{"id":8422,"date":"2018-07-06T18:17:35","date_gmt":"2018-07-06T18:17:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8422"},"modified":"2018-07-08T18:19:13","modified_gmt":"2018-07-08T18:19:13","slug":"die-ohrfeige-der-tante-fritzi","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8422","title":{"rendered":"Die Ohrfeige der Tante Fritzi"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8422&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8422&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Sie war die \u00e4lteste Schwester meines Vaters und meine Taufpatin. Eine Auszeichnung f\u00fcr das ganze Leben. Ich war sehr stolz auf sie, weil sie eine von allen hochgeachtete Person war. Sogar mein Vater h\u00f6rte auf sie. Und ihr Mann, mein Onkel Franz Puchberger, war nicht nur ein Riese von Gestalt mit einem gro\u00dfen, immer roten Kopf, sondern der respektierte und gef\u00fcrchtete Herr Direktor, Direktor der einklassigen Volksschule von St. Nikola. Er unterrichtete alle Kinder der acht Klassen in allen Gegenst\u00e4nden. Meinen \u00e4lteren Geschwistern, die noch in seine F\u00e4nge gerieten, war er der Albtraum ihrer Kindheit. Aber davon redeten sie erst viel sp\u00e4ter, als sie schon nicht mehr in seiner Gewalt waren. Es gab nichts, worum wir nicht konkurrierten, vom Kirschkernweitspucken, vom Skabiosen-K\u00f6pfe-Abrei\u00dfen und -Weitschie\u00dfen bis zum Sauerrampfer- und Brennnesselschlucken, dem Einsammeln von Kartoffelk\u00e4fern, Schwammerln und Beeren aller Art bis zu Zwetschkenkn\u00f6delessen und dem Weitpinkeln \u2013 das betraf nat\u00fcrlich nur die Br\u00fcder und Cousins.<\/p>\n<p>Aber wichtiger war die Hierarchie der Taufpaten und -patinnen. Hedwig, zum Beispiel, hatte die Tante Sefi, Vaters j\u00fcngste Schwester, das Fr\u00e4ulein von der Post, nicht sonderlich hochgestellt in der Hierarchie, weil sie als J\u00fcngste und Unverheiratete die Dienerin und der Blitzableiter der Gro\u00dfmutter war. Die Kinder entwickeln schnell ein gutes Gef\u00fchl daf\u00fcr, was unter den Erwachsenen l\u00e4uft, von oben nach unten. Liesl hatte Tante Liesl als Taufpatin, die war abenteuerlich und lieb, aber fast immer weit entfernt. Sie lebte in New York und kam nur einmal im Jahr auf Besuch.<br \/>\nAgnes hatte Tante Paula, mir die allerliebste von allen, aber keine richtige Tante, nur eine Freundin der Familie. Und dazu nur im Lehnstuhl, alt und schrullig. Ich mochte Tante Liesl sehr, aber meine Schwester bedauerte ich. \u00c4hnlich gelagert war der Fall des \u00e4ltesten Bruders Helmut. Er bekam Franz K\u00f6nig als Taufpaten, der sp\u00e4ter Kardinal wurde, einen Jugendfreund meines Vaters, sicher die h\u00f6chstgestellte Pers\u00f6nlichkeit unter den Taufpaten.<br \/>\nAm meisten beneidete ich Bernhard. Sein Taufpate war Onkel Klaus. Er war der Chef der Gro\u00dffamilie, in die ich geboren wurde. Alleinerbe des Br\u00e4uhauses und Inhaber der Firma, besa\u00df zwei Lastkraftwagen, viel Grund und Wald, hatte zweieinhalb Angestellte und eine strenge Frau, meine Tante Sofie, die sp\u00e4ter meine Firmpatin wurde. Wen Franzi zum Taufpaten hatte, ist mir nicht in Erinnerung geblieben. Vielleicht den Sohn von Tante Liesl in New York, von dem ich nur wusste, dass er Franz Kuno hie\u00df und als Brother David ins Kloster Mount Savior ging und sp\u00e4ter als Jesuit und Buddhist sehr ber\u00fchmt wurde.<\/p>\n<p>Wir hatten nicht nur eine Regierung der Eltern, sondern eine Unterregierung der Taufpaten. Die Firmpaten rangierten etwas weiter dahinter. Weil im Firmungsalter war man entweder schon ein guter Christ oder es waren Hopfen und Malz verloren. Gab es eine Hierarchie der Sakramente? Konkurrenz? W\u00fcrde mich in dieser Familie nicht wundern.<br \/>\nMir kommt vor, dass diese Onkel und Tanten m\u00e4chtiger waren als die Eltern, weil diese sehr vieles, was sie selbst nicht bew\u00e4ltigen konnten, auf Erstere abschoben und sie in die Pflicht nahmen. Sie hatten ja bei der Taufe ein Gel\u00fcbde abgelegt, dar\u00fcber zu wachen, dass wir gute Christenkinder wurden.<\/p>\n<p>Von meiner Tante Fritzi habe ich nur Gutes in Erinnerung. Ich fand sie himmlisch sch\u00f6n und elegant. Ich glaube, dass sie mich mochte, obwohl sie sehr streng zu mir war. Ihre beiden Kinder Inge und Wolf waren um vieles \u00e4lter und schon aus dem Haus. So nahm sie mich wie ein sp\u00e4tes Kind an. Ich habe mehr fr\u00fchkindliche Erinnerungen an sie als an meine Mutter. Sie war eine richtige Dame, wohnte in ihrem eigenen Haus, hatte einen Garten und bekam viele vornehme Besuche. Tante Fritzi gab Klavier- und Gesangsunterricht. Wenn ich wie ein M\u00e4uschen von der K\u00fcche aus ihren Unterrichtsstunden zuh\u00f6rte, glaubte ich mich im Himmel, so sch\u00f6n waren ihre Stimme und ihr Spiel. Gestorben und im Himmel zu sein, das waren in meiner Kindheit gute Zust\u00e4nde.<\/p>\n<p>Sie leitete den Kirchenchor und war die Organistin der Kirche des Heiligen Nikolaus. Nur die Stimme von der Kranzer Liesi war noch sch\u00f6ner, engelsgleich. Aber die lie\u00df man nicht immer singen, weil sie sich nicht an die Noten hielt und vor lauter Begeisterung \u00fcber die eigene Stimme zu improvisieren begann und damit nicht mehr aufh\u00f6rte. Das fanden nicht alle sch\u00f6n und es st\u00f6rte den streng geregelten Ablauf der Messe doch erheblich.<br \/>\nAuch Tante Fritzis Tochter Inge und Tante Sefi waren mit Engelsorganen gesegnet.<br \/>\nDiese vier machten den Gro\u00dfteil des St. Nikolaer Kirchenchores aus. Das Sch\u00f6nste war aber doch die Orgel der Tante Fritzi. Meine Liebe zur Musik geht sicher auf die Kirchenmusik in der Dorfkirche zur\u00fcck.<br \/>\nDieses Brausen, diese F\u00fclle, diese Macht, die Lautst\u00e4rke und dann wieder die Z\u00e4rtlichkeit wie von einer einzigen Fl\u00f6te. Ich lernte als erstes Instrument Fl\u00f6te.<br \/>\nVor den Hoch\u00e4mtern ging Tante Fritzi im Pfarrhof aus und ein, hatte Gespr\u00e4che mit dem Pfarrer, Hochw\u00fcrden, zu denen ich sie begleiten durfte, nat\u00fcrlich nur bis in den Vorraum. Die Pfarrersk\u00f6chin Nannerl k\u00fcmmerte sich w\u00e4hrenddessen um mich. Ich bekam Himbeersaft und Kekse. Es roch dort immer nach einer Mischung aus Vanillekipferln, Weihrauch und Mottenpulver. So stellte ich mir das Vorzimmer zum Himmel vor.<\/p>\n<p>F\u00fcr das Glockenl\u00e4uten waren die Buben zust\u00e4ndig. Die Seile hingen im Vorhaus der Kirche aus dem Turm herunter.<br \/>\nSie zogen daran, lie\u00dfen sich hochziehen, baumelten eine Zeitlang an ihnen und kamen wieder auf den Boden. Stie\u00dfen sich ab und lie\u00dfen sich wieder nach oben tragen. Das ging so lange, bis drau\u00dfen das ganze enge Donautal \u00fcberschallt war und drinnen in der Kirche das Bimmeln der Ministrantengl\u00f6ckchen erklang. Das Hochamt konnte beginnen. Der Pfarrer kam in vollem Ornat von rechts aus der Sakristei und bezog seine Position vor dem Altar. Vom Chor die Orgel, Vorspiel, schwoll an und breitete sich aus.<br \/>\nIch mochte alles in der Kirche und an dem Gottesdienst, der Mesner hielt an einer langen Stange den rotsamtenen Klingelbeutel in die Bankreihen hinein und murmelte immer sein <em>Vag\u00f6sgod<\/em>, <em>Godvag\u00f6ds. <\/em>Lange Zeit glaubte ich, er sei ein Finne oder Ungar, zur\u00fcckgeblieben vom Krieg, der war ja noch nicht so lang vorbei, weil ich ihn nicht verstand. In den h\u00f6lzernen Heiligen Nikolaus auf einem Podest links vom Altar war ich verliebt und wollte ihn sp\u00e4ter heiraten. Weil er doch der beste Mensch war und die Kinder beschenkte.<\/p>\n<p>Wann genau das war, wei\u00df ich nicht mehr: Vielleicht war ich f\u00fcnf, h\u00f6chstens sechs Jahre alt. Nach langem Betteln erlaubte mir Tante Fritzi einmal, den Blasbalg zu bedienen. Treten hie\u00df das. Etwas so Feierliches wie das Hochamt am Ostersonntag. Sie intonierte die Intrada der Schubert-Messe.<br \/>\nDie Orgel war sehr alt. Ihr Blasbalg war eine Art von beweglicher Stufe, die je nach Menge der Luft rauf und runter ging. Man musste das gleichm\u00e4\u00dfig machen, damit die Orgel nicht ins Stottern kam. Rauf ging es von selbst, die Luft hob die Stufe empor, war man aber oben, musste man Druck aus\u00fcben, damit sich die Stufe wieder senkte, damit der Blasbalg zusammengedr\u00fcckt wurde.<\/p>\n<p>Ich liebte dieses Aufw\u00e4rtsschweben auf der Luft. Zum Runterdr\u00fccken st\u00fctzte ich mich mit beiden H\u00e4nden am Rahmen ab, ging in die Knie und dr\u00fcckte mit aller Kraft nach unten. Aber es passierte: Ich wei\u00df nicht mehr, warum, ging mir die Kraft aus, war ich abgelenkt vom Hochamt unten? Der Orgel ging die Luft aus, sie schnaufte, r\u00f6chelte, kr\u00e4chzte, rasselte und versickerte dann in einem quietschenden Seufzer, die Tonleiter abw\u00e4rts. Eine Art von langgezogenem Furz, Schas, Boller, Pu, wie auch immer, ziemlich unheilig in einem Hochamt. Jeder in der Kirche dachte an das Gleiche, im Hochamt Geh\u00f6rte. Dann Stille. Drei Sekunden oder drei Ewigkeiten.<br \/>\nDie Gesichter drehten sich zur\u00fcck und hinauf zum Chor. Stille, nie war sie tiefer. F\u00fc\u00dfescharren und R\u00e4uspern. In diese Stille hinein klatschte eine Ohrfeige. Eindeutig eine Ohrfeige. So kann nur eine Ohrfeige klingen. Hart, kurz, fett und schmatzend, auch sehr k\u00f6rperlich wie auf ein nacktes Hinterteil. Die zarte, sanfte Tante Fritzi hat ungeahnte Kr\u00e4fte.<\/p>\n<p>Bei mir klingelte es in den Ohren und vor den Augen tanzten die Sternchen. Ist das jetzt der Himmel? In jeder Kirche ist man ihm immer n\u00e4her, und dann auch noch auf dem Chor neben der g\u00f6ttlichen Orgel. Ich glaube bis heute, dass mir Tante Fritzi nicht wirklich eine Ohrfeige geben, sondern mich nur aus meiner misslichen Lage oben auf dem Blasbalg befreien wollte. Schnell eilte der Mesner Sepp die Stufen herauf auf den Chor, schubste mich vom Blasbalg weg. Mit neuer Luft aus dem Blasbalg setzte Tante Fritzi ihr Orgelspiel fort bis zum feierlichen Brausen des letzten St\u00fccks, das mir so gut gefiel, das<em>s <\/em>ich immer weinen musste<em>:<br \/>\nGro\u00dfer Gott, wir lo-o-ben dich! Herr, wir preisen dei-ei-ne St\u00e4rke.Vor dir nei-ei-gt die Erde sich und bewundert deine Werke.<\/em><br \/>\nNur wie sich die Erde \u2013 eine Kugel \u2013 vor Gott verneigt und ihn gleichzeitig bewundert, dieses Bild konnte ich nie zusammenbringen.<br \/>\nEs war \u00fcbrigens die einzige Ohrfeige meines Lebens. Bis jetzt.<\/p>\n<p>Wien, 24.3.18<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Veronika Seyr<br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.veronikaseyr.at\" target=\"_blank\">www.veronikaseyr.at<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/\" target=\"_blank\">http:\/\/veronikaseyr.blogspot.co.at\/<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=910\">unerH\u00d6RT!<\/a> | Inventarnummer: 18129<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie war die \u00e4lteste Schwester meines Vaters und meine Taufpatin. Eine Auszeichnung f\u00fcr das ganze Leben. Ich war sehr stolz auf sie, weil sie eine von allen hochgeachtete Person war. Sogar mein Vater h\u00f6rte auf sie. 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