{"id":8547,"date":"2018-09-02T15:45:46","date_gmt":"2018-09-02T15:45:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8547"},"modified":"2024-02-04T11:48:18","modified_gmt":"2024-02-04T11:48:18","slug":"killer-kuehe-waere-der-titel-in-der-kronenzeitung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8547","title":{"rendered":"Killer-K\u00fche (w\u00e4re der Titel in der Kronenzeitung)"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8547&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8547&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p><em>Eine idyllische Mai-Wanderung mit Hindernissen<\/em><\/p>\n<p>Anfangs widerstrebend, folge ich schlie\u00dflich ihrem Vorschlag, nicht den Wasserfallweg zu nehmen, sondern \u00fcber die Schoberkapelle ins Tal zur\u00fcckzukehren. Isabella ist immer offen f\u00fcr alles, aber doch standfest und durchsetzungsstark. Zwei Argumente \u00fcberzeugen mich:<br \/>\nSchau dir die dicke, schwarze Wolkenm\u00fctze \u00fcber dem Schneeberg an. Da steckt viel Regen drin. Am Wasserfallweg kriegen wir sicher etwas davon ab und keine Aussicht. Au\u00dferdem bist du den so oft gegangen wie ich, und die andere Richtung kennst du noch nicht.<br \/>\nBitte, aber an der Kapelle will ich eine Zigarette rauchen, im Rucksack hab ich meinen Kaffee dazu.<\/p>\n<p>Das ist f\u00fcr mich der \u00dcbergenuss nach dem Mittagessen auf der Maumau-Wiese: Blunzengr\u00f6stl mit Sauerkraut in der Pfanne.<br \/>\nMensch, was willst du mehr?<\/p>\n<p>Wir wandern eine flache Fr\u00fchlingswiese hinauf und setzen uns vor der Kapelle aufs Bankerl.<br \/>\nNeben uns steht ein h\u00f6lzerner Trog, in den aus einem Baumstamm Wasser pl\u00e4tschert.<br \/>\nWir f\u00fcllen unsere Trinkflaschen, herrliches Wasser, schmeckt nach Kr\u00e4utern. Boggie bekommt sein Sch\u00e4lchen. Dann lagert er sich zu unseren F\u00fc\u00dfen und steckt den Kopf zwischen die Pfoten. Lange lassen wir den Blick schweifen, stumm. Der Ausblick auf die sanften Wiesenwellen verschl\u00e4gt uns jedes Wort. Atmen wir \u00fcberhaupt noch? Die Sonne ist \u00fcber den Grat zur\u00fcckgekommen, und die dunklen Wolken bleiben dr\u00fcben stehen.<\/p>\n<p>Meine Manie, Dinge beim Namen zu nennen, setzt sich durch. Ein leichter Wind bewegt die kniehohen Gr\u00e4ser, dazwischen Margeriten, gelber Hahnenfu\u00df und Bocksbart, vereinzelt eine Trollblume und roter Feldmohn, Glockenblumen und Schafgarben, gro\u00dfe und kleine Spieren in Wei\u00df und Rosa, Wollgr\u00e4ser mit ihren wehenden Watteb\u00e4uschchen, das Zittergras tut das Seine im Wetteifer mit dem Wildhafer, niedriger die Wiesenorchideen von wei\u00df \u00fcber lila bis kardinalrot, darunter noch der blitzblaue Ehrenpreis, vermischt mit Wegwarte und Klee in allen Farben und Formen. Fifty Shades of Green. Die Wiesenh\u00e4nge scheinen in Wellen zu wogen wie ein sanftes Meer, lautlos anbrandend an die Waldr\u00e4nder mit den rundlichen Bergr\u00fccken dar\u00fcber. In der Mulde und am Hang gegen\u00fcber lagern K\u00fche, semmelblonde Flecken im Dunkelgr\u00fcn. Ab und zu huscht ein Schatten \u00fcber die H\u00e4nge, wenn eine Wolke vor\u00fcbersegelt.<\/p>\n<p>Die einzeln oder in kleinen Gruppen stehenden Tannen, Fichten, L\u00e4rchen und F\u00f6hren bilden dunkle Monumente im gr\u00fcnen Farbenmeer. Einzelne vom Schneeberg herziehende Wolken schicken Schatten \u00fcber die Landschaft. Ist Isabella ebenso seekrank wie ich?<br \/>\nSchwindelig, selig so wie ich zwischen den blinzelnden Augen?<br \/>\nIch glaube, solche Augenblicke nennt man Gl\u00fcck.<br \/>\nWas f\u00fcr ein sch\u00f6nes Wort, Augenblick, das hat nur das Deutsche.<br \/>\nMeinst du? Egal. Gl\u00fcck, das gibt\u2018s eh nur einen Augenblick.<br \/>\n&#8230; ist ein Vogerl &#8230;<br \/>\nSchau, was sind das f\u00fcr gro\u00dfe V\u00f6gel da oben? K\u00f6nnten Falken sein.<br \/>\nNein, nur Kr\u00e4hen.<\/p>\n<p>Meine Stimme ist wie verschluckt und kr\u00e4chzt, aber ich versuche einen Kommentar:<br \/>\nWelcher Maler hat das gemalt? Ich erinnere mich an Matisse.<br \/>\nIsabella meint, es war Degas.<br \/>\nNein, das war der mit den jungen T\u00e4nzerinnen.<br \/>\nPissarro?<br \/>\nDas war doch der T\u00fcpferlmaler, ein Pointillist.<br \/>\nAm ehesten Monet.<br \/>\nWir einigen uns auf seine Wiesen an den Seine-Ufern.<\/p>\n<p>Als wir aufbrechen, studieren wir die Wegweiser. Einer zeigt ins Tal und sagt Puchberg 1 1\/2 Stunden. Das geht, dann sind wir um f\u00fcnf in Puchberg. Wir haben beide vergessen, den Fahrplan f\u00fcr die R\u00fcckfahrt zu studieren.<br \/>\nIn sanften Kurven schl\u00e4ngelt sich ein wei\u00dfer Kiesweg mit einem Grasstreifen in der Mitte das flache T\u00e4lchen hinaus. Ich bin einverstanden, denn meine linke H\u00fcfte macht sich langsam bemerkbar und will keine Steigung mehr, weder rauf noch runter. Die Orthop\u00e4din hat erst vor Kurzem festgestellt \u2013 altersgem\u00e4\u00df abgen\u00fctzt, aber noch keine Rede von Operation. Geht noch mit einer Spritzenkur. Am Boden dieser Senke sehen wir einen Bauernhof mit einem langgezogenen Stall. Kontemplativ bewundere ich die noch gras\u00fcberwachsenen Trittwege der K\u00fche, die sich die H\u00e4nge entlangziehen. Sp\u00e4ter im Sommer werden sie ausgetreten sein und aussehen wie erdige Narben in der Landschaft.<\/p>\n<p>Ich erz\u00e4hle von meiner Mutter, einer Salzburgerin, die beim Spiel immer gesagt hat, wenn es um das Lieblingstier ging, sie wollte eine Pinzgauerkuh auf der Alm sein. Dieser Frieden, diese Sch\u00f6nheit, dieses sanfte Gem\u00fct und die seelenvollen Augen. Unter solchen launigen Gespr\u00e4chen geht es abw\u00e4rts.<br \/>\nWir lachen, weil sich vor dem Stall schon drei K\u00fche angestellt haben, eine kleine Schlange zwischen den Gittern, die sie zur Melkstelle leiten.<br \/>\nDas sind die Streber, die immer die Ersten sein wollen. Ich hau mich ab, weil mich das an mich erinnert. Immer im Wettbewerb, immer die Erste.<br \/>\nIsabella lacht mit mir. Sie kennt das nicht, sie hat nur eine sehr viel j\u00fcngere Schwester.<\/p>\n<p>Wir biegen auf das Str\u00e4\u00dfchen ein, auf dem jetzt immer mehr K\u00fche zum Hof zur\u00fcckkehren. Es werden immer mehr, die von unten herauf aus dem Tal auftauchen. Es wird eng.<br \/>\nIch wei\u00df nicht, wer das Signal gegeben hat. Fluchtinstinkt. Irgendwann werde ich ihr von meinem Talent erz\u00e4hlen, Lebensgefahr in einem Fr\u00fchstadium zu ersp\u00fcren. Immer mehr Zeitungsberichte im Kopf von aggressiven K\u00fchen. Sogar Todesf\u00e4lle. Der kleine Boggie wurde vor einem Jahr auf einer Salzburger Alm von K\u00fchen verfolgt, das hat sie mir erz\u00e4hlt. Aber jetzt tr\u00e4gt sie ihn schon seit geraumer Zeit, und dieser kleine Wiffzack hat keinen Mucks von sich gegeben. Also, was irritiert die K\u00fche? Zweibeiner ganz allgemein? Haben sie genug von den Menschen? Wollen sie sich r\u00e4chen daf\u00fcr, was wir ihnen seit Jahrtausenden angetan haben?<\/p>\n<p>Konferenz der Tiere von K\u00e4stner, aber die waren trotz 1933 friedlich.<br \/>\nIst schon lang Zeit, dass sich die Tiere r\u00e4chen, aber warum diese Mordlust bei unserem Anblick? Das ist ungerecht. Nat\u00fcrlich meinen wir, dass wir die Ausnahme sind. Ich bin im Alltag Vegetarierin mit zwei Ausnahmen: Auf der Maumauwiese muss ich immer Blunzen essen und auf der Redlingerh\u00fctte Schweinsbraten. Isabella ist sogar glukosefreie Veganerin, Boggie kriegt Trockenfutter, keine Ahnung, ob und wie viel Fleisch darin ist. Isabellas Anorak ist feuerrot, mein Rucksack knallorange, \u00fcberlege ich. Das sind doch keine Stiere, au\u00dferdem eh nur eine bl\u00f6de Legende. Stiere sind farbenblind. K\u00fche auch.<br \/>\nAber sie waren doch schon am Nachhauseweg, wenige Meter vom Stall entfernt, dort w\u00fcrden gemolken werden, fressen, liegen, wiederk\u00e4uen bis zum Morgen, wieder auf die gr\u00fcne Wiese. Was hat sie umgestimmt, aus ihrem Kuhtritt gebracht? Isabella meint, es sei der Pickup gewesen, der sich durch sie ziemlich unsensibel durchgebohrt hat. Ich habe ihn vom Bauernhof losfahren gesehen und kurz die Hoffnung gehabt, er holt uns zur Rettung.<br \/>\nAlles \u00dcberlegungen f\u00fcr die Zeit nach der Rettung.<\/p>\n<p>Auf jeden Fall f\u00fchle ich mich von den immer dichter anr\u00fcckenden K\u00fchen bedroht und weiche auf die Wiese nach links aus. Zuerst einmal unter einem Elektrozaun durchschl\u00fcpfen.<br \/>\nRauf, rauf, nur rauf. Ich rase die Wiese hinauf, stolpernd, strauchelnd, zur\u00fcck und vor. Hohes Gras, hier hat noch niemand gegrast. Schwer die Schritte, die Beine immer wieder hoch hinauf, und immer wieder Schlingen, Grasb\u00fcschel, die abrei\u00dfen, Schnitte an den Handfl\u00e4chen und Fingern. Irgendwie bekomme ich mit, dass Isabella mit Boggie hinter mir ist. Sie schreit etwas, aber ich h\u00f6re nur noch mein Blut in den Ohren pochen.<\/p>\n<p>Wieder schreit sie etwas, ich verstehe sie nicht, bin nur orientiert auf eine dicke Fichte weiter oben am Hang. Dahinter will ich Schutz suchen. Endlich erreicht, verschnaufe ich etwas, das Herz will aus dem Hals herausspringen, tief gebeugt keuche ich, hunderttausend Zigaretten melden sich zur\u00fcck, kchkchkch, ich kann nicht sprechen. Isabella kommt dazu, das H\u00fcndchen unterm Arm. Winzig klein, der Zwergpinscher, aber immerhin f\u00fcnf Kilo. Ungef\u00e4hr noch einmal ein Rucksack.<br \/>\nKurz meinen wir, dass wir\u2018s geschafft haben, gerettet sind. Da sehen wir, dass die ganze Herde weiter den Wiesenhang heranzieht, angef\u00fchrt von einer gro\u00dfen Pinzgauerin. Ich b\u00fccke mich, ein, zwei drei, atmen, ruhig, kann kaum durchatmen, richte mich auf und sehe den F\u00fchrerkuhkopf gleich hinter dem Fichtenstamm. Sie beutelt den Kopf und br\u00fcllt. Was f\u00fcr ein Br\u00fcllen \u2013 ein Mordbr\u00fcllen. Weiter, rauf, es rasselt in meiner Brust. Gleich zerspringt sie.<\/p>\n<p>Es wird immer steiler, ich schaue nicht mehr zur\u00fcck, sondern nur nach oben. Da ist ein Zaun, ein einziger Draht, das hei\u00dft, ein Elektrozaun. Dort muss ich hin. Hasten, stolpern, hoch die Beine aus dem tiefen, schweren Gras, es hat ja gestern und die ganze Nacht geregnet, der Boden tief, Schlingen halten mich im hohen Gras, aber immer nach oben, weiter, weiter. Isabella schreit etwas von hinten, ich verstehe nichts und k\u00fcmmere mich nicht darum. Da sehe ich am oberen Ende des Hanges eine Schneise in den Wald hineinf\u00fchren und st\u00fcrze auf einen Wiesenweg.<br \/>\nIch hab keine Luft mehr und drehe mich um. Wir streiten aus der Ferne mit Gesten, sie zeigt runter, ich rauf, in den Wald. K\u00fche gehen nicht in den Wald, was wollen K\u00fche im Wald? Ich haste weiter, vorbei an einem J\u00e4gerstand \u2013 w\u00e4re das ein Schutz? Nein, die H\u00fctte ist aus leichten Brettern und morsch, sie sitzt nur knapp \u00fcber dem Boden, die T\u00fcr h\u00e4ngt schief, das w\u00e4re kein Schutz, ein leichtes Spiel f\u00fcr sie, wenn sie uns niedertrampeln wollen. Weiter, weiter nach oben, es ist steil, ich greife nach den Gr\u00e4sern, es sind Brennnesseln, auch um die nackten Wadeln. Gut gegen Rheumatismus. Sogar jetzt noch funktionieren die Spr\u00fcche.<\/p>\n<p>Ich bin am Ende, komme zum Stillstand und falle auf den Bauch. Ich sp\u00e4he \u00fcber eine Wiesenkuppe: darunter ein steiler, mit Felsen und Baumst\u00fcmpfen durchspickter, fast senkrechter Abhang. Die Pumpe rast. Ich liege vorn\u00fcber gebeugt im Gras. Da h\u00f6re ich wieder Isabella.<br \/>\nVeronika, nicht weiter! Komm zur\u00fcck.<br \/>\nNein, weiter, durch den Wald, wir umgehen sie oben und kehren nach unten zur\u00fcck.<br \/>\nWir schreien und deuten, ich stampfe auf und sie gestikuliert.<br \/>\nMit langsamen Schritten gehe ich hinunter auf sie zu. Auf den Wurzeln einer alten L\u00e4rche lasse ich mich nieder, wir schreien einander an, beide ohne Atem.<\/p>\n<p>Da ich in meiner Flucht fast immer nach oben geschaut hatte, hatte ich nicht wahrgenommen, was sich unten abspielte. Isabella aber hat gesehen, dass unser Stra\u00dferl nach rechts eine Abbiegung hat, und die Kuhherde nach links abgebogen ist. Jetzt stand sie genau unter der Wand und str\u00f6mte gem\u00e4chlich in den Wald hinein. Ist es denn m\u00f6glich, dass sie uns verfolgen und auflauern?<br \/>\nSiehst du nicht, dort bei dem Holzsto\u00df. Da sind sie nach links gegangen und sperren die Umgehung ab. Schau, sie stehen alle dort unten. Wir m\u00fcssen zur\u00fcck, runter und nach rechts, sie auf unserer Stra\u00dfe umgehen.<br \/>\nIch lege mich wieder flach auf den Bauch und starre hinunter.<br \/>\nIsabella hat richtig gesehen.<\/p>\n<p>Wie kann das sein? Als w\u00e4ren sie alle uns unten gefolgt. Wir oben, sie unten, parallel.<br \/>\nEine kompakte Herde, halb auf dem Weg, halb im Wald, die K\u00f6pfe nach oben gereckt.<br \/>\nNein, sehen k\u00f6nnen sie uns nicht. Aber vielleicht riechen? Was wissen wir schon? Nichts. Aber warum \u00fcberhaupt?<br \/>\nEine Br\u00fccke, ein Holzsto\u00df mit frisch geschlagenen St\u00e4mmen, ein Brunnen, eine Abzweigung, das Stra\u00dferl nach rechts, der Viehsteig nach links.<br \/>\nIch folge meinem Napoleon den Hang hinunter. Wir biegen auf unseren rotmarkierten Weg ein, dort stehen noch immer die ersten drei K\u00fche, lassen den Holzsto\u00df links liegen, biegen nach rechts und \u00fcberqueren die kleine B\u00fccke. Z\u00fcgig gehen wir bergab, Isabella voran, Boggilein strampelt voraus. Wir haben\u2018s geschafft. Gehen-atmen-gehen-atmen. Da bleibt sie stehen.<\/p>\n<p>Siehst du das?<br \/>\nNein, was?<br \/>\nIch stehe noch in der Sonne, das Tal wird enger und dunkler.<br \/>\nDa sind sie wieder.<br \/>\nWie viele?<br \/>\nZwei oder drei, wir gehen ruhig vorbei.<br \/>\nNein, ich gehe nicht vorbei. Nie wieder gehe ich an K\u00fchen ruhig vorbei, schreie ich, jetzt schon sehr hysterisch.<br \/>\nDa sehe ich eine andere und noch eine auf dem schmalen Weg stehen.<br \/>\nUnd noch mehr und mehr quellen heraus aus dem Schatten.<br \/>\nIsabella sieht jetzt auch, dass wir nicht an ihnen vorbeikommen, weil sie es auf uns abgesehen haben. Sie sperren uns in breiter Front den Weg ab und verteilen sich schon im Wald. Eine M\u00f6rderbande.<br \/>\nIch st\u00fcrze mich das T\u00e4lchen rechts runter.<br \/>\nIsabella schreit, nein, rechts den Hang rauf!<br \/>\nNein, runter, zum Bach, dort ist ein Zaun. Wir m\u00fcssen hinter den Zaun.<\/p>\n<p>Entlang der Kuhtritte in der aufgeweichten Erde taumele ich den Hang hinunter, manchmal am Hosenboden, um unter dem dreifachen Stacheldrahtzaun durchzurutschen, l\u00f6se den Rucksack vom R\u00fccken, er kollert den Abhang runter und bleibt am Bachrand liegen, die Wasserflasche fliegt noch weiter runter. Aber ich bin durch, den Rucksack wieder auf dem R\u00fccken, fische die Wasserflasche heraus und wate durch den Bach.<br \/>\nDas ist nur ein T\u00e4lchen, der gegen\u00fcberliegende Hang aber doch nicht zu erklimmen, denn fast senkrecht und weiche Erde.<\/p>\n<p>Erst laufe ich das Bacherl nach oben, die W\u00e4nde noch steiler, dann runter, die Herde noch n\u00e4her, und irgendwo macht der Zaun einen rechten Winkel und endet knapp vor dem Bacherl.<br \/>\nKlar, die K\u00fche haben Zugang zum Wasser. Wieder rauf, und da finde ich eine Stelle, an der einige Fichtenb\u00e4umchen wachsen. Links das erste, weiter hoch, ein steiler Schritt, meine l\u00e4stige H\u00fcfte streikt, auweh, ich bleibe in einer Schlinge h\u00e4ngen, mein Fu\u00dfgelenk ist gefesselt, die H\u00fcfte sperrt, ich kann nicht mehr, tut h\u00f6llisch weh.<\/p>\n<p>Aber dann erblicke ich oberhalb von mir ein B\u00e4umchen, an dem ich mich hochziehen kann, wieder ein bissl h\u00f6her, am Bauch, die Kuh muht hinter mir. Grad sehe ich Boggie noch neben mir, er jappelt und k\u00e4mpft sich hinauf, sehe aus dem Augenwinkel, dass dieser Abschnitt zu hoch ist f\u00fcr seine kurzen Beinchen. Zwergpinscher. Ich sehe ihn zur\u00fcckkollern, bin aber ohne Gnade f\u00fcr ihn, weil ich gerade mein linkes Fu\u00dfgelenk aus der Fessel befreien muss. Ich strample, schaue um mich und grapsche nach oben zu einem festen Halt. Nichts da, nur d\u00fcrres Reisig, ein morscher Ast bricht an einem Fichtenstamm ab.<\/p>\n<p>Weiter rechts oben krieg ich ein festes Buchenst\u00e4mmchen zu fassen und ziehe mich nach oben. Da erhasche ich einen Blick auf die Leitkuh hinter dem Zaun und h\u00f6re sie ganz nahe hinter mir unk\u00fchisch br\u00fcllen, ein tiefes, raues Aufheulen, aber noch hinter dem Stacheldraht, wie sie sich kopfsch\u00fcttelnd dar\u00fcber emp\u00f6rt, dass wir ihnen entwischt sind. Ich ziehe mich den letzten Meter nach oben und komme zwischen riesigen Huflattichbl\u00e4ttern an einem Stra\u00dfenrand zu liegen. Im Kies sch\u00fcrfe ich mir die Ellbogen auf.<\/p>\n<p>B\u00e4uchlings liegend sehe ich, wie knapp hinter mir Isabella heraufkriecht.<br \/>\nNimm die Buche, Isi, k\u00fcrze ich aus Atemmangel ab. Sie mag das gar nicht.<br \/>\nJa, Veronika. Wenn sie mich auch noch abk\u00fcrzt, krieg ich den n\u00e4chsten Anfall.<br \/>\nWieder auf den Beinen, rase ich, ohne mir eine Pause zu g\u00f6nnen, die Stra\u00dfe hinunter und halte nicht an, bis ich einen Schranken sehe. Er ist an der Seite arretiert, ich schaukle ihn, bis ich ihn aus der Verankerung gebracht und quer \u00fcber die Stra\u00dfe gezogen habe.<br \/>\nW\u00e4hrenddessen schreit Isabella immer noch nach Boggie, winkt mich zu sich herauf, ich sch\u00fcttle den Kopf, habe nur den Schranken im Sinn, bin versessen auf die Idee, er soll uns retten, die K\u00fche abhalten.<\/p>\n<p>Isi steht auf der Stra\u00dfe, wachelt mit den Armen und deutet mir herauf. Boggie ist nicht da, Boggie, Boggie komm! Hierher! Petziputziii!<br \/>\nAber da ist er schon, krabbelt knapp unterhalb von Isabella den Stra\u00dfenrand hoch und beutelt sich so heftig, dass es ihn umwirft. Er ist waschelnass, offenbar ist er den Bach hinunter gelaufen, hat eine Furt und einen erklimmbaren Abhang gefunden.<br \/>\nDieses Gesch\u00f6pf hat sich selbst gerettet! Boggie ist so unfassbar klug, die Gefahr erkannt zu haben! Oder einfach nur gen\u00fcgend instinktbegabt und lebenslustig.<br \/>\nOhne Worte feiern wir ihn, ich st\u00fcrme aber weiter den Weg das Tal hinunter, ohne innezuhalten. Wie schon oben auf der steilen Wiese ist mein Impuls, mich zu retten, um die anderen retten zu k\u00f6nnen. Meine Bergsteiger-DNA. Epigenetik, wird Isabella sp\u00e4ter sagen, zu mir und Boggie.<br \/>\nAber warum haben die K\u00fche ihre verloren?<\/p>\n<p>Isabella ruft irgendetwas hinter mir her, aber ich rase wie aufgezogen, weg, weg, weiter, weiter, den Weg runter, weg aus der Gefahr, bis ich keine Spuren von Kuhhufen sehe. Trotzdem kann ich nicht aufh\u00f6ren, die Blicke nach links und rechts schweifen zu lassen und nach Fluchtm\u00f6glichkeiten Ausschau zu halten:<br \/>\nWelchen Baumstamm k\u00f6nnte ich hochklettern, welcher Hang w\u00e4re zu steil f\u00fcr K\u00fche und f\u00fcr mich machbar, an welches Br\u00fcckengel\u00e4nder k\u00f6nnte ich mich au\u00dfen klammern? W\u00e4re das Trafoh\u00e4uschen zwischen zwei Pfosten gen\u00fcgend Schutz? Oder unter dem unrechtm\u00e4\u00dfig im Wald geparkten Auto? Wie k\u00e4me ich da wieder weg, wenn sie mich umringen w\u00fcrden?<br \/>\nDas T\u00e4lchen wird einmal weiter, dann wieder enger, aber immer lieblicher, schafft es an einer Stelle zu einer Schlucht mit kleinem Wasserfall, das B\u00e4chlein rauscht und gluckert, ges\u00e4umt von Sumpfdotterblumen, Vergissmeinnicht, Heckenrosen und Prachtspieren. Idylle pur. Wie hei\u00dft das Bacherl, das Tal?<\/p>\n<p>Langsam kehre ich ins Leben zur\u00fcck, werde ruhiger, gehe langsamer, ordne meinen Atem und meinen Blutkreislauf, beide H\u00e4nde auf dem Sonnengeflecht. Aber erst an den ersten H\u00e4usern von Puchberg mit Metallz\u00e4unen, Gartentoren und festen Mauern halte ich an und warte auf Isabella. Sie, um einige Jahre j\u00fcnger als ich, immer schon Nichtraucherin und spitzenm\u00e4\u00dfig durchtrainiert, stellt ohne Neid fest:<br \/>\nBumsti, du kannst aber rennen!<br \/>\nDanke, ich wei\u00df, viel davongerannt, aber noch nie im Leben vor K\u00fchen!<br \/>\nOh Gott, was ist mit den seelenvollen K\u00fchen meiner Mutter passiert? Der Inbegriff von Sch\u00f6nheit und Frieden?<\/p>\n<p>Wir haben auf der Flucht eineinhalb Stunden verloren, hetzen zum Bahnhof und stellen fest, dass unser Zug in sieben Minuten ankommen soll. Wir halten uns f\u00fcr Gl\u00fcckskinder, sinken in die Sitze der Zwergenbahn und atmen selig durch. Gerade sehen wir noch in der untergehenden Sonne, dass der Schneeberg seinen Wolkenhut gel\u00fcpft hat.<\/p>\n<p><em>Erlebt am 26.5., aufgeschrieben am 27.5.18<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\/\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=7515\">Von M\u00fccke zu Elefant<\/a> | Inventarnummer: 18137<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine idyllische Mai-Wanderung mit Hindernissen Anfangs widerstrebend, folge ich schlie\u00dflich ihrem Vorschlag, nicht den Wasserfallweg zu nehmen, sondern \u00fcber die Schoberkapelle ins Tal zur\u00fcckzukehren. Isabella ist immer offen f\u00fcr alles, aber doch standfest und durchsetzungsstark. 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