{"id":8523,"date":"2018-09-09T08:39:48","date_gmt":"2018-09-09T08:39:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8523"},"modified":"2018-09-09T09:08:46","modified_gmt":"2018-09-09T09:08:46","slug":"die-mondgoettin","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8523","title":{"rendered":"Die Mondg\u00f6ttin"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8523&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8523&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sie l\u00e4uft barfu\u00df hinter dem alten Hund her, ihre dunklen Locken, die bis zur Mitte des R\u00fcckens reichen, wehen im Sturm. Das gebl\u00fcmte Kleid klebt an ihren nackten Beinen, es ist durchn\u00e4sst. \u201eHank! Warte auf mich!\u201c Das kleine M\u00e4dchen kann dem Hund nur schwer folgen, es wei\u00df aber, dass er auf der Suche nach Schutz ist und ihm den Weg weisen wird. Hinter ihm \u00f6ffnet sich der Boden, aus schmalen Kratern quillt eitrige Masse, vermischt mit lava\u00e4hnlicher Br\u00fche, alles schwappt \u00fcber seine Kn\u00f6chel, es stinkt ganz ekelerregend und das M\u00e4dchen muss w\u00fcrgen. Es l\u00e4uft weiter, der Wind peitscht Regen, Hagel und Schnee gegen sein Gesicht. Der Hund h\u00e4lt immer wieder an und wartet auf das M\u00e4dchen.<\/p>\n<p>An einem Bachlauf springen Forellen aus dem Wasser, landen auf der blutenden Erde, schw\u00e4nzeln verzweifelt in der Luft. Das Gew\u00e4sser verf\u00e4rbt sich blitzschnell dunkelrot und bei\u00dfender Mief erf\u00fcllt die Umgebung. Bald haben sie den Wald erreicht. Hinter einer gro\u00dfen Hecke kriechen Schlangen, W\u00fcrmer, Kr\u00f6ten und Echsen hervor, sie fliehen ebenso vor der sich \u00f6ffnenden Erde. Aus den Baumrinden tropfen dicke, harz\u00e4hnliche Absonderungen, die \u00c4ste kringeln sich ein, sind pl\u00f6tzlich tot, starr, es stinkt nach Ammoniak.<\/p>\n<p>\u201eHank, hilf mir, ich kann nicht mehr!\u201c Das M\u00e4dchen ringt nach Luft, der Ammoniakgestank treibt ihm Tr\u00e4nen in die Augen. Es dreht sich um, die Schlangen, Echsen und Kr\u00f6ten folgen ihnen. Die Fu\u00dfsohlen des M\u00e4dchens schmerzen, trotz Regen und Schnee beginnt der Wald nun zu brennen, f\u00e4ngt Feuer. Der Himmel verdunkelt sich und es kann nichts mehr sehen. Nun ist der Hund an seiner Seite und f\u00fchrt es weiter. Vor ihnen teilt sich pl\u00f6tzlich der Weg, das M\u00e4dchen \u00a0nimmt Anlauf und springt dem Hund hinterher, stolpert und versinkt mit einem Fu\u00df im Morast. Das M\u00e4dchen schreit auf, mit H\u00e4nden und auf Knien versucht es, sich aus dem Abgrund zu befreien. Sein Herz schl\u00e4gt bis zum Hals, es weint und fleht und krabbelt auf allen Vieren weiter \u2026 Schlangen streifen seine H\u00e4nde und Arme, schlingern an ihm vorbei.<\/p>\n<p>Dann, endlich, sieht das M\u00e4dchen vor sich einen Felsvorsprung und dahinter eine gro\u00dfe Weide, die von all diesem Unheil verschont geblieben scheint. Hank legt sich unter die Weide ins saftige Gras und wartet auf das Kind. Den Hund umarmend legt es sich dicht neben ihn, zitternd am ganzen Leib, und gemeinsam schauen sie dem grauenvollen Schauspiel zu, das um sie herum passiert.<\/p>\n<p>\u201eMutter Erde, Mutter Erde, was ist mit dir? Wo tut\u2018s denn weh?\u201c, schreit das M\u00e4dchen laut in den Abendhimmel.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Chiara rei\u00dft die Augen auf und ringt nach Luft, an ihrem Bett sitzen Gro\u00dftante Sophie und ihre Mutter Katharina.<\/p>\n<p>\u201eSchatz, es war nur wieder dieser Traum. Es ist alles gut, wir sind ja da.\u201c Chiara weint und ist schwei\u00dfgebadet. Ihre Mutter streichelt ihr sanft \u00fcber die Stirn und k\u00fcsst sie, die Gro\u00dftante h\u00e4lt ihre Hand.<\/p>\n<p>\u201eWieso tr\u00e4ume ich das immer wieder?\u201c, schluchzt sie und legt ihren Kopf auf den Scho\u00df der Mutter.<\/p>\n<p>\u201eDu hast die Gabe, liebe Chiara. Du f\u00fchlst den Schmerz der Erde. Genau wie deine Gro\u00dftante\u201c, fl\u00fcstert ihre Mutter. Die T\u00fcr \u00f6ffnet sich und das M\u00e4dchen sieht das Schweifende von Hank am Bett vorbeihuschen. Der Hund legt seinen Kopf auf die Bettkante und leckt \u00fcber ihren Unterarm. Chiara betrachtet ihre Gro\u00dftante, die Hank nun hinter dem Ohr krault. Sie sitzt im Nachthemd da, ihre silbergrauen, dichten Haare zu einem dicken Zopf gebunden. Sie l\u00e4chelt Chiara an und ihre wundersch\u00f6nen, bernsteinfarbenen Augen betrachten das M\u00e4dchen liebevoll.<\/p>\n<p>*** 12 Jahre sp\u00e4ter ***<\/p>\n<p>Mark nimmt an einem der kleinen Tische vor der B\u00e4ckerei Platz. Er sortiert seinen Notizblock und die Stifte und bestellt sich einen Kaffee. Sein Deutsch ist zwar nicht akzentfrei, aber sehr gut. Am Nebentisch sitzt ein \u00e4lteres P\u00e4rchen und mustert ihn neugierig.<\/p>\n<p>\u201eSie sind wohl nicht von hier, was?\u201c, fragt der Mann, der seine H\u00e4nde auf einen Stock st\u00fctzt.<\/p>\n<p>\u201eIch komme aus Amerika und muss hier f\u00fcr eine Fachzeitschrift recherchieren\u201c, antwortet Mark.<\/p>\n<p>\u201eHier, bei uns? In diesem Kaff?\u201c Der Alte lacht laut auf. \u201eWas soll es da zu recherchieren geben?\u201c<\/p>\n<p>\u201eEs geht um das Thema <em>Plastic Planet<\/em> und um Mythologie. Ich bin auf der Suche nach drei Frauen, die hier wohnen. Vielleicht k\u00f6nnen Sie mir sagen, wo ich sie finde?\u201c<\/p>\n<p>Der alte Mann stopft sich mit krummen, arthritischen Fingern eine Pfeife und brummt leise vor sich hin. \u201eDie ollen Weiber vom Waldrand?\u201c, fragt er. Die Frau daneben st\u00f6\u00dft ihm den Ellenbogen in die Seite:<\/p>\n<p>\u201eAber Friedrich, wie redest du nur?\u201c, entgegnet sie.<\/p>\n<p>\u201eIst doch wahr! Fr\u00fcher h\u00e4tte man sowas wie die auf dem Scheiterhaufen verbrannt!\u201c<\/p>\n<p>Mark macht sich ein paar Notizen und muss schmunzeln. Dieses kleine Dorf hat einen seltsamen Charme, hier l\u00e4uft alles etwas ruhiger ab als in seiner Heimatstadt, als h\u00e4tte man die Zeit um Jahre zur\u00fcckgedreht.<\/p>\n<p>\u201eSie m\u00fcssen wissen, die Damen leben sehr abgeschieden am Waldrand und das ist vielen hier im Dorf unheimlich. Die \u00c4ltere hei\u00dft Sophie, sie streift oft stundenlang barfu\u00df und mit wehenden Kleidern durch die W\u00e4lder, an ihrer Seite ist immer ein Hund. Man erz\u00e4hlt sich, dass sie vor langer Zeit eine Begegnung mit einem Wolf hatte und seither sei sie v\u00f6llig ver\u00e4ndert. Leute, die nicht so \u00e4ngstlich sind, kommen zu ihr und suchen Rat und Hilfe. Sophie hat schon sehr vielen Menschen helfen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAch, papperlapapp!\u201c Der alte Mann nimmt die Pfeife aus dem Mund und bl\u00e4st den Rauch in die Luft. \u201eDas ist doch alles Quatsch, den du erz\u00e4hlst, Mutti.\u201c Mark wendet sich nun der Frau zu und klopft nachdenklich mit dem Bleistift auf den Zettel.<\/p>\n<p>\u201eWie darf ich das verstehen, ihr sei ein Wolf begegnet? K\u00f6nnen Sie mir das n\u00e4her erkl\u00e4ren?\u201c<\/p>\n<p>Die alte Frau rutscht mit dem Stuhl nun n\u00e4her an Mark heran.<\/p>\n<p>\u201eN\u00e4heres wei\u00df niemand hier. Sie war ja damals verheiratet, aber seit sie dem Wolf begegnet ist, sei der Mann wie vom Erdboden verschluckt. Niemand hat ihn je wieder gesehen. Und sie hat sich seit diesem Tag nicht nur vom Wesen her ver\u00e4ndert, sondern auch \u00e4u\u00dferlich. Fr\u00fcher hatte sie blaue Augen, seit dieser Wolfsbegegnung aber sind ihre Augen wie aus dunklem Bernstein. Es leben drei Frauen in diesem Haus: Sophie, ihre Nichte Katharina und die Tochter von Katharina, sie hei\u00dft Chiara. Es wird gemunkelt, dass Katharinas Kind von einem Italiener ist, aber niemand wei\u00df das so genau.\u201c Die H\u00e4nde der Frau zittern nun, und sie wirkt nerv\u00f6s.<\/p>\n<p>\u201eSophie und Chiara sind <em>Sehende<\/em>, m\u00fcssen Sie wissen. Sie haben eine <em>Gabe<\/em>, sagt man\u201c, fl\u00fcstert sie Mark hinter vorgehaltener Hand zu.<\/p>\n<p>\u201eKann ich unangemeldet bei den Frauen vorbeischauen? Was meinen Sie?\u201c, fragt Mark.<\/p>\n<p>Die zwei Alten sehen sich an und der Mann zuckt mit den Schultern.<br \/>\n\u201eWenn Sie meinen?! Ich w\u00fcnsche Ihnen viel Gl\u00fcck. Die olle Sophie l\u00e4sst M\u00e4nner verschwinden. Passen Sie blo\u00df auf sich auf!\u201c<\/p>\n<p>Mark notiert sich noch den Weg und marschiert los. <em>Was f\u00fcr Schauerm\u00e4rchen<\/em>, denkt er und lacht.<\/p>\n<p>Nach einer Viertelstunde Fu\u00dfmarsch kommt er an ein alleinstehendes Haus am Waldrand, die Fassade ist mit L\u00e4rchenholz vert\u00e4felt, viele bunte Windspiele h\u00e4ngen an der Veranda, im dicht bl\u00fchenden Garten sieht er vereinzelt Statuen aus Stein, elfenhafte, l\u00e4chelnde Frauengestalten. Das Haus steht auf einer Anh\u00f6he und Mark h\u00e4lt an, um sich einen Eindruck zu verschaffen. Pl\u00f6tzlich kommt Wind auf, die Tonmotive der Windspiele schlagen aufeinander und eine wundersame Melodie ert\u00f6nt. Die sich im Wind wiegenden Bl\u00fcten lassen die Elfenfiguren manchmal verschwinden und wieder erscheinen, es sieht aus, als w\u00fcrden sie tanzen. Wie aus dem Nichts steht nun ein Hund am Hauseingang, stolz und erhaben kommt er auf Mark zu und h\u00e4lt einige Meter vor ihm an, er mustert Mark, sein Fellkleid schimmert in allen Braunt\u00f6nen. Dann ebbt der Wind wieder ab, es ist still rundherum. Mark nimmt nun befremdliche Duftnoten wahr, es riecht intensiv erdig, nach Myrrhe und auch nach Moschus. Kalte Schauer laufen seinen R\u00fccken hinunter, ihm wird \u00fcbel.<\/p>\n<p>Pl\u00f6tzlich ein leises Zischen. Mark dreht sich abrupt um! Sie steht knapp hinter ihm, ihre Augen sind geschlossen, sie ist barfu\u00df, hat lange, grau schimmernde Haare, sie kr\u00e4uselt fast unmerklich ihre Nase, ihre Nasenfl\u00fcgel beben \u2013 als w\u00fcrde sie an Mark riechen, zieht sie mit einem leisen Zischlaut die Luft durch den leicht ge\u00f6ffneten Mund ein. Nun l\u00e4chelt sie und \u00f6ffnet die Augen. Mark weicht vor Schreck zur\u00fcck, er hat noch nie solche Augen bei einem Menschen gesehen, sie sind bernsteinfarben und funkeln ihn an.<\/p>\n<p>Sie nimmt seine Hand und spricht mit rauer, leiser Stimme: \u201eWir haben Sie schon erwartet!\u201c<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\" align=\"right\">Manuela Murauer<br \/>\n<a href=\"http:\/\/waldgefluesteronline.com\/\" target=\"_blank\">waldgefluesteronline.com<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=3714\">fantastiques<\/a> | Inventarnummer: 18134<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie l\u00e4uft barfu\u00df hinter dem alten Hund her, ihre dunklen Locken, die bis zur Mitte des R\u00fcckens reichen, wehen im Sturm. Das gebl\u00fcmte Kleid klebt an ihren nackten Beinen, es ist durchn\u00e4sst. \u201eHank! 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