar soll es sein. Das Symbol, wie sie es nennen. Immer tragen. Fein. Immer tragen, sagen sie. Wer war der Herr \u00fcberhaupt? Hat er seinen Namen genannt? Wohl kaum. Seine Arbeit mit mir ist ja zu Ende. Ich werde ihm nicht mehr begegnen. Was es nun mit seinen nicht vorhandenen Haaren auf sich hat, werde ich jetzt wahrscheinlich auch nicht erfahren. Schade.<br \/>\nVon irgendwo klingt Musik. Ein bekannter Schlager.<br \/>\nSie kennt den Titel trotzdem nicht. Auch die S\u00e4ngerin ist ihr unbekannt. Sie dreht sich um. Die T\u00fcr ist verschlossen. Wenn sie fertig ist, kann sie gehen. So hat er es ihr gesagt. Sie widmet sich wieder dem Aufn\u00e4her. Sie macht es gr\u00fcndlich. Wenn sie ihn schon tragen muss, dann soll es wenigstens ordentlich aussehen. Von drau\u00dfen ist etwas zu h\u00f6ren. Ger\u00e4usche. Laute, die sie nicht zuordnen kann. Sie werden von der beschwingten Melodie und dem kr\u00e4ftigen Gesang gut \u00fcbert\u00f6nt.<\/p>\n<p>Eine nackte Gl\u00fchbirne. Ein Tisch. Zwei St\u00fchle. Eine T\u00fcr. Sie ist fertig. Steht auf. Schafft es kaum.<br \/>\nZieht ihren Mantel an. Nicht so tragisch. Es wird gut werden. Am Ende. Doch bevor sie aus der T\u00fcr geht, m\u00f6chte sie einen Blick durch das Schl\u00fcsselloch werfen. Was sie erwarten wird. Drau\u00dfen. Sie kneift ein Auge zu und dr\u00fcckt das andere gegen die kleine \u00d6ffnung. Mittlerweile ist es finster geworden. Das einzige Licht scheint von den tausenden Sternen zu kommen, die den Himmel bedecken. Sie strahlen auf tausende Sterne, die hier am Boden wandeln. Machen ihnen Licht. Wo keines mehr ist. Sie richtet sich auf. Atmet tief durch. \u00d6ffnet die T\u00fcr. Und geht zu ihnen.<\/p>\n<p>Frau A.s Schicksal war nun, obwohl es doch von Anfang an feststand, offiziell besiegelt. Von hier an verliert sich ihre Spur.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Anna Bartl<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=972\">\u00e4rgstens<\/a> | Inventarnummer: 18139<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eines Morgens, eines Tages, eines Jahres wurde Frau A., als sie gerade auf dem Weg in die B\u00e4ckerei war, in der man sie besch\u00e4ftigte, von zwei Herren mit Hut links und rechts an den Armen gepackt und in ein nahestehendes Auto gef\u00fchrt. 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