{"id":8453,"date":"2018-07-20T07:41:36","date_gmt":"2018-07-20T07:41:36","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8453"},"modified":"2018-07-22T12:53:04","modified_gmt":"2018-07-22T12:53:04","slug":"so-war-es-eben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8453","title":{"rendered":"So war es eben"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8453&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8453&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Am Morgen des achten November 2014 verlie\u00df Egon Pichler sein Haus am Rande eines Dorfes namens Gratwein. Es war kalt und der Wind wehte eisig, dennoch setzte sich Egon unter einen Apfelbaum auf seinem weitl\u00e4ufigen Grundst\u00fcck. Vor genau einem Jahr war seine Ehefrau im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben. Karla, so hatte sie gehei\u00dfen, war sieben Jahre j\u00fcnger gewesen als er.<\/p>\n<p>Den Besuch an ihrem Grab hatte er bereits am Vortag hinter sich gebracht. Seine Tochter Helene hatte ihn dorthin gefahren. Er hatte einen Strau\u00df rote Rosen auf die Grabplatte gelegt und mit Helene \u00fcber die beiden Toten gesprochen, die im Grab lagen. Neben seiner Frau ruhte sein Sohn Heinrich, dessen Leben im Alter von neununddrei\u00dfig Jahren geendet hatte.<\/p>\n<p>Helene hatte ihrem Vater ein schweres, in weiches Tuch geh\u00fclltes und mit festem Garn verschn\u00fcrtes B\u00fcndel ausgeh\u00e4ndigt.<br \/>\n\u201eDas ist alles, was ich von Heinrich habe. Ich habe es \u00fcber die Jahre aufbewahrt, damit es nicht in Vergessenheit ger\u00e4t; und auch um ihn nicht zu vergessen\u201c, hatte sie gesagt.<br \/>\n\u201eWarum hast du es mir nicht schon fr\u00fcher gegeben?\u201c, hatte Egon gefragt. Verst\u00e4ndnislosigkeit hatte in seinem Blick gelegen.<br \/>\n\u201eWei\u00dft du, ich habe lange Zeit mit mir gerungen, ob ich dir und Mutter das zumuten kann.\u201c<br \/>\n\u201eAber nat\u00fcrlich h\u00e4ttest du es uns zumuten k\u00f6nnen! Ich verstehe nicht, warum du so lange damit gewartet hast. Nun ist Karla tot und hat nichts mehr davon!\u201c<br \/>\n\u201eIch denke, so ist es besser. Was Heinrich hinterlassen hat, h\u00e4tte ihr bestimmt das Herz gebrochen, glaube mir.\u201c<br \/>\n\u201eWorum handelt es sich denn?\u201c<br \/>\nHelene, Heinrichs Schwester, hatte pl\u00f6tzlich Tr\u00e4nen in den Augen.<br \/>\n\u201eEinfach um die Wahrheit. Um nichts anderes als die Wahrheit.\u201c<br \/>\n\u201eIch verstehe\u201c, hatte er gesagt.<br \/>\nSeine Tochter hatte den Tonfall in seiner Stimme bemerkt. Es war der f\u00fcr ihn typische, mit dem er auf ebenso unangenehme wie unab\u00e4nderliche Tatsachen zu reagieren pflegte.<\/p>\n<p>Nachdem er von seiner Tochter wieder nach Hause gebracht worden war, hatte er das B\u00fcndel ge\u00f6ffnet und zu lesen begonnen, was sein Sohn geschrieben und dessen Schwester chronologisch geordnet hatte.<br \/>\nEr hatte mit dem Ende begonnen, mit dem letzten Blatt Papier, das von Heinrich beschrieben worden war. Es war der Abschiedsbrief seines Sohnes. Er war an Helene adressiert und ihr wurde darin freigestellt, ihn ihre Eltern lesen zu lassen.<\/p>\n<p>Heinrich Pichler war im Alter von neununddrei\u00dfig Jahren gestorben. Ein Ungl\u00fcck unter Alkoholeinfluss, hatte es gehei\u00dfen, ein ungl\u00fcckliches Ausrutschen, ein tiefer Fall und vorbei war es. Heinrichs Mutter Karla hatte eine Weile an dieser Version gezweifelt. Ihr war die Not, unter der ihr Sohn gelitten hatte, durchaus bewusst gewesen und sie hatte den Verdacht, dass er keinem Unfall zum Opfer gefallen war. Nach einer gewissen Zeit jedoch hatte sie ihrer Tochter gerne Glauben geschenkt, die nie auch nur ein Jota von der Version eines Unfalls abger\u00fcckt war. Auf diese Weise konnte sie den Verlust ihres Erstgeborenen leichter verkraften.<br \/>\nEgon Pichler, der nie ein besonders gutes Verh\u00e4ltnis zu Heinrich gehabt hatte, war sich \u00fcber all die Jahrzehnte nicht sicher gewesen, ob es ein Unfall gewesen war. Jedenfalls hatte er den Tod seines Sohnes als unver\u00e4nderliche Tatsache akzeptiert und im hintersten Winkel seines Gehirns abgespeichert. Selten nur hatte er die Erinnerung an sein Kind daraus hervorgeholt und vor sein geistiges Auge gef\u00fchrt.<br \/>\nDiese Erinnerung war bald nach Heinrichs Tod verblasst.<\/p>\n<p>Sein zweites Kind, Helene, hatte ihm vom Tage ihrer Geburt an n\u00e4her gestanden, als sein Sohn dies je vermocht h\u00e4tte.<br \/>\nIn der Schule war sie strebsam gewesen, hatte danach Klavier studiert und dank der Beziehungen ihres Ehemannes eine einigerma\u00dfen respektable Karriere als Pianistin gemacht.<br \/>\nHeinrich hatte zwei Klassen wiederholen m\u00fcssen, sein Studium abgebrochen und sich in Wien als Schriftsteller versucht.<br \/>\nZeit seines Lebens waren ihm Ruhm und Erfolg versagt geblieben, erst nach seinem Tod hatte sein Werk ein wenig Anerkennung erfahren.<br \/>\nF\u00fcr Egon Pichler war das nur allzu verst\u00e4ndlich gewesen.<br \/>\n\u201eWas Helene an Kunst erschafft, wird Heinrich in f\u00fcnf Leben nicht zustande bringen!\u201c, hatte er oft zu seiner Frau gesagt.<br \/>\n\u201eJa, leider\u201c, hatte diese geantwortet.<br \/>\n\u201eWelche St\u00fccke sie spielen kann, und in welcher Perfektion \u2013 das ist allerhand! Sie wird eine gro\u00dfe Karriere machen, da bin ich mir sicher!\u201c<br \/>\nIn der Tat hatte sie eine gro\u00dfe Karriere gemacht, aus Gratweiner Sicht.<\/p>\n<p>In kleinen D\u00f6rfern z\u00e4hlt es mehr, wenn ein Mensch aus der Mitte der Dorfgemeinschaft ein von einem anderen Menschen komponiertes Musikst\u00fcck exakt zu spielen vermag, als wenn ein Mensch kraft seiner Kreativit\u00e4t ein noch nie dagewesenes Werk erschafft. Ersteres ist f\u00fcr Dorfmenschen sowohl leichter nachvollziehbar als auch nachpr\u00fcfbar.<br \/>\nSo war es auch bei Heinrich und Helene Pichler gewesen.<\/p>\n<p>Diesen Umstand hatte Heinrich in seinem Abschiedsbrief sehr wohl angef\u00fchrt, jedoch ohne Neid auf seine Schwester oder Vorw\u00fcrfe an seine Eltern. \u201aSo war es eben\u2018, hatte der entsprechende Absatz im Brief geendet.<br \/>\nNachdem er diesen zu Ende gelesen hatte, war Egon Pichler in seine K\u00fcche gegangen, um sich Gin einzugie\u00dfen. Das Glas neben sich, hatte er die Kurzgeschichten gelesen, die sein Sohn kurz vor seinem Tod verfasst hatte. Sie waren allesamt d\u00fcster und, wie die Handschrift erkennen lie\u00df, in angetrunkenem Zustand geschrieben worden. Sie handelten von Todesahnungen und von Verlust, jedoch legten sie nicht offen, worin Heinrichs erlittener Verlust bestanden hatte.<br \/>\nEgon hatte versucht sich vorzustellen, wessen sein Sohn verlustig gegangen war, doch keine Person oder Sache war ihm in den Sinn gekommen.<br \/>\nNach dem Abendessen hatte er Heinrichs Texte weitergelesen.<br \/>\nEr war bald dahintergekommen, dass sie, je \u00e4lter sie waren, desto lebensbejahender und voller Hoffnung auf eine gute Zukunft geschrieben worden waren.<br \/>\nIn vielen Erz\u00e4hlungen hatte Egon Pichler sich und seine verstorbene Ehefrau erkannt, auch wenn sein Sohn seine Eltern niemals mit ihren wirklichen Namen erw\u00e4hnt und sie auch nie an den Pranger gestellt hatte. Er hatte zwar sehr wohl Begebenheiten aus seiner Jugend angef\u00fchrt, doch hatte er stets so formuliert, dass seine Verwandten deswegen nicht h\u00e4tten b\u00f6se sein k\u00f6nnen.<br \/>\nDie fr\u00fchesten Texte seines Sohnes hatte Egon nur \u00fcberflogen, denn es war bereits sp\u00e4t und er war m\u00fcde.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen las er auch diese. Sie waren ungelenk geschrieben, hatten keine klare Botschaft und bereiteten Egon keine gro\u00dfe Freude beim Lesen.<br \/>\nEr war auf dem Gebiet der Literatur wenig bewandert, hatte nie viele B\u00fccher gelesen, und nur selten die von seinem Sohn verfassten Texte. Dennoch war es ihm unm\u00f6glich, eine gewisse literarische Qualit\u00e4t zu negieren, vor allem in den Werken aus Heinrichs mittlerer Schaffensperiode, also jenen, die nach seinen dilettantischen fr\u00fchen Werken entstanden waren.<\/p>\n<p>Er las diese Texte ein zweites Mal und erkannte, dass sich zwischen den Zeilen einiges verbarg, was ihm bei der ersten Lekt\u00fcre entgangen war. Das, was darin verborgen war und ihm nun mitgeteilt wurde, f\u00fchrte Egon vor Augen, wie wenig er seinen Sohn gekannt hatte. Er erfuhr, wer Heinrich Pichler wirklich, was f\u00fcr ein Mensch sein Sohn gewesen war.<br \/>\nEr sch\u00e4mte sich.<br \/>\nEr fand viele Parallelen zu sich selbst, was Gedanken, Gef\u00fchle und Handlungen anging. Er h\u00e4tte in den entsprechenden Situationen auf die selbe Weise gedacht, gef\u00fchlt und gehandelt wie die jeweiligen Personen in den Kurzgeschichten, hinter welchen sich, wie er erkannt hatte, niemand anderer als sein Sohn Heinrich verbarg.<\/p>\n<p>Er wurde sich einer Tatsache schmerzlich bewusst: N\u00e4mlich der, dass er sich mit Heinrich zwar unterhalten hatte, dies sogar oft, doch niemals mit ihm gesprochen hatte. Er hatte ihn in beinahe jedem Gespr\u00e4ch sp\u00fcren lassen, dass er im Gegensatz zu seiner Schwester die in ihn gesetzten Erwartungen nicht erf\u00fcllte, jedoch ohne dies offen auszusprechen. Das w\u00e4re auch nicht notwendig gewesen, Heinrich hatte auch so verstanden, dass er weniger wert war als Helene, wie Egon einigen von Heinrichs Texten entnehmen konnte.<br \/>\nSein Sohn hatte auf die selbe Art und Weise reagiert wie viele junge M\u00e4nner in einer \u00e4hnlichen Situation. Er hatte es, wann immer das m\u00f6glich war, vermieden, mit seinem Vater \u00fcber Dinge zu sprechen, die nicht Wetter, Sport oder Politik betrafen. Egon Pichler war das nicht entgangen, doch hatte er einfach keine Lust gehabt, etwas daran zu \u00e4ndern.<\/p>\n<p>Das Telefon klingelte, Helene war am anderen Ende der Leitung.<br \/>\n\u201eWie geht es dir, Papa? Hast du Heinrichs Texte gelesen?\u201c<br \/>\n\u201eJa, Helene, das habe ich. Einige sind wirklich gut.\u201c<br \/>\n\u201eHast du schon alle gelesen?\u201c<br \/>\n\u201eJa.\u201c<br \/>\n\u201eWas sagst du zu seinem Brief?\u201c, fragte sie.<br \/>\n\u201eIch habe immer gewusst, dass er sich etwas angetan hat. Der Brief ist nur der Beweis, dass ich recht hatte.\u201c<br \/>\n\u201eUnd seine Kurzgeschichten?\u201c<br \/>\n\u201eNun.\u201c Egon Pichler z\u00f6gerte. \u201eEr hatte recht, in vielerlei Hinsicht.\u201c<br \/>\n\u201eJa, das hatte er wohl. Siehst du ihn nun mit anderen Augen?\u201c<br \/>\n\u201eIch sehe ihn zum ersten Mal so, wie er wirklich war. Also ja, ich sehe ihn mit anderen Augen.\u201c<br \/>\n\u201eDann hat es etwas gebracht, dass ich dir die Texte gegeben habe.\u201c<\/p>\n<p>Egon Pichler sa\u00df unter seinem Apfelbaum und dachte erst an seine Ehefrau Karla und dann an seinen Sohn Heinrich. Nach etwa drei\u00dfig Minuten seufzte er \u201eSo war es eben\u201c und ging in sein gro\u00dfes einsames Haus zur\u00fcck.<br \/>\nEr stieg auf den Dachboden und kramte in einer verstaubten Kiste. Darin hatte seine Frau die wenigen Literaturzeitschriften, die Texte ihres Sohnes abgedruckt hatten, verwahrt. Er zog sie heraus, wischte den Staub mit dem \u00c4rmel seines Pullovers ab und ging mit den Heften unter dem Arm ins Wohnzimmer. Dort las er jene Kurzgeschichten von Heinrich, die von den Redaktionen f\u00fcr ver\u00f6ffentlichungsw\u00fcrdig befunden worden waren. Sie gefielen ihm gut, weit besser als vor vielen Jahren, als er sie das erste und bis zu diesem Tag einzige Mal gelesen hatte.<br \/>\nEr ging mit den Magazinen wieder auf den Dachboden, doch brachte er es nicht fertig, sie in die staubige Kiste zur\u00fcckzulegen. So schuf er Platz auf seinem Nachttisch. Auf die frei gewordene Fl\u00e4che legte er die Zeitschriften mit Heinrichs Beitr\u00e4gen.<br \/>\nDadurch war er seinem Sohn n\u00e4her, als er es zu dessen Lebzeiten je gewesen war.<\/p>\n<p>An sechzehnten Dezember schloss Egon Pichler seine Augen f\u00fcr immer.<br \/>\nEr hatte seinen Tod kommen sehen und entsprechende Vorkehrungen getroffen.<br \/>\nAls seine Tochter das Schlafzimmer ihrer Eltern betrat, fiel ihr sogleich der niedrige Stapel Magazine auf, der auf dem Tisch neben dem Bett lag. Darauf lagen, in ein Tuch eingewickelt, Heinrichs Texte, die sie ihrem Vater gegeben hatte, und auf dem B\u00fcndel ein Blatt Papier.<br \/>\n\u2018Liebe Helene!\u2019, stand darauf. \u2018Ich bitte dich um einen Gefallen: Lass in den Stein des Grabes, in dem ich mit Karla und Heinrich ruhen werde, folgende Worte einarbeiten: \u2018So war es eben.\u2019 Danke! Papa\u2019<\/p>\n<p>Leider ist es oftmals eben so, dass N\u00e4he erst dann Eingang in das Leben eines Menschen findet, wenn ein anderes Leben bereits zu Ende gegangen ist.<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Michael Timoschek<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a title=\"Que ser\u00e1, ser\u00e1?\" href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=418\">hardly secret diary<\/a> |Inventarnummer: 18131<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Morgen des achten November 2014 verlie\u00df Egon Pichler sein Haus am Rande eines Dorfes namens Gratwein. 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