{"id":8543,"date":"2018-08-19T17:37:24","date_gmt":"2018-08-19T17:37:24","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8543"},"modified":"2018-09-08T10:24:12","modified_gmt":"2018-09-08T10:24:12","slug":"praedikat-mit-auszeichnung","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8543","title":{"rendered":"Pr\u00e4dikat mit Auszeichnung"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8543&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8543&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Im europ\u00e4ischen Osten, Ende der 1960er.<br \/>\nEine streng frisierte Frau sitzt an ihrem Schreibtisch, auf dem ein hoher Stapel mit Schriftst\u00fccken wartet. Sie tr\u00e4gt ein schlichtes, dennoch nicht elegantes Kost\u00fcm in einem grauen Beige oder einem beigen Grau und beugt sich ein wenig nach vor, um den klobigen Telefonh\u00f6rer in die linke Hand zu nehmen, w\u00e4hrend die rechte sich noch schnell mit einem dunkelblauen F\u00fcller ein paar Notizen auf einem schneewei\u00dfen Blatt Papier macht. Danach w\u00e4hlt der rechte Zeigefinger mehrere Ziffern hintereinander. Die Wahlscheibe dreht sich jedes Mal mit einem mechanischen Ger\u00e4usch wieder an den Ausgangspunkt zur\u00fcck; \u00a0ein letztes \u201eKlick\u201c, bevor die Frau zu sprechen beginnt.<\/p>\n<p>\u201eMagda hier. Ich habe hier eine Menge Mitteilsames vor mir liegen, aber noch keine Starterlaubnis f\u00fcr meine Arbeit bekommen. Wenn ich in eurem Sinne bis Ende der Woche damit fertig sein soll, und das nehme ich stark an, dann sollte eure Abteilung in die G\u00e4nge kommen und mir einen Boten schicken mit den notwendigen Anweisungen.\u201c<\/p>\n<p>Gemurmel am anderen Ende der Leitung.<\/p>\n<p>\u201eGut, dann fange ich ausnahmsweise ohne die schriftliche Genehmigung an. Ich verlasse mich auf dich, dass ich sie heute Vormittag noch bekomme. Bis dahin!\u201c<\/p>\n<p>Das andere Ende der Leitung spricht drei bis f\u00fcnf Worte. Magda legt auf.<\/p>\n<p>Sie nimmt sich den ersten Bogen Papier, beginnt eine wackelige Handschrift zu entziffern und seufzt. Jede Menge Arbeit. Je l\u00e4nger die Insassen hier verweilen, desto mehr haben sie zu erz\u00e4hlen. Und umso mehr ist sie gefordert.<\/p>\n<p>Die Originaldokumente sind bereits kopiert, ein aufw\u00e4ndiger Vorgang, der Mitarbeitern der Sicherheitsstufe 5 vorbehalten ist. So findet sich das Blatt in Kopie direkt unter dem jeweiligen Brief, der f\u00fcr die Lieben daheim bestimmt ist. Sie arbeitet auf dem Original. Sie ist sich der Wichtigkeit ihrer Aufgabe bewusst.<\/p>\n<p>Das \u00dcbliche. Verh\u00f6re werden nicht beim Namen genannt, denn die Briefschreiber sind gewieft genug zu wissen, dass ihre Mitteilungen nicht einfach ungelesen nach au\u00dfen wandern. Es wird umschrieben, was das Zeug h\u00e4lt. Auch die Unschuld wird stets betont, immer sei man treu den Interessen des Staates gefolgt, alles ein Missverst\u00e4ndnis und werde sich ehebaldigst aufkl\u00e4ren. Wie eine Beschw\u00f6rungsformel, die Magda bereits zur Gen\u00fcge kennt, in Kopie abgelegt zu Tausenden in ordentlichen, strotzenden Sammelmappen.<\/p>\n<p>Magda tilgt sie nun alle, die Beschreibungen der Unterbringung und Personen, die mit der Inhaftiertenbetreuung besch\u00e4ftigt sind. Sie stellt ohne gro\u00dfe Verwunderung fest, dass ein bestimmter Mitarbeiter, Einheimischer hier aus der Stadt, neuerlich als menschlich sehr zug\u00e4nglich beschrieben wird. Sie nimmt davon Notiz, sozusagen, bevor der schwarze Balken diesem Lob wie der angedeuteten Beschwerde ein Ende macht.<\/p>\n<p>Die Zensorin blickt auf den vierseitigen Brief, ihr vollendetes Werk. Immer eine gerade Anzahl von dicht beschriebenen Seiten \u00fcbrigens, denn Papier ist hier ein besonders wertvolles Gut.<br \/>\nSie ist zufrieden. Nicht nur hat sie s\u00e4mtliche offensichtlichen \u00dcbertretungen ausgemerzt, auch die verklausuliertesten Andeutungen sind ihr nicht entgangen. \u201aDu wei\u00dft doch noch, Tante Anitas Katze? So f\u00fchle ich mich gerade.\u2018 Was immer Tante Anitas Katze zugesto\u00dfen sein mag, es wird nichts Gutes gewesen sein. Weg damit.<\/p>\n<p>Doch dessen nicht genug. Sie kann auch die Passagen, in denen inhaltlich nichts Beanstandenswertes vorkommt, nicht einfach so lassen, wie sie sind. Rechtschreibung und Grammatik sind wichtig. Wenn jemand nicht wei\u00df, wie man schreibt, soll er\u2019s lassen. Ihre Meinung.<\/p>\n<p>So landen auch Stellen, in denen es darum geht, wie gro\u00df die Vorfreude aufs Wiedersehen mit der Familie ist, unter Balken. Eigentlich schon egal, denn Briefe aus ihrem B\u00fcro \u00e4hneln eher einem schwarzen Meer mit einigen Einsprengseln. Was jemand mit so einem Schreiben anfangen soll, war ihr immer schon schleierhaft.<\/p>\n<p>Es klopft. Der Bote mit der schriftlichen Genehmigung; das ist erfreulich rasch gegangen. Er \u00fcberreicht ihr aber nicht nur das vereinbarte einzelne Dokument, sondern auch ein zweites amtliches Schriftst\u00fcck in einem Kuvert. \u00a0Sie kommt seiner sch\u00fcchternen Bitte um Gegenzeichnung des Erhalts f\u00fcr beides rasch nach, denn sie ist mehr als neugierig auf das Unangek\u00fcndigte. Das Kuvert bedeutet: bedeutsam. Der Bote entfernt sich dezent.<\/p>\n<p>Die Genehmigung wandert nach kurzem Kontrollblick sofort in die richtige Mappe.<br \/>\nSie rei\u00dft das Kuvert auf.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eSehr geehrte Frau Dr. T.,<\/p>\n<p>in Anbetracht hervorragender Leistungen in der Zensurbeh\u00f6rde und au\u00dferordentlich gewissenhafter Durchf\u00fchrung der Ihnen zugeordneten Aufgaben teilen wir Ihnen mit, dass Sie ab 5. Juno\u00a0 als neue Leiterin der Zensurbeh\u00f6rde als Nachfolge von Herrn M. vorgemerkt sind. Wir bitten Sie h\u00f6flichst, sich mit allen notwendigen Unterlagen zur weiteren Vorgehensweise am\u00a0 25.05. cr. um 9 Uhr 15 in der Abteilung 12, Zimmer 34 einzufinden.<\/p>\n<p>Mit vorz\u00fcglichsten Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p><em>H\u00e4ssliches Gekrakel<\/em><\/p>\n<p>Dr. Z., Vorsitzender des Komitees f\u00fcr Datenbearbeitung\u201c<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Frau Dr. Magda T. l\u00e4chelt zum ersten Mal an diesem Tag und streicht mit der Hand \u00fcber das glatte Papier, bevor sie es vor\u00fcbergehend links hinten neben dem Stapel ablegt. Sie greift nach dem n\u00e4chsten Brief.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Carmen Rosina<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=4535\">Wortglauberei<\/a> | Inventarnummer: 18136<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im europ\u00e4ischen Osten, Ende der 1960er. 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