{"id":85,"date":"2013-11-29T12:37:19","date_gmt":"2013-11-29T12:37:19","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=85"},"modified":"2014-03-25T13:07:59","modified_gmt":"2014-03-25T13:07:59","slug":"ahoi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=85","title":{"rendered":"Ahoi."},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts85&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts85&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Also das mit der Martina war sowieso die \u00e4rgste Geschichte. Acht Jahre war ich mit ihr zusammen, alle H\u00f6hen und Tiefen. Dann verl\u00e4sst sie mich mit all ihren Sachen von heute auf morgen. Sie h\u00e4tte endlich eine Wohnung gefunden und den Auszug schon ganz lange im Sinn gehabt, jetzt w\u00e4re die passende Gelegenheit und der ideale Tag. Sprach\u2019s, packte ihre Sachen in ihren hellblauen VW-K\u00e4fer und fuhr davon. Bei mir nat\u00fcrlich Katzenjammer.<\/p>\n<p>Zu diesem Zeitpunkt hatte Martina bereits einen anderen. Einer ihrer Kollegen hatte es ihr angetan, der war allerdings verheiratet und der Prozess des Entscheidens gestaltete sich langwieriger als erwartet. Ich hatte auch meine Gespielinnen, doch Martina war mir noch wichtig und ihr ging\u2019s anscheinend \u00e4hnlich mit mir. Nach einem Jahr trafen wir uns immer noch zum w\u00f6chentlichen Gedankenaustausch.<\/p>\n<p>Dann kam mir die Idee mit dem gemeinsamen Segelt\u00f6rn. Frauen, die bei solchen Pl\u00e4nen nicht Rei\u00dfaus nehmen, sind rar ges\u00e4t. Martina wollte ihrem neuen Freund gegen\u00fcber wohl so was wie ein deutliches Statement abgeben, was sie von seiner Z\u00f6gerlichkeit hielt, und so geschah\u2019s eines sch\u00f6nen Sommertages, dass meine Ex und ich in Pore\u010d gemeinsam eine wei\u00dfgl\u00e4nzende chice 14m-Yacht bestiegen und bei allerbestem Wind Richtung Rovinj ablegten.<\/p>\n<p>In der Vergangenheit \u00fcber Jahre ein eingespieltes Gespann beim Binnensegeln am Attersee, erwies sich das Teamwork mit Martina auf der Adria als t\u00fcckisch. Bei nahezu perfekten Windbedingungen konnte ich mein Bed\u00fcrfnis nach Abenteuer in Schr\u00e4glage voll ausleben, so manch gewagte Wende lie\u00df das Adrenalin nur so in meine Adern sprudeln. Die Abende mit Martina sollten die Reise kr\u00f6nen, mit einem Glas Rotwein kuschelig an Deck den Sonnenuntergang genie\u00dfen, ja, so stellte ich mir das vor.<\/p>\n<p>Am ersten Abend hatte ich mir noch nicht viel dabei gedacht, aber alle weiteren verliefen v\u00f6llig \u00e4hnlich! Ich gebe ja zu, das Segeln selbst war schon recht aufregend, da ich ziemlich an meine Grenzen als Skipper ging. Okay, auch an die der Yacht. Und ja, ganz besonders an die meiner Segelpartnerin. Meine Man\u00f6ver, wilden Halsen und extreme Schr\u00e4glagen hatten ihr so zugesetzt, dass sie sich abends nach dem Essen aufs Sofa setzte, dabei aber (sitzend!) augenblicklich in komat\u00f6sen Tiefschlaf fiel, aus dem sie erst am n\u00e4chsten Morgen wieder erwachte. Mir blieb einzig, sie in eine bequeme Schlafposition zu bringen und freundschaftlich zuzudecken. Sonnenuntergang und Wein waren somit mir allein vorbehalten, der Romantikfaktor demgem\u00e4\u00df bescheiden.<\/p>\n<p>\u201eKlar zum Wenden. Nimm die Fockschot von der Winsch.\u201c<\/p>\n<p>Mit der erwarteten Gef\u00fchlsdichte an Bord war es also nicht weit her. Aber das war noch nicht alles. Die Stimmung wurde von Tag zu Tag angespannter. Martina verweigerte, bei st\u00fcrmischem Seegang aus der Kaj\u00fcte an Deck zu kommen, wo doch jede Landratte wei\u00df, dass genau dort das Schlingern am gr\u00f6\u00dften ist und vom Magen am schlechtesten toleriert wird. Um auf eine pl\u00f6tzliche Schlagseite des Bootes optimal zu reagieren, h\u00e4tte sie au\u00dferdem im Luv an der Reling sitzen m\u00fcssen. Bei ziemlich starken Wellen und extremer Kr\u00e4ngung des Bootes sa\u00df diese Frau also eines Tages unter Deck und a\u00df ein halbes Kilo Kirschen, um sich abzulenken, die Kerne spuckte sie in den Plastiksack zur\u00fcck, der die Fr\u00fcchte vorher beinhaltet hatte. Davon hatte ich nat\u00fcrlich keine Ahnung, denn ich k\u00e4mpfte w\u00e4hrenddessen mit den wild gewordenen Elementen. Gar nicht so leicht f\u00fcr eine einzelne Person, eine Halse bei Starkwind durchzuf\u00fchren, aber die Freude, das Bootsheck durch den Wind gehen zu lassen, \u00fcbertraf die \u00c4ngste. Wir entfernten uns rasch vom Land.<\/p>\n<p>So einen Sturm wollte ich nutzen, die Geschwindigkeit reizte mich, das gebe ich zu. Als Martina pl\u00f6tzlich den Kopf bei der Kaj\u00fctent\u00fcr hinausstreckte, war sie schon ganz gr\u00fcnlich-wei\u00df im Gesicht. \u201eMir ist schlecht\u201c, schrie sie mir durch die Gischt entgegen. \u201eKomm an Deck, hier ist es besser!\u201c, war meine Antwort, die ihren schreckensgeweiteten Augen entgegenschlug. Sie hatte meine Worte aber wegen des tosenden Windes offensichtlich nicht verstanden, denn sie zog sich wieder zur\u00fcck. Gerade als ich entschied, klein beizugeben und die Segel zu reffen, die \u00e4rgsten B\u00f6en vor\u00fcberziehen zu lassen und damit die Situation zu entspannen, legte der Wind sich von selbst. Es wurde rasch ruhiger, ja, die Uhrzeit passte, die abendliche Flaute ging erfolgreich gegen den Sturm in Opposition.<\/p>\n<p>Martina hatte sich unten in der Kabine inzwischen mehrfach in den Plastiksack mit den Kirschkernen \u00fcbergeben und kam nun schwankend aber sichtlich befreit an Deck und lehnte sich ersch\u00f6pft an die Backbord-Reling.<\/p>\n<p>Der Wind war mittlerweile v\u00f6llig abgeflaut. Zur\u00fcck an Land w\u00fcrde uns also nur mehr der Motor bringen, den ich daraufhin startete. Eigentlich st\u00fcmperhaft, denn ein guter Skipper sollte vor der Flaute mit Windkraft einfahren. Wir tuckerten also langsam vorw\u00e4rts und ich konnte mich meiner blassen Partnerin widmen. Diese verknotete gerade den Plastiksack mit der roten Masse und schleuderte ihn kurz entschlossen ins Meer. Wohlgemerkt zielgenau vor den Bug platziert und wirklich mit Verve. Wir steuerten direkt darauf zu, setzten dar\u00fcber hinweg, der Motor geriet ins Stottern und erstarb schlie\u00dflich mit einem unangenehmen R\u00f6cheln.<\/p>\n<p>Ich musste schlucken und hielt kurz die Luft an. Wir waren bei v\u00f6lliger Windstille und ohne Motor nahe gef\u00e4hrlicher Untiefen mit zerkl\u00fcfteten, spitzen, teilweise aus dem Wasser ragenden Klippen unterwegs. Wobei \u201eunterwegs\u201c jedenfalls \u00fcbertrieben war, denn wir trieben unterdessen langsam dahin, ohne Einfluss auf unsere Fahrtrichtung nehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich entschied mich, zu tauchen und nach dem Motor zu sehen, das Meer war spiegelglatt, ich ging keine Gefahr ein. Meine Ahnung wurde prompt best\u00e4tigt, der wei\u00dfe Plastiksack hatte sich mitsamt seiner unappetitlichen F\u00fcllung um den Schiffspropeller gewunden und den Motor abgew\u00fcrgt. Erst nach eineinhalb Stunden gelang es mir, mit einem Stanley-Messer das Plastik von der Schraube zu schneiden und diese wieder freizulegen. Mit einer tiefen Schnittwunde an der linken Hand kletterte ich ersch\u00f6pft aus dem Wasser.<\/p>\n<p>Der Motor lie\u00df sich nicht wieder starten.<\/p>\n<p>Es wurde bereits d\u00e4mmrig, die Yacht war den Felsen gef\u00e4hrlich nahe gekommen und ich ernsthaft kurz davor, \u00fcber Funk ein \u201eMayday\u201c abzusetzen, als es schlie\u00dflich nach vielen Fehlversuchen doch noch gelang, die Maschine wieder flott zu kriegen.<\/p>\n<p>Unsere Fahrt abzubrechen stand zwar im Raum, wir waren aber beide so erleichtert, uns selbst aus dieser prek\u00e4ren Situation befreit zu haben, dass wir den Rest der Fahrt doch noch in halbwegs gel\u00f6ster Stimmung absolvierten. Allerdings erwies diese sich als die letzte unserer gemeinsamen Reisen.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michaela Swoboda<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 13001<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Also das mit der Martina war sowieso die \u00e4rgste Geschichte. Acht Jahre war ich mit ihr zusammen, alle H\u00f6hen und Tiefen. Dann verl\u00e4sst sie mich mit all ihren Sachen von heute auf morgen. 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