{"id":8406,"date":"2018-07-05T11:37:11","date_gmt":"2018-07-05T11:37:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8406"},"modified":"2018-07-08T18:04:32","modified_gmt":"2018-07-08T18:04:32","slug":"in-den-schluchten-der-altstadt-von-genua","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.verdichtet.at\/?p=8406","title":{"rendered":"In den Schluchten der Altstadt von Genua"},"content":{"rendered":"<div class=\"pdfprnt-buttons pdfprnt-buttons-post pdfprnt-top-right\"><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8406&print=pdf\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-pdf\" target=\"_blank\"><\/a><a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=wpv2posts8406&print=print\" class=\"pdfprnt-button pdfprnt-button-print\" target=\"_blank\"><\/a><\/div><p>Ruhig Blut, Lucy, meine geliebte Kamera, du verbrennst ja mir beinah die Hand, so wie du vor Neugier gl\u00fchst; auch ich kann es kaum erwarten, nach einem langen Jahr wieder in die Altstadt von Genua abzutauchen, meiner Gegenstadt zu Wien, aber lass mich meinen morgendlichen Cappuccino in Ruhe fertig trinken, sch\u00e4tzt du es doch, mit gelassener Hand gef\u00fchrt zu werden. Und lass mich noch etwas mit dem alternden Transvestiten mit feuerrotem Haar und seinem gewinnenden L\u00e4cheln schwatzen, der diese Bar f\u00fchrt, hat er doch meinen Kaffee so liebevoll mit Kakaopuder best\u00e4ubt. Besser soll das Wetter demnach werden, aufklaren soll es im Laufe des Vormittags, also gute Nachrichten f\u00fcr dich und dein klares Auge, Lucy.<\/p>\n<p>Selten, nur selten gelingt er einem, der perfekte Schuss, vollendet in Farbe und Belichtung, und mit Senken der Kamera umspielt ein L\u00e4cheln der Gewissheit einem die Lippen, dass dieses Bild keiner Nachbearbeitung bedarf, im Gegenteil, seinen Zauber w\u00fcrde ihm all das virtuelle Pixelschieben rauben. Wie auch in diesem Fall, der Hausfassade mit den hervorstehenden Fratzen, ihr h\u00f6hnisches Gel\u00e4chter w\u00fcrde verschallen und der bei\u00dfende Spott in ihren Augen w\u00fcrde erl\u00f6schen, den diese Teufelchen f\u00fcr die Passanten unter sich \u00fcbrighaben, denn in der Gewissheit treiben sie ihren Schabernack, jeden einzelnen in der H\u00f6lle wiederzutreffen.<\/p>\n<p>Schw\u00e4rzer als letztes Jahr scheint mir mein Genua geworden zu sein, noch mehr Afrikaner beleben die alten Viertel, mein Gef\u00fchl, denn auch an ihren R\u00e4ndern sind sie mittlerweile unverr\u00fcckbares Bild der Stra\u00dfen. Und best\u00e4tigt wird mir dieses Gef\u00fchl, als ich auf drei afrikanische M\u00e4dchen im Stiegenhaus des ansonsten herrschaftlichen Palazzos meiner Unterkunft treffe, von denen zwei der dritten mit aller Sorgsamkeit das Haar flechten, w\u00e4hrend der Ghettoblaster zu ihren F\u00fc\u00dfen Lieder aus ihrer fernen Heimat weint. Mein freundlich gesinntes <em>buon giorno<\/em>\u00a0scheint sie noch mehr zu verschrecken als die \u00fcblichen\u00a0Drohungen und\u00a0Beleidigungen, die sie wahrscheinlich t\u00e4glich \u00fcber sich ergehen lassen, aber als im zweiten Blickkontakt misstrauische Neugier in ihren Augen aufblitzt, bin ich an meine t\u00e4gliche Fahrt mit der Wiener U6 erinnert, in der Deutsch mittlerweile den Minderheitensprachen angeh\u00f6rt, und wohlig stellt sich in mir das bekannt heimatliche Gef\u00fchl ein, Ausl\u00e4nder unter den Ausl\u00e4ndern zu sein.<\/p>\n<p>Und ihr Gesicht zeigt die Altstadt zur Abendstunde, wenn in einer Gassenecke \u00fcbergewichtige Hafenhuren sich die F\u00fc\u00dfe platt stehen und keine zwei Meter nebenan sorgsame M\u00fctter ihren aufstrebenden Nachwuchs in die Buchhandlung zur Kinderbuchlesung f\u00fchren. Bebrilltes intellektuelles B\u00fcrgertum kann ich durch die Schaufenster im Vortragsraum erkennen, und auch den schrulligen Vermieter meiner Unterkunft mache ich in dieser Gruppe aus, Ausgaben der <em>lotta communista<\/em> versucht er an den Mann zu bringen, einer Zeitschrift, die in mir die Nostalgie weckt, f\u00fcnfzig Jahre zu sp\u00e4t erschienen zu sein. Und verst\u00e4rkt wird diese Nostalgie mit jedem meiner Atemz\u00fcge, denn in der Luft liegt der allzu bekannte Geruch einer Kr\u00e4uterzigarette, die zwei an der Hauswand lehnende Asiaten zwischen sich hin- und herwandern lassen, hier in aller \u00d6ffentlichkeit ohne Scheu vor allf\u00e4lliger Obrigkeit.<\/p>\n<p>Und allm\u00e4hlich lerne ich, dieses f\u00fcr eine andere Stadt undenkbare Kaleidoskop des absurd unterschiedlichen Nebeneinanders selbstverst\u00e4ndlich zu finden, mich selbst als Teil dessen zu f\u00fchlen in dieser erzwungenen Dichtheit des Zusammenlebens in den tiefen Gassen der Altstadt von Genua, in der jeder unabl\u00e4ssig ein Auge auf jeden wirft. Und ich glaube damit eine Erkl\u00e4rung gefunden zu haben, weshalb hier alle Rassen- und Klassenk\u00e4mpfe im Ansatz erstickt sind und weshalb er nicht ausbricht, der eigentlich in den n\u00e4chsten f\u00fcnf Minuten zu erwartende B\u00fcrgerkrieg \u2026<\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">Harald Schoder<br \/>\n<a href=\"https:\/\/derewigreisende.net\/\" target=\"_blank\">derewigreisende.net<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: right;\">www.verdichtet.at | Kategorie: <a href=\"http:\/\/www.verdichtet.at\/?page_id=420\">hin &amp; weg<\/a> | Inventarnummer: 18128<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ruhig Blut, Lucy, meine geliebte Kamera, du verbrennst ja mir beinah die Hand, so wie du vor Neugier gl\u00fchst; auch ich kann es kaum erwarten, nach einem langen Jahr wieder in die Altstadt von Genua abzutauchen, meiner Gegenstadt zu Wien, aber lass mich meinen morgendlichen Cappuccino in Ruhe fertig trinken, sch\u00e4tzt du es doch, mit [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":4,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[99],"tags":[10],"class_list":["post-8406","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-schoder-harald","tag-hin-weg"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8406","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/4"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8406"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8406\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8409,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8406\/revisions\/8409"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8406"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8406"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.verdichtet.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8406"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}