{"id":8528,"date":"2018-08-14T15:48:08","date_gmt":"2018-08-14T15:48:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8528"},"modified":"2018-09-08T10:28:38","modified_gmt":"2018-09-08T10:28:38","slug":"flamboyant","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8528","title":{"rendered":"Flamboyant"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8528&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8528&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Die Geschichte nahm ihren Anfang w\u00e4hrend meines Praktikums bei einem gro\u00dfen deutschsprachigen Schweizer Kulturmagazin. Gerade einmal graduierter Magister der Medienwissenschaft, durfte ich, begleitet von einem Fotografenkollegen, meinen ersten Artikel gestalten.<br \/>\nEine angesagte K\u00fcnstlerin hatte k\u00fcrzlich mit gro\u00dfem Erfolg ihre Ausstellung in der Kunsthalle absolviert, und nun waren viele Menschen neugierig auf das Arbeitsumfeld der als eher scheu bekannten Malerin.<\/p>\n<p>Bestimmt hatte ihr Manager sie \u00fcberreden m\u00fcssen, ausgew\u00e4hlte Medienvertreter in ihrem Atelier zu empfangen. Er war ein drahtiger junger Typ mit kahlrasiertem Kopf und dicker schwarzer Designerbrille; die Dramaturgie des Journalistenempfangs war bestimmt von seinen exakten Vorgaben, die uns im Vorhinein \u00fcbermittelt wurden und best\u00e4tigt werden mussten. So durfte etwa nur der Stadtteil, nicht aber die genaue Adresse des Ateliers genannt und auch keine Au\u00dfenansicht des Geb\u00e4udes ver\u00f6ffentlicht werden.<br \/>\nDas Navigationssystem lotste uns zu einer alten Fabrik am Stadtrand mit charmanter Klinkerfassade, wo die anwesenden Journalisten vom Manager empfangen und mit ein paar Verhaltensregeln versorgt in die Werkhalle vorgelassen wurden.<\/p>\n<p>Das Ziel unseres Interesses, die Dame des Hauses, wartete bereits, geh\u00fcllt in beinahe bodenlange weite, wei\u00dfe Gew\u00e4nder, in angespannter K\u00f6rperhaltung und mit vor Nervosit\u00e4t leicht ger\u00f6tetem Gesicht. Sie stand barfu\u00df und breitbeinig, wie um sich selbst mehr Terrain zu verschaffen und das der von ihr misstrauisch be\u00e4ugten Eindringlinge zu minimieren. Bestimmt aus demselben Grund umgab sie sich mit zwei Windhunden, sehr hellen kurzfelligen, die breite wei\u00dfe, lederne Nietenhalsb\u00e4nder umgeschnallt hatten und nerv\u00f6s t\u00e4nzelnd um sie Raum nahmen.<br \/>\nDas lange br\u00fcnette Haar trug Leonie Lafleur offen, ganz so, als ob sie sich bei Bedarf rasch dahinter zur\u00fcckziehen k\u00f6nnte. Mit einem bem\u00fchten schmalen L\u00e4cheln rang sie sich eine Begr\u00fc\u00dfung ab.<br \/>\n\u201eWillkommen, bitte stellen Sie Ihre Fragen, ich werde gerne Auskunft \u00fcber meine Arbeit geben.\u201c<\/p>\n<p>Die Halle hatte einen polierten Betonboden, auf den an diesem warmen Nachmittag eine recht vehemente Septembersonne ihr Licht dr\u00e4ngte, durch hunderte von Eisensprossen gebildete Glasfelder der raumhohen Fabrikfenster. Parallel zu den Au\u00dfenmauern waren verputzte und wei\u00df grundierte, etwa zwei Meter hohe gemauerte Innenw\u00e4nde montiert, an denen gro\u00dfformatige Bilder hingen, mehrheitlich ungerahmt.<br \/>\nEin Spatz war durch eine offene Dachluke hereingeflogen und durchzog mit \u00e4ngstlichem Gezwitscher die Halle in langen Flugbahnen, was die Hunde irritierte.<\/p>\n<p>Die Frau in Wei\u00df, die immer wieder ihren Blick senkte, sich wand, befangen in ihrer nicht allt\u00e4glichen Rolle als Anschauungssubjekt, bannte meinen Blick und retardierte meinen Geist. Sie bildete mit ihren Gew\u00e4ndern, die auf leichteste Bewegungen volumin\u00f6s reagierten, und mit ihren Hunden ein oszillierendes wei\u00dfes Etwas inmitten der sonnengefluteten Halle.<br \/>\nDie Kollegen mit den Kameras begannen ohne Verz\u00f6gerung mit ihrer Arbeit. Das Klickstakkato war es auch, das meine Denkblockade beendete. Auch die anderen Reporter hatten sich akklimatisiert und das Erstaunen weggesteckt, der Bann war gebrochen, und es kamen erste Fragen.<\/p>\n<p>\u201eHaben Sie fixe Arbeitszeiten, Madame Lafleur?\u201c, wollte eine junge Kollegin von der NZZ wissen, worauf nach kurzem Nachdenken eine leise Antwort folgte: \u201eTatkraft und Passion kennen keine Uhr.\u201c<\/p>\n<p>Ein blonder Journalist, der seine Sonnenbrille auf die Stirn geschoben hatte, fragte: \u201eSie waren ja die Ehefrau von einem gro\u00dfen Kunstm\u00e4zen, hat er Sie gef\u00f6rdert? Haben Sie noch Kontakt zu ihm?\u201c<br \/>\nDie Antwort erfolgte prompt und in ver\u00e4rgertem Ton: \u201eWas f\u00fcr eine Frage. Als w\u00e4re ich ein relatives Wesen. Ich bin doch keine Trabantin, keine Frau von jemandem.\u201c<\/p>\n<p>Der Spatz hatte immer noch nicht hinausgefunden und zog weiterhin m\u00e4andernd seine Kreise durch die Halle.<br \/>\nAuf das Eigentliche war ich nicht vorbereitet gewesen \u00a0\u2013 \u00a0die unvergleichlichen Kunstwerke: Blumen, Bl\u00fcten, Bl\u00e4tter, alle in Graut\u00f6nen; Makro-Ausschnitte, bildf\u00fcllende Gro\u00dfaufnahmen.<br \/>\nNur schwarz, grau, wei\u00df. Ein unentschlossenes Changieren zwischen Diskretion und Opulenz.<br \/>\nIch machte mir meine Notizen.<br \/>\nSchwarz, grau, wei\u00df. Wie die K\u00fcnstlerin selbst und wie ihre Hunde.<br \/>\nPl\u00f6tzlich sah ich den Titel meines Artikels klar vor Augen und schrieb ihn in mein Notizbuch: \u201eFlamboyant in Grau\u201c, das passte!<\/p>\n<p>Leonie Lafleur beschrieb ausf\u00fchrlich ihre Technik, gro\u00dfe Leinw\u00e4nde in Acryl oder \u00d6l zu bemalen und zeigte auch einzelne Arbeitsschritte.<br \/>\nDas war uns nat\u00fcrlich nicht genug; eine Kollegin fragte insistierend nach: \u201eMit vegetabiler Malerei verbindet man auf jeden Fall Farbe. K\u00f6nnen Sie bitte unseren Lesern erkl\u00e4ren, warum Sie genau darauf konsequent verzichten?\u201c<br \/>\nEs brauchte ein paar Augenblicke, bevor die K\u00fcnstlerin die richtigen Worte fand: \u201eFarbigkeit ist f\u00fcr mich etwas Subjektives und somit schwer vermittelbar. Mein Auge ist gl\u00fccklich mit Grau. Und Wei\u00df ist auf eine Art mein Farbfavorit, mehr als alle anderen. Und Schwarz mag ich, weil es mir nichts abverlangt.\u201c<br \/>\nDie Journalistin fragte weiter: \u201eW\u00fcrden Sie sich selbst als exzentrisch bezeichnen, Frau Lafleur?\u201c, und wurde mit einer lapidaren Antwort bedacht: \u201eIch wei\u00df nicht, ich mache gedanklich um mich selber meistens einen Bogen.\u201c<\/p>\n<p>Jetzt sah ich meine Chance und hob die Hand: \u201eSind Sie hier so ganz allein in dieser Fabrikhalle nicht manchmal einsam?\u201c<br \/>\nEs traf mich ein kurzer gekr\u00e4nkter Blick, sie hob an und bewegte die Lippen, hatte aber in diesem Augenblick ihre Stimme verloren.<br \/>\nEs erhob sich emp\u00f6rtes Geraune der Kollegenschaft ob meiner Unverfrorenheit, und ich kassierte einen Rempler in meine Rippen, ausgeteilt von meinem Fotografenkollegen.<\/p>\n<p>Eineinhalb Stunden waren vergangen, alles M\u00f6gliche gefragt und beantwortet worden, auch ich konnte noch eine akzeptable Frage platzieren und war zufrieden. Der Sonne ging langsam die Kraft aus, die Schatten in der Halle wurden l\u00e4nger, der Spatz war verschwunden, Leonie sah angestrengt aus; die Hunde lagen matt zu ihren F\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Beim Weg hinaus verlor sich mein Blick noch einmal im Sog des grauen Interieurs. Leonie Lafleur verabschiedete sich von allen Anwesenden mit einem pers\u00f6nlichen H\u00e4ndedruck.<br \/>\nMich traf ein einigerma\u00dfen luzider Blick aus sp\u00f6ttischen Augen und sie meinte mit leicht gesenkter Stimme: \u201eDanke, dass Sie hier waren, viel Erfolg beim Schreiben, und um Ihre erste Frage letztlich doch noch zu beantworten: Ja, ich f\u00fchle mich manchmal einsam.\u201c Es folgte umstandslos und unerwartet ein dezent kokettes L\u00e4cheln, das ich wohl mit einem recht tumben Blick erwidert haben musste, weil sie ein leises Lachen h\u00f6ren lie\u00df.<\/p>\n<p>Sie m\u00f6chten bestimmt wissen, ob ich damals mit der Offensive der schillernden K\u00fcnstlerin etwas anfangen konnte. Nun ja, wie ich schon sagte, die Geschichte nahm damals einen Anfang, jedoch war sie von kurzer Dauer und mager an Erz\u00e4hlenswertem. Leonie Lafleur gewachsen zu sein, dazu bedurfte es schlicht mehr Erfahrung, als ich sie hatte.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=2563\">kunst amoi schau&#8217;n<\/a> | Inventarnummer: 18135<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Geschichte nahm ihren Anfang w\u00e4hrend meines Praktikums bei einem gro\u00dfen deutschsprachigen Schweizer Kulturmagazin. Gerade einmal graduierter Magister der Medienwissenschaft, durfte ich, begleitet von einem Fotografenkollegen, meinen ersten Artikel gestalten. 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