{"id":8444,"date":"2018-07-16T06:18:12","date_gmt":"2018-07-16T06:18:12","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8444"},"modified":"2018-07-18T06:26:06","modified_gmt":"2018-07-18T06:26:06","slug":"was-pag-mit-uns-macht","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8444","title":{"rendered":"Was Pag mit uns macht"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8444&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8444&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Obwohl die f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte der Adria-Inseln, ist Pag \u00e4hnlich unbekannt wie die R\u00fcckseite des Mondes. Und so schaut sie auch aus. Und wenn ber\u00fchmt, dann nicht f\u00fcr ihren Reichtum, sondern f\u00fcr ihre Kargheit. Und diese karge Sch\u00f6nheit muss man auch noch suchen.<br \/>\nOder man hat Gl\u00fcck, und sie \u00fcberf\u00e4llt einen. Der Mai dieses Jahres machte es mir nicht schwer.<\/p>\n<p>Der Weltuntergang hat hier schon vor langer Zeit stattgefunden, die Abholzung der B\u00e4ume f\u00fcr die r\u00f6mischen Galeeren und in Folge das Verschwinden der gesamten Vegetation. Das l\u00e4sst den Gro\u00dfteil der Insel Pag seit 2000 Jahren wie eine Marslandschaft aussehen. Apokalypse hei\u00dft ja auch \u201eEnth\u00fcllung\u201c (hab ich gegoogelt), und enth\u00fcllter kann eine Erdoberfl\u00e4che nicht sein. Aber doch nicht ganz. Ihr nordwestlicher Zipfel mit dichten Steineichenw\u00e4ldern und den \u00e4ltesten <em>wilden<\/em> Olivenb\u00e4umen der Welt \u00fcberrascht und versetzt einen dann in einen Olivenbaum-Wahn. Die <em>wilden<\/em> Oliven \u2013 diesen Unterschied muss man machen, denn die \u00e4ltesten <em>kultivierten<\/em> wachsen auf Kreta. Sorry, Pag.<\/p>\n<p>Auf den H\u00fcgeln hinter dem kleinen Hafend\u00f6rfchen Lun erstrecken sich in lichten W\u00e4ldern die alten Baumriesen, die die Bewohner seit Generationen veredeln. Knorrig, vielfach in sich selbst verdreht und gewunden, manchmal wie Drachen am Boden geduckt, in alle Richtungen gestreckt und gequ\u00e4lt wie Christusse am Kreuz, nehmen sie die Steine in ihre St\u00e4mme auf und leben in Harmonie mit ihnen. Offenbar bekommen sie etwas von ihnen. Ihre Fr\u00fcchte trotzen sie dem steinigen Boden ab und k\u00e4mpfen Jahr f\u00fcr Jahr mit den St\u00fcrmen der Bora und des Scirocco, hier Jugo genannt. Auch in der gnadenlosesten Sonne harren sie aus, nichts anderes gew\u00f6hnt, die heiteren, silbergrauen W\u00e4chter des Paradieses, selig in ihrer Wildnis, von nichts umgeben als von Licht, Luft, Feld und Meer. Schafe, unsichtbar irgendwo hinter Natursteinmauern. In Gigantenarbeit graben die Inselbewohner die Felsbl\u00f6cke aus der Erde, t\u00fcrmen sie auf und schaffen Reihen von Unendlichkeiten, m\u00e4andernde Traumlinien in Wei\u00df, Grau und Rosa durch die Landschaft, dazwischen knallt sich baumhoher, goldgelber Ginster hinein.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gedeihen die Oliven auch wegen der Liebe und wegen dem Stolz ihrer Besitzer. So einer ist Edo, unser Gastgeber und jetzt unser F\u00fchrer.<br \/>\nMit Ante Gotovina will er nichts zu tun haben. Er sch\u00fcttelt unwillig den Kopf und macht eine wegwerfende Handbewegung, als ich auf das Denkmal hinweise. Unter einem 1600 Jahre alten \u00d6lbaum haben Kameraden dem verurteilten Kriegsverbrecher des \u201evaterl\u00e4ndischen Krieges in ewiger Liebe und Dankbarkeit\u201c einen Stein gesetzt.<br \/>\nWeiter oben sitzen wir dann unter dem \u00e4ltesten mit 2000 Jahren, lange schweigend. Es sind auch einige Baum-Umarmer-Leute dabei.<\/p>\n<p>In keiner Mythologie, in keinem Epos ist von Pag die Rede. Keine Helden sind hier gestrandet, keine G\u00f6ttinnen an Land gestiegen oder in den Hades gefahren, keine Schlachten wurden geschlagen, es gibt keine H\u00f6hlen mit Riesen, auch keine sch\u00f6nen M\u00e4dchen am Strand, die die m\u00fcden Krieger verzaubern oder laben. Auch ist nichts bekannt von Tempeln und Kl\u00f6stern, in denen weise M\u00e4nner Visionen hatten und aufschrieben, \u00fcber die die Menschheit jetzt noch r\u00e4tselt. Pag ist einfach nie ein Thema in der Weltgeschichte gewesen. Und in der Geografie nur ein unscheinbarer Steinhaufen. Ein zorniger Gott hat seinen Schlatz \u00fcber diesem Meer hinterlassen, und er wurde zur Insel Pag. In Griechenland habe ich einmal die Geschichte des Sch\u00f6pfungsmythos geh\u00f6rt, der auch auf diese Adria-Insel zutreffen k\u00f6nnte: Sie sind bei der L\u00e4nderverteilung zu sp\u00e4t gekommen, da sagte Gott, er hat nur noch ein paar Gebirge und Felseninseln zu vergeben. Aber er schenkt ihnen den Olivenbaum, wenn sie ihn gut behandelten, w\u00fcrden sie nie Mangel leiden.<\/p>\n<p>Noch eine andere Pager Delikatesse verdankt sich der Kargheit, der Schafk\u00e4se. Au\u00dfer im kurzen Fr\u00fchjahr gibt es kaum gr\u00fcnes Gras, die Tiere ern\u00e4hren sich haupts\u00e4chlich von Strohblumen und Disteln, von Minze, Salbei und Thymian, was den <em>Paski sir <\/em>so besonders w\u00fcrzig macht. Wenn sie k\u00f6nnen, knabbern sie auch an Feigenb\u00e4umen, Steineichen und Rosen. Wahrscheinlich ist es genauso bei den Schweinen, die den k\u00f6stlichen <em>Paski prsut, <\/em>den<em> Pager Schinken, <\/em>hergeben. Was Schafe und Schweine vielleicht nicht so wahrnehmen wie wir (aber wer wei\u00df das schon so genau?), sind die Ger\u00fcche, die von diesen bescheidenen Felsenhaufen ausgehen.<\/p>\n<p>Pag ist eine Duftinsel. Ich gehe die Stra\u00dfe hinunter zum Hafen unter Palmen, Feigenb\u00e4umen und Oleander, neben mir eine Hecke aus Rosmarin, h\u00f6her als ich und dick wie ein Autobus, wuchert sie aus dem Zaun heraus, weiter ein W\u00e4ldchen aus hochgewachsenen Ginster- und Lavendelb\u00fcschen, ausladend wie Palmenkronen. Das sind nur die sichtbar auff\u00e4lligsten, aber die vielen ebenso stark duftenden Kr\u00e4uter und Gr\u00e4ser kann ich nicht beim Namen nennen. Wenn wir am fr\u00fchen Morgen und am Abend von unseren \u00dcbungen zur\u00fcckkommen, umgibt einen die Luft wie eine Geruchssymphonie, die einh\u00fcllt wie ein weicher, wohliger Mantel. Sie schmeichelt und streichelt so z\u00e4rtlich, dass man sie umarmen und esstrinken m\u00f6chte. Die M\u00f6wen mit ihrem Kampfgeschrei sind immer da.<\/p>\n<p>Auch der dritte Reichtum wird der Natur nur mit M\u00fche entzogen \u2013 das Meersalz in den Salinen von Pag. An manchen Stellen ist die Insel so schmal, dass man glaubt, mit der Hand einmal auf dieser, einmal auf der anderen Seite eintauchen zu k\u00f6nnen. \u00dcberall sieht man \u00fcbers Meer hinweg. Jenseits des tiefblauen Wassers fallen die schroffen Felsw\u00e4nde des Velebit-Gebirges in einer F\u00fclle von wechselnden Farben und Formen in die Fluten. Und auf der anderen Seite, zur offenen Adria hin, reihen sich Inseln an Inselchen, Vorgebirge an Halbinseln und gro\u00dfe an kleine Buchten. Manche Landnadeln ragen so schmal und spitz ins Meer hinaus, dass man sich wundert, warum dort keine Schiffe und Segelboote aufgespie\u00dft sind wie Schaschlik.<\/p>\n<p>Auf das Festland hinter dem Velebit schaue ich anfangs nur mit Scheu hin\u00fcber und schnell wieder weg. Mit Schaudern kommt die Zeit vor 25 Jahren zur\u00fcck, als dort der jugoslawische Bruderkrieg tobte und ich dabei war. Die Linie von Karlobag bis Karlovac erobern, hie\u00df damals die gro\u00dfserbische Losung. Bei der Bezirkshauptstadt Gospic lag ich anstatt an Adria-Str\u00e4nden in kroatischen Sch\u00fctzengr\u00e4ben. Die Naturwunder der Plitwitzer Seen waren heftig umk\u00e4mpft und vier Jahre lang von serbischem Milit\u00e4r besetzt. Als die kroatische Propaganda verbreitete, die barbarischen Tschetniks h\u00e4tten angeblich den Nationalpark geflutet, zerst\u00f6rt, k\u00e4mpfte ich mich dorthin durch, um festzustellen, dass das eben nur, wie vermutet, politische Gr\u00e4uelpropaganda war. F\u00fcr die Natur ein Gl\u00fccksfall: Nie konnte sie sich so gut erholen, als damals, als die Touristenpestilenz ausblieb. Nie hab ich eine k\u00f6stlichere Forelle gegessen, die mir ein illegaler Fischer zugesteckt hatte.<\/p>\n<p>Und um den Vergleich auf die Spitze zu treiben, lassen sich noch die <em>Pager Spitzen <\/em>anf\u00fchren. Die Inselfrauen zaubern aus einem d\u00fcnnen Zwirnsfaden und sonst nichts au\u00dfer Luft in den langen Wintermonaten Kunstwerke hervor. Die Touristen kaufen die Spitzendeckerl im Sommer gerne und legen sie dann im n\u00f6rdlichen Eigenheim unter ihre mickrigen Gummib\u00e4ume und Philodendren.<\/p>\n<p>Edo erz\u00e4hlt, dass auf den Inseln kein einziger Schuss gefallen ist, und trotzdem brauchten sie 15 Jahre, um sich zu erholen.<br \/>\nErinnern, gedenken, nicht vergessen. Noch fr\u00fcher \u2013 aber gar nicht so lange her \u2013 war Pag die H\u00f6lle auf Erden: Das faschistische Ustasha-Regime lie\u00df hier das KZ Slana anlegen und ermordete zwischen Juni und August 1941 tausende Menschen \u2013 Serben, Juden, Bulgaren, Armenier, Roma, Sinti und regimekritische Kroaten, Kommunisten und Agrarier. Das Nebenlager Metanja wurde extra f\u00fcr Frauen und Kinder errichtet. Sie lie\u00dfen sie in den Saline-Feldern verrotten, warfen sie in Bergwerkssch\u00e4chte oder schlachteten sie einfach ab. Die Str\u00e4nde der neuen Party-Destination Novalija sollen meterhoch mit Leichen \u00fcbers\u00e4t gewesen sein. Die italienischen Besatzer waren so entsetzt, dass sie die KZs schlossen. Die kroatischen Ustasha-Schergen lie\u00dfen sie aber zusammen mit ihren Opfern abziehen, die fast alle im innerkroatischen KZ Jasenowac ermordet wurden.<\/p>\n<p>Man sieht es sofort, wenn man ankommt: Diese Insel ist eine Bezwingerin, \u00dcberwinderin, \u00dcberlebensk\u00fcnstlerin. Sie hat nichts. Nicht einmal einen Wikipedia-Eintrag von ber\u00fchmten S\u00f6hnen und T\u00f6chtern. Sie hat keine ber\u00fchmte Zauberin aufzubieten, sie ist selbst eine. Sie macht aus dem Mangel eine F\u00fclle, aus Wirrnis Ordnung, aus Eint\u00f6nigkeit Abwechslung, aus Einfachheit Komplexit\u00e4t, als w\u00e4re sie die Inkarnation der dialektischen Philosophie.<br \/>\nDer Mangel sch\u00e4rft die Sinne und macht empf\u00e4nglich f\u00fcr alles, was m\u00f6glich ist. Weckt das Schlummernde auf und bef\u00f6rdert es ins Leben.<\/p>\n<p>Das m\u00fcssen die Entdecker und Erfinder der Pager Woche unmittelbar gef\u00fchlt haben, als sie sich hier niederlie\u00dfen und ihnen Gleichgesinnte seither freudig folgen. Vom Gef\u00fchl zur Erkenntnis und zur Tat, dass Qigong, Taiji und Shaolin besonders gut hierher passen, in eine Abstraktion von Natur, wie das Bild einer chinesischen Steinabreibung. Die Umwandlung von Energien in etwas Neues, Besseres, Reicheres.<\/p>\n<p>Diese Insel strickt wie im M\u00e4rchen aus leer gedroschenem Stroh Gold. Das macht dem\u00fctig und dankbar.<\/p>\n<p>Wien, 8.6.2018<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Erstver\u00f6ffentlichung: Der Standard, 14.7.18, Album, S. A4\/5<br \/>\nunter dem Titel: &#8222;Eine Insel als \u00dcberlebensk\u00fcnstlerin&#8220;<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie:\u00a0<a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 18130<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Obwohl die f\u00fcnftgr\u00f6\u00dfte der Adria-Inseln, ist Pag \u00e4hnlich unbekannt wie die R\u00fcckseite des Mondes. Und so schaut sie auch aus. Und wenn ber\u00fchmt, dann nicht f\u00fcr ihren Reichtum, sondern f\u00fcr ihre Kargheit. Und diese karge Sch\u00f6nheit muss man auch noch suchen. Oder man hat Gl\u00fcck, und sie \u00fcberf\u00e4llt einen. 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